Kapitel 4
Perspektive von Ezra
„Wirst du nicht danke sagen?“, frage ich.
Sie blinzelt mich an. „Wofür?“
„Dafür, dass ich dein Gepäck diese Treppe hochgeschleppt habe, dafür, dass ich dir geholfen habe, Wren“, erwidere ich mit einem Schnauben, fassungslos.
„Ich bin mir sicher, dass du hier jede Menge Dank bekommst, Ezra“, entgegnet sie. „Wenn ich dir keinen ausspreche, wirst du schon nicht sterben.“
Wren schlägt mir die Tür vor der Nase zu, und meine Lippen zucken.
Tja ... fick mein Leben.
Verschwunden ist die errötende Einundzwanzigjährige mit dem Pony, und an ihre Stelle ist ein vierundzwanzigjähriges, temperamentvolles Luder getreten.
Jetzt, wo Wren zurück ist und offensichtlich ein ziemlich loses Mundwerk hat, steht mir ein Höllenritt bevor.
Wren konnte mich noch nie leiden, und ich habe keine Ahnung, warum. Oder vielleicht doch. Es war jedoch nicht immer so. Ich bilde mir gern ein, dass wir früher mal Freunde waren.
Und ganz plötzlich hat sie einfach ... umgeschaltet. Wie ein verdammter Lichtschalter. Damals ignorierte sie mich einfach und ging mir dann aus dem Weg, bis sie nach Seattle wegging.
Jetzt ist sie wild entschlossen, mir das Leben zur Hölle zu machen, was?
Ich werfe der Tür einen letzten Blick zu und lache leise in mich hinein, bevor ich wieder nach unten an die Bar gehe.
Lizzy schiebt mir ein Glas Whiskey rüber, und ich hebe es anerkennend an.
„VP!“ Torch schlendert auf mich zu und lässt sich auf dem Barhocker neben mir nieder. „Ich wusste gar nicht, dass Prez eine Schwester hat.“
Raymond ist der President unseres Motorradclubs, der Raven Reapers. Jeder nennt ihn Prez oder Ray. Und da ich sein Vice President bin, nennen sie mich VP oder EJ – kurz für Ezra Jax.
„Tja, das wissen auch nicht viele.“ Ich zucke mit den Schultern. „Nur diejenigen, die von Anfang an hier waren, wissen von Wren.“
„War sie schon immer hier?“
„Im Clubhaus?“
Er nickt. „Ja.“
„Ziemlich. Sie war damals jünger, also hat Ray sie nicht so viel Zeit hier verbringen lassen. Sie pendelte zwischen hier und ihrem Zuhause, aber ihr Dad ...“ Ich überlasse es ihm, die Lücke zu füllen.
Es ist kein Geheimnis, dass Tony Carlisle, Rays Dad, ein ... Fall für sich war, mangels eines besseren Ausdrucks.
Torch pfeift. „Wohin ist sie gereist?“
„Moment mal.“ Ich runzle die Stirn. „Warum bist du so neugierig, was Rays Schwester angeht?“
„Komm schon, EJ ...“ Er knufft mich in die Seite. „Sie ist eine verdammte Granate.“
Ich halte inne.
„Wie bitte?“, frage ich mit zusammengebissenen Zähnen.
„Ihre Beine, Mann, diese Beine hören gar nicht mehr auf“, stöhnt er förmlich. „Und ihre Augen ... nee, Mann, wenn sie nicht die kleine Schwester von Prez wäre, hätte ich sie flachgelegt.“
Was. Zur. Hölle?
Bei dem Gedanken, dass jemand anderes Wren auf diese Weise berührt, sehe ich rot.
Meine Faust schnellt vor und trifft ihn mitten auf die Nase. Er kippt auf dem Hocker nach hinten, verliert das Gleichgewicht und stürzt zu Boden.
„Verdammte Scheiße, EJ!“ Er hält sich die Nase, während ich mich über ihm aufbaue. „Wofür zum Teufel war das denn?“
Alle halten inne und starren uns an, eine atemlose Stille tritt ein.
„Fluchst du mich hier verdammt noch mal an?“ Ich beuge mich vor. Seine Augen weiten sich, Blut sickert zwischen seinen Fingern hindurch.
„Nein!“, ruft er und weicht auf dem Boden krabbelnd zurück. „Tut mir leid, aber verdammt – du hast mir gerade auf die Nase geschlagen, Mann. Wofür?“
„Trau dich, das, was du mir gesagt hast, vor Ray zu wiederholen“, zische ich. „Trau dich verdammt noch mal.“
Er erbleicht. „Okay, okay, schon gut. Ich sehe meinen Fehler ein, es tut mir leid. Scheiße.“
Wir starren uns sekundenlang an, während meine Kiefermuskeln mahlen. Ein tiefer Atemzug entweicht meinen Lungen, und ich strecke Torch eine Hand entgegen.
„Komm schon“, sage ich.
Er greift danach und ich ziehe ihn hoch, klopfe ihm auf den Rücken.
„Mrs. Dee?“, rufe ich. Sie taucht auf, eine ältere Dame mit kurzen Haaren, die mit einem der älteren Biker verheiratet ist. Sie ist so etwas wie unsere Glucke hier im Clubhaus. „Seien Sie ein Schatz und wischen Sie ihn ab?“
„Alles für dich, VP.“ Sie zwinkert und wirft mir eine Kusshand zu. Ich erwidere sie mit einem Lachen. „Komm mit, Torch. Dein Mundwerk wird dich immer wieder in Schwierigkeiten bringen ...“
Ihre Worte verlieren sich, während sie ihn wegzieht, und alle widmen sich wieder dem, was sie vorher getan haben.
Ein langsames Klatschen ertönt von der Treppe her, und es überrascht mich nicht, Wren dort stehen zu sehen. Sie hat sich umgezogen und trägt jetzt winzige Jeansshorts, ein bauchfreies Top und kniehohe Stiefel.
Torch hat recht, Wren ist verdammt noch mal umwerfend.
Ihre Hüften haben Rundungen bekommen, ihre milchweißen Oberschenkel liegen frei. Ihr langes Haar – eine Mischung aus Blond und Braun – ist zu einem hohen Dutt hochgesteckt und gibt den Blick auf ihr hübsches Gesicht frei.
Das ganze Blut schießt mir in den Schwanz, mein Kopf dreht sich und mein Mund wird staubtrocken.
Denk nicht mal dran, Ezra, sage ich mir. Ray wird mich umbringen … und zwar buchstäblich.
Aber verdammt, sie ist wunderschön. Sie ist eine Frau.
Und ich bin nur … ein Mann.
Sie klatscht weiter, während sie auf mich zukommt und sich auf den Hocker setzt, den Torch gerade frei gemacht hat.
Ihr Duft steigt mir in die Nase, und ich kippe mein Glas Whiskey hinunter, dankbar für das Brennen, das mich von allem ablenkt, was mit Wren zu tun hat.
„Mr. VP“, spottet sie. „Unschuldige Biker verprügeln. Was für ein Machtmissbrauch.“
„Deshalb bin ich der VP und du nicht“, erwidere ich.
Sie rollt mit den Augen, mein Kiefer zuckt. „Wenn diese Rolle bedeutet, dass ich unschuldige Menschen verprügeln muss, nur um meine Macht zu demonstrieren, dann habe ich kein Interesse daran.“
„Ganz genau, Vögelchen“, antworte ich. „Dann zerbrich dir über solche Dinge auch nicht den Kopf.“
„Eine Cola, bitte, Lizzy“, sagt sie und ignoriert mich völlig.
Ich presse die Lippen aufeinander und meine Finger schließen sich fester um das Whiskeyglas.
„Cola?“, spotte ich. „Das hier ist ein Clubhaus und kein Kindergeburtstag für kleine Mädchen.“
„Du würdest einen Kindergeburtstag nicht mal erkennen, wenn er dir direkt ins Gesicht springen würde, Ezra.“
Wir beide wissen, dass das ein schwacher Konter war, aber wenn ich ein anständiger Kerl wäre, würde ich nicht darauf rumreiten.
Aber weißt du was? Das bin ich nicht.
„Der war schwach.“ Ich lache auf. „Und seit wann bist du so vorlaut?“
Lizzy schiebt ihr eine Flasche Cola zu.
„Danke“, sagt Wren. Dann dreht sie mir den Rücken zu und blendet mich völlig aus. „Du bist um keinen Tag gealtert, Liz.“
Lizzy wirft mir einen Blick zu, die Lippen zu einem lautlosen Lachen aufeinandergepresst. Ich halte ihr mein Whiskeyglas hin, und sie schenkt mir nach.
Wegen Wren werde ich noch zu einem verdammten Säufer.
„Du siehst hinreißend aus, Wren. Ich erinnere mich noch an deinen Pony“, sagt Lizzy und seufzt dann. „Ich habe von dem Fiasko mit deinem Verlobten gehört. Es tut mir so leid.“
„Ich wünschte wirklich, ich könnte das alles vergessen“, erwidert Wren.
„Dieser Mistkerl hat dich tatsächlich geschlagen.“
Wren zieht die Schultern hoch und lässt sie wieder fallen. „Davor hat er mich aber nie geschlagen. Er war wahrscheinlich einfach extrem aufgewühlt, und die Verletzungen waren ohnehin nur kleine Schrammen.“
Bei ihren Worten spannt sich mein Kiefer an.
Was soll das überhaupt heißen? Er war wahrscheinlich aufgewühlt?
Wren geht mir auf die Nerven, seit ich sie vom Flughafen abgeholt habe, aber deshalb schlage ich sie doch nicht … oder überhaupt irgendeine Frau.
„Es gibt absolut keine Rechtfertigung dafür, dass er auch nur einen Finger gegen dich krümmt, Vögelchen“, mische ich mich ein.
Sie funkelt mich an. „Ich kann mich nicht erinnern, mit dir geredet zu haben, Ezra.“
„Du musst nicht mit mir reden, damit ich meinen Senf dazugebe.“
„Ich habe aber nicht danach gefragt.“
„Solltest du aber“, erwidere ich. „Ich habe nämlich eine geballte Ladung Lebensweisheit für Küken, die sie dringend nötig haben, so wie du.“
„Jetzt reicht’s!“ Sie knallt ihre Cola auf den Tresen. „Das Einzige, was ich dringend nötig habe, ist, dir die Augen auszukratzen.“
„Ganz ruhig, kleines Vögelchen“, sage ich. „Mit welchen Krallen denn?“
Sie springt von ihrem Hocker auf. „Ich bring dich um, Ezra verdammter Jax.“
Und jetzt flucht sie auch noch?
Meine Lippen verziehen sich zu einem breiten, süffisanten Grinsen. „Na los. Mach schon.“
Sie macht einen Satz nach vorn. Lizzy schlingt einen Arm um Wrens Taille, während ihre Schultern vor Lachen beben.
„Schluss jetzt, Wren.“ Rays dröhnende Stimme unterbricht uns. „EJ, hör auf, sie zu provozieren. In mein Büro! Sofort! Ihr beide.“
Verdammt. Ich wusste nicht mal, dass er wieder da ist.
Wren wird mich noch ins verdammte Grab bringen.
