Kapitel 5
Perspektive von Wren
„Möge er in Frieden ruhen, und mögen jene, die ihn liebten, auf ihrem weiteren Weg Kraft beieinander finden“, schließt der Trauerredner.
Wir neigen die Köpfe, als der Sarg in die Erde hinabgelassen wird. Ray und ich nehmen eine Handvoll feuchter Erde und werfen sie auf den Sarg hinab.
Die Worte auf dem Grabstein verschwimmen, und ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass meine Wangen nass sind. Ich schniefe und tupfe mir die Wangen mit einem Taschentuch ab.
Mit versteinerter Miene schiebt Ray seine Hand in meine. In der Ferne erklingt das Brummen von Motorrädern, und ich muss nicht hinsehen, um zu wissen, dass einige der Biker hier sind.
Darunter auch Ezra, der seit einer Woche unauffindbar war, und plötzlich taucht er neben Ray auf.
„Es tut mir leid für euren Verlust, mein aufrichtiges Beileid“, sagt Ezra und nickt mir dann grüßend zu. „Kleines Vögelchen.“
„Ja“, krächze ich, während sich meine Hand fester um Rays schließt.
Mein Dad war ein Versager, aber er war trotzdem mein Dad. Es gibt keine schönen gemeinsamen Erinnerungen, und in diesem Moment wünschte ich, es gäbe welche. Und sei es nur eine einzige.
„Komm.“ Ray zieht mich in Richtung seines Autos, Ezra trottet hinter uns her. „Wie geht es dir?“
Ich zucke mit den Schultern und schniefe. „Ich weiß nicht mal, warum ich weine. Ist ja nicht so, als wäre er ein sonderlich toller Dad gewesen.“
„Ich weiß, Chirp.“ Ein schmales Lächeln zupft an seinen Lippen. „Ob du es glaubst oder nicht, wir stammen aus seinem Sack. Es ist also völlig in Ordnung, wenn du dich ihm noch verbunden fühlst.“
„Musstest du unbedingt so derb werden, Ray?“ Ich funkle ihn an. „Ezra ist ein schlechter Einfluss.“
Beide schnauben amüsiert, und meine Lippen zucken. Ich atme tief ein und stoße die Luft hörbar durch die Nase wieder aus.
„Aber du hast recht“, sage ich. „Es ist nur ein bisschen traurig, dass wir keine glücklichen Erinnerungen als Familie haben. Mom ist verschwunden, Dad war durchgeknallt … wir hatten echt die schlimmsten Eltern, oder?“
„Das ist etwas, worum ich dich wirklich nicht beneide, Ray“, wirft Ezra trocken ein.
Ray lacht leise auf und drückt sanft meine Arme. „Wir hatten definitiv die schlimmsten Eltern. Aber dank ihnen haben wir uns, und ich hab dich lieb.“
„Ich hab dich auch lieb, Ray.“
„Das weiß ich“, sagt er leise. „Ich weiß, ich war nicht immer der beste Bruder. Ich bin kaum da, schenke dir selten Zeit oder Aufmerksamkeit, aber … ich bin froh, dass du meine kleine Schwester bist, Chirp.“
Ich ziehe eine Schnute, meine Unterlippe bebt und meine Augen werden feucht. „Ich bin auch froh, dass du mein großer Bruder bist.“
„Ich muss schon sagen, ich liebe rührende Familienmomente, aber ihr beide müsst jetzt zum Ende kommen.“ Ezra lässt seinen Zeigefinger kreisen. „Und Ray, wir haben da noch diese …“ Er wirft mir einen Blick zu. „… Sache, erinnerst du dich?“
Ich kann mir nur zu gut vorstellen, was diese „Sache“ bedeutet.
„Scheiße!“, zischt Ray und reißt den Arm hoch, um auf die Uhr zu sehen. „Ich muss jetzt los, Wren. EJ bringt dich nach Hause.“
Ezras Kiefermuskel zuckt. „Ray, wir sollten da zusammen aufkreuzen. Ich habe diesen Babysitterdienst satt.“
„Geht’s noch?“, fahre ich ihn an. „Glaubst du etwa, ich brauche dich, damit du mir jeden verdammten Tag auf Schritt und Tritt folgst?“
Ray kneift sich die Nasenwurzel, die Augen fest geschlossen. „Fangt nicht wieder damit an, ihr beide. Bitte.“
„EJ, du kannst nicht mitkommen“, fährt Ray fort und fixiert Ezra mit seinem Blick. „Deine Knöchel sind ohnehin schon völlig zerschunden, und ganz ehrlich, ich glaube, ich will gar nicht wissen, warum.“
Ich senke den Blick auf seine bandagierten Knöchel, und tatsächlich sickert ein wenig Blut hindurch. Ich verziehe das Gesicht.
„Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht“, erwidert Ezra. Ich schnaube abfällig, woraufhin er mich finster anfunkelt.
Die Miene meines Bruders wird völlig ausdruckslos. „Du bist verbunden und blutest. Also nein, EJ, du kommst nicht mit. Ich nehme Devon mit, bring einfach Wren nach Hause.“
„Ich bin dein Vize, Ray.“
„Und ich bin dein Präsident“, sagt Ray. „Fahrt. Nach. Hause. Ihr beide.“
Sie liefern sich ein stummes Duell, starren sich geschlagene sechzig Sekunden lang finster an, bis Ezra nachgibt und seine Lippen sich zu einem süffisanten Grinsen verziehen.
Ray lacht, und sie ziehen diese typische Männerumarmung ab – prallen mit der Brust aneinander und klopfen sich hart auf den Rücken.
Männer sind und bleiben eben Männer.
Ich verdrehe schnaubend die Augen. „Wenn ihr fertig seid mit dem, was auch immer das ist, warte ich im Auto.“
„Alles klar, Vögelchen.“
Meine Augäpfel verschwinden fast in meinem Kopf, so heftig verdrehe ich sie dieses Mal. Dann stapfe ich zu Ezras Wagen und steige ein.
Ich hole mein Handy aus der Tasche und wähle erneut Tristans Nummer. Der Ring steckt immer noch an meinem Finger, der Diamant funkelt.
Es klingelt und klingelt … und geht schließlich an die Mailbox. Eine Woche ist vergangen, und nicht ein einziger Anruf wurde angenommen oder erwidert.
Ein Teil von mir hofft, dass alles nur ein Missverständnis ist; ich glaube immer noch, dass ich ihm irgendwie Unrecht getan habe. Und ich muss es einfach wissen, damit ich mich entschuldigen und hoffentlich nach Seattle zurückgehen kann.
Ezra geht mir jetzt schon auf die Nerven. Ich glaube nicht, dass ich noch eine Woche in seiner Nähe überstehe, auch wenn seine Abwesenheit in der vergangenen Woche mehr als willkommen war.
Ich wähle die Nummer erneut, genau in dem Moment, als die Tür aufgeht, und mein Daumen hämmert auf die rote Taste, als Ezra einsteigt.
Und ich frage mich, warum ich das getan habe.
Er zieht eine Augenbraue hoch. „Du hast diesen ‚Mit-der-Hand-in-der-Keksdose-erwischt‘-Blick. Was hast du gemacht?“
„Nichts“, lüge ich. „Was ist mit deinen Knöcheln passiert?“
Seine Augen verengen sich. „Nichts. Gut gespielt, Vögelchen.“
Ich beiße mir auf die Lippe, schnalle mich an und weiche seinem durchdringenden Blick aus, der auf meiner Wange brennt.
Der Motor brummt auf, und kurz darauf fahren wir in Richtung Clubhaus los, während einige der Motorräder hinter und neben uns herfahren.
„Aber mal im Ernst“, unterbreche ich die Stille. „Was hat der arme Kerl getan?“
Ezra wirft mir einen kurzen Blick zu, die Augenbrauen hochgezogen. „Wer?“
Ich nicke in Richtung seiner Knöchel. „Der Typ, den du zusammengeschlagen hast.“
„Vögelchen“, lacht er leise und düster. Der Klang vibriert in meinem Bauch. „Der arme Kerl hat es verdient.“
„Halb totgeschlagen zu werden? Ich bin mir sicher, unter diesen Bandagen verbirgt sich ein übler Bluterguss.“
Er zuckt mit den Schultern. „Ich bin der VP, kleines Vögelchen. Ich erledige die ganze Drecksarbeit, damit die anderen es nicht tun müssen.“
„Hm“, mache ich. „Tut es weh?“
Er grinst süffisant. „Seit wann interessiert dich das?“
„Tut es nicht. Ich hoffe, es tut so sehr weh, dass dir alle Finger anschwellen.“
Ein finsterer Zug umspielt seine Lippen, dann lacht er leise. „Brittany wäre traurig, wenn ich meine Finger nicht mehr benutzen könnte.“
„Igitt, Ezra.“ Ich würge.
Das innere Bild seiner Finger, die mich bearbeiten, schießt mir in den Kopf, und ich dränge es schnell in den Hintergrund.
Er lacht, und jetzt bin ich an der Reihe, finster dreinzublicken.
Mein Handy vibriert in meiner Hand, und ich hebe es an, bereit, es auszuschalten, falls es eine SMS oder E-Mail ist, denn meine Legasthenie ist heute viel schlimmer.
Doch bei dem, was ich sehe, erstarre ich, meine Haut wird kreidebleich und mir wird schwindelig.
„Halt den Wagen an, Ezra!“, schreie ich.
Übelkeit breitet sich in meinem Magen aus, Galle steigt mir in die Kehle. Ezra tritt voll auf die Bremse und der Wagen kommt mit quietschenden Reifen zum Stehen.
„Bist du okay …“
Ich reiße die Tür auf und stolpere hinaus, mein Handy fällt mit dem Display nach oben auf den Asphalt, und das Bild starrt mich förmlich an.
Auf meinem Display ist ein Foto von Tristan, nackt und zu blutigem Brei geschlagen. Er ist an den Balkon seines Hauses gekettet, für alle Welt sichtbar.
Da ist so viel Blut … seine nackte Haut rot verschmiert, das blonde Haar blutdurchtränkt.
Ist er überhaupt noch … am Leben?
Ich krümme mich vornüber und mir kommt der gesamte Mageninhalt hoch, während ich mich an den Straßenrand übergebe.
