Kapitel 7
Perspektive von Orion
Das tosende Jubeln von draußen unterbrach James mitten im Satz. Er wandte den Kopf, stieß einen leisen Pfiff aus und stellte seine Kaffeetasse ab, während sich auf seinem Gesicht ein Lächeln echter Anerkennung ausbreitete statt der kalkulierten geschäftlichen Miene, die er sonst trug.
„Ich habe noch nie ein Mädchen so reiten sehen“, sagte er und beugte sich vor, den Blick fest auf das Fenster gerichtet. „So eine rohe Lebenskraft – das ist selten.“
Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf das Fenster, erwartete nur irgendeine weitere Reiterin, die einen Sieg feierte, eine Szene, die ich schon unzählige Male gesehen hatte, und formte innerlich bereits eine höfliche, beiläufige Bemerkung. Doch in dem Moment, als mein Blick auf sie fiel, verkrampfte sich etwas in meiner Brust heftig.
Sie zog gerade ihren Helm ab, dunkles Haar ergoss sich über ihre Schultern, und selbst aus dieser Entfernung konnte ich die wilde Freiheit in ihren Bewegungen erkennen.
Gefährtin.
Das Wort explodierte in meinem Kopf, mein Wolf erkannte sie mit einer Unmittelbarkeit, die jede Logik überging, und noch bevor ich den Gedanken überhaupt fassen konnte, hörte ich meine eigene Stimme.
„Ja“, sagte ich leise, ohne den Blick von ihr lösen zu können. „Wunderschön.“
James drehte sich zu mir um und starrte mich an, unverhohlene Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Hast du gerade— Orion, ich kenne dich seit Jahren, und ich habe dich noch nie so über eine Frau sprechen hören. Nicht ein einziges Mal.“ In seinem Ton lagen Belustigung und Neugier zugleich.
Ich zwang mich, meine Augen vom Fenster loszureißen, von ihr, und mich wieder auf die Verträge zu konzentrieren, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen. „Wir sollten die Bedingungen der Fusion festzurren“, sagte ich, und meine Stimme blieb so beherrscht wie immer, obwohl der Wolf in meinem Kopf grausam an meiner Kontrolle riss und mich drängte, zu ihr zu gehen, die verletzliche Rundung ihrer Kehle zu zeichnen und sie ganz als die Meine zu beanspruchen. „Der Vorstand tagt nächste Woche.“
James musterte mich noch einen Moment länger, offenkundig unschlüssig, ob er weiter nachhaken sollte. Schließlich ließ er es gut sein und lehnte sich mit einem wissenden Lächeln zurück.
Wir kehrten zum Geschäft zurück, doch meine Gedanken blieben von diesem kurzen Austausch der Blicke völlig erschüttert. Das war höchst ungewöhnlich.
Perspektive von Lyra
In dem Augenblick, als sich meine Augen mit Orions trafen, sah ich reflexhaft weg, und jeder Plan, den ich sorgfältig geschmiedet hatte, brach in diesem einen Moment zusammen. Ich war nicht bereit, ihm gegenüberzutreten – noch nicht, nicht, während ich die Lederjacke des Clubs trug statt der geschniegelt-angemessenen Kleidung, die jemand von seinem Stand erwarten würde.
Ich drehte mich rasch um, murmelte Rowan ein hastiges Lebewohl zu und fuhr mit wild hämmerndem Herzen nach Hause. Als ich durch die Tür trat, war die Wohnung leer. Ich öffnete meinen Laptop und rief die Aufnahmen der Überwachungskameras auf, blätterte durch die letzten Tage zurück.
Ich fand einen kurzen Clip: Kael betrat den Abstellraum mit etwas in der Hand, seine Bewegungen heimlich und vorsichtig. Ich spulte zurück, sah noch einmal hin und erwischte den Moment, in dem er einen Safe öffnete, von dessen Existenz ich nie etwas gewusst hatte, versteckt hinter Kisten in der hinteren Ecke. Der Blickwinkel war nicht perfekt, aber ich konnte die Reihenfolge erkennen, die seine Finger auf dem Tastenfeld eingaben: 0-7-1-8.
Miras Geburtstag.
Als ich sicher war, dass er nicht zurückkommen würde, schlüpfte ich in den Abstellraum und durchschnitt mit der Taschenlampe meines Handys die Dunkelheit. Ich gab den Code ein und hörte, wie das Schloss mit einem Klicken aufsprang.
Darin lagen ein ledergebundenes Tagebuch und ein dicker Stapel Quittungen, zusammengehalten von einem Gummiband. Ich zog zuerst das Tagebuch heraus und schlug es auf, und eisige Beklemmung durchströmte meine Adern, als ich Kaels Handschrift las, in der er die Daten, Dosierungen und Wirkungen des Nightfall festgehalten hatte, das er mir gegeben hatte. Der Stapel Quittungen belegte Käufe von Nightfall über die Dauer unserer gesamten Beziehung hinweg – Dutzende Transaktionen, Beweise für eine Vergiftung, die kein Ältestenrat der Werwölfe ignorieren konnte.
Mit zitternden Händen fotografierte ich jede Seite, dann legte ich alles vorsichtig wieder genau so zurück, wie ich es vorgefunden hatte. Als ich den Lagerraum verließ, liefen mir die Tränen übers Gesicht, doch mein Entschluss war zu etwas Unzerbrechlichem verhärtet.
Am nächsten Morgen erhielt ich eine Einladung zu Seras Verlobungsfeier. Ich hätte mich still und leise aus dem Gebiet von Red Fang davonmachen sollen. Aber Sera war der einzige Mensch gewesen, der mir in den drei Jahren meiner Taubheit Güte gezeigt hatte, der an meiner Seite geblieben war, als alle anderen mich verspotteten.
Ich schuldete ihr einen richtigen Abschied.
Der Ort für Seras Verlobungsfeier war eine dieser umgebauten Lagerhallen, die das Rudel für formelle Zusammenkünfte nutzte: freiliegende Backsteinwände, gemildert von Blumen und herabfallenden Stoffbahnen. Ich trug ein altes Kleid, das ich von Silver Moon mitgebracht hatte – schlicht und aus der Zeit gefallen, aber im Moment war es das Beste, was ich besaß.
Ich trat ein und sah Kael und Mira bereits dort, Seite an Seite nahe der Bar, beide mit passenden Armbändern. Zarte Silberketten, die das Licht einfingen, wenn sie sich bewegten – und die Vertrautheit davon drehte mir den Magen um.
Kael sah mich und erstarrte, seine Augen weiteten sich einen Hauch, bevor er auf sein Handgelenk blickte und versuchte, das Armband unauffällig unter den Ärmel zu schieben. Aber es war offensichtlich – er wusste, dass ich es gesehen hatte.
Er überquerte den Raum schnell, seine Stimme leise und dringlich. „Die Armbänder sind Standard für Ratsmitglieder bei Rudelveranstaltungen. Mira hat zufällig auch eins bekommen. Interpretier da nichts hinein.“
Ich sah ihn mit der eingeübten Neutralität an, die ich in der vergangenen Woche perfektioniert hatte, und nickte nur. Etwas huschte über sein Gesicht – Verwirrung vielleicht, oder die Sorge, dass ich nicht länger die Rolle spielte, die er für mich geschrieben hatte.
Mira stand noch immer an der Bar und trug ein Kleid, das ich auf der Stelle wiedererkannte – eines, das ich vor Monaten beim Stöbern im Internet gesehen hatte, dessen Preisschild mir in Erinnerung geblieben war, weil es so absurd teuer gewesen war. Ich war mir fast sicher, dass Kael es ihr gekauft hatte.
Die anderen Frauen des Rudels scharten sich um sie, machten ihr Komplimente für das Kleid, und als sie zu mir hinübersahen, mein altmodisches Kleid und meine abgetragenen Schuhe musterten, hörte ich, wie ihr Ton sich veränderte.
„Zu einer Verlobungsfeier einer Freundin so geschniegelt aufzutauchen – das ist schon was“, sagte eine von ihnen, gerade laut genug, dass es mich klar erreichte.
„Na ja, sie ist eine Abtrünnige“, setzte eine andere mit falschem Mitgefühl nach. „Da kann man nichts Anständiges erwarten.“
Bevor ich entscheiden konnte, wie ich reagieren sollte, erschien Sera an meiner Seite, ihre Hand warm, als sie meine ergriff. „Ich bin so nervös, ich kann kaum atmen“, sagte sie mit Absicht und lenkte mich von den tratschenden Frauen weg. „Meine Hände sind wirklich klatschnass. Sag mal – wann habt ihr und Kael eure Paarungszeremonie? Ich will dabei sein, um dich endlich richtig Luna nennen zu dürfen.“
„Heute geht es um dich“, sagte ich, drückte ihre Hand und zwang mich zu einem Lächeln. „Mach dir keine Gedanken um mich. Geh und zieh dein Zeremonienkleid an.“
Nachdem Sera zum Umziehen gegangen war, zog ich mich in eine Ecke zurück und nahm mir ein Getränk. Als sie in ihrem Zeremonienkleid wieder herauskam, hob ich das Glas auf sie, wünschte ihr im Stillen das Glück, das ich vielleicht nie haben würde.
Bald wurde sie von der fröhlichen Menge der Rudelmitglieder mitgerissen, und ich entschuldigte mich, um zur Toilette zu gehen, während mein Kopf bereits daran arbeitete, wie ich bald verschwinden konnte, ohne unhöflich zu wirken.
Doch als ich die Tür aufstieß, um hinauszutreten, hörte ich Miras Stimme. Ich erstarrte, die Hand noch an der Tür, vollkommen reglos.
