Kapitel Sechs

DRAVEN

Eine Hand packt meinen Arm und ich werde aus dem Truck gerissen. „Tschüss!“, blafft Domonic in Richtung Bart, bevor er die Tür zuschlägt. Bart setzt rückwärts aus der Einfahrt, als hinge sein Leben davon ab, und ich funkele Domonic finster an.

Ich schüttele seine Hand von meinem Arm ab und frage: „Was zur Hölle ist dein Problem?“

Er kocht vor Wut. Starrt mich an, als wäre ich irgendein hinterhältiges Flittchen. Man könnte meinen, ich hätte gerade seinen Welpen ermordet oder so.

„Du hast ihn geküsst“, sagt er mit kalter, emotionsloser Stimme.

Ich schnaube. Ernsthaft? „Ähm, ja. Habe ich. Na und? Er ist mein Freund, und wenn er nicht wäre, säße ich jetzt in irgendeinem miesen Motel und würde auf den Tod warten.“

Bart ist der Einzige, den ich küssen sollte!

Domonic lacht verächtlich auf, seine grauen Augen verdunkeln sich vor Abscheu. „Er ist dein Freund? Du kennst ihn doch gar nicht.“

„Hast du mir das hier nur angeboten, damit du mich allein erwischen und deinen Hass über mir ausschütten kannst?“ Ich starre ihn an und schüttele den Kopf über so viel Dreistigkeit. „Ich kenne dich auch nicht, und trotzdem sind wir hier.“ Es ist eiskalt und ich stehe hier draußen und zittere, nur damit dieser Idiot auf mich herabsehen kann. „Gehen wir rein oder was?“, fordere ich ihn heraus.

Seine Augen funkeln und wechseln im Bruchteil einer Sekunde von Eis zu Feuer. „Wir?“ Er grinst anzüglich, kommt einen Schritt näher auf die Veranda und lässt seinen Blick langsam und unverwandt an meinem Körper hinabwandern.

Meine Wangen werden heiß. Die Haut glüht förmlich unter seinem Blick. Ich weiche einen Schritt zurück. „Ich nehme an, du zeigst mir die Unterkunft.“

Er seufzt, sein kühler grauer Blick streift kurz mein Haar, bevor er einen Schlüssel aus der Tasche zieht. „Hier. Alles funktioniert und ist vom Feinsten. Frühstück gibt es punkt neun Uhr. Komm nicht zu spät.“

Dann dreht er sich um und geht zu seiner Hintertür, wo zufälligerweise Margo auf ihn wartet – bekleidet mit nichts als einem langen Seidenmorgenmantel.

Widerlich.

Wut nagt an meinen Nerven. Ich verfluche mich selbst, dass ich sein Flirten vorhin zugelassen habe. „Ich frühstücke nicht mit dir und deiner Freundin“, sage ich, drehe mich um und schließe die Tür auf.

Der Schlüssel gleitet sanft ins Schloss, und als die Tür offen ist und ich eintrete, wird der Flur von weichem Licht geflutet.

Schön.

Als ich mich umdrehe, um die Tür zu schließen, schreie ich auf. Domonic steht im Eingangsbereich direkt hinter mir. Ich habe nicht einmal gehört, wie er herangekommen ist.

Er grinst, schließt die Tür hinter sich und kommt langsam auf mich zu, wie ein Raubtier. „Sie ist nicht meine Freundin und ich wollte sie gerade nach Hause bringen“, teilt er mir mit, in einer tiefen, verführerischen Stimme. Eine Stimme, die meinen Atem etwas schneller gehen lässt als zuvor.

„Oh“, zische ich und gehe rückwärts, immer weiter, bis ich mit den Rückseiten meiner jeansbekleideten Beine gegen das weiche Ledersofa stoße. „Ist mir egal“, lüge ich.

Er kommt weiter auf mich zu, sein Kiefer mahlt vor Ärger, bevor er stehen bleibt und etwa fünfzehn Zentimeter Abstand zwischen uns lässt. Sein Gesicht wird ernst. Er blickt sich mit den Händen in den Taschen um und sagt: „Ich weiß, es sind viele Fenster, aber wenn du den Schalter an der Wand drückst, gehen die Jalousien runter.“

Ich nicke und lasse meinen Rucksack auf das Sofa fallen. „Gut zu wissen. Du kannst jetzt gehen“, hauche ich.

Er räuspert sich, seine Augen wandern langsam umher, aber er macht keine Anstalten zu gehen. „Du stehst nicht auf Bartlett, oder?“

Ich wollte gerade etwas Gemeines und Zweideutiges sagen, aber der Ausdruck in seinen Augen hält mich davon ab. Er wirkt unsicher, sogar ein bisschen nervös. Es war fast süß. Scheiße. Es war mehr als süß.

„Nein, ich stehe nicht auf Bart“, antworte ich leise, meine Schultern entspannen sich durch die Wärme, die sein Körper ausstrahlt.

Er verlagert sein Gewicht und kommt mir noch ein Stück näher. Ein halbes Lächeln lässt ein Grübchen auf seiner Wange erscheinen, während er auf mich herabsieht. Das warme Gelb des Raumes lässt seine Augen eher golden als grau wirken. „Also gut“, seufzt er und geht rückwärts zur Haustür. „Denk dran, punkt neun Uhr. Wenn du mich zwingst, dich zu holen, werde ich nackt sein.“

Ich antworte überhaupt nicht.

In dem Fall komme ich vielleicht absichtlich zu spät.

Droh mir nicht, Freundchen.

Sobald er die Tür erreicht, dreht er sich um und geht hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich verschwende keine Zeit, schließe hinter ihm ab und drücke den Schalter, um auch alle Fenster abzudunkeln.Ich drehe mich um, blicke zur Küche und beschließe nachzusehen, was der Kühlschrank hergibt. Zu meiner Überraschung ist er tatsächlich prall gefüllt, und auf einer der Ablagen steht ein Teller, der mit Frischhaltefolie abgedeckt ist. Vorne klebt ein kleiner Zettel, der mich wie eine verdammte Idiotin grinsen lässt.

Auf dem Zettel steht:

Du hast das Abendessen verpasst.

Ich grinse bis über beide Ohren wie eine Verrückte und werfe einen sehnsüchtigen Blick zur Eingangstür. Dann beiße ich mir auf die Lippe, hole den Teller heraus und schiebe ihn in die Mikrowelle.

Vielleicht ... ist er gar nicht so übel.

Vielleicht ... wird das Leben hier tatsächlich funktionieren.

DOMONIC

Ich beobachte sie schon seit einer Stunde beim Schlafen und kann mich immer noch nicht dazu zwingen, zur Tür hinauszugehen. Wie ich vermutet hatte, hat sie alle Fenster der Wohnung verhängt. Anstatt sie also von meinem Schlafzimmer aus zu beobachten, wie ich es wollte, musste ich mich wie ein Spanner hier einschleichen.

Jetzt kann ich meinen Blick nicht mehr von ihr abwenden.

Bartlett hatte recht. Sie ist übersät mit blauen Flecken. Ihre Arme, ihre Schultern, ihr Hals. Und nicht die Art von Flecken, die von gewöhnlichen Verletzungen stammen. Nein. Das sind Spuren roher Gewalt. Die Art, die entsteht, wenn man gepackt wird – oder – wenn man gegen seinen Willen festgehalten wird.

Ich hätte mich nicht hier hereinschleichen sollen, aber ich wollte sie mit eigenen Augen sehen. Ich musste sie sehen.

Es gefällt mir nicht – was ich fühle, ist gefährlich. Ich mache Bartlett keinen völligen Vorwurf daraus, dass er meinen Befehl missachtet hat, sie loszuwerden, aber nur aufgrund ihrer Umstände. Und in ebenjener Hinsicht musste ich sicherstellen, dass ich derjenige bin, der für ihre Sicherheit verantwortlich ist.

Wenn diese Verantwortung irgendjemandem obliegt, dann mir.

Ich gebe zu, dieses schmerzhafte Pochen der Sehnsucht, das den ganzen Tag in mir vibrierte, war nur noch schlimmer geworden, bevor ich heute Abend wieder in der Bar ankam. Ich war darauf vorbereitet, damit umzugehen, zumindest hatte ich das gehofft. Als ich also sah, dass sie tatsächlich immer noch da war und nicht gegangen war, war ich stinksauer. Aber ... ich war auch erleichtert. Denn der Druck in meiner Brust schien sich in dem Moment, als ich sie hinter der Bar erblickte, eher in ein lustvolles Ziehen zu verwandeln als in einen Schmerz.

Mit einem leisen Seufzer bewegt sie sich im Schlaf, dreht sich um und streckt ein Bein unter der Decke hervor. Mein Körper beginnt vor Wut zu beben beim Anblick dessen, was ihre wunderschöne Haut verunstaltet – und an welchen Stellen.

Jemand hat ihr übel mitgespielt, und ich muss hier raus, sonst drehe ich durch.

So leise wie möglich decke ich sie zu, und bevor ich mich stoppen kann, fahre ich mit den Fingern über ihre weichen Lippen.

„Ich will dich nicht hier haben“, flüstere ich. „Aber ich kann dich auch nicht gehen lassen. Zumindest noch nicht.“

Zuerst muss ich die Bedrohung für ihr Überleben beseitigen. Dann werde ich sie gehen lassen. Das werde ich müssen.

Wie ein Schatten in der Nacht verschmelze ich wieder mit der Dunkelheit und werfe einen letzten Blick auf ihr perfektes Gesicht. Dann verlasse ich die Wohnung und gehe zurück in mein Haus, wohl wissend, dass ich den Rest der Nacht kein Auge zutun werde.

Sie ist zu nah, aber gleichzeitig nicht nah genug.

Wie ist ihre Mutter gestorben?

Ich muss alles über sie herausfinden, was ich kann. Ich will wissen, woher sie kommt. Ich muss wissen, wer ihr Stiefvater ist, was er ihr angetan hat und warum.

Ich schreibe Rainier eine Nachricht und sage ihm, er soll mich morgen Mittag im Club treffen. Ich werde ihn darauf ansetzen, genau herauszufinden, wer Miss Draven Piccoli ist. Ich muss das alles vor dem nächsten Vollmond erledigt haben.

Ein Blick auf die Uhr auf dem Kaminsims verrät mir, dass es bereits fünf Uhr morgens ist. Ich starre finster auf mein Bett und den Körper, der dort liegt. Margo ist ein Nichts im Vergleich zu der sexy schwarzhaarigen Schönheit, die auf so beunruhigende Weise in mein Leben getreten ist.

Wenn ich bedenke, dass ich Margo erst gestern genau hier in diesem Zimmer gefickt habe.

Jetzt reicht schon die Erinnerung daran, dass sich mir der Magen umdreht.

Ich werde mich nicht zu ihr legen. Ich kann nicht.

Ich starre auf mein Handy und buche die frühestmögliche Fahrt, um Margo nach Hause schicken zu lassen. Dann zucke ich mit den Schultern und betätige den Schalter, um die Jalousien an allen Fenstern meines Zimmers hochzufahren. Ich könnte versuchen mir einzureden, dass ich es getan habe, um die Wohnung von meinem Zimmer aus im Auge zu behalten, aber das wäre eine Lüge.

Ich habe es getan, weil ich nicht wollte, dass Draven hierherübersieht und sich fragt, ob ich vielleicht gerade Margo ficke.

Ich will, dass das Mädchen, das ich mich weigere zu behalten, weiß, dass es niemanden außer ihr gibt.

Gott, bin ich bescheuert.

Ich schätze, ich sollte anfangen, Frühstück zu machen.

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