Kapitel 6 Wer zieht die Fäden?

„Du bist verrückt, Kael! Ich werde mir nie ein Zimmer mit dem Mann teilen, der mich auf die Straße geworfen hat!“

Selenes Stimme bebte vor lodernder Wut. Sie stand mitten in der geräumigen Hauptkammer, die Hände so fest zu Fäusten geballt, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Hinter ihr lag Leo nach dem zehrenden Aufbäumen seiner Kraft noch immer in tiefem Schlaf. Selene starrte Kael an, der eben die Tür des Zimmers mit einem doppelten Riegel verschlossen hatte – ein Handgriff, der sich für sie eher wie Gefangenschaft als wie Schutz anfühlte.

„Es geht nicht darum, was ich will oder was du willst, Selene. Es geht um Sicherheit“, erwiderte Kael in einem schweren Ton, den er nur mühsam ruhig hielt. Er legte sein Schwert auf den Eichentisch, doch seine Augen ließen die Frau vor ihm nicht los.

„Silas ist noch auf freiem Fuß. Freya sitzt in Gewahrsam, aber wir wissen nicht, wen er sonst noch in diesem Haus bestochen hat. Dieses Zimmer hat das strengste Sicherheitssystem im ganzen Silbermond-Gebiet. Ich lasse keinen von euch beiden aus den Augen.“

Selene stieß ein bitteres Lachen aus, und die Spannung im Raum wurde noch dichter. „Nicht aus den Augen? Willst du mich im Blick behalten, damit ich nicht wieder weglaufe, oder hast du Angst, dein kostbares ‚Kapital‘ zu verlieren?“ Selene deutete auf Leo. „Tu nicht so, als wärst du ein fürsorglicher Ehemann, Kael. Diese Rolle ist vor fünf Jahren im Regen gestorben.“

Kael trat näher, seine dominante Präsenz füllte den Raum, und doch war diesmal etwas anders. In seinen Augen lag echte Schuld, eine Regung, die Selene bei dem stolzen Alpha noch nie gesehen hatte.

„Ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht. Das weiß ich. Aber unser Feind ist nicht mehr nur dein Hass auf mich. Jemand hat heute früher über einen Diener altes Gift eingeschleust. Sie wollen Leo töten. Wenn du willst, dass er lebt, musst du hier bleiben. Bei mir.“

Selene verstummte. Das Wort „Gift“ ließ sich wie eine Kralle um ihre Brust schließen. Sie warf einen Blick zu ihrem Sohn hinüber, der in dem übergroßen Bett so klein wirkte. Logik rang mit ihrem Stolz. Sie hasste Kael mit jeder Faser ihres Körpers, doch sie liebte Leo mehr als ihr eigenes Leben.

„Nur bis Silas gefasst ist“, sagte Selene schließlich, ihre Stimme kalt und schneidend. „Wag es ja nicht, mich anzufassen. Wag es ja nicht, mit mir über etwas anderes zu reden als über Leos Sicherheit. Und du … du schläfst auf der Couch.“

Kael nickte langsam, als nähme er die Strafe an, die er verdiente. „Einverstanden.“

Die Nacht wurde spät. Die Spannung im Raum war beinahe greifbar. Selene fühlte sich nach der langen Reise und der Konfrontation schmutzig. Sie brauchte kaltes Wasser, um den Kopf freizubekommen. Sie nahm einen Satz frischer Kleidung aus ihrer kleinen Tasche und ging zu dem geschnitzten Holzschirm hinüber, der den Schlafbereich vom Ankleideraum trennte.

Kael stand am Fenster und starrte in die Dunkelheit des Waldes draußen, doch seine Ohren verfolgten jede Bewegung, die Selene machte. Er versuchte, ihre Privatsphäre zu respektieren, aber als sie begann, ihre Oberkleider auszuziehen, fing die Spiegelung im großen Spiegel in der Ecke eine Form ein, die ihm den Atem stocken ließ.

Selene hatte dem Glas den Rücken zugewandt und ließ langsam den Stoff hinabgleiten, der ihre Schulter bedeckte. Dort, auf der glatten Haut ihrer linken Schulter, zeichnete sich eine entsetzliche Brandnarbe ab. Sie war unregelmäßig geformt, ein wirres Netz aus Narbengewebe, das scharf gegen ihren Hautton abstach. Das war keine alte Verletzung aus der Kindheit. Kael wusste mit Sicherheit, dass sie vor fünf Jahren noch nicht da gewesen war.

Kaels Herz schmerzte unter einer scharfen, erdrückenden Last. Ohne nachzudenken, trugen ihn seine Füße auf die Stellwand zu.

„Wer hat dir das angetan?“ Kaels Stimme brach, kaum mehr als ein verletztes Flüstern.

Selene fuhr zusammen und zog hastig ihre Kleidung zurück, um sich zu bedecken. Sie wirbelte herum; in ihren Augen loderte Zorn, als sie Kael viel zu nah hinter der Stellwand stehen sah. „Raus hier!“

„Dieses Mal … das ist von einem Angriff der Abtrünnigen, oder?“ Kael wich nicht zurück. Sein Blick war auf die blassen Reste der Narbe gerichtet, die am Ansatz ihres Halses zu sehen war. „Dieses Zeichen kommt von verbrannten Krallen. Wer hat es gewagt, dich so anzufassen, während du im Exil warst?“

Selene sah ihn mit reinem Abscheu an. „Das hast du getan, Kael. Indirekt hast du die Fackel gehalten. Als du mich ohne Schutz, ohne Rang und ohne Freunde verstoßen hast, hast du mich Raubtieren ausgeliefert. Ich wurde an der Grenze angegriffen, nur zwei Tage nachdem ich gegangen war. Ich wäre im Wald beinahe gestorben, während du hier wahrscheinlich mit Freya geschlemmt hast.“

Kael hob die Hand, seine Finger zitterten heftig. Er wollte die Narbe berühren, seine Heilkraft hindurchfließen lassen oder wenigstens durch eine Berührung um Vergebung bitten. Doch ehe seine Fingerspitzen ihre Haut streifen konnten, schlug Selene seine Hand grob weg.

„Fass mich nicht an!“, zischte Selene. „Deine Berührung ist noch widerlicher als diese Wunde. Diese Narbe ist verheilt, Kael. Aber was du meiner Seele angetan hast, wird sich nie wieder richten lassen.“

Kael erstarrte, wo er stand. Seine Hand hing leer und kalt in der Luft. Er sah zu, wie Selene sich mit steifen Bewegungen fertig anzog, als wäre jeder Zentimeter seiner Anwesenheit in diesem Zimmer Gift für sie. Der Alpha, der sonst unbesiegbar war, fühlte sich plötzlich klein und hilflos. Er wusste, Selenes Vertrauen zurückzugewinnen würde sehr viel schwerer werden als irgendeinen Rudelkrieg zu gewinnen.

Als sie angezogen war, trat Selene hinter der Stellwand hervor, ohne Kael anzusehen. Sie ging zur Seite des Bettes, auf der Leo lag, bereit, die Augen zu schließen und diesen erschöpfenden Tag zu beenden. Doch als sie den Kopf auf das Kissen legte und zur Decke starrte, um sich zu beruhigen, fiel ihr etwas auf.

In der Ecke, wo Decke und Wand aufeinandertrafen, verborgen hinter kunstvollen Holzschnitzereien, befand sich ein winziger Punkt, der das matte Leuchten der Nachttischlampe zurückwarf. Er war zu symmetrisch, um nur ein Makel im Holz zu sein.

Selene kniff die Augen zusammen. Langsam richtete sie sich auf und bewegte sich mit äußerster Vorsicht, um Kaels Aufmerksamkeit nicht zu wecken; er stand noch immer gedankenverloren am Fenster. Sie nahm einen kleinen Stuhl und stieg darauf, bis ihr Gesicht dicht an die Deckenecke kam.

Selenes Herz hämmerte, als sie eine kleine Linse sah, sauber in den Spalt eingelassen. Eine Überwachungskamera.

Die Haare in ihrem Nacken stellten sich auf. Sie drehte sich abrupt zu Kael um, der ihr noch immer den Rücken zuwandte.

Wenn Kael gesagt hatte, dieses Zimmer sei der sicherste Ort im Haus, warum befand sich dann ein Auge darin, das sie beobachtete? Hatte Kael es installiert, oder war ihr Feind viel näher, als sie gedacht hatten?

Selene begriff etwas Entsetzliches. In diesem Haus waren sie, selbst in dem Raum, den sie für am sichersten gehalten hatten, immer noch Beute – beobachtete Beute.

„Kael“, rief Selene sehr leise, mit vorsichtiger Stimme. „Sieh dir das an.“

Kael drehte sich um, verwirrt von ihrem Ton. Doch als er sah, wohin Selene zeigte, wurde sein Gesicht aschfahl, ehe es sich wie Stein verhärtete. Jemand beobachtete noch immer jede ihrer Bewegungen – aus einem versteckten Winkel heraus.

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