Kapitel 5 KAPITEL 5

Perspektive von Vivienne

Als die letzte Stunde dran war, fühlten sich meine Augen schwer an, als hätte ich den ganzen Tag Ziegelsteine im Gesicht herumgetragen.

Ich hörte kaum ein einziges Wort von dem, was die Lehrerin sagte. Alles verschwamm. Zahlen an der Tafel, Kinderlachen, das Tippen von Bleistiften – das alles trieb an mir vorbei, als wäre ich gar nicht da.

Ich konnte nur an meinen Onkel denken. An dieses leere Konto. Jahre des Sparens, weg. Es ließ meine Brust wieder schmerzen.

Ich hatte zwischen den Stunden geweint. Auf der Toilette. Im Flur, wenn niemand hinsah. Aber die Tränen kamen immer wieder, egal wie oft ich sie wegwischte.

Und natürlich war Emma heute nicht da. Die eine Person, der ich alles erzählen konnte, lag mit Fieber zu Hause. Typisch.

Als die Glocke läutete, explodierte der Raum in Lärm. Stühle scharrten, Rucksäcke wurden zugereißt, alle stürmten zur Tür, als würde die Freiheit direkt draußen warten.

Aber nicht ich.

Ich blieb sitzen, den Kopf auf den Armen, starrte auf die Tischplatte. Mein Hals brannte, und ehe ich es begriff, liefen die Tränen schon wieder.

Es war mir nicht mal mehr wichtig, ob es jemand sah.

Ich wollte nicht nach Hause. Ich wollte ihn nicht sehen. Ich wollte diesem dummen Apartment mit seinen kaputten Wänden und kaputten Versprechen nicht gegenübertreten.

Also saß ich einfach da, erstarrt auf meinem Platz, und weinte in die Stille hinein.

„Da ist die zickige Streberin.“

Mein Kopf fuhr hoch, die Augen verschmiert von Tränen. Jessica stand in der Tür mit ihrer kleinen Gang, lauter Grinsen und verschränkte Arme. Ihre Augen funkelten, als hätte sie auf genau diesen Moment gewartet.

Ich wischte mir hastig übers Gesicht und versuchte zu verbergen, wie fertig ich aussah. „Was zur Hölle willst du?“ Meine Stimme zitterte, aber ich presste die Worte trotzdem hervor.

Jessicas Grinsen verzog sich. Sie kam direkt auf mich zu, und bevor ich mich rühren konnte, krachte ihre Hand gegen meine Wange. Mein Gesicht brannte, das Geräusch hallte durch das leere Klassenzimmer.

„Wie kannst du es wagen?“, zischte sie. „Du hast mich neulich vor allen blamiert. Glaubst du, du kannst mir frech kommen? Glaubst du, du kannst dich überhaupt in Rafaels Nähe blicken lassen?“

Ihre Hand schoss erneut vor, noch eine Ohrfeige. Mein Kopf schnappte zur Seite, die Tränen brannten mir wieder in den Augen.

„Halt dich von ihm fern“, spuckte sie. „Er gehört mir. Wag es ja nicht, ihn auch nur noch einmal anzusehen.“

Zwei von den Mädchen packten meine Arme, bevor ich reagieren konnte. Eine presste mir die Hand über den Mund und erstickte meinen Schrei. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen, während Jessicas Finger an meiner Uniform zerrten.

„Nein – bitte –“ Die Worte erstickten unter der Handfläche des Mädchens.

Rrrtsch.

Bei dem Geräusch wurde mein ganzer Körper eiskalt. Meine Uniform riss auf, Stoff fiel auseinander, bis ich unter ihren Blicken nackt war. Um mich herum brach Gelächter los, grausam und schneidend.

Jessica hob ihr Handy, der Blitz blendete mich, als sie Foto um Foto machte. Mir rutschte der Magen in die Tiefe.

„Wenn du das jemals meldest“, höhnte sie und wedelte mir das Handy vors Gesicht, „gehen die überall hin. Dann sieht jeder, was für eine armselige kleine Schlampe du bist.“

Die Mädchen lachten wieder, stießen mich zurück auf den Stuhl und stolzierte dann zur Tür. Jessica warf mir noch einen letzten Blick über die Schulter, ihre Stimme triefte vor Gift. „Halt dich von Rafael fern. Sonst.“

Und dann waren sie weg.

Ich saß da und presste den zerrissenen Stoff an meine Brust, Schluchzer rüttelten an mir. Mein ganzer Körper brannte vor Scham. Ich wusste nicht, wie lange ich weinte. Minuten. Stunden. Es fühlte sich endlos an.

Das Knarren der Klassenzimmertür riss mich heraus. Mir blieb der Atem im Hals stecken.

Nein. Bitte, nicht noch mal. Nicht Runde zwei.

Aber als ich aufsah, war es nicht Jessica.

Es war Rafael.

Er erstarrte im Türrahmen, sein Blick fiel auf mich – auf das Chaos, das ich war. Sein Gesicht verzog sich zu etwas, das ich noch nie an ihm gesehen hatte. Wut.

„Was zum Teufel ist mit dir passiert?“, brüllte er, seine Stimme ließ die Luft beben.

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