Kapitel 2 Unauslöschliche Spuren

„Mutti! Schau mal, was ich gefunden habe!“

Die schrille Stimme zerriss die stille Morgenruhe im Willow Café.

Selene zuckte zusammen und hätte beinahe die Porzellantasse fallen lassen, die sie gerade abtrocknete. Sie drehte sich um und sah Leo, ihren kleinen Sohn, der ihr voller Aufregung entgegengelaufen kam. Das rabenschwarze Haar des Jungen stand wirr in alle Richtungen – genauso wie bei dem Mann, der Selenes Leben vor fünf Jahren zerstört hatte. Doch seine Augen, seine Augen waren pures Gold, leuchteten jedes Mal, wenn er ganz aus dem Häuschen war.

„Leo, etwas leiser, Schatz. Wir sind bei der Arbeit“, flüsterte Selene und kniete sich hin, um das dünne T‑Shirt ihres Sohnes glattzuziehen.

Selenes Herz flatterte jedes Mal, wenn sie Leo ansah. Das Kind war ihr Wunder. Normalerweise würde ein Kind, das von einem Gefährten stammt, dessen Bande durchtrennt worden war, schwach zur Welt kommen oder sterben. Aber Leo? Er war eine Anomalie. Er war stark, klug, und am beängstigendsten von allem: Seine Aura wurde immer schwieriger zu verbergen.

„Draußen war ein großer Vogel, Mutti! Der hat mich ganz lange angestarrt!“, erzählte Leo, die Hände fuchtelten wild, als er versuchte, die breiten Flügel des Vogels zu beschreiben.

Selene erstarrte. Ihre Brust fühlte sich plötzlich eng an, als würde der Sauerstoff im Raum dünner werden. Ein großer Vogel? Oder ein Späher in Gestalt eines Habichts?

„Geh nach hinten, Leo. Spiel mit deinen Robotern. Mutti muss diese Bestellungen fertig machen“, befahl Selene; ihre Stimme klang dringlich. Sie spürte, wie ihre innere Ruhe Risse bekam, während ihre Wolfsinstinkte, die sie jahrelang unterdrückt hatte, unruhig zu regen begannen.

„Aber Mutti.“

„Jetzt, Leo“, unterbrach Selene ihn fester.

Nachdem Leo hinter dem Vorhang verschwunden war, versuchte Selene, ihren rasenden Atem zu bändigen. Sie umfasste die silberne Kette an ihrem Hals, einen Talisman, in dem eine geringe Dosis Eisenhut steckte, um ihren eigenen Geruch zu dämpfen. Fünf Jahre lang hatte dieses Mittel sie geschützt. Wie ein Geist lebte sie inmitten der Menschen, in der kleinen Stadt Oakhaven, unentdeckt vom Radar des Silver-Moon-Rudels.

Selene wischte die hölzerne Theke weiter, mit mechanischen Bewegungen. Ihre Gedanken glitten zu den bitteren Erinnerungen, die sie immer in der tiefsten Ecke ihres Kopfes wegzusperren versuchte.

Rückblende

Sie erinnerte sich an ihre Hochzeitsnacht im Rudelhaus. Kael hatte sie einmal auf die Spitze des Turms geführt, sie von hinten umfangen und ihr ins Ohr geflüstert, Selene sei seine Welt. „Was auch immer passiert, ich werde dich beschützen, Selene. Du bist mein Seelenverwandter.“ Früher hatten diese Worte nach Honig geschmeckt, doch jetzt fühlten sie sich an wie Gift, das ihr die Kehle verbrannte. Derselbe Mann, der ihr den Himmel versprochen hatte, war der Mann, der sie in die Hölle gestoßen hatte, als Freyas Verleumdung ans Licht kam.

„Ein trüber Morgen, nicht wahr, Elena? Sieht aus, als käme ein Sturm.“

Die Stimme gehörte Mrs. Gable, einer treuen Kundin, die gerade hereingekommen war. Selene zwang sich zu einem dünnen Lächeln. „Ja, Mrs. Gable. Die Luft fühlt sich heute sehr schwer an.“

„Du siehst blass aus, Liebes. Schlafst du nicht genug?“ Mrs. Gable musterte sie besorgt, während sie ihren gestrickten Schal zurechtrückte.

„Nur ein bisschen müde“, antwortete Selene knapp, obwohl sie eigentlich schreien wollte, dass ihr ganzer Körper heftig zitterte.

Plötzlich veränderte sich die Luft in Oakhaven. Der Himmel, der eben noch klar gewesen war, wurde auf einmal von dicken grauen Wolken bedeckt. Der Wind setzte hart ein und trug einen Duft heran, bei dem sich Selenes Nackenhaare aufstellten. Der Geruch eines Kiefernwaldes nach einem Sturm. Das scharfe Aroma von Sandelholz.

Ein Geruch, der in der Vergangenheit hätte begraben bleiben müssen.

Kling!

Das Glöckchen an der Cafétür bimmelte. Selene stand mit dem Rücken zur Tür, doch ihre Wolfssinne schrien plötzlich hysterisch auf. Ihr Herz donnerte, schlug mit schmerzhafter Wucht gegen die Rippen. Ihr Kiefer spannte sich so fest an, dass die Muskeln in ihrem Gesicht pochten.

„Willkommen im Willow Café. Was möchten Sie bestellen?“, sagte Selene automatisch und versuchte, ihre Stimme eben zu halten, obwohl ihre Hände zitterten.

Keine Antwort. Nur eine erstickende Stille, jene Art Stille, die nur entsteht, wenn ein Spitzenräuber seine Beute fixiert. Selene spürte die Präsenz, so dominant und so erdrückend, wie sie jeden Zentimeter des kleinen Raums ausfüllte.

Selene drehte sich langsam um. Ihre Welt schien aufzuhören, sich zu drehen.

Dort, an der schmalen Cafétür, stand ein Mann, der für diesen Raum viel zu groß wirkte. Kael. Er hatte sich kaum verändert – abgesehen von den Linien in seinem Gesicht, die härter wirkten, und seinen Augen, die nun dunkler aussahen, als hätte das Licht seine Seele längst verlassen. Er trug einen langen schwarzen Mantel, feucht vom Nieselregen.

Kael starrte sie an. Nicht mit dem Hass von vor fünf Jahren, sondern mit blankem Schock, der rasch in gezügelte Wut umschlug.

„Selene.“ Die Stimme des Mannes war schwer und vibrierte in der Luft wie ferner Donner.

Selene krallte den Lappen in ihrer Hand, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. „Es tut mir leid, Herr. Sie müssen die falsche Person erwischt haben. Ich heiße Elena.“

Kael trat vor. Jeder Schritt seiner Lederstiefel auf den Dielen klang wie das Läuten einer Totenglocke. „Elena? Du glaubst, du kannst mich mit so einem Menschennamen täuschen? Ich würde deinen Geruch erkennen, selbst wenn du dich in den Tiefen der Erde vergraben würdest, Selene. Mein Wolf heult deinen Namen, seit ich die Stadtgrenze überquert habe!“

„Sie stören meine Gäste, Herr. Wenn Sie nichts bestellen wollen, dann gehen Sie bitte“, versuchte Selene standzuhalten, obwohl ihr Herz schrie, so weit wegzurennen, wie sie nur konnte.

Kael stand inzwischen direkt vor dem Tresen. Er beugte sich vor, sein Geruch drang in Selenes Sinne ein und riss Erinnerungen an die Nächte auf, die sie einst miteinander verbracht hatten.

„Fünf Jahre“, zischte Kael, seine Stimme voller Wunden und niedergehaltener Wut. „Fünf Jahre habe ich dich in jedem Winkel des Kontinents gesucht. Ich dachte, du wärst tot. Ich dachte, die wilden Wölfe hätten dich in Stücke gerissen, nachdem ich dich ohne Schutz verstoßen hatte.“

„Und ist es nicht genau das gewesen, was du wolltest, Alpha Kael?“ Selene hielt seinem schwarzen Blick endlich stand, mit dem Mut, den sie aus den Resten ihrer Zerstörung zusammenkratzte. „Du wolltest, dass ich sterbe. Du wolltest, dass diese ‚Zicke‘ aus deinem perfekten Leben verschwindet, um deiner kostbaren Frau zuliebe.“

Kaels Kiefer spannte sich, seine Augen blitzten rot auf – ein Zeichen, dass sein Wolf Fenris nach draußen drängte. Er wollte gerade kontern, da waren plötzlich kleine Schritte aus der Küche zu hören.

„Mutti? Ich hab Hunger. Kann ich ein Plätzchen haben?“

Leo erschien hinter dem Vorhang und rieb sich die schläfrigen Augen. Er blieb dicht neben Selene stehen und starrte zu dem großen Fremden auf, der sich über seiner Mutter auftürmte.

Die Stille danach war weit furchteinflößender als zuvor.

Kael erstarrte. Seine bedrohliche Aura fiel in sich zusammen und wurde durch völlige Verwirrung ersetzt. Seine Augen waren auf den kleinen Jungen geheftet. Er sah das schwarze Haar, den festen Kiefer – trotz des Alters des Kindes –, und vor allem spürte Kael etwas Unmögliches. Tief in seiner Seele stieß Fenris ein wimmerndes Geräusch aus, ein uraltes Erkennen von Blut, das sich nicht leugnen ließ.

„Selene“, flüsterte Kael, die Stimme brach ihm. Er sah Leo an, mit einem Ausdruck, den man kaum deuten konnte. „Wer … wer ist dieser Junge?“

Selene zog Leo sofort hinter sich und schirmte ihn mit ihrem Körper ab, entzog ihn Kaels Blick. „Das geht dich nichts an. Raus hier, Kael. Sofort, bevor ich die Polizei rufe!“

Aber Kael rührte sich nicht. Es war, als hätte ihn ein schwerer Streitkolben getroffen. Der Geruch – der Geruch dieses Jungen war so vertraut. „Dieses Kind“, keuchte Kael, der Atem in kurzen Stößen. „Er trägt meinen Geruch. Er trägt meine Macht. Selene, damals hast du gesagt, du trägst ein Bastardkind. Du hast gesagt, er sei nicht von mir!“

„Das habe ich nie gesagt! Du warst es, der das gesagt hat! Du warst es, der sein eigenes Fleisch und Blut verleumdet hat!“ Selene schrie ihm ins Gesicht, Tränen aus Wut stiegen ihr in die Augen. „Du warst es, der uns zurückgewiesen hat! Du warst es, der gesagt hat, er habe kein Recht auf deinen Namen!“

Gerade als Kael über den Tresen springen wollte, um nach Leo zu greifen, trat der kleine Junge vor. Ohne Angst blickte Leo zum großen Alpha hinauf und stieß ein leises Knurren aus – ein Knurren, das nicht aus einem Menschenkind kam, sondern aus dem Rachen eines Spitzenräubers.

Eine Welle goldener Macht strahlte von Leos kleinem Körper aus, ließ die Gläser auf den Tischen heftig vibrieren, bis sie zersprangen. Kael taumelte zurück, die Augen vor Schock weit aufgerissen. Er sah auf seine eigenen Handflächen, die sich von der Aura des Jungen heiß anfühlten.

„Er … er ist kein gewöhnlicher Werwolf“, flüsterte Kael entsetzt.

„Er ist alles, was du weggeworfen hast, Kael“, sagte Selene, ihre Stimme nun scharf wie ein Messer. „Er ist mein Sohn. Und er braucht keinen Feigling wie dich als Vater.“

Kael sah Selene an, dann wieder Leo. Der Hochmut des Alphas, sonst undurchdringlich, bekam Risse und gab die Zerbrechlichkeit frei, die er fünf Jahre lang verborgen hatte. Doch hinter der Schuld flackerte etwas Gefährliches in seinen Augen auf: Besitzgier.

„Er ist mein Fleisch und Blut, Selene“, knurrte Kael, seine Stimme gewann wieder an Kraft, diesmal fordernder, voller Anspruch. „Und ich werde nicht zulassen, dass ein Erbe des Silbermonds in so einem Loch aufwächst. Du kommst mit mir nach Hause. Jetzt.“

Selene lachte bitter, ein Lachen, das signalisierte, dass gerade ein Krieg begonnen hatte. „Nach Hause? Wir sind längst zu Hause, Kael. Und in diesem Haus bist du nichts weiter als ein unerwünschter Fremder.“

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