Fünftes Kapitel: Erste Phase

Ivy

Die Luft im Obsidian war so dick, dass man daran ersticken konnte.

Parfüm, Rauch und Bass, jeder kämpfte um die Vorherrschaft und verschmolz zu etwas beinahe Greifbarem. Die Musik pulsierte durch den Boden, kletterte meine Beine hinauf und nistete sich in meiner Wirbelsäule ein, bis meine Knochen sich in ihrem Rhythmus zu bewegen schienen. Die Lichter waren gedimmt, in Schattierungen von Purpur und Violett getaucht, von der Art, die alles weicher, schmutziger, gefährlicher aussehen ließ. Schatten glitten wie Raubtiere an den Wänden entlang und verschlangen Licht und Hoffnung mit gleicher Leichtigkeit.

Hinter der Bühne hämmerte mein Herz so heftig, dass es schmerzte.

Das Kostüm klebte an mir wie ein Geheimnis, schwarze Seide und Pailletten, die mehr enthüllten als verbargen. Es war nicht für Komfort gemacht, es war für Blicke gemacht. Mein Haar, glatt und blond, fiel mir über den Rücken, fremdartig in seiner Perfektion. Die Fremde, die mich aus dem Spiegel anstarrte, war nicht mehr Ivy Mooncrest.

Sie war fort.

Stattdessen blickte Rhea Black zurück, kalt, gefasst und unantastbar.

Rhea zuckte nicht. Rhea zerbrach nicht. Rhea überlebte.

„In zwei Minuten auf die Bühne!“, bellte eine Frau aus den Kulissen, ihre Stimme schnitt wie eine Peitsche durch den Lärm. Sie hatte scharfe Augen, noch schärfere Wangenknochen und keine Gnade.

Ich nickte, obwohl sich meine Kehle wie Sandpapier anfühlte.

Die anderen Tänzerinnen rauschten in einer Wolke aus Gelächter und Parfüm an mir vorbei. Ihre Absätze klickten wie Gewehrfeuer auf dem gefliesten Boden, Pailletten blitzten unter den schwachen Glühbirnen hinter der Bühne. Sie bewegten sich wie Wasser, fließend, makellos, daran gewöhnt, beobachtet zu werden. Für sie war das Obsidian kein Käfig. Es war ein Zuhause.

Für mich war es ein Schlachtfeld.

Beweg dich, als hinge dein Leben davon ab, hallte Marcos Stimme in meinem Kopf wider. Denn das tut es.

Die Musik draußen änderte sich, mein Einsatz.

Mein Atem stockte, und ich trat hinaus.

Die Lichter trafen mich wie ein Schlag, hell und gnadenlos. Hitze überflutete mich und verwandelte meine Haut in Feuer. Die Menge unter mir wogte vor Reaktion, Keuchen, Murmeln, Gelächter. Ich spürte, wie jeder einzelne Blick über meinen Körper kroch, hungrig, abschätzend.

Mein Puls schrie Beute.

Mein Körper bewegte sich trotzdem.

Ein Schritt. Dann noch einer.

Die Hüften schwangen im Takt des Basses. Die Arme fließend. Jede Bewegung war wohlüberlegt, kontrolliert. Ich zwang das Zittern aus meinen Fingern, begrub die Panik unter dem Rhythmus. Mein Gesicht blieb ruhig, verführerisch, distanziert, unantastbar.

Blicke verfolgten mich aus jeder Ecke.

Manche brannten vor Lust.

Andere vor Berechnung.

Niemand hier war harmlos.

Und doch, inmitten des Gewirrs aus Gesichtern und blitzenden Lichtern, fand mich ein Blick.

Anders.

Schwerer.

Er schnitt wie eine Klinge durch den Lärm, stetig, geduldig, gezielt.

Nicht lüstern.

Beobachtend, mit einer Absicht.

Ich suchte ihn nicht. Konnte es nicht. In dem Moment, in dem ich suchen würde, würde ich mich verraten.

Also tanzte ich härter. Schärfer.

Bis die Bewegung die Angst ertränkte.

Der Bass wurde zu meinem Herzschlag.

Der Boden zu meinem Anker.

Das Obsidian war nicht für das Vergnügen gebaut. Es war für die Macht gebaut.

Hier waren Tänzerinnen keine Künstlerinnen, sie waren Köder.

Geheimnisse waren eine Währung.

Verlangen war eine Waffe.

Und heute Nacht war ich der neueste Köder.

Ich wirbelte, beugte mich, richtete mich wieder auf. Meine Muskeln erinnerten sich an das, was die Angst mich vergessen lassen wollte. Jeder Schritt war eine Entscheidung. Jeder Atemzug ein Akt des Widerstands. Ich tanzte nicht nur; ich blieb am Leben.

Applaus brach herein wie Donner, scharf, metallisch, leer.

Anerkennung, nicht Akzeptanz.

Als die letzte Note verklang, erstarrte ich für einen Herzschlag und ließ die Stille mich verschlingen. Dann verbeugte ich mich mit gesenktem Blick, während der Scheinwerfer mir den Nacken verbrannte. Die Lichter kühlten ab, doch mein Blut rauschte weiter.

Ich hatte den ersten Tanz überlebt.

Aber im Obsidian wurde das Überleben nicht am Applaus gemessen.

Es wurde daran gemessen, wer noch zusah, als die Lichter ausgingen.

Wieder hinter der Bühne.

Die Welt schrumpfte zu Spiegeln, Parfüm und zu viel Gelächter. Die Art, die niemals die Augen erreichte.

„War ganz in Ordnung“, sagte eine Tänzerin, als sie an mir vorbeistrich.

Ihre Stimme war ausdruckslos, einstudiert.

Sie hielt nicht an. Keine von ihnen tat das.

Ich schälte die Seide von meiner Haut, jede Bewegung mechanisch. Meine Hände zitterten, als ich nach dem Morgenmantel griff. Schweiß klebte an meinem Rücken. Der Spiegel vor mir warf ein Spiegelbild zurück, das ich nicht erkannte, mit zu großen Augen, zu blassen Lippen, einem immer noch zu lauten Herzschlag.

Rhea Black sollte nicht gequält aussehen.

Ich zwang sie mir wieder auf. Stück für Stück.

Grundierung, um die Angst zu verbergen.

Puder, um die Wahrheit auszulöschen.

Lippenstift, um Kontrolle aufzumalen.

Als ich fertig war, war Ivy wieder begraben.

Das Lachen aus dem Flur verklang zu einem weißen Rauschen. Das Summen der Neonröhren über mir summte wie ein altes Schlaflied. Ich saß einen Moment da und starrte mein Spiegelbild an.

Dieser Blick, der alles durchdrang, haftete noch immer in meinen Gedanken. Er war nicht beiläufig gewesen. Er war nicht freundlich gewesen.

Jemand hatte anders zugesehen.

Nicht wie die anderen.

Abwägend. Kalkulierend.

Und obwohl ich nicht wusste, wer es war, konnte ich es spüren wie eine Hand an meinem Nacken.

Das Obsidian war voller Beobachter. Aber nur einer hatte mich angesehen, als wäre ich bereits gefangen.

Ich zog den Morgenmantel enger.

Hob mein Kinn.

Rhea Black lächelte sich im Spiegel an, ganz karminrote Lippen und falsche Ruhe.

Denn das war es, was Überlebende taten.

Sie lächelten der Gefahr ins Gesicht.

Selbst wenn sie zurücklächelte.

Das Gewicht dieses unsichtbaren Blicks blieb bei mir, schwer, bewusst, unausweichlich. Ich konnte es immer noch spüren, wie es meine Haut streifte wie ein Versprechen.

Jemand war heute Nacht auf mich aufmerksam geworden.

Und in dieser Welt war es niemals sicher, bemerkt zu werden.

Ich wusste nicht, wer es war.

Und ich konnte es mir nicht leisten, es herauszufinden.

Noch nicht.

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