Kapitel 5 5
Aber keiner von uns hält inne, als dieser Finger unter die Spitze gleitet und durch meine Nässe streicht. Ich beiße dort zu, wo sein Hals in seine Schulter übergeht, damit ich nicht losschreie. Stammelnde halbe Silben strömen aus meinem gedämpften Mund.
„B-bi-b-b…“ Es wird nie ganz ein richtiges Wort daraus.
Muss es auch nicht. Er weiß, worum ich ihn anfleehe. Wie beim Verbandskasten ist alles, was er berührt, genau da, wo es sein soll.
Als er mich öffnet, komme ich so schnell, dass mir vor Verlegenheit die Wangen rot anlaufen. Kaum ein Dutzend Stöße von zwei vernarbten Fingern in mir, und ich zerfalle schon, zitternd in seinen Armen.
Danach wird alles noch chaotischer. Kleidung verheddert sich. Gürtelschnallen gehen auf. Meine Unterwäsche gleitet meine Schenkel hinunter und verschwindet, der Himmel allein weiß wohin.
Aber als er seinen harten Schwanz an meiner Muschi ausrichtet, hält er inne. Seine Stirn liegt an meiner. Die Augen riesig und blau. Der Atem rasselt in seine Lungen hinein und wieder heraus. Er ist nur einen Hauch davon entfernt, die Kontrolle zu verlieren, als würde die Menschlichkeit in ihm gegen die Stahlstäbe des Käfigs schlagen, in dem er sie weggesperrt hält.
Ich dagegen sehe jetzt schon völlig zugrunde gerichtet aus, wenn mein schneller Blick in den Spiegel irgendetwas aussagt. Die Zöpfe sind nur noch eine ferne Erinnerung. Die Träger meines Kleides sind mir von den Schultern gerutscht, sodass meine Brüste über dem Ausschnitt hervorlugen. Meine Haut ist überall dort gerötet, wo er mich berührt und geküsst und gebissen hat.
Von all den Dingen an ihm, die mich bis zu diesem Augenblick gebracht haben, bis zu dieser Linie im Sand, dieser einen Tür, die sich schließt, während eine andere sich öffnet, ist es dieser Blick in seinen Augen, der mich über die Schwelle stößt.
So etwas tut er wirklich nicht.
Nicht „so etwas“ im Sinn von Sex, denn jeder Mann, der so gut aussieht und so offensichtlich wohlhabend ist und sich derart vollkommen sicher in seiner eigenen Haut bewegt, kann ganz eindeutig mit einem Fingerschnippen Frauen in sein Bett bekommen. Ich meine, dass er „so etwas“ nicht tut im Sinn davon, auf die Frau hinabzusehen, die er gleich vögeln wird, als könnte sie der Tod der Selbstbeherrschung sein, die ihn ausmacht. Er tut „so etwas“ nicht im Sinn davon, zu zeigen, dass in ihm irgendetwas zugänglich ist, das man großzügig eine Seele nennen könnte. Er tut „so etwas“ nicht im Sinn davon, seine Bettgefährtinnen zurückblicken und sich fragen zu lassen, was es wohl bräuchte, um ihn in seinem grimmigen, blutgetränkten Leben auch nur ein einziges Mal aufzubrechen.
So etwas tut er nicht.
Ich auch nicht.
Doch dann gleitet er in mich, und wir beide tun etwas, das wir noch nie zuvor getan haben.
Bei all dem Aufbau ist es fast bemerkenswert, wie schnell der Sex vorbei ist. Brutale Dinge können nie besonders lange andauern. Und außerdem flackert mein Bewusstsein an und aus, zu überwältigt von dem Gefühl, als würde er mein Herz vögeln, mich aufreißen, immer weiter, weiter.
Das dumpfe Schlagen und Klappern des Waschbeckens gegen das Spiegelglas taktet jeden Stoß. Ich stöhne, gebrochen, hilflos. Seine Hände graben Kerben in meine nackte Taille.
„Mach dich weit für mich“, befiehlt er. „Spreiz diese verdammten Schenkel und gib mir alles von dir.“
Aber selbst während er es befiehlt, macht er es für mich, formt mich wie Knetmasse. Meine Hüften schreien unter der Belastung, und mein Hals ist rau von der Anstrengung, die Art von Stöhnen zurückzuhalten, die die Feiernden auf der anderen Seite der Wand aufmerksam machen würde. Aber ich will ihm so verflucht sehr geben, worum er mich bittet.
Jedes Zucken seiner Muskeln treibt ihn tiefer in mich hinein, als je jemand vor ihm gekommen ist. Ich bin ein hüpfendes, verschwitztes Desaster, und mir sind nicht genug Hirnzellen geblieben, damit es mich kümmern könnte. Selbst als unsere Münder aufeinanderschlagen, sich unser Atem vermischt und er weiter schmutzige Nichtigkeiten murmelt, halb ausgehaucht und halb verdammt, du tropfst für mich, kann ich nichts anderes tun, als mich festzuhalten und zu beten, dass mich der Höhepunkt nicht umbringt.
Er hat nicht unrecht — ich tropfe für ihn. Weitere abgerissene Silben fallen aus meinem Mund. „B-bi-bi… M-mehr…“
Und genau in dem Moment, in dem ich glaube, dass er mir unmöglich mehr geben kann, tut er es doch. Er zieht mich auf seinen Schwanz hinunter, zerquetscht meine Taille zwischen seinen Handflächen, stößt härter zu und schneller und unerbittlicher.
Fast …
Fast …
Boom.
Er knurrt, ich wimmere, und dann explodieren wir beide, dicht nacheinander. Licht zerspringt vor meinen Augen, als der Orgasmus mich in zwei Hälften spaltet. Ein paar sternenhelle, zeitlose Sekunden ziehen uns in sich hinein. Solange sie andauern, schwebe ich.
Dann holt die Schwerkraft uns zurück. Die Zeit holt uns zurück. Der gesunde Menschenverstand holt uns zurück.
Und alles, was ich denken kann, während ich langsam wieder herunterkomme, ist: Das war wirklich eine verdammt schlechte Idee.
Die Rückkehr in die Wirklichkeit ist unerquicklich. Mir wird plötzlich bewusst, wie zerknittert mein Kleid aussieht, so um meine Taille zusammengeschoben. Wie kalt und klebrig die Ablage am Waschbecken ist. Wie unfassbar unüberlegt das war, was ich gerade getan habe – mit einem Fremden zu schlafen, während ich buchstäblich im Dienst bin –, so unbegreiflich leichtsinnig, dass ich beim Gazette wahrscheinlich besser sofort meine Kündigung einreichen und Nonne werden sollte, denn ein Leben voller Gebete und Einsamkeit ist wohl das Mindeste, was ich brauchen werde, um meine Seele nach dieser idiotischen Aktion zu erlösen.
Es würde helfen, wenn der Fremde etwas sagen würde. Aber als er seine Kleidung ordnet, seine Manschetten zurechtrückt und einen Schritt von mir zurücktritt, ist es, als würde er die Zugbrücke hochziehen und hinter seinen Augen die Burgtore verriegeln. Diese flüchtigen Blicke in seine Seele, die ich im Blau seiner Iris habe schwimmen sehen, sind längst verschwunden. Die letzten Fetzen Menschlichkeit sind verborgen. Er sieht wieder so aus wie in dem Moment, als er die Tür der Kabine zum ersten Mal geöffnet hat.
Kalt.
Grausam.
Erbarmungslos.
Ich öffne den Mund, um ihm etwas zu sagen – ich meine, zum Teufel, irgendetwas, schon allein deshalb, weil es sich anfühlt, als würde mich das Schweigen ganz verschlingen, wenn ich es nicht tue. Soll ich nach seinem Namen fragen? Soll ich ihm meine Nummer geben? Soll ich herausfinden, ob er es bereut oder ob er es vielleicht noch einmal will?
Aber er kommt mir zuvor.
Er neigt den Kopf einmal knapp und förmlich, den Kiefer brutal fest angespannt. „Viel Vergnügen auf der Gala“, sagt er mit dieser Stimme wie Teer auf Schutt. „Versuchen Sie, sich nicht noch einmal zu schneiden.“
Dann ist er weg und lässt mich auslaufend und einsam auf einer Waschbeckenablage zurück, während ich mich frage, was zum Teufel da gerade passiert ist.
4
SASHA
Es ist verdammt bedauerlich, dass ich das nie wieder haben werde.
Ich betrauere den Verlust noch, während ich den Flur hinuntergehe und das Bad hinter mir lasse – ohne mich umzusehen, niemals umzusehen, denn sich umzusehen ist die Tat eines verdammten ssyklo. Einer Memme. Eines Feiglings.
Das heißt nicht, dass ich nicht zuhöre.
Ich höre, wie die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Ich höre, wie meine Schritte von der Decke widerhallen wie ein pochender, pulsierender Herzschlag. Ich höre das Gemurmel der Menschen, an denen ich vorbeigehe.
Ich höre alles.
Aber ich sehe niemals, niemals zurück.
Die Stimme, die in meinem Kopf knurrt, klingt wie die meines Vaters – obwohl, fairerweise gesagt, inzwischen alles wie die Stimme meines Vaters klingt. Jakow Oserows Geist ist in letzter Zeit besonders laut gewesen, seit diese Abmachung mit den Griechen Gestalt annimmt. Ich kann den Cognacgestank seines Atems beinahe riechen, während er mich daran erinnert, worauf es ankommt: Macht. Kontrolle. Imperium.
Liebe ist für Kinder und Narren. Ich bin weder das eine noch das andere.
Mein Telefon vibriert in meiner Tasche. Feliks. „Das Paket ist gesichert“, sagt er auf Russisch, als ich abnehme. „Aber es wird wegen der Lieferzeit unruhig.“
Code für: Der serbische Spion, den er heute Abend geschnappt hat, als er an einem Lagerhaus der Oserows herumschnüffelte, gerät langsam in Panik.
„Halt es frisch“, antworte ich. „Ich bin unterwegs.“
Ich finde einen Seitenausgang und schlüpfe in die Dezembernacht hinaus. Die Kälte beißt durch mein Jackett, aber ich spüre sie kaum. Die Winter in St. Petersburg waren weit schlimmer als alles, was New York mir entgegenwerfen kann.
Trotzdem. Irgendetwas an der Kälte heute Nacht lässt mich nach dem verlangen, was ich eben hinter mir gelassen habe. Weiche Haut unter meinen Händen. Grüne Augen, die mich ansahen, als wäre ich vielleicht der Rettung wert.
Sie roch nach Pfirsichen. Erst jetzt wird mir klar, dass das diese Süße war. Reife Sommerpfirsiche, süße, von der Sorte, bei der einem der Saft übers Kinn läuft, wenn man die Zähne hineinschlägt. Pfirsiche. Verfluchte Pfirsi—
Also bist du jetzt ein verdammter Poet? Vergiss sie, dröhnt Jakow. Sie ist nichts. Eine Ablenkung. Erinnerst du dich, was beim letzten Mal passiert ist, als du dir erlaubt hast, dich ablenken zu lassen?
