Kapitel 5
ALERA
Die Fahrt nach Hause ist furchtbar, weil mich ein starkes Unbehagen nicht loslässt. Dieses Erlebnis am Bahnhof war grauenhaft. Das muss auf meine Liste der zehn dümmsten Dinge, die ich in meinem ganzen Leben getan habe – zusammen mit der Idee, ich könnte Dante wegen etwas zur Rede stellen, das vor Jahren passiert ist.
Ich hätte einfach zur Arbeit gehen sollen. Warum habe ich mich so aus der Fassung bringen lassen?
All die Jahre hatte ich geschwiegen und zugesehen, wie mein Vater von allen in seinem Umfeld gedemütigt und missachtet wurde. Ich habe mit angesehen, wie er durch seine Krankheit zu einer Hülle wurde.
So lange habe ich es irgendwie zusammengehalten, aber ich bin so müde.
Als ich endlich wieder zu Hause bin, wirkt die Wohnung unnatürlich still.
Ich schließe auf und trete ein. Das späte Nachmittagslicht fließt weich und golden durch die Vorhänge. Die Luft ist warm, und der Geruch von altem Stoff und Hustensaft trifft mich sofort. Alles ist ruhig, aber nichts fühlt sich richtig an.
Mein Vater blickt vom Sofa auf, die Stirn gerunzelt.
„Du bist früh zu Hause“, sagt er schwach, seine Stimme rau. „Alles in Ordnung?“
Ich wende mich ab und wische mir mit dem Ärmel meines Hoodies über die Augen. „Ja. Mir geht’s nicht so gut. Ich bin nur … müde.“
Er versucht, sich hochzustemmen, und stößt ein angestrengtes Geräusch aus. „Ist etwas passiert?“
„Nein“, lüge ich. „Nur Krämpfe. Nach einem Nickerchen geht’s mir wieder gut.“
Sein Gesichtsausdruck wird sofort weich. „Oh, Schatz … leg dich hin, ruh dich ein bisschen aus. Ich mache dir was warm.“
„Du solltest derjenige sein, der sich ausruht, Vater.“
Er versucht zu lächeln, aber es erreicht seine Augen nicht. „Du weißt, ich kann mich nicht ausruhen, wenn es dir schlecht geht.“
So ist er immer: Er macht sein eigenes Leid klein, um sich um mich zu kümmern. Selbst wenn er halb lebendig auf einem durchgesessenen Sofa liegt. Das ist er schon immer gewesen, mein Beschützer. Und jetzt hat er kaum noch die Kraft, überhaupt für sich selbst zu sorgen. Tränen sammeln sich in meinen schmerzhaft trockenen Augen, und meine Nase fängt quälend an zu kribbeln.
Ich brauche einen Ausweg, nicke nur und haste in mein Zimmer.
In dem Moment, in dem ich die Tür schließe, geben meine Beine nach. Ich falle aufs Bett, als wäre die Schwerkraft in diesem Raum stärker.
Meine Hände zittern, als ich nach meinem Handy greife und auf die Uhr schaue.
Fast halb vier.
Ich versuche zu atmen.
Und dann klingelt mein Handy.
Mrs. Lane.
Mir rutscht der Magen in die Tiefe.
Ich gehe ran.
„Alera“, sagt sie, ihre Stimme bereits scharf. „Du bist das undankbarste, unzuverlässigste Gör, das ich je zu meinem Leidwesen eingestellt habe.“
Mein Hals schnürt sich zu. „Mrs. Lane, ich …“
„Unterbrich mich nicht“, schnappt sie. „Du warst diesen Monat fünfmal zu spät. FÜNF MAL. Und heute bist du nicht einmal aufgetaucht, ohne jede Vorwarnung. Letzte Woche hast du die Horrorromane schon wieder unter Selbsthilfe einsortiert, und glaub ja nicht, ich hätte vergessen, wie du eine Kundin frech angegangen bist.“
„Diese Kundin hat mich angeschrien …“
„Und statt dich zu entschuldigen, bist du patzig geworden. Mach dir nicht die Mühe, morgen reinzukommen. Oder jemals.“
„Aber – Mrs. Lane, bitte, …“
Die Leitung ist tot.
Ich blinzle. Starre auf den Bildschirm.
So einfach.
Ich glaube nicht, dass ich mich je daran gewöhnen werde, wie schnell es von schlecht zu noch schlimmer gehen kann.
Das ist ein Job, um den ich gekämpft habe. Der Job, an dem ich festgehalten habe, als all die Abschlüsse und Zertifikate, die ich angehäuft habe, uns kein Essen auf den Tisch bringen konnten. Der einzige feste Job, der die Miete bezahlt und das Licht an lässt.
Weg.
Die Tränen kommen schnell. Ich vergrabe das Gesicht in den Händen und lasse alles aus mir herausbrechen.
Was zum Teufel habe ich getan?
Warum bin ich nicht einfach zur Arbeit gegangen, wie ich es hätte tun sollen? Ich wusste, dass sie nur auf einen Grund wartete, mich loszuwerden. Ich habe es gespürt, an der Art, wie sie seufzte, wenn ich einstempelte. Daran, wie sie mich mit so viel Abscheu und Bitterkeit ansah.
Und heute? Ich habe ihr die Gelegenheit auf dem Silbertablett serviert.
Ich rolle mich auf dem Bett zusammen, die Fäuste gegen die Decke gepresst.
Alles tut weh.
Mein Körper, mein Herz und mein Stolz.
Es war eine ganze Ladung Demütigung. Wenn ich doch einfach für immer verschwinden könnte.
Ich sehe auf meine Hände. Abgesplitterter Nagellack, Blasen in der Handfläche vom Tragen zu vieler Kisten auf einmal. So sollte mein Leben nicht aussehen.
Diese Hände haben früher Schecks unterschrieben. Sie trugen Tiffany-Armbänder und klappten Designerhandtaschen zu.
Und jetzt? Sie schmerzen vom Wischen der Böden. Vom Abkratzen von angebranntem Reis aus billigen Töpfen. Vom Zusammenlegen von Vaters Wäsche am Sonntag, weil er nicht lange genug stehen kann, um es selbst zu tun.
Ich habe zwei Abschlüsse, Auszeichnungen und Praktika.
Und nichts davon zählt ohne Beziehungen, Geld oder wenigstens einen Namen, der noch Gewicht hat.
Ich spüre, wie meine Wut wie Weihrauch aufsteigt und mir nach und nach die Sinne vernebelt.
Ich bin nicht nur wütend auf Dante. Auf den frauenfeindlichen Polizisten oder Mrs. Lane.
Ich bin wütend auf meinen Vater.
Warum hat er mich nicht auf die echte Welt vorbereitet? Warum hat er mir nicht beigebracht, wie man sich durchschlägt? Wie man ohne Privilegien überlebt? Oder mich wenigstens zu verteidigen?
Ich schluchze wieder und presse ein Kissen an die Brust, als könnte es mich erden.
Wie soll ich jetzt noch weiterleben? Was, wenn dieser Polizist Dante wirklich erzählt, dass ich ihn gemeldet habe, und Dante dann mein Leben noch weiter ruiniert? Ich traue es diesem seelenlosen Monster zu.
Mitten im Schluchzen werde ich ganz still.
Weil etwas nicht stimmt.
Es ist … ruhig.
Unnatürlich ruhig.
Kein Husten, kein Knarren der Couch, wenn er sich bewegt, kein Zappen durch die Fernsehsender, kein Keuchen, kein Räuspern. Nichts.
Ich setze mich ruckartig auf.
„Vater?“, rufe ich.
Keine Antwort.
Ich wische mir übers Gesicht, stolpere auf die Füße und öffne die Tür.
Der Flur ist dämmrig, weil das Küchenlicht aus ist.
Ich trete in den Hauptraum. „Vater?“
Immer noch nichts.
Ich sehe zuerst auf die Couch.
Er ist nicht da.
Seine Pantoffeln stehen noch auf dem Boden. Einer liegt umgedreht.
Da sehe ich ihn.
Am Ende des Flurs.
Er liegt ausgestreckt da, ein Arm unnatürlich angewinkelt, der andere nutzlos über den Teppich hingestreckt.
Er bewegt sich nicht.
Die Decke hat sich in der Nähe seiner Beine verheddert.
„Vati?!“
