Kapitel 6 6

Tatsächlich, Vater, ich erinnere mich.

Die Narben auf meinem Rücken erinnern sich ebenfalls.

Mein Wagen wartet am Bordstein, Klaus geschniegelt hinter dem Steuer. Als ich auf den Rücksitz gleite, sagt er nichts, sondern fädelt sich nur ruhig in den Verkehr ein.

Ein guter Mann. Er weiß, wann ich Stille brauche.

Während wir fahren, zieht die Stadt in Strömen aus Neon und Schatten an meinem Fenster vorbei. Zehn Minuten bis zu dem verlassenen Restaurant, in dem Feliks unseren Gast festhält. Zehn Minuten, um meine Gedanken zu ordnen. Zehn Minuten, um die Art zu vergessen, wie diese kleine ptichka „Oder sonst was?“ geflüstert hat, als hätte sie überhaupt keine Angst vor mir.

Ich frage mich, ob ihr bewusst ist, wie leicht kleinen Vögeln wie ihr die Flügel gebrochen werden.

Schließlich hätte es auch so ausgehen können. Ich hätte ihr die Flügel stutzen können, in dem Augenblick, als mir klar wurde, dass sie mein Telefongespräch mit Feliks mitgehört hatte. Eine schnelle Drehung des Halses, und es wäre aus und vorbei gewesen, Vögelchen. Noch ein bedauerliches Durcheinander, das sich mühelos unter einen weiteren blutbefleckten Teppich kehren ließe.

Es wäre nicht das erste Mal.

Und nicht das letzte.

Aber ein einziger Blick in diese großen grünen Augen sagte mir, was sie wirklich war. Keine Bedrohung, keine Spionin, sondern eine Taube, die sich in der falschen Falle verfangen hatte.

Also tat ich, was ich nicht hätte tun dürfen: Ich spielte mit meinem Essen. Ich gönnte mir diese kleine Nachsicht.

Und warum auch nicht? Ich habe sie verdient. Ich habe diesen einen verdammten Augenblick für mich verdient, bevor ich den letzten Rest meiner Menschlichkeit in den klaffenden Rachen dieser Bratwa werfe, die immer mehr, mehr, mehr von mir will.

Sie hat mir meine Mutter genommen. Sie hat mir meine Kindheit genommen. Und jetzt nimmt sie mir meine Freiheit.

Denn sobald ich von diesem kleinen Abstecher zur Gala zurückkehre, werde ich die Frau kennenlernen, die ich heiraten muss.

Das ist der einzige Grund, weshalb ich mir diese Quatschveranstaltung überhaupt antue. Zum Teufel, normalerweise lasse ich mich auf solchen Anlässen nicht blicken. Einladungen zu dieser Art gesellschaftlicher Folter stopfen mir regelmäßig den Posteingang voll. Jeder – Zivilist wie Verbrecher – will, dass Sasha Ozerov bei seinen kleinen Soireen auftaucht. Ich bin ein curioso, eine Kuriosität, ein Mann, der so weit außerhalb der lächerlichen Linien lebt, in die sie sich selbst gezwängt haben, dass ihnen nichts anderes bleibt, als zu glotzen und hinter vorgehaltenen Händen zu tuscheln.

Da geht er, sagen sie sich. Komm ihm nicht zu nah, sonst beißt er vielleicht.

Sie haben recht – vielleicht tue ich das. Und normalerweise reicht diese Drohung, um die Gaffer auf Abstand zu halten.

Für die Reporterin hat es allerdings nicht gereicht. Dieser kleine Vogel flog nah genug heran, dass ich ihn aus der Luft greifen und mir ein Mahl aus ihm machen konnte.

Und verflucht, was für ein Mahl das war. Ihr Stöhnen hallt noch immer in meinem Kopf nach. Sie brachte nicht einmal das Wort Bitte heraus – so sehr wollte sie mich, so sehr brauchte sie mich.

Ich soll verdammt sein, wenn ich nicht ganz genauso empfunden habe.

Es war ein ganzes Leben voller Impulse, destilliert in einen einzigen Augenblick. Denn ich beuge mich nicht, ich zerbreche nicht, ich schwanke nicht. Niemals.

Außer dieses eine Mal.

Außer heute Nacht.

Aber wie gesagt – das liegt jetzt hinter mir. Und ich bin kein Angsthase.

Der Wagen hält an. Klaus öffnet mir die Tür. Das zerbrochene Schild des Restaurants wirft kränklich violette Schatten über das aufgesprungene Pflaster.

Zeit, an die Arbeit zu gehen.

Drinnen stinkt das Restaurant nach Moder, Rost und verdorbenem Fleisch. Auf manchen Tischen stehen noch leere Teller, bedeckt von jahrealtem Staub, als hätten die Gäste mitten im Essen einfach aufgestanden und wären gegangen. Die Lederbänke sind rissig und blättern ab. Ratten stieben auseinander, als ich mich nähere.

Feliks tritt mit einer unangezündeten Zigarette zwischen den Lippen aus den Schatten. Sein vernarbtes Gesicht verzieht sich zu etwas, das wohl ein Lächeln sein soll. „Er ist in der Küche. Heult seit der letzten Stunde wegen seiner Familie herum.“

Ich verziehe das Gesicht. Sie heulen immer wegen ihrer Familien.

„Irgendwelche Komplikationen?“, frage ich, streife meine Jacke ab und reiche sie ihm. Kein Grund, gutes italienisches Wolltuch mit Blut zu besudeln.

„Nyet. Sauberer Zugriff. Keine Zeugen.“ Feliks folgt mir durch die Schwingtüren. „Allerdings hat er versucht, etwas zu schlucken, als wir ihn erwischt haben. Eine Art Datenchip.“

Ich kremple die Ärmel hoch. „Und?“

„Wir haben ihn dazu gebracht, ihn wieder hochzuwürgen. Buchstäblich.“ Er hält einen kleinen Plastikbeutel hoch, in dem eine blutverschmierte Micro-SD-Karte liegt. „Noch nicht nachgesehen, was drauf ist.“

„Gib sie Roza. Die wird ihren Spaß damit haben.“

Der Spion ist mit Kabelbindern an einen stählernen Vorbereitungstisch gefesselt, das Gesicht zu Brei geschlagen wie eine verdammte Aubergine und mit getrocknetem Blut verkrustet. Erstaunlicherweise ist er noch bei Bewusstsein.

Jung ist er auch — jünger, als ich erwartet hatte. Frisch aus welchem Drecksloch auch immer die Serben heutzutage ihre Leute ausbilden, ohne Zweifel. An den Rändern noch weich von Babyspeck. Sein linkes Auge ist zugeschwollen; das rechte huscht umher wie eine gefangene Kakerlake.

Das gesunde Auge weitet sich, als er mich sieht. „D-d-d...“

„Ja“, stimme ich zu. „Ich. Wie immer bin ich gerührt von meinem Ruf.“ Ich schnappe mir einen Stuhl, drehe ihn um und setze mich verkehrt herum darauf. Feliks reicht mir ein Brecheisen. Der kalte Stahl singt in meinem Griff. „Reden wir.“

Der Junge — denn das ist er in Wahrheit; kein Mann, nicht einmal annähernd — versucht tapfer auszusehen. „Ich habe I-Ihnen n-nichts zu sagen.“

Etwas streift den Hinterkopf meines Bewusstseins. Ein Aufblitzen grüner Augen, trotzige Worte: Oder was sonst?

Ich stoße die Erinnerung fort. Konzentrier dich auf die Arbeit.

„Das sagen am Anfang alle“, teile ich ihm mit, fast traurig. Meine Stimme bleibt flach. Losgelöst. Ein Skalpell, kein Vorschlaghammer. „Aber irgendwann reden sie alle. Die einzige Frage ist, wie sehr es vorher wehtun muss.“

Viele Männer sagen solche Dinge. Nur wenige meinen sie ernst. Der serbische Junge weiß, dass ich es ernst meine, denn als er mir beim Sprechen in die Augen sieht, zuckt er zurück.

Aber das liegt nur daran, dass er nicht so aufgewachsen ist wie ich. Ich zucke nicht zusammen. Ich habe nicht mehr zusammengezuckt seit der Nacht, in der mein Vater meine Finger über den Herdbrenner hielt, weil ich Schlamm auf seinen Perserteppich getragen hatte. „Schmerz ist eine Sprache“, hatte er gesagt, während die Flammen an meiner Haut leckten. „Lern sie.“

Das Kind vor mir hat keine Ahnung, wie fließend ich sie beherrsche. Er weiß nicht, wie tief die alten Narben gehen oder wie dick die Hornhaut ist, die darüber gewachsen ist.

Es ist nicht seine Schuld. Aber Unwissenheit wird ihn nicht retten.

„Versuchen wir es mit Fragen. Was ist auf dem Datenchip?“, frage ich.

Er wimmert, schüttelt aber den Kopf, während Rotz über seine aufgeplatzten Lippen quillt.

Ich seufze.

Ich stehe auf.

Ich schwinge aus.

Das Brecheisen zerschmettert seine Kniescheibe — ein feuchtes Knacken von Knochen und Sehnen. Sein Schrei schneidet durch den Raum.

Ariels Gesicht flackert in den Nachwirkungen auf — grüne Augen weit aufgerissen, die Lippen wundgebissen. Ich reiße meine Aufmerksamkeit zurück in die Gegenwart und presse meinen Stiefel in das zertrümmerte Knie des Jungen. Er heult auf.

„Zweite Gelegenheit. Eine dritte kann ich nicht versprechen.“

Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel