Kapitel 1 1

ARIEL

Ich gebe Superman die Schuld daran, wie mein Leben am Ende verlaufen ist.

Wenn The CW nicht Tom Welling als Superman in Smallville besetzt hätte, wäre alles anders gekommen.

Wenn Tom Welling nicht diese Zimtschneckenaugen und die Knochenstruktur eines Sexgottes gehabt hätte, wäre alles anders gekommen.

Wenn ich nicht ein extrem leicht zu beeindruckendes zwölfjähriges Mädchen gewesen wäre, das mitten im würgenden Klammergriff der Pubertät steckte, als die Premiere der vierten Staffel von Smallville lief – dann wäre ich nicht so eifersüchtig darauf gewesen, dass Lois Lane Tom Welling nackt zu sehen bekam, dass mein Schwarm auf ihn sich sofort und mit voller Wucht in einen Mädchenschwarm auf sie verwandelt hätte, und dann hätte ich nicht Reporterin werden wollen, und dann hätte ich diesen Job bei der New York Gazette nicht bekommen, und mein Editor hätte mich nicht zu dieser Gala geschickt, und ich wäre nicht in der Lage, in der ich jetzt stecke.

Aber The CW hat Tom Welling nun mal besetzt.

Tom Welling hatte nun mal Zimtschneckenaugen und die Knochenstruktur eines Sexgottes.

Und Lois Lane hat ihn in Staffel vier nun mal nackt gesehen.

Und damit sind all die anderen Dinge auch passiert, ein Dominostein, der den nächsten umstößt, Mist, der bergab rollt – und jetzt sitze ich hier, abgeschottet in der Herrentoilette des New Yorker Metropolitan Museum of Art, hyperventiliere, blute aus einem Schnitt an der Hand und frage mich, wie zum Teufel ich da draußen wieder rausgehen und meinen Job machen soll.

Die Frau im Spiegel hat auch nicht mehr Ahnung als ich. Sie starrt mich hilflos an. Grüne Augen, kastanienrotes Haar, in einem Diane-von-Furstenberg-Kleid, das sie aus dem Schrank ihrer besten Freundin geklaut hat, weit über ihrer Gewichtsklasse unterwegs.

„Was machen wir jetzt?“, versuche ich mein Spiegelbild zu fragen. Sie formt die Frage nur lautlos nach, diese nutzlose Schlampe.

Ich seufze und schaue auf meine Hand hinunter. Wenn man denkt, das Met wäre geschniegelt genug, um dafür zu sorgen, dass ihre Türklinken frei von gezackten, rostigen Kanten sind, dann hat man sich geirrt. In der Hast, das blöde Ding hinter mir zuzuschlagen, nachdem ich hier reingestürmt bin, habe ich mir einen guten, bestimmt fünf Zentimeter langen Riss aufgerissen – weil vor der Damentoilette eine Schlange stand, zwei Dutzend Leute tief, weil natürlich stand sie das.

Mit der anderen Hand presse ich drauf, um zu verhindern, dass mein Lebenssaft überall hinspritzt. Aber das Blut beginnt schon zwischen meinen Fingern hervorzudrücken, und davon wird mir ein klitzekleines bisschen flau.

Ich kann kein Blut ab. Ich kann keine Nähte ab. Ich kann keine schweren Wunden ab, nicht mal besonders üble blaue Flecken.

Wenn man so aufwächst wie ich, sieht man genug davon für ein ganzes Leben.

Aber ich bin hier drin allein, und niemand kommt, um mich zu retten. Also löse ich mit einem großen, tapferen Atemzug meine gute Hand und sehe nach⁠—

„Nein. Nö. Auf keinen Fall. Nee, danke.“ Mein Spiegelbild stimmt mir zu – das ist ein fieser Schnitt. Wenn ich auch nur eine Millisekunde länger hinsehe, kippe ich vielleicht um.

Wäre das nicht eine Schlagzeile? Reporterin kippt während der Arbeit in Herrentoilette um; schlägt am Waschbecken den Kopf auf; Beerdigung spärlich besucht. Ehrlich, ich müsste lachen – es wäre unbestreitbar komisch, wenn mein Nachruf eine Autorenzeile bekäme, bevor ich jemals selbst eine bekommen habe.

Zu meiner Verteidigung: Ich hatte bislang nicht viele Gelegenheiten, den Job auch wirklich zu machen, für den man mich eingestellt hat. Meine sechs Monate bei der Gazette habe ich bisher hauptsächlich damit verbracht, zur Starbucks-Filiale an der Ecke hin und zurück zu laufen. Ich weiß nicht, ob das so ein Praktikanten-Ding ist, so ein Rookie-Schikane-Ding, oder einfach ein: Hey, du bist eine Frau, also bist du fürs Kaffeelaufen zuständig-Ding. Aber was auch immer die Ursache ist – ich hatte viel zu selten die Gelegenheit, das zu tun, wofür ich diesen Job wollte.

Berichten. Geschichten erzählen. Kleine Lichter in die dunklen, engen Ecken der Welt halten, weil ich besser als fast jeder andere weiß, was in diesen Ecken vor sich geht.

Das an sich ist schon ein bisschen ironisch, schon allein deshalb, weil ich mir die Hölle daraus gemacht habe, aus genau diesen Ecken herauszukommen. Bin ich nicht bei der ersten Gelegenheit von zu Hause abgehauen? Habe ich nicht meinen Namen geändert? Habe ich nicht den Kontakt zu dem Mann, der mich in diesen Ecken großgezogen hat, beinahe vollständig abgebrochen?

Habe ich. Habe ich. Habe ich.

Die eigentliche Ironie ist allerdings, dass sich meine allererste Chance auf echte Berichterstattung ... ausgerechnet um eben diesen Mann dreht.

Genau: Leander Makris, New Yorks berüchtigter Verbrecherboss und Oberhaupt der griechischen Mafia der Stadt, ist der Star meines Artikels.

Er ist außerdem mein Vater.

Ich wusste nicht, dass er heute Abend Gastgeber dieser Gala sein würde, bis ich aufgetaucht bin, aber als mich diese Ohrfeige der Realität traf, dann mit voller Wucht. Daher die Tränen, und die Flucht in die falsche Toilette, und das Hyperventilieren, und die Erinnerung daran, wie Tom Welling mich völlig in die Irre geführt hat, und dass ich ihn, falls ich ihn je in die Finger bekomme, küssen und dann treten werde, möglicherweise nicht in dieser Reihenfolge.

„Atme“, mahnt mein Spiegelbild. „Du fängst an, ein wenig verrückt auszusehen.“

Sie hat nicht unrecht. Gina, die beste Freundin, von der ich das DVF-Kleid geklaut habe, das ich trage, hat mir für den Abend kunstvolle Zöpfe ins Haar geflochten (allerdings erst, nachdem ich sie dazu bestochen hatte). Einer davon löst sich schon, und irgendwo auf meiner Flucht zur Toilette habe ich einen Ohrring verloren. Zusammen mit all dem und dem Blut, das mir inzwischen über die Fingerspitzen rinnt, sehe ich wirklich aus wie eine Irre.

Wenigstens ist sonst niemand hier, der mein⁠—

„Mist.“

Die Türklinke, an der ich mich geschnitten habe, beginnt sich zu drehen. Ich bewege mich schneller, als ich mich in meinem ganzen Leben je bewegt habe, sause in die nächstbeste Kabine, knalle die Tür zu und ziehe die Füße auf die Toilette hoch, damit niemand sieht, dass sich eine Frau in Stöckelschuhen und mit lackierten Zehennägeln durch die Herrentoilette schleicht.

Die Tür knarrt nach innen auf.

Schritte hallen. Männlich — ich meine, offensichtlich sind sie männlich, wenn man bedenkt, dass wir uns auf der Herrentoilette befinden, aber da ist ein schweres Auftreten und eine Art Macht in diesem Gang, die nur mit einem Y-Chromosom einhergehen kann.

Dumpf.

Dumpf.

Ich starre auf den Spalt unter der Kabinentür. Mein Atem sitzt wie gefangen in meinen Lungen, und ich tue mein Bestes, damit mein Herz nicht so verdammt laut schlägt, während diese Füße in Sicht kommen.

Und dann bleiben sie direkt vor mir stehen.

Als ich klein war, habe ich mit meiner Mutter ein Spiel gespielt — bevor sie gegangen ist, bevor sie zu Baba gesagt hat, ich kann das nicht mehr, mir einen Kuss auf die Wange gegeben und ihre einzige Reisetasche mitgenommen hat —, bei dem wir vor Cafés saßen und uns Geschichten über die Leute ausdachten, die an uns vorbeigingen.

Eine kleine alte Dame mit einem Pillbox-Hut, auf den Jackie O. neidisch gewesen wäre? In Wahrheit eine Feenprinzessin, flüsterte meine Mutter mir ins Ohr. Sie versteckt sich in unserer Welt, während ihre einzig wahre Liebe einen Krieg führt, um ihr Königreich wieder sicher für sie zu machen.

Ein junger, zerlumpter Mann, der an der Straßenecke spielte und darauf hoffte, dass Dollarscheine in seinen Gitarrenkoffer fielen? Das ist ein Engel, sagte sie mir dann. Er ist aus Versehen aus einem Zug im Himmel gefallen und muss genug Geld verdienen, um sich die Fahrkarte nach Hause zu kaufen.

Der Hotdogverkäufer war ein Dschinn. Die Breakdancer in der U-Bahn waren Waldnymphen. Jede Ratte, die über den Gehweg huschte, war ein armer kleiner Junge unter dem Bann einer Hexe, der nur einen Weg finden musste, den Fluch zu brechen.

Aber diese Schuhe? Dieser Mann?

Das kann nur ein Teufel sein.

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