Kapitel 2
Perspektive von Wren
Durch die Wucht des Schlags fliegt mein Kopf zur Seite und ich schlage die Hände vors Gesicht. In diesem Moment kommen die Tränen. In unkontrollierbaren Wellen strömen sie mir über die Wangen.
Ich grabe meine Hand in die Torte und schleudere ihm eine Handvoll entgegen, was ich sofort bereue, als ich den unbeeindruckten Ausdruck in seinen Augen sehe.
Die Röte kriecht seinen Hals hinauf bis ins Gesicht, seine Hände ballen sich an den Seiten zu Fäusten.
Seine großen Hände packen mich an den Schultern. „Bist du eigentlich völlig übergeschnappt?“, zischt er und schüttelt mich heftig, während sich seine Finger in meine Haut bohren.
„Lass mich los!“ Ich packe ihn, trete nach ihm und wehre mich gegen seinen Griff.
„Ich habe dir schon vor Minuten gesagt, dass du verschwinden sollst, aber du hast nicht auf mich gehört“, sagt er. „Jetzt werde ich dafür sorgen, dass du gehst.“
Er stößt mich zu Boden. Ich lande mit einem dumpfen Stöhnen, und die Luft wird mir aus den Lungen gepresst.
„Oh mein Gott! Jemand muss den Sicherheitsdienst rufen!“, schreit jemand, und im nächsten Moment eilen mir Leute zu Hilfe.
Es gelingt ihnen, Tristan von mir wegzuzerren, bevor er noch einmal zuschlagen kann. Ich werde unsanft umringt und liege unter einem Meer aus Absätzen, Lederschuhen und Pailletten, während ich bete, nicht niedergetrampelt zu werden.
Ich rolle mich zusammen, die Menge zerstreut sich langsam, und ich schluchze auf. Meine Lunge schnürt sich zusammen, als mir die Erinnerungen an meinen süßen Tristan durch den Kopf schießen. Ich frage mich, wo er geblieben ist.
Oder ob dieser grausame Tristan schon die ganze Zeit da war und ich nur zu blind gewesen war, um es zu sehen.
„Stehen Sie auf, Ma'am.“ Zwei Sicherheitsleute zerren mich unsanft vom Boden hoch.
Mein Blick findet sofort Tristan. Er sitzt am anderen Ende des Raumes, über und über mit Torte beschmiert, während seine Braut und andere aufgeregt um ihn herumschwirren.
Er starrt mich finster an, und wenn Blicke töten könnten … läge ich längst unter der Erde.
Während ich aus dem Garten und aus dem Hotel geschleift werde, kreist in meinem Kopf nur eine einzige Frage: Warum?
„Wren, du meine Güte.“ Judi rennt auf mich zu. „Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.“
„Kennen Sie die Frau?“, fragt sie einer der Sicherheitsmänner.
Sie nickt. „Natürlich, sie ist eine Freundin von mir. Ich kümmere mich jetzt um sie.“
Sie übergeben mich in Judis Arme und ich breche zusammen, wobei ich uns beide beinahe zu Boden reiße. Judi packt fest zu, und wir schaffen es irgendwie heil zu ihrem Auto.
Sie fährt vom Hotelgelände.
„W-warum?“ Meine Stimme bricht, und die Tränen brennen auf dem Striemen an meiner Wange. „Ich v-verstehe das nicht.“
Sie greift herüber und drückt meine Hand. „Er ist ein furchtbarer Mensch, Wren. Er hat dich als Idiotin dastehen lassen, dich geschlagen und gedemütigt.“
„W-war das schon in den Medien?“, frage ich entsetzt.
Der Blick, den sie mir zuwirft, bringt mich sofort wieder zum Heulen. Ich krame hektisch nach meinem Handy, und da ist es … das komplette Video.
„Ich bin ein … Meme?“ Ich starre fassungslos vor mich hin.
Judi brummt leise. „Lies dir nicht die Kommentare durch.“
Die Kommentarspalte verschwimmt durch meine Tränen, was meine Legasthenie nur noch schlimmer macht, also schalte ich das Handy aus.
Das Auto rollt langsam in meiner Einfahrt zum Stehen. Ich bleibe einfach sitzen und lehne den Kopf gegen die Scheibe.
„Ich … ich …“ Ich wische mir grob die Tränen weg und schniefe. „Ich verstehe das einfach nicht, Judi. Wir haben doch gestern Abend noch miteinander geredet.“
„Ich verstehe es auch nicht, aber ich meine … er hat dich geschlagen, Wren“, sagt sie zu mir. „Ich würde sagen: Gut, dass du ihn los bist.“
Bei dieser Erinnerung fasse ich mir an die Wange. Sie ist immer noch empfindlich, tut immer noch weh. „Es sieht schlimm aus, oder?“
Ich bin mir sicher, dass dort die roten Abdrücke seiner Finger prangen, dafür muss ich gar nicht erst nachsehen. Judi antwortet nicht. Stattdessen kramt sie in ihrer Handtasche und reicht mir eine Salbe.
„Ich liebe ihn, Judi.“ Eine weitere Träne löst sich.
Sie beugt sich über die Mittelkonsole und zieht mich in eine Umarmung. „Ich weiß. Ich weiß, dass du das tust, und ich weiß, wie sehr das wehtut. Es tut mir so unendlich leid.“
Ich klammere mich fester an sie und schluchze in ihre Halsbeuge.
Wo soll ich überhaupt anfangen? Ich hatte alles so gut im Griff. Ich hatte das perfekte Leben, den perfekten Verlobten ... Ich sollte Ehefrau werden!
Und jetzt stehe ich wieder ganz am Anfang. Mein perfektes Leben ist direkt vor meinen Augen in tausend Stücke zersprungen.
„Komm schon.“ Judi löst sich aus der Umarmung. „Lass uns reingehen und uns um deine blauen Flecken kümmern.“
Tristan hat mir das angetan. Mein Verlobter – Ex-Verlobter – hat mir das angetan. Ich stehe vor dem Spiegel und starre auf mein Spiegelbild.
Der Schmerz an meiner Wange hat nachgelassen, aber die Rötung ist immer noch unübersehbar. Meine Lippe ist aufgeplatzt, mein Handgelenk schmerzt und kleine Pflaster zieren meinen Arm und meine Handrücken.
Judi hat mich verarztet, bevor sie vor ein paar Minuten gegangen ist.
Mit einem Seufzer verlasse ich das Badezimmer, schlüpfe in einen bequemen Schlafanzug und kuschle mich in meine Kissen.
Mein Herz tut weh, mein Körper tut weh ... Alles tut weh.
Ich wische auf meinem Handy durch Bilder von Tristan und mir und frage mich, was schiefgelaufen ist. Unser Gespräch von letzter Nacht spielt sich in meinem Kopf ab.
„Ich liebe dich, Wren. So sehr!“, hatte er gestern Abend gesagt.
„Ich kann es kaum erwarten, dich zu heiraten.“ Das hatte er mir gesagt.
Wo ist alles den Bach runtergegangen? Tränen rinnen aus meinen Augenwinkeln und rollen in meine Haare. Aber ich höre nicht auf zu wischen.
Während ich in Erinnerungen schwelge, ploppt eine E-Mail-Benachrichtigung auf. Zur gleichen Zeit klingelt mein Handy.
Ich schniefe und nehme beim zweiten Klingeln ab, ohne mir die Mühe zu machen, die verdrehten Buchstaben und Zahlen auf meinem Bildschirm zu entziffern.
„Hallo.“ Meine Stimme ist leise und belegt vor Emotionen.
„Hey, Vögelchen.“
Ich erstarre, mein Atem stockt. Ruckartig setze ich mich auf, meine Hände zittern.
Dieser Spitzname, diese Stimme.
„Ray?“, flüstere ich gebrochen, und mir steigen erneut Tränen in die Augen.
Ich habe seit Jahren nichts mehr von meinem großen Bruder gehört. Seit ich nach Seattle gezogen bin, ruft er nur noch an meinen Geburtstagen an.
Heute ist nicht mein Geburtstag, aber ich schätze, er hat den ganzen Aufruhr in den sozialen Medien mitbekommen.
„Du musst nach Hause kommen, Vögelchen“, sagt er.
„Was? Warum?“, stammle ich. „Ich glaube nicht, dass das, was passiert ist, ausreicht, um mich zurück nach New Orleans zu schleifen, Ray –“
„Dad ist ... tot, Wren.“
Mein Atem setzt aus. „W-was?“
„Ja. Letzte Nacht. Man hat ihn heute Morgen gefunden.“
Ich kneife die Augen zusammen. „Wie? Warum? Wer?“
„Ich weiß es noch nicht, aber Vögelchen, hör gut zu“, sagt er. „Ich habe dir das Flugticket per E-Mail geschickt, also mach dir keinen Stress damit, das alles durchzulesen. Was zählt, ist das hier: Dein Flug geht morgen früh um elf Uhr vom Flughafen Seattle. Verstanden?“
Ich nicke, das Herz pocht mir in der Brust. „J-ja, elf Uhr, verstanden.“
Alles passiert so schnell, ich komme kaum hinterher.
„Es ist Alaska Airlines, Flug 219. Merk dir einfach diese Nummer: zwei-eins-neun. Sag sie mir nach.“
„Zwei-eins-neun, Alaska Airlines. Elf Uhr.“
„Gut, sei spätestens um neun dort. Du musst dich um nichts anderes kümmern. Zeig einfach der Dame am Schalter das Ticket auf deinem Handy, und sie wird dir sagen, wo du hinmusst“, sagt er. „Ich werde am Flughafen in New Orleans auf dich warten, wenn du landest. Du kannst mich nicht verfehlen.“
Ich seufze. „Ja, es sei denn, die Buchstaben verdrehen sich und ich lande in Nebraska.“
Er lacht leise. „Entspann dich, Vögelchen. Du schaffst das schon. Halt einfach dein Handy aufgeladen und geh ran, wenn ich anrufe, in Ordnung?“
„Okay“, antworte ich zittrig. „In Ordnung.“
„Bis bald.“
Bevor ich antworten kann, legt er auf.
Ich blinzle die Wand an. Ich sollte traurig sein, verletzt, aber das bin ich nicht.
Schock, Überraschung, alles trifft mich auf einmal.
Mein Dad ist ... tot?
