Kapitel 3
Perspektive von Wren
In dem Moment, in dem ich in die Lobby trete, kommt ein Anruf rein – von meinem Bruder, nehme ich an.
„Ray, hi.“ Ich nehme ab und ziehe mein Gepäck hinter mir her, während mein Blick über die Gesichter huscht und nach ihm sucht. „Ich bin in der Lobby.“
„Kleiner Vogel“, ertönt die Stimme.
Nicht die Stimme meines Bruders, aber ich würde diesen tiefen Bariton selbst im Schlaf erkennen. Mir gefriert das Blut in den Adern.
Ich reiße das Handy vom Ohr und starre auf das Gewirr aus Zahlen auf meinem Display.
„Ezra“, sage ich trocken. „Was willst du?“
„Dein Bruder hat mich gebeten, dich abzuholen“, antwortet er und klingt dabei so selbstgefällig wie eh und je.
Ich spanne den Kiefer an. „Du machst Witze.“
„Nö“, lacht er leise, und das Geräusch macht mich rasend. „Ich sehe dich. Schau nach links.“
Instinktiv tue ich das. Mein Blick findet ihn sofort; mit langen Schritten kommt er auf mich zu.
Ezra Jax, der beste Freund und die rechte Hand meines Bruders. Ich beiße die Zähne zusammen, als er näher kommt und mich überragt.
„Vögelchen.“ Seine Lippen verziehen sich zu seinem berühmten süffisanten Grinsen.
Ich funkle ihn finster an. „Ich dachte, Raymond holt mich ab.“
„Raymond hatte zu tun. Du kriegst mich.“ Seine Stimme wird tiefer, und seine vertrauten grauen Augen gleiten an meinem Körper herab. „Kann nicht behaupten, dass es schön ist, dich zu sehen.“
Er hat sich verändert, stelle ich fest. Es sind noch mehr Tattoos auf seinem Körper dazugekommen, die seine Arme und seinen Hals hinaufkriechen. Außerdem ist er breiter geworden, seine Arme sind massiger als früher.
Aber das Schlimmste ist ... er ist noch attraktiver als bei unserem letzten Treffen.
Und er trägt seine MC-Kutte, die Lederweste hat immer noch seinen „VP“-Aufnäher. Manche Dinge haben sich wohl nicht geändert.
„Gleichfalls“, erwidere ich augenrollend.
Seine Lippen zucken, und er hilft mir mit meinem Gepäck. „Hattest du einen guten Flug?“
„Ich bin sicher gelandet, oder nicht?“
„Verdammt“, pfeift er. „Der Vogel hat Krallen bekommen. Vielleicht sollte ich deinen Spitznamen in Kätzchen ändern.“
Wegen meines Namens Wren – was eine Vogelart ist – haben mein Bruder und Ezra beschlossen, dass Vogel-Spitznamen genau das Richtige für mich sind.
Wie originell.
„Mir wäre es lieber, du nennst mich einfach Wren.“
„Das würde doch keinen Spaß machen, oder?“
Ezra und ich sind ... Feinde. Wir können uns absolut nicht ausstehen, das war schon immer so. Aber manchmal ist es schwer, jemanden wirklich zu hassen, der ständig in der Nähe ist.
Wir treten aus dem Flughafen, und das kehlige Grollen von Motoren ist das Erste, was ich höre, bevor ich sie sehe.
Mir klappt der Mund auf.
Ein halbes Dutzend Motorräder umringt den schnittigen schwarzen Camaro. Die Fahrer tragen Leder und haben den vertrauten Raven Reapers-Aufnäher auf dem Rücken ihrer Kutten, ähnlich wie Ezra.
„Du konntest nicht einfach allein kommen, wie ein normaler Mensch?“, murmle ich, während meine Wangen unter den Blicken, die ich ernte, rot anlaufen.
Er grinst spöttisch. „Willkommen zurück in New Orleans, kleiner Vogel. Du hast wohl vergessen, dass wir hier nicht auf normal machen.“
Natürlich. Wie anmaßend von mir, das anzunehmen.
Er öffnet mir die Beifahrertür. „Nach dir.“
Sobald ich hineingleite, fällt die Tür ins Schloss und die Motorräder gehen in Formation. Sie flankieren den Wagen, als Ezra vom Flughafengelände fährt.
Die Fahrt verläuft schweigend, bis Ezra die Stille bricht.
„Hab dich im Internet gesehen“, sagt er und sein Blick wandert zu dem Ring, der noch immer an meinem Finger steckt.
Ich drehe ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. „Ja ... ich glaube nicht, dass ich darüber reden möchte.“
„Bist du traurig deswegen?“
„Ganz und gar nicht, Ezra. Ich mache Luftsprünge vor Freude“, erwidere ich.
Er schürzt die Lippen, und ich fahre fort: „Mein Leben wurde in Sekundenschnelle in Stücke gerissen, all meine Pläne durchkreuzt. Also nein, Ezra, ich bin überhaupt nicht traurig.“
„Wenn es dich tröstet: Er hat dich nicht verdient. Er ist ein ...“
„Bitte hör auf“, sage ich. „Alle versuchen ständig, mich zu beschwichtigen, und das ist nicht das, was ich brauche.“
„Was brauchst du dann?“
Ich seufze genervt. „Was ich nicht brauche, ist, dass du mir auf die Nerven gehst, Ezra.“
„Ich passe nur auf dich auf, als Rays kleine Schwester.“
„Genau. Ich bin dir völlig egal. Du bist nur so zuvorkommend, weil mein Bruder dein bester Freund ist ...“
„Das ist nicht wahr, Wren.“ Er sieht zu mir herüber, sein Blick ist hart. „Und das weißt du auch.“
„Egal.“ Ich zucke mit den Schultern. „Alles ging so schnell, dann hat Ray mich zurück nach Hause geholt, also hatte ich gar keine Zeit, es sacken zu lassen. Ich schätze, das ist genau das, was ich brauche … um es zu verarbeiten.“
Er brummt. „Schätze schon.“
„Ja …“ Meine Stimme verliert sich. „Weißt du übrigens, was mit meinem Dad passiert ist?“
Seine Hände schließen sich kurz fester um das Lenkrad. „Ray sagt, es sah so aus, als wäre er erst aufgemischt und dann erschossen worden.“
Ich verziehe das Gesicht, als das Bild vor meinem inneren Auge auftaucht. „Wer tut so etwas, und warum?“
„Keine Ahnung.“ Er zuckt mit den Schultern. „Aber dein Dad hatte bei vielen Leuten Schulden. Ich schätze, einer von ihnen hatte endgültig die Geduld verloren.“
Mein Dad steckte chronisch in den Schulden, war Alkoholiker und spielsüchtig. Er war nicht der beste Dad der Welt, und es ist traurig, dass er auf diese Weise sterben musste.
Aber gewissermaßen ist es auch eine Erleichterung. Als wäre mir plötzlich eine Last von den Schultern genommen worden. Zumindest haben die Leute, denen er Geld schuldete, es nicht auf mich oder meinen Bruder abgesehen. Das war einer der Gründe, warum ich New Orleans verlassen hatte.
„Es ist ziemlich … bedauerlich“, sage ich.
„Mein Beileid“, sagt Ezra mitfühlend.
Ich antworte nicht, und der Rest der Fahrt verläuft ohne Zwischenfälle. Und schweigend.
Der Bass wummert mir schon entgegen, bevor die Türen überhaupt aufgehen, und gedämpfte Rockmusik vibriert durch das Clubhaus. Ezra stößt sie auf und wir treten ein.
Alle Köpfe drehen sich zu mir um; die Musik läuft weiter, aber die Gespräche verstummen. Bekannte und fremde Gesichter blicken mir entgegen.
Der Geruch von Whiskey, Motoröl und Rauch liegt in der Luft. Ich atme tief ein, während meine Augen den vertrauten Raum in sich aufnehmen, und ein Gefühl von Nostalgie überrollt mich.
„Chirp!“
Ich entdecke meinen Bruder am Fuß der Treppe, die Arme weit ausgebreitet. Ein aufgeregter Laut entweicht meinen Lippen und ich renne auf ihn zu.
„Ray!“ Wir prallen aufeinander, meine Arme schlingen sich fest um ihn und drücken ihn an mich. „Oh mein Gott, ich habe dich so sehr vermisst.“
„Ich dich auch.“ Er drückt mich ein Stück zurück und hält mich auf Armlänge. „Sieh dich an, meine Güte. Wo ist meine kleine Schwester geblieben?“
Übertrieben suchend lässt er den Blick durch den Raum schweifen.
„Du aber auch“, lache ich. „Du bist viel breiter geworden, Ray. Wow.“
Ich falle ihm noch einmal um den Hals. Er wiegt mich in seinen Armen und drückt mir Küsse auf den Scheitel.
Schließlich lösen wir uns voneinander, mit breitem Lächeln auf den Gesichtern.
„Leute!“, ruft er. Die Musik stoppt, alle Augen richten sich auf uns – na ja … auf ihn. „Das ist Chirp –“
Ich boxe ihm gegen die Brust.
„Wren!“, korrigiert er sich. „Das ist Wren, meine kleine Schwester, für diejenigen von euch, die sie noch nicht kennen. Wren, das sind … alle zusammen.“
Ein Lachen entweicht mir und ich hebe kurz die Hand zum Gruß. „Hallo zusammen.“
„Hallo, Wren“, schallt es im Chor zurück.
„EJ“, ruft mein Bruder Ezra zu, der einer mir nur allzu bekannten Rothaarigen gerade die Zunge in den Hals steckt. Als sie sich umdreht, spannt sich mein Kiefer an.
Brittany, meine ehemalige beste Freundin. In diesen Erinnerungen will ich gar nicht erst kramen.
„Ja?“ Ezra kommt auf uns zugejoggt, Brittany folgt ihm wie eine Klette.
„Wren wird in meinem alten Zimmer unterkommen. Bitte hilf ihr, sich einzurichten“, sagt Ray.
„Alles klar –“
„Warte“, unterbreche ich ihn. „Dein altes Zimmer … ist das nicht der Trakt, in dem Ezra wohnt?“
Ray nickt. „Ja, ihr beide seid dann die Einzigen in diesem Trakt.“
„Auf gar keinen Fall, Ray“, zische ich.
Er wuschelt mir durchs Haar. „Ich weiß, dass EJ und du nicht gerade die beste Meinung voneinander habt, aber er ist der Einzige, dem ich in deiner Nähe vertraue. Er wird auf dich aufpassen.“
„Und wer passt auf ihn auf?“, frage ich.
Ezra runzelt die Stirn. „Wovor?“
„Vor mir“, erwidere ich.
Beide brechen in schallendes Gelächter aus, aber ich verziehe keine Miene.
Ray schaut auf seine Armbanduhr. „Ich muss los, Chirp. Wir sehen uns später.“ Er drückt mich noch einmal und verschwindet dann mit ein paar anderen Bikern.
„Komm schon, Vögelchen“, sagt Ezra. „Keine Sorge, ich beiße nicht …“ Er zieht eine Augenbraue in die Höhe. „… es sei denn, du stehst drauf.“
„Das ist ja widerlich.“ Ich täusche ein Würgen vor. „Reißt du so Frauen wie Brit auf?“
Brittany funkelt mich böse an und ich funkele zurück. Schön zu sehen, dass wir uns in der Hinsicht immer noch einig sind.
„Nö“, antwortet er, „nur Frauen, die Wren heißen.“
