Kapitel 7 Das Geburtstagsbankett

Sophias Bewegung stockte, als sie Henrys Worte hörte.

Ihre Hand verharrte am Türgriff des Wagens, zögerte einen Moment, als würde sie ihre Optionen abwägen.

„Nein.“ Sie wandte sich Henry zu, ihr schönes Gesicht völlig ausdruckslos. „In der Familie Miller ist im Moment zu viel los. Es ist kein guter Zeitpunkt.“

Mit dieser Ausrede wimmelte sie ihn ab.

Seit sie gesagt hatte, dass es vorbei sei, musste sie einen sauberen Schlussstrich ziehen.

Zwischen ihr und Henry hatte es immer nur eine zweckmäßige Beziehung zum gegenseitigen Vorteil gegeben. Nun war ihr Vertrag ausgelaufen, und es war nur natürlich, sich mit Anstand zu trennen.

„Ach ja?“

Noch ehe sie reagieren konnte, beugte Henry sich plötzlich zu ihr. Der Duft von Zedernholz, durchzogen von einer schwachen Tabaknote, umfing sie. „Und jetzt?“

Damit senkte er den Kopf und küsste sie.

Anders als der Kuss im Wald war dieser rau, erfüllt von einem unerklärlichen Groll.

Sophia stockte der Atem. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, und eine plötzliche Hitze schoss ihr ins Gesicht.

Ein paar Sekunden später ließ Henry sie los. „Und jetzt?“, fragte er heiser. „Immer noch unpassend?“

Sophia wandte den Kopf ruckartig ab, die Ohrenspitzen so rot, als könnten sie bluten.

Sie riss seine Hand mit Nachdruck los und schlug die Autotür auf. „Hör auf mit dem Unsinn.“

Diesmal hielt er sie nicht zurück.

Sophia floh beinahe aus dem Wagen und eilte schnellen Schrittes auf das Haupttor der Miller-Villa zu.

Erst als das Tor hinter ihr ins Schloss fiel, blieb sie stehen und legte eine Hand auf ihre brennenden Wangen.

Das unerklärliche Flattern in ihrer Brust drückte sie rasch nieder.

Es war lediglich die Ungewohntheit darüber, dass zwei Jahre Gemeinschaft so abrupt endeten.

Zwischen ihr und Henry würde es nie weiter gehen als bis hierher.

...

Eine Woche später: Gavins Geburtstagsbankett.

Der Innenhof der Miller-Villa war überall mit Lampions und Girlanden geschmückt, und die Einfahrt war gesäumt von Luxuswagen, die sich bis zum Eingang reihten.

Wer eine Einladung zu diesem Geburtstagsbankett erhalten hatte, war eine bekannte Größe. Selbst einige Wirtschaftstycoons, die sich sonst selten in der Öffentlichkeit blicken ließen, hatten eigens Geschenke vorbereitet, um zu erscheinen.

Sophia stand in einem mondweißen Kleid am Eingang und empfing die Gäste.

Das Kleid setzte ihre Figur perfekt in Szene und betonte ihre elegante Silhouette.

Als sie einige vertraute ältere Herren auf sich zukommen sah, ging Sophia mit anmutigem Lächeln auf sie zu. „Zack, du hast es ja doch noch geschafft. Großvater hat eben erst nach dir gefragt.“

Anders als ihr steifes, roboterhaftes Gehorsam, mit dem sie hier aufgetaucht war, klang ihre Stimme jetzt ungezwungen, ihr Auftreten war ruhig und sicher. Jede ihrer Bewegungen entsprach den Regeln perfekter Etikette.

Das war die Fähigkeit, die sie sich in den zwei Jahren bei den Millers angeeignet hatte.

Plötzlich entstand am Eingang ein Aufruhr.

Sophia blickte auf und sah Oliver, der Hand in Hand mit Clara hereinspazierte.

Sie stieß ein kurzes, scharfes Lachen aus.

Zu einem Anlass wie diesem hatte Oliver tatsächlich die Dreistigkeit, Clara ganz ungeniert mitzubringen und damit den Ruf der Familie Miller mit Füßen zu treten.

Olivers Miene war düster.

Nachdem er bei der Auktion an jenem Tag mit leeren Händen davongegangen war, hatte er sich gezwungen gesehen, in der Antiquitätenstraße einige Jade-Schnitzereien als Notgeschenke zu besorgen.

Sie waren zwar fein gearbeitet, doch im Vergleich zu den Stücken der Auktion lagen sie um mehr als nur eine Klasse darunter.

In der Eingangshalle war Gavin gerade damit beschäftigt, sich mit einigen seiner alten Waffenbrüder zu unterhalten.

Als er Oliver hinter ihnen stehen sah, zog Gavin die Brauen leicht zusammen. „Wenn du schon hier bist, dann sitz ruhig und mach mir keinen Ärger.“

Diese unverblümte Geringschätzung ließ Oliver einigermaßen beschämt zurück.

Doch er wagte nicht, Gavin zu widersprechen; er konnte nur Clara mit sich ziehen und sich in eine Ecke setzen.

Unterdessen war Sophia ganz in der Nähe damit beschäftigt, Gavin bei der Bewirtung der Gäste zu helfen.

Die Sonne fing sich in ihrem Haar, und mitten im Lärm des Banketts machte ihre strahlende Eleganz sie zum Mittelpunkt aller Blicke.

Als die meisten Gäste eingetroffen und entsprechend ihrem Rangplatz untergebracht waren, wurde der Kristallleuchter gedimmt.

Gavin, in einem maßgeschneiderten Anzug schneidig gekleidet, betrat langsam die Bühne.

„Ich danke Ihnen allen für Ihr Kommen. Ohne weitere Umschweife möchte ich mit einem Toast auf alle anwesenden Gäste beginnen.“

Von unten brandete Applaus auf.

Gerade als die Stimmung ihren Höhepunkt erreichte, entstand plötzlich ein kleiner Tumult am Eingang des Bankettsaals.

Die Gäste drehten nacheinander die Köpfe, und Oliver folgte ihren Blicken.

Doch in dem Moment, in dem er den Neuankömmling erblickte, zog sich seine Stirn scharf zusammen.

Wie konnte er das sein?

Der Mann an der Spitze trug einen dunkelgrauen Anzug – es war derselbe reiche Schnösel, der ihn bei der Auktion ein ums andere Mal überboten hatte!

Auch Sophia blickte zum Eingang, und als sie die Person an der Seite dieses reichen Schnösels sah, riss sie entsetzt die Augen auf.

Wie kommt es, dass Henry auch hier ist?

Die beiden Männer standen im Eingang, ihre Präsenz so eindrucksvoll, dass selbst die Sicherheitsleute unwillkürlich die Haltung strafften.

Als die Scharfäugigen unter den Gästen die Neuankömmlinge erkannten, flüsterte es sofort ringsum.

„Ist das nicht Declan, der Erbe der Smith-Familie? Was will der denn hier?“

„Die Smiths haben doch erst letzten Monat dieses Energieprojekt im Süden geschluckt. In den letzten Jahren arbeiten sie eng mit der Windsor-Familie zusammen. Was ihren Aufstieg angeht, können sie inzwischen sogar mit den Windsors selbst mithalten.“

Das war keineswegs übertrieben.

Die Smiths waren wahrer Hochadel der Emerald City, mit einer um drei Generationen längeren Tradition als die Millers. Sie verfügten über Ressourcen, von denen die Millers sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen vorstellen konnten, jemals auch nur in ihre Nähe zu kommen.

Die beiden Familien spielten nicht einmal in derselben Liga. Warum also sollte ausgerechnet Declan Smith am Geburtstagsbankett der Miller-Familie teilnehmen?

Als Oliver das Gemurmel um sich herum hörte, wurde seine Kehle eng, und eine Welle der Panik stieg in ihm auf.

Der Käufer, der mich damals überboten hat, war in Wirklichkeit Declan?

Auch Gavins Herz war nicht ganz ruhig.

Zwar gehörten die Smiths zur obersten Elite, aber die beiden Familien bewegten sich in völlig unterschiedlichen Kreisen, ihre Geschäftsfelder überschnitten sich nicht, und seit Jahrzehnten hatten sie praktisch keinen Kontakt.

Warum erschien Declan ausgerechnet heute?

Doch Gavin war ein Mann, der schon viele Stürme überstanden hatte. Die Überraschung in seinem Gesicht verflog im Handumdrehen und machte einem warmen, einladenden Lächeln Platz.

„Declan, deine Anwesenheit ist eine Ehre. Wie geht es deinem Vater in letzter Zeit?“

Declan trat mit bemerkenswerter Gelassenheit auf Gavin zu. „Meinem Vater geht es ausgezeichnet. Er meint, du solltest wirklich öfter auf eine Partie Schach vorbeikommen.“

Während er sprach, nahm er eine Schachtel aus den Händen des Leibwächters hinter ihm und reichte sie Gavin. „Heute bin ich im Namen eines Freundes gekommen, um ein Geschenk zu überbringen. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit.“

Declans Antwort war makellos. Er lieferte keine Erklärung für sein Erscheinen und nutzte auch das Geschenk nicht als Vorwand, um länger zu verweilen. Gewandt wich er jeder bohrenden Frage aus.

Gavin nahm die Schachtel entgegen, spürte ihr beträchtliches Gewicht und hatte bereits eine Ahnung.

Doch er hatte nicht die Absicht, Declans wahre Beweggründe für seinen heutigen Besuch zu ergründen. Der Status der Smith-Familie war unerschütterlich, und allein Declans Anwesenheit war eine seltene Gelegenheit.

Die Smiths standen der Windsor-Familie nahe. Wenn es ihm gelänge, die Smiths als Brücke zu nutzen, könnte er vielleicht dem legendären Erben der Windsor-Familie begegnen.

Wenn die Windsors doch nur nachgeben und den Vertrag zurückgeben würden, den sie ihnen entrissen hatten, könnte das Geschäft der Millers gerettet werden.

Mit diesem Gedanken im Kopf richtete Gavin den Blick auf Oliver. „Geh, stoß mit Mr. Smith an und unterhalte dich gut mit ihm.“

Oliver zögerte, doch unter Gavins strengem Blick blieb ihm nichts anderes übrig, als all seinen Mut zusammenzunehmen und sein Weinglas zu greifen.

Er ging zum Haupttisch und zwang sich zu einem Lächeln. „Mr. Smith, ich bin Ihnen bei der Auktion womöglich zu nahegetreten. Bitte erlauben Sie mir, auf Sie anzustoßen.“

Declan hob sein Glas nicht sofort. Stattdessen warf er Henry einen Seitenblick zu, in seinen Augen ein Hauch von Belustigung.

Olivers Hand erstarrte, sein Lächeln gefror.

Er holte tief Luft, im Begriff, noch etwas hinzuzufügen, als Henry ihn plötzlich unterbrach.

„Du bist also Oliver?“ Henrys Stimme war nicht laut, doch sie trug einen angeborenen, erdrückenden Druck in sich.

Er hob den Blick zu Oliver, in seinen Augen lag unverhohlene Verwunderung. „Ich meine, diesen Namen schon einmal gehört zu haben. Ist das nicht derjenige, der mit einer Frau zwei Jahre lang durchgebrannt ist und die Miller-Familie so zum Gespött der ganzen Emerald City gemacht hat?“

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