Kapitel 5

Perspektive von Caroline

Ich saß im Konferenzraum von Thorne Enterprises. Meine Handflächen waren leicht feucht, während ich auf mein Vorstellungsgespräch wartete. Das Unternehmen war eines der mächtigsten des Landes, ansässig im Territorium des Storm-Valley-Rudels, wo sie sowohl das Land als auch die Geschäftswelt dominierten.

Die Tür des Konferenzraums öffnete sich und eine Frau in ihren Fünfzigern trat ein.

Ihr hellblondes Haar war kurz geschnitten, und ihre klaren blauen Augen strahlten Eleganz aus. Ihr maßgeschneiderter Anzug passte zu ihrer kultivierten Ausstrahlung.

„Caroline Bennett?“, erkundigte sie sich und streckte mir die Hand entgegen.

Ich nickte und gab ihr einen festen Händedruck. „Ja, das bin ich. Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Ms. Reed.“

Sie bedeutete mir, Platz zu nehmen. „Bitte, nennen Sie mich Clara. Nun, lassen Sie uns mit Ihrem Vorstellungsgespräch beginnen.“

Die nächste Stunde verging wie im Flug, während Clara mir eine Reihe von Fragen zu meinen Qualifikationen, meiner Erfahrung und meinen Zielen stellte. Ich beantwortete jede davon selbstbewusst und stützte mich dabei auf meine Vorbereitung und meine aufrichtige Leidenschaft für die Position.

Als sich das Gespräch dem Ende zuneigte, lehnte sich Clara mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht in ihrem Stuhl zurück. „Nun, Caroline, ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Ihre Fähigkeiten und Ihr Enthusiasmus sind genau das, was wir für diese Position suchen.“

Mein Herz machte einen Freudensprung. „Vielen Dank, Clara. Ich freue mich sehr, das zu hören.“

„Wir haben es geschafft!“, heulte Rory triumphierend in meinem Kopf.

Claras Gesichtsausdruck wurde daraufhin leicht zögerlich. „Allerdings gibt es da etwas, das ich erwähnen sollte, bevor wir fortfahren. Es geht um unseren Alpha, Draven Thorne.“

Ich lehnte mich vor. „Oh? Was ist mit ihm?“

Clara wählte ihre Worte mit Bedacht. „Alpha Draven ist … nun ja, er kann ziemlich anspruchsvoll sein. Er hat hohe Erwartungen an alle Rudelmitglieder und Angestellten. Sein Führungsstil ist ziemlich … intensiv.“

Ich nickte und verarbeitete diese Information. „Ich verstehe. Könnten Sie das ein wenig näher erläutern?“

Clara seufzte leise. „Er ist brillant, daran besteht kein Zweifel. Aber er ist auch für seine starke Persönlichkeit und seine strengen Maßstäbe bekannt. Manche finden es herausfordernd, unter seiner Führung zu arbeiten.“

Ich spürte ein Aufflackern von Neugier, gemischt mit etwas Besorgnis. Was für ein Alpha war Draven Thorne? Meine Wölfin, Rory, spitzte die Ohren, gleichermaßen fasziniert.

„Ich schätze Ihre Ehrlichkeit, Clara“, sagte ich. „Ich glaube, ich komme mit einem anspruchsvollen Arbeitsumfeld zurecht. Tatsächlich blühe ich unter Druck und hohen Erwartungen erst richtig auf.“

Claras Lächeln kehrte zurück. „Das ist gut zu hören. In diesem Fall freue ich mich, Ihnen die Stelle anzubieten. Willkommen bei Thorne Enterprises, Caroline.“

Ich lächelte, unfähig, meine Aufregung zu verbergen. „Vielen Dank! Es ist mir eine Ehre, das Angebot anzunehmen.“

Als wir uns die Hände schüttelten, konnte ich nicht anders, als über den mysteriösen Alpha Draven nachzudenken. Wie es wohl sein würde, für ihn zu arbeiten?

Am darauffolgenden Montag kam ich in aller Frühe bei Thorne Enterprises an, begierig darauf, meinen neuen Job anzutreten.

Ich wurde von Clara Reed begrüßt.

„Caroline“, sagte sie. „Ich werde Sie heute herumführen. Willkommen im Rudel … nun ja, fast.“

Ich lächelte. „Ich freue mich wirklich sehr, hier zu sein.“

Rory regte sich in mir, während ich ihr durch die Flure folgte. „Clara scheint ebenso herzlich wie fähig zu sein“, sinnierte sie.

Clara führte mich durch das Büro und stellte mich unterwegs verschiedenen Kollegen vor. Während wir an offenen Arbeitsbereichen und lebhaften Gemeinschaftsräumen vorbeischlenderten, erzählte sie mir mehr über das Unternehmen und das Rudel.

„Thorne Enterprises ist nicht einfach nur irgendein Unternehmen“, sagte Clara mit einem Hauch von Stolz in der Stimme. „Wir dominieren das größte Territorium des Landes, und unsere Geschäftsaktivitäten erstrecken sich über den ganzen Globus. Es ist eine gewaltige Herausforderung, aber Alpha Draven bewältigt alles stets auf strukturierte Weise.“

Ich nickte ehrfürchtig. „Das ist wirklich beeindruckend. Wie schafft er es, dass alles so reibungslos läuft?“

Clara kicherte leise. „Nun, sagen wir einfach, er ist ein kleiner Workaholic. Alpha Draven ist unglaublich zielstrebig und erwartet das gleiche Maß an Engagement von jedem Mitglied unseres Rudels und Teams.“

Während wir unseren Rundgang fortsetzten, konnte ich nicht umhin, Gesprächsfetzen von ein paar Angestellten aufzuschnappen.

„Ich habe gehört, Alpha Draven hat sich gestern das Marketingteam richtig vorgeknöpft …“

„Er ist hart, aber verdammt, die Ergebnisse sprechen für sich …“

Mit jedem Kommentar wuchs meine Neugier auf Alpha Draven, und Rory tigerte in meinem Kopf förmlich auf und ab, begierig darauf, alles über unseren rätselhaften Anführer zu erfahren, was sie nur konnte.

Clara führte mich schließlich in ein kleines, gut ausgestattetes Büro. „Das hier wird dein Arbeitsplatz sein“, sagte sie mit einem beruhigenden Lächeln. „Kümmern wir uns jetzt erst einmal um etwas Papierkram.“

Clara reichte mir einen Stapel Formulare; der Aufnahmeantrag für das Storm-Valley-Rudel lag ganz oben. Ich stockte beim Abschnitt über die Mitgliedschaft.

„Clara.“ Ich blickte auf. „Wann lerne ich Alpha Draven kennen?“

„Er kümmert sich um Rudelangelegenheiten in Europa“, sagte sie und sah auf ihr Handy. „Er kommt dieses Wochenende zurück. Du wirst unseren Alpha noch früh genug kennenlernen.“

Clara bemerkte, dass ich den Antrag studierte, und trat näher.

„Lass mich dir erklären, wie wir neue Rudelmitglieder aufnehmen. Zuerst gibt es eine Probezeit, in der wir alles über dich überprüfen, einschließlich deiner Rudelakte und der Frage, ob du gegen irgendwelche Wolfsgesetze verstoßen hast. Wir beobachten auch, wie du dich in unsere Rudelstruktur und Hierarchie einfügst. Wenn du dich als würdig erwiesen hast und alle Überprüfungen ohne Beanstandung verlaufen sind, führt Alpha Draven die Zeremonie der Rudelbindung persönlich durch. Es ist ein heiliges Ritual, bei dem dein Wolf wahrhaftig eins mit dem Storm-Valley-Rudel wird.“

Während ich den restlichen Papierkram ausfüllte, erzählte Clara weiter vom Rudel und der Firma.

„Wir sind eines der einflussreichsten Rudel des Landes“, sagte sie voller Stolz. „Und im Gegensatz zu einigen anderen haben wir eine strenge Antidiskriminierungsrichtlinie. Geruchlose Wölfe und Nicht-Wandler – jeder mit Talent ist hier willkommen. Unter Alpha Dravens Führung haben wir nicht nur ein florierendes Wirtschaftsimperium aufgebaut, sondern auch eine inklusive, vereinte Rudelgemeinschaft. Die Ansprüche sind hoch, aber die Vorteile, hier dazuzugehören, sind es absolut wert.“

Ihre Worte beflügelten mein Selbstvertrauen und meine Entschlossenheit. Mir wurde klar, dass ich nicht nur den Schritt in eine vielversprechende Karriere machte, sondern auch Teil eines außergewöhnlichen, dynamischen Rudels wurde.

Nach Claras morgendlicher Einführung und der Mittagspause kehrte ich früh in mein Büro zurück. Während ich meine Notizen durchging, klingelte das Telefon.

„Thorne Enterprises, Vorstandsbüro. Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“

Ich meldete mich mit meiner professionellsten Stimme.

Am anderen Ende herrschte zunächst nur Schweigen. Dann durchbrach ein langes, genervtes Seufzen die Stille in der Leitung.

„Geben Sie mir Clara.“

Die Stimme war tief und kraftvoll – und ließ meine wölfischen Instinkte anspringen. In mir stieß Rory ein unbehagliches Knurren aus.

Dennoch bewahrte ich einen kühlen und höflichen Tonfall.

„Es tut mir leid, Sir, aber Mrs. Reed ist noch nicht aus der Mittagspause zurück. Darf ich eine Nachricht notieren, oder …“

„Wer ist da?“ Seine Stimme klang wütend und ungeduldig.

Okay. Tief durchatmen, Caroline. Er wird nicht durchs Telefon springen und dich zerfleischen. Wahrscheinlich nicht.

„Hier spricht Caroline. Ich bin Mr. Thornes neue Assistentin der Geschäftsführung.“

Es entstand eine Pause. „Ich kenne Sie nicht.“

„Es ist mein erster Tag, Sir“, sagte ich und zwang mich zu einer Ruhe, die ich nicht fühlte. „Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen?“

„Sagen Sie Clara, sie soll mich anrufen, sobald sie durch diese Tür kommt.“

„Selbstverständlich, Sir. Und darf ich fragen, wer am Apparat ist?“

Die Antwort kam prompt, schroff und war pures Alpha-Feuer.

„Sieht so aus, als wäre ich Ihr Alpha.“

Klick. Die Leitung war tot. Und meine Seele beinahe auch.

Göttin steh mir bei. Was für ein Biest war das denn?

Niemand hatte je erwähnt, dass dieser Job den Umgang mit mürrischen Alphas beinhaltete, die am Telefon Wutanfälle bekamen. War es das, was sie mit anspruchsvoll meinten? Das war überhaupt nicht das, was ich erwartet hatte!

Meine Kehle schnürte sich zu, und Rory winselte in meiner Brust. Hatte ich es schon an meinem allerersten Tag vermasselt? Stand ich kurz davor, noch vor dem Mittagessen zur Kaffeebringerin degradiert zu werden – oder schlimmer noch, aus dem Storm-Valley-Rudel verbannt zu werden, bevor ich überhaupt beitreten durfte?

Clara kehrte wenig später zurück, und ich richtete ihr die Nachricht aus, wobei ich wahrscheinlich aussah, als hätte ich gerade einen Geist gesehen – oder einen durchs Festnetztelefon gehört.

Sie warf nur einen Blick auf mein Gesicht und schmunzelte.

„Lass mich raten, er war … die Ruhe selbst?“

Ich blinzelte. Dann schnaubte ich, bevor ich mich aufhalten konnte.

„Wenn das die Ruhe selbst war, möchte ich ihn bei Vollmond lieber nicht erleben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich sein Wolf fast durch die Telefonleitung gekrallt hätte.“

Clara lachte so heftig, dass ich dachte, sie würde gleich weinen.

„Alles wird gut. Vielleicht bist du ja sogar diejenige, die ihn zähmt.“

Sie zwinkerte mir zu. „Draven braucht jemanden, der nicht gleich zittert, sobald er knurrt.“

Ihn zähmen? Dass ich nicht lache. Ich konnte froh sein, wenn ich nicht als sein kleiner Stress-Snack am Vormittag endete.

Ich war mir da nicht so sicher. Vielleicht sollte ich meine Taschen gar nicht erst auspacken – dieser Alpha würde mich bei lebendigem Leib fressen!

Rory schnaubte in meinem Kopf. „Verkauf dich nicht unter Wert, Caroline. Wir haben schon Schlimmeres überstanden.“

Ich versuchte, in der Zuversicht meiner Wölfin Trost zu finden, aber der Knoten in meinem Magen wollte sich einfach nicht lösen. Worauf hatte ich mich da nur eingelassen?

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