Kapitel 4 JERK

Isla

„Ryder, Ryder … verflucht … genau so, hör nicht auf.“

Ich drehte mich um, zog mir stöhnend das Kissen über den Kopf. Schon wieder eine andere Stimme.

Ich hatte nicht erwartet, dass er treu sein würde, aber drei Mädchen innerhalb von vierundzwanzig Stunden – in einer Kleinstadt wie unserer?

Ich wollte meinen zukünftigen Stiefbruder nicht als Frauenhelden bezeichnen. Aber mit jeder Stunde, die ich gezwungen war, seine sehr deutlich hörbare sexuelle Turnerei in den Laken mitzuerleben, passte der gläserne Schuh ein bisschen zu gut.

„Ich komme … ich bin gleich so weit.“

Ich verdrehte die Augen. Na toll. Versuch’s doch leiser, am besten ohne öffentliche Durchsage?

Ich gab die Idee auf, noch eine Stunde Schlaf zu bekommen, und tastete mit geschlossenen Augen nach meinem Handy auf dem Nachttisch.

Ich schloss die Hand darum, und als ich es hervorholte, hasste ich das Gefühl, wie mir der Magen absackte, als ich die fehlenden Benachrichtigungen sah.

Ich: Weißt du noch, wie ich dir erzählt habe, dass die Pommes und Tacos in der Cafeteria unglaublich gut sind? So gut, dass man es kaum glauben kann? Na ja, die Küchenfrau hört auf. Auf der einen Seite eröffnet sie ein Restaurant, das sind gute Nachrichten für sie, auf der anderen Seite: Meine Tacos sind dann wohl Geschichte!

Ich: Die Schule war in letzter Zeit stressig, aber nichts, womit ich nicht klarkomme. Weißt du, was meinen Tag besser machen würde? Ein Anruf von dir oder wenigstens eine Nachricht. Küsse!

Ich: Jason, bist du da? Bitte schreib mir zurück. Ich mache mir Sorgen.

Jason: Beschäftigt.

Ich: Ich verstehe das. Ich bin auch beschäftigt, ich bereite mich auf meine Zwischenprüfungen vor, aber versuch, ein, zwei Nachrichten zu schreiben.

Jason: In Ordnung

Ich: Alsooo … ich tu mich schwer, ein Oberteil für diese kleine Party auszusuchen, zu der Bianca, meine Mitbewohnerin im Wohnheim, mich eingeladen hat. Mein blaues Stricktop und die olivgrüne Baumwollbluse mit Knöpfen sind die stärksten Kandidaten.

Jason: Klingt gut.

Ich: Hab mich für olivgrün entschieden. Du hast mich in Grün immer lieber gemocht, wegen meiner Augen.

Ich: Ich habe 97 in AP Biologie bekommen! Kannst du das glauben. Wo sind meine 3 Punkte hin? Mein neuer Professor ist einfach böse.

Ich: Meine Mutter heiratet, Jason. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Bitte ruf mich an.

Ich: Die Prüfungen sind fast vorbei, und das macht mir Angst, ich weiß nicht, was mich erwartet. Sie hat gesagt, ich könnte wieder in unser Haus zurück, wenn das Einziehen beim Alpha immer noch zu plötzlich ist. Wie soll ich ihr sagen, dass es mich nur unangenehm daran erinnern würde, dass sie weg ist?

Ich: Ich komme morgen zurück. Ich habe dich vermisst. Diese Fernbeziehung ist verrückt. Ich bin froh, dass wir nur noch ein paar Wochen davon entfernt sind, uns aufeinander zu prägen, und dann wärst du mein Gefährte, den ich mir selbst ausgesucht habe, anerkannt von den Ältesten und von meiner Familie.

Ich: Ich bin ZURÜCK! Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen.

Ich: Also, unser Café heute Morgen. 8 Uhr?

Genau wie bei meinen anderen Nachrichten hatte Jason sie gelesen und nicht geantwortet.

Wir waren davon, uns über jedes noch so winzige Detail unseres Lebens zu schreiben, dahin gekommen, dass er meine Nachrichten las und sie ignorierte. Und wenn er doch antwortete, dann immer nur mit einer lustlosen Einsilbigkeit.

Ich hatte gedacht, sobald ich wieder da wäre, würde ich merken, dass die plötzliche Distanz von seiner Seite nur in meinem Kopf existierte und sich das Ganze erledigt hätte.

Aber die Tatsache, dass er auf meine letzte Nachricht, dass ich zu Hause bin, nicht reagiert hatte, füllte mich mit Angst.

Irgendetwas stimmte nicht. Unwillkürlich wanderten meine Augen zu der Foto-Collage aus verschiedenen Materialien, die an der Wand meines pastellfarbenen Zimmers festgesteckt war.

Sie war handgemacht. Ein Geschenk meiner Mutter zu meinem dreizehnten Geburtstag. Sie hatte getrocknete Blumen darauf geschichtet, eine inspirierende Notiz und eine Geburtstagskarte.

Sie war voll mit unzähligen Bildern von uns beiden; das erste zeigte mich mit neun und ihn mit zehn. Das letzte war unser jüngstes: ein Selfie, das wir einen Tag aufgenommen hatten, bevor ich zur Schule aufgebrochen war. Er lächelte, während ich mich an ihn lehnte, meine Wangen gerötet, weil er sie Sekunden vor dem Foto geküsst hatte.

Es war eines der Dinge, die ich an meinem Zimmer am meisten liebte – abgesehen von dem bodentiefen Fenster, das den Blick auf die felsige Landschaft freigab, auf der unser Haus errichtet worden war.

Ich musste ihn bald sehen. Vielleicht sogar noch heute.

Aber zuerst musste ich Frühstück machen, schließlich hatte ich einen knurrenden Mitbewohner zu füttern.

Mit einem Plan im Kopf fühlte ich mich ruhiger, während ich das Bett machte, das Tanktop und die Shorts, in denen ich geschlafen hatte, gegen etwas Anständigeres tauschte, meine Haare zu einem lockeren Dutt zusammenband und in die Küche ging.

Ich nahm eine Pfanne aus den unteren Schränken und drehte dann den Herd auf. Ich wollte Frühstück machen und zu Jason aufbrechen, bevor Ryder aus seinem Zimmer kam.

Je weniger ich mit ihm zu tun hatte, desto besser wäre es für uns beide.

Ich schaltete meinen iPod an, steckte die Ohrstöpsel ein, und innerhalb von Minuten war „Pony“ von Ginuwine alles, was ich noch hörte.

Ich summte leise vor mich hin und schüttelte den Kopf, während ich aus dem Kühlschrank holte, was ich fürs Frühstück brauchte: Speck und Eier.

Schnell und einfach. Musste reichen.

Ich warf den Speck in die zischende Pfanne und begann, die Eier aufzuschlagen.

Ich wartete noch darauf, dass der Speck knusprig und braun wurde, genau so, wie ich ihn mochte, als mir einer der Ohrstöpsel grob aus dem Ohr gerissen wurde.

Ich drehte mich um. Er stand so dicht hinter mir, dass mir der Mund trocken wurde.

Sein blondes Haar war an den Seiten kurz, oben lagen träge Wellen durcheinander; seine Augen waren halb geöffnet, und sein Gesicht verzog sich zu einer finsteren Miene, als wäre sie die Zusammenfassung seines miesen Charakters.

Und doch … und doch verstand ich, warum seine verdammte Nummer mit den wechselnden Bettgeschichten funktionierte. Mein Stiefbruder war gut aussehend. Nicht so „ganz nett“-gut aussehend, nein – eher so, dass es einen trifft.

So gut aussehend, dass man stehen bleibt, was man gerade tut, und starrt. Diese volle Unterlippe und das unwirkliche Verhältnis von Wangenknochen und Kieferlinie – ganz zu schweigen von dem gebräunten, durchtrainierten Körper – damit hätte er die meisten Mädchen um den Finger gewickelt.

Bis er den Mund aufmachte.

„Ich hab mit dir geredet, kleine Pip“, sagte er mit gerunzelter Stirn und starrte auf meinen Ohrstöpsel. „Und was hast du da überhaupt gehört?“

Seine Absicht ahnend, griff ich schon nach meinem iPod, um die Musik auszuschalten, aber der Ohrstöpsel steckte ihm bereits im Ohr, bevor ich ihn erreichen konnte.

Er stand ein oder zwei Minuten wie angewurzelt da, völlig verwirrt, dann zog er den Ohrstöpsel langsam heraus und hob den Blick – und sah mich an, als würde er mich zum ersten Mal überhaupt sehen.

Ich pausierte die Musik und nahm ihm meine Ohrstöpsel aus der Hand.

„Weiß deine Mutter, dass du es liebst, wenn er dir die Klamotten vom Leib reißt?“, fragte er, seine Augen funkelten vor Belustigung, während er die Zeile aus „Sweat“ von Zayn zitierte.

„Halt die Klappe“, gab ich schwach zurück. Dann ließ ich meine schwarzen Locken wie einen Vorhang vor mein glühendes Gesicht fallen und machte mich demonstrativ daran, für uns Essen auf einen Teller zu richten. „Das ist nur Musik.“

Er schnappte sich eine Flasche Wasser und kippte sie direkt aus dem Behälter hinunter, und obwohl es mich nervte, beschloss ich, nicht zu riskieren, ein zweites Mal an die Arbeitsplatte gedrückt zu werden, nur weil er offensichtlich allergisch gegen Gläser war.

„Das ist erotische Musik. Du siehst nicht aus wie der Typ dafür“, kommentierte er.

Widerwillig reichte ich ihm einen Teller, in der Hoffnung, ihn damit ruhigzustellen, damit ich abhauen konnte. Aber in dem Moment, in dem ich mich umdrehte, lag seine Hand auf meinen Schultern, als hätte er es kommen sehen.

Ich wandte mich zu ihm um.

„Ich lade Freunde ein. Geh nach oben und zieh dir etwas an, das weniger … trist ist“, sagte er, der Blick betont auf meinem übergroßen, bequemen Sweatshirt. „Wir gehen einkaufen.“

„Ich hab was vor“, krächzte ich.

„Verschieb es.“


„Du weißt schon, du könntest anbieten, eine Tasche zu tragen oder so“, sagte ich mit einem Augenrollen, außer Atem, während ich die zwei riesigen Einkaufstüten hielt. Ich fragte mich, warum er sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, mich zum Kochen zu verdonnern, wenn fast alles in den Taschen Alkohol war.

Ich war immer noch wütend, dass er meinen Plan durchkreuzt hatte, zu Jason zu verschwinden.

„Warum?“, fragte er, die Hände in den Taschen, während er neben mir herging. „Wenn ich das Essen bezahle, solltest du lernen, deinen Teil der Hausarbeit zu übernehmen.“

Ich biss die Zähne zusammen. „Ich hab dich nicht gebeten, die Einkäufe zu bezahlen. Ich hab auch Geld.“

„Ach ja?“, zog er das Wort in die Länge. „Also sind deine abgelegten Klamotten eine modische Entscheidung? Mutig.“

Ich machte mir nicht die Mühe, ihm zu erklären, dass das blaue gestrickte Oberteil, das ich trug, tatsächlich nicht abgelegt war, aber seit ich in die Pubertät gekommen war, fühlte ich mich in Kleidung wohler, die eher etwas größer ausfiel.

Ich bezweifelte, dass er das kapieren würde.

Denn wenn er vorbeiging, starrten die Leute – und er wirkte ungerührt, als hätte er ein Leben lang Zeit gehabt, sich an die Aufmerksamkeit zu gewöhnen, die sein Aussehen mit sich brachte.

Ich nicht. In einem Moment war ich noch ein Kind gewesen, das mit Steinen spielte und auf Bäume kletterte, und im nächsten starrten Männer beim Reden nur noch auf meine Brust, obwohl meine Augen deutlich weiter oben waren.

Er seufzte und griff dann nach einer Tasche – die hauptsächlich mit Gemüse und Lebensmitteln vollgestopft war und deshalb leichter. „Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit, mich deinem Schildkrötentempo anzupassen. Mach hin“, sagte er und verdoppelte sein Tempo.

Ich funkelte seinem Rücken hinterher, als ich losjoggte, um mit seinen langen Schritten mitzuhalten. Arschloch.

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