Kapitel 6
Isla
Ich stehe allein im Nebel. Mauern ragen zu allen Seiten auf, von der Schwade verschluckt, ihre dunklen Schatten drohen über mir wie Gespenster.
Ich spähe in das Weiß hinein. Mein Herz schlägt zu schnell und mein Mund ist zu trocken. „Hallo?“, rufe ich.
Kein Echo. Der dichte Nebel fängt meine Stimme auf und verschlingt sie.
Die Luft ist feucht, dick und schwer. Als wären die Wolken auf die Erde gefallen und hätten uns verschlungen. Mein Atem stößt wie Rauch aus, aber mir ist nicht kalt. Ich stehe in Flammen.
Zwei rote Kugeln schweben im Nebel auf mich zu. Mir stockt der Atem.
Er ist hier.
Aeron.
Mein Herz rast noch schneller und meine Knie beginnen zu zittern.
Sein Schatten verbindet sich mit den Kugeln, verschmilzt zu einer Einheit. Ich beobachte ihn mit leicht geöffnetem Mund und spüre die magnetische Anziehungskraft, die mich näher zu ihm lockt.
Ich rühre mich nicht. Ich stehe still da und sehe zu, wie er auf mich zukommt.
Er trägt keinen Anzug. Nur ein weißes Hemd mit Rüschen an den Manschetten, eine enge schwarze Hose und Stiefel, die ihm fast bis zu den Knien reichen.
Er bleibt direkt vor mir stehen, sein Blick brennt sich in mich hinein. „Ich habe auf dich gewartet“, sagt er, hebt die Hände und knöpft sein Hemd auf.
Einen nach dem anderen springen die Knöpfe auf und geben eine muskulöse Brust frei. Aber das ist nicht, was meine Aufmerksamkeit fesselt.
Es sind die leuchtenden, konzentrischen Kreise auf seiner Brust. Sie rufen nach mir, als wären sie lebendig und kennten meinen Namen.
„Kannst du es sehen?“, fragt Aeron.
Ich nicke und strecke meine Hand nach ihm aus. Diesmal schlägt er sie nicht weg. Stattdessen erlaubt er mir, ihn zu berühren, das Kribbeln seiner kalten Haut auf meiner zu spüren. Ich fahre mit den Fingern über die pulsierende Rune. Sie ist lebendig und wärmer als seine Haut. „Was ist das?“, frage ich verwundert.
Seine Augen glühen – nicht nur rot, sondern tief, blutwarm, wie zu lange geschürte Glut. „Du. Ich. Wir.“
Er wirft den Kopf zurück und entblößt seine Reißzähne. Ein Ruck aus Angst, gemischt mit Verlangen und Sehnsucht, schießt mir durch den Rücken. Es ist gefährlich. Er ist gefährlich, und ich muss gehen. Sofort. Solange ich noch kann, denn ich habe das Gefühl, dass ich bald keine andere Wahl mehr haben werde. Dass ich hier bei ihm in der Dunkelheit bleiben und ihn unaussprechliche Dinge mit mir tun lassen werde.
Aber ich kann nicht weggehen. Ich kann nicht einmal aufhören, ihn zu berühren.
„Ich sollte nicht hier sein“, sage ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihm.
Er runzelt die Stirn, aber es ist seltsam, unnatürlich. Als würde man Marmor sich kräuseln sehen. „Du bist immer hier. Hier gehörst du hin.“
Er nimmt meine Hand in seine und legt sie flach auf seine Brust. Er ist kalt. Glatt. Wie alle Vampire hat er keinen spürbaren Herzschlag, aber ich kann dieses Mal auf seiner Haut spüren, wie es gegen meine Handfläche pulsiert, als wäre es lebendig.
„Du gehörst hierher, zu mir. Du wurdest geboren, um mein zu sein.“
„Nein!“
Ich keuche und versuche, einen Schritt zurückzumachen, aber meine Beine gehorchen mir nicht. Mein Körper ist schwer und meine Glieder fühlen sich an, als würden sie in Melasse feststecken.
Aeron hebt die Hand und lässt seine Finger über mein Schlüsselbein gleiten, dann hinunter, um die Kontur meiner Brüste nachzuzeichnen. Ich erzittere und lehne mich in seine Berührung.
Ein Schmerz schießt durch meinen Hals, und etwas Nasses und Warmes rinnt an meiner Vorderseite hinab. Ich blicke auf den Blutstrom, der aus der Wunde an meinem Hals quillt.
Aerons Lippen pressen sich auf mein Fleisch. Er knurrt, während er gierig mein Blut schluckt. Er hält meinen Kopf mit einer Hand, während die andere meine Hüften packt und mich fest an sich zieht.
Ich hänge einfach nur schlaff in seinen Armen, während er mich leertrinkt.
Sterben sollte sich nicht so gut anfühlen.
Selbst als mein Leben aus mir entweicht, sehne ich mich danach, seinen Mund an meinem Hals zu spüren, will weiterhin die Härte zwischen seinen Beinen gegen meinen Bauch gedrückt fühlen, seine Hände, die sich um meinen Hintern krallen und sich in mein Fleisch bohren.
„Du spürst es“, murmelt er an meine abkühlende Haut. „Du hast es schon immer gespürt.“
„Was?“, keuche ich und biege meinen Rücken durch, drücke meine Brüste gegen seine harte Brust.
„Unser Blut.“
Ich schnappe nach Luft und setze mich kerzengerade auf.
Ein Traum. Es war nur ein Traum.
Ich bin mit einer Schweißschicht bedeckt und mein Herz donnert in meiner Brust wie ein vorbeifahrender Güterzug. Ich bekomme kaum Luft und in mir ist eine seltsame Art von Sehnsucht. Ein leeres, klaffendes Loch.
Die Lichter sind an und Vertraute eilen an der Tür vorbei, flüstern sich auf den Gängen gegenseitig Befehle zu.
Es war nur ein Traum.
Ich atme langsam aus und lege mich wieder hin, starre an die Decke und lausche dem Donnern der Schritte, die durch die Stockwerke hallen, während ich mich auf meine Atmung konzentriere und mein Herz zwinge, langsamer zu schlagen.
Der Prinz hat mich gewarnt, dass ich mich eine Weile zu ihm hingezogen fühlen würde. War das der Traum? Nur sein Blut, das in mir wirkt?
Es gibt nur ein einziges Fenster in meinem Zimmer. Hoch oben an der Wand, ein kleiner Schlitz im grauen Stein, der einen dünnen Lichtstreifen hereinlässt.
Ich fahre mit der Hand hindurch und beobachte, wie der Sonnenstrahl auf meiner Haut tanzt.
Die Sonne fühlt sich nicht gut an. Sie ist zu heiß und zu hell, und ich habe sie schon immer gehasst. Schon als kleines Mädchen, als unsere Lehrer uns auf Befehl der Vampire nach draußen schickten, um Sonne zu tanken, suchte ich mir ein Versteck vor den tödlichen Strahlen.
Es hat sich einfach immer falsch angefühlt.
Nachts, lange nachdem alle Menschen zu Bett gegangen waren, saß ich am Fenster und starrte die Vampire an, bewunderte ihre Schönheit und beneidete sie, wenn sie sich abstießen und in den schwarzen Himmel schwebten.
Allmählich kehrt für den Tag Ruhe im Schloss ein. Eine Stille legt sich über das Anwesen. In der Ferne bellt ein Wolf seinen Kriegern Befehle zu, und dann herrscht nur noch Schweigen.
Endlich kann ich ins Bad gehen. Ich muss wirklich dringend pinkeln, aber schlimmer ist das trockene, abblätternde Blut auf meiner Haut. Es juckt und ich fange an, nach Tod zu riechen.
In der Kommode finde ich saubere Kleidung. Die Uniform einer Vertrauten – weiße Bluse, schwarzes Schürzenkleid, vernünftige, schwarze Schuhe.
Die meisten Vertrauten sind nur Diener, durch eine Art geheimes Blutritual an eine Vampirfamilie gebunden. Sie leben länger als normale Menschen und sind bis ins Mark loyal.
Ich drücke die Kleidung fest an meine Brust, öffne leise die Tür und schaue nach links und dann nach rechts, um sicherzugehen, dass ich allein bin.
Ich renne auf Zehenspitzen den Flur entlang, meine nackten Füße klatschen auf den Stein, während ich versuche, so wenig Lärm wie möglich zu machen. Ich schaue immer wieder über meine Schulter, aus Angst, dass mich jemand finden könnte – nur in Unterwäsche gekleidet und völlig ungeschützt.
Gerade als ich denke, ich sei in Sicherheit, tritt eine Frau aus einem der Zimmer und versperrt mir den Weg.
Sie ist groß und bullig, gebaut wie ein Plumpsklo und trägt dieselbe Art von Uniform, die ich an meine Brust klammere.
Die Aufseherin von letzter Nacht. Diejenige, die mein Gesicht auf den Boden gedrückt hat. „Wo willst du denn hin, Blutbeutel?“, fragt sie.
