Kapitel 5 Der Verräter hinter den Roben

„Sag es noch ein einziges Mal, und ich sorge dafür, dass du nie wieder einen Sonnenaufgang siehst, Soldat!“

Alpha Kaels Gebrüll ließ die Wände des Flurs erzittern. Der arme Wächter vor ihm zitterte am ganzen Leib. Mit einem dumpfen Schlag knallten seine Knie auf den Marmorboden, als er versuchte, den Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken. Er wusste, sein Alpha stand auf dem Gipfel einer Wut, die jederzeit explodieren konnte.

„Er hat … er hat den Namen von Ältesten Silas erwähnt, Alpha“, flüsterte der Wächter, seine Stimme vor Angst fast vollständig erstorben. „Der Gefangene hat gelacht, kurz bevor das Gift ihn umgebracht hat. Er hat gesagt: ‚Silas hat die Tore für uns schon geöffnet.‘“

Selene, die im Türrahmen stand, spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Ältester Silas. Der Name war ihr nur allzu vertraut. Silas war der angesehenste alte Mann im Silbermond-Rudel. Er war es gewesen, der ihre Hochzeitszeremonie mit Kael geleitet hatte. Und doch war Silas vor fünf Jahren auch die lauteste Stimme gewesen, die verlangte, Kael solle Selene verbannen. Selene erinnerte sich lebhaft an den eisigen Blick dieses alten Mannes, als man sie aus der Halle zerrte.

Kael drehte sich um. Sein Gesicht war eine Maske aus reiner Raserei. Seine Augen waren pechschwarz geworden, ein Zeichen dafür, dass sein Wolf ungeduldig nach Blut und Vergeltung verlangte. „Silas. Dieser alte Mann ist sein Leben wirklich leid“, knurrte Kael in einem tiefen, bedrohlichen Ton.

„Kael, warte!“ Selene trat vor. Sie stellte sich Kael in den Weg, bevor er in Richtung des Ratsraums stürmen konnte. „Wenn du ihn jetzt ohne handfeste Beweise angreifst, zerreißt du dieses Rudel nur. Du weißt, wie enorm sein Einfluss auf die anderen Ältesten ist.“

„Er wollte meinen Sohn verkaufen, Selene! Er hat mit dem Feind zusammengearbeitet, um mein eigenes Fleisch und Blut zu entführen!“ Kael packte Selene hart an den Schultern. Sein Atem ging stoßweise, heiß, direkt vor ihrem Gesicht. „Willst du, dass ich einfach danebenstehe, während er seinen nächsten Zug plant?“

„Ich will, dass du deinen Kopf benutzt und nicht nur deine Muskeln!“ Selene hielt Kaels Blick furchtlos stand. Sie wich nicht zurück, obwohl Kael im Alphazustand war. „Er handelt nicht allein. Freya und Silas müssen zusammenarbeiten. Wenn du Silas jetzt angreifst, wird Freya sofort fliehen oder jedes Beweisstück auslöschen, das sie überführen könnte.“

Kael lockerte seinen Griff an Selenes Schultern langsam. Er atmete mehrmals tief durch und versuchte, die tierischen Instinkte zu unterdrücken, die in ihm nach einem Kill schrien. „Und was ist dein Plan? Was sollen wir tun?“

Selene blickte zu Leo hinüber, der auf dem großen Bett noch immer tief schlief. Sie sah in das friedliche Gesicht ihres Sohnes und wandte sich dann entschlossen wieder Kael zu. „Benutz mich als Köder.“

„Nein! Das lasse ich nicht zu!“ Kael widersprach sofort.

„Hör mir erst zu!“ Selene trat näher, ihre Stimme wurde leiser, blieb jedoch fest. „Silas glaubt immer noch, ich wäre dieselbe schwache Selene wie früher. Er denkt, meine jetzige Stärke sei nur Glück. Morgen ist die Vollmondzeremonie. Verkünde vor allen, dass du mich wieder als deine Luna einsetzt. Das wird sie zwingen, schneller zu handeln. Sie werden nicht wollen, dass eine ‚Verräterin‘ wie ich wieder Macht in den Händen hält.“

Kael starrte Selene mit einem unlesbaren Ausdruck an. In seinen Augen wuchs Respekt, aber auch eine tiefe Angst, sie ein zweites Mal zu verlieren. „Du gehst damit ein enormes Risiko ein, Selene.“

„Ich habe vor fünf Jahren schon alles verloren, Kael. Jetzt habe ich etwas, das es wert ist, verteidigt zu werden.“ Selene warf einen Blick zu ihrem Sohn hinüber.

„Und ich werde nicht zulassen, dass diese Monster mein Kind anrühren.“

In dieser Nacht war die Stimmung im Rudelhaus erstickend. Selene konnte überhaupt nicht schlafen. Sie saß am Rand von Leos Bett, strich ihm über das schwarze Haar und lauschte dem fernen Ruf der Nachtvögel. In ihrem Kopf spielte sie jede Möglichkeit durch, was morgen geschehen könnte.

Plötzlich spürte sie eine Präsenz in der Nähe ihres Zimmers. Es war nicht Kael. Der Geruch war nicht das nach Kiefernwald, das sie sonst an ihrem Mann wahrnahm. Dieser Duft war eine Mischung aus überwältigendem Lilienparfüm und einem leichten, metallischen Hauch von Blut.

Selene rührte sich nicht. Sie hielt dem Türflügel den Rücken zugewandt, doch ihre Hand glitt langsam unter das Kissen. Sie umklammerte fest den silbernen Dolch, den sie sich an diesem Nachmittag heimlich aus der Waffenkammer genommen hatte.

„Komm rein, Freya. Ich weiß, du kannst nicht widerstehen, mich aus der Nähe zu sehen“, sagte Selene mit flacher Stimme.

Das Geräusch leiser Schritte näherte sich. Freya stand in der Mitte des Zimmers. Sie trug ein elegantes rotes Kleid, doch ihr Gesicht war vor Bosheit verzerrt.

„Du hältst dich für so clever, nicht wahr?“, zischte Freya. „Du kommst mit diesem Kind zurück und erwartest, dass Kael zu dir angekrochen kommt. Du glaubst, dein kleiner Schlag vorhin hätte dir den Krieg gewonnen?“

Selene drehte sich langsam um. Sie begegnete Freyas Blick mit kalter Starre. „Ich brauche Kael nicht, damit er kriecht. Ich will nur dich auf dem Boden sehen, wie du im Dreck liegst und um Gnade flehst – für jede Träne, die ich vor fünf Jahren vergossen habe.“

Freya lachte. Der Klang war scharf und manisch. „Du glaubst, Ältester Silas lässt dich bis morgen früh am Leben? Du bist nur eine kleine Unannehmlichkeit, Selene. Das Blutwappen-Rudel will nicht nur deinen Sohn. Sie wollen dieses ganze Gebiet, und Silas ist derjenige, der ihnen die Schlüssel in die Hand drücken wird.“

„Also gibst du es jetzt zu?“ Selene erhob sich. Sie spürte, wie ihre Kraft sich zu sammeln begann. „Du hast dich mit Silas verbündet, um dieses Rudel zu verraten – nur für einen Luna-Titel, der niemals deiner sein wird?“

„Ich werde alles haben!“, schrie Freya und stürzte nach vorn. Ihre Krallen fuhren aus, bereit, Selene das Gesicht aufzureißen. Doch noch bevor Freya Selenes Haut berühren konnte, schnellte aus Richtung des Bettes eine kleine Hand vor.

Leo war wach. Seine Augen waren zu reinem Gold geworden, das im schummrigen Zimmer hell aufleuchtete. Ohne ein Wort hob der Junge die Hand. Im nächsten Moment krachte ein gewaltiger Druck in Freyas Körper. Die Frau wurde so hart gegen den Marmorboden geschleudert, dass das Knacken sich verschiebender Knochen durch den Raum hallte.

„Nicht … anfassen … Mutti!“

Freya schrie vor Schmerz auf. Ihr Körper war an den Boden gepresst, als würde das Gewicht von tausenden Pfund auf ihr lasten. Unter der Wucht von Leos Macht konnte sie keinen einzigen Finger rühren.

Selene war wie erstarrt, als sie sah, wie sich die Stärke ihres Sohnes instinktiv manifestierte, sobald er sie bedroht fühlte. Sofort zog sie Leo in eine Umarmung und versuchte, die rasenden Gefühle des Jungen zu besänftigen. „Ganz ruhig, Leo. Mutti ist in Ordnung. Sei ruhig, Schatz.“

Die Schlafzimmertür wurde aufgestoßen. Kael trat mit gezogenem Schwert ein, gefolgt von mehreren persönlichen Wachen. Er blieb wie angewurzelt stehen beim Anblick von Freya, die sich auf dem Boden wand wie ein zerquetschtes Insekt, während Leo sie mit einem Blick betrachtete, der für ein Kind seines Alters viel zu erwachsen war.

„Bringt sie in den Kerker!“, befahl Kael, seine Stimme bebte vor unterdrückter Emotion. „Und ruft sofort den gesamten Rat zusammen. Wir warten nicht bis zum Morgen, um das zu klären.“

Kael trat zu Selene und Leo. Er sah die Angst in Selenes Gesicht – keine Angst vor Freya, sondern vor der gewaltigen Macht, die im eigenen Kind wohnte.

„Er ist zu stark, Kael“, flüsterte Selene, die Stimme zitternd. „Die Welt wird ihn niemals in Frieden leben lassen, wenn sie herausfinden, was er ist.“

Kael kniete vor ihnen beiden nieder. Er schlang seine großen Arme um seine Frau und seinen Sohn.

„Dann werden wir eine Welt bauen, die stark genug ist, ihn zu beschützen. Ich verspreche es dir, Selene. Diesmal wird dich niemand jemals wieder anfassen.“

Doch im dunklen Korridor schlich eine Dienerin leise in Richtung des Hintertors. In ihrer Hand hielt sie ein kleines Fläschchen, gefüllt mit einer zähen, pechschwarzen Flüssigkeit. Es war ein uraltes, tödliches Gift, eigens dafür hergestellt, nur eine einzige Art von Wesen zu töten: den Goldenen Wolf.

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