Kapitel 2 - Puppen

Perspektive von Margot

Die Tür klickte hinter mir ins Schloss.

Die letzte Erinnerung daran, dass ich gefangen war.

Und einfach so –

verschluckte mich die Stille.

Kein Geschrei.

Keine Motoren.

Keine Wachen, die Befehle bellten.

Nichts.

Nur … Ruhe.

Mein Rücken prallte gegen die Tür, noch bevor ich überhaupt begriff, dass ich stehen geblieben war.

Und dann brach ich zusammen.

Ein Schluchzer riss sich so heftig aus mir heraus, dass mein ganzer Körper bebte; meine Knie gaben nach, als ich am Holz hinabrutschte und auf dem Boden zusammensackte.

Endlich.

Endlich kam alles heraus.

Alles, was ich seit heute Morgen in mir festgehalten hatte.

Seit der Zelle.

Seit ich ihn verlassen hatte.

Meine Brust hob und senkte sich schmerzhaft, jeder Atemzug scharf und ungleichmäßig, während mir die Tränen übers Gesicht liefen und alles um mich herum verschwimmen ließen.

Ich krümmte mich ein wenig nach vorn; meine überanstrengten Muskeln schrien vor Protest, als ich die Hände hob – sie waren jetzt frei –, aber sie schmerzten immer noch.

Meine Handgelenke.

Aufgescheuert.

Rot.

Wütend.

Ich rieb verzweifelt darüber, massierte die Haut, als könnte ich damit rückgängig machen, was man mir angetan hatte, als könnte ich das Brennen, die Abdrücke, die Erinnerung an diese verfluchten Handschellen wegwischen, die sich stundenlang in mich gegraben hatten, als wäre ich irgendeine gefährliche Verbrecherin …

Ich weinte noch heftiger.

Hässliches Weinen.

Zerbrochen und hilflos.

Meine Stirn sank nach vorn, berührte fast meine Knie, während meine Schultern davon geschüttelt wurden.

Ich versuchte nicht einmal, es zu stoppen.

Versuchte nicht, stark zu sein.

Nicht mehr.

Denn wozu?

Mir war ohnehin alles entrissen worden.

Zeit verging.

Ich wusste nicht, wie lange.

Minuten?

Eine Stunde?

Alles verschwamm in diesem Dunst aus Erschöpfung und Trauer.

Bis die Schluchzer schließlich langsamer wurden.

Nicht, weil der Schmerz nachließ, sondern weil mein Körper einfach keine Kraft mehr hatte, weiterzumachen.

Mein Atem fand zu zittrigen Einzügen und langen, ungleichmäßigen Ausstößen.

Mein Hals brannte.

Mein Kopf pochte.

Mein Auge pulsierte.

Ich schniefte, zog den Handrücken über die Wangen und verzog das Gesicht, weil sich meine Haut so empfindlich anfühlte.

Dann, langsam …

sah ich auf.

Sah wirklich hin.

Auf das Haus.

Mein Haus, offenbar.

Das Erste, was mir auffiel?

Es war zu sauber.

Makellos.

Als hätte hier noch nie jemand gelebt.

Die Wände waren in einem sanften Beige gestrichen, geschmückt mit hellen, fröhlichen Bildern, die sich völlig fehl am Platz anfühlten zu dem, was in mir drin war.

Vor mir führte eine Treppe nach oben.

Cremefarbener Teppich.

Perfekt.

Unberührt.

Ich stemmte mich langsam hoch, die Beine noch immer wacklig unter mir.

Sollte ich … hier leben?

Allein?

Der Gedanke ließ meinen Magen sich zusammenziehen.

Aus einer engen Zelle …

hierher?

In ein ganzes Haus?

Es ergab keinen Sinn.

Nichts daran ergab Sinn.

Vielleicht war das ihre Art, es wiedergutzumachen? Uns dafür zu entschädigen, dass sie uns wie Verbrecher hierhergeschleift hatten?

Oder vielleicht …

hatten diese Häuser schon immer hier gestanden.

Unterkünfte fürs Militär? Für Familien? Für Leben, die hier einmal existiert hatten, bevor man uns hineinstieß wie Ersatz-Versuchstiere.

Bei dem Gedanken kroch mir ein Schauder über die Haut.

Ich wollte es nicht.

Nichts davon.

Ich würde in einem Augenblick in diese Zelle zurückgehen, wenn es bedeuten würde –

Nein.

Nicht.

Geh da nicht schon wieder hin.

Ich zwang mich, mich zu bewegen.

Der erste Raum links zog meine Aufmerksamkeit auf sich.

Ein Wohnzimmer.

Klein, aber … perfekt.

Zu perfekt.

Zwei plüschige, blassrosa Sofas standen einander gegenüber, die Kissen unberührt, der Stoff makellos vor den weichen grauen Wänden.

Ein Fernseher hing ordentlich an der Wand.

Ich blinzelte ihn an.

Ein Fernseher.

Mein eigener Fernseher?

Der Gedanke fühlte sich fremd an.

Unwirklich.

Verdächtig …

Ich trat langsam näher, ließ den Blick durch den Raum wandern, bis ich die Fernbedienung entdeckte, die ordentlich auf dem Couchtisch lag.

Meine Finger zögerten, als ich danach griff.

Als könnte eine Berührung etwas auslösen.

Einen Alarm.

Eine Konsequenz.

Aber nichts geschah.

Also drückte ich darauf und sah zu, wie der Bildschirm flackerte und zum Leben erwachte.

Ein Titel erschien.

„Militärisch festgelegt.“

Ich runzelte leicht die Stirn.

Was sollte das überhaupt bedeuten?

Der Bildschirm wechselte erneut, bevor Menüs auftauchten.

Reihen von Serien, Filmen, Optionen …

Kontrollierte Optionen? Vorab genehmigt?

Natürlich.

Sogar das hier … war keine Freiheit.

Es war nur eine andere Form von Kontrolle.

Mein Kiefer spannte sich an.

Ich schaltete es aus.

Ich wollte das nicht.

Wollte nichts an diesem Ort genießen.

Ich verließ das Zimmer hastig.

Weiter unten im Flur – eine Küche.

Weiße Marmorarbeitsplatten zogen sich durch den Raum, glänzten unter dem protzigen Licht.

Seitlich stand ein großer Esstisch, sechs Stühle ordentlich herangeschoben, als warteten sie auf eine Familie, die niemals kommen würde.

Französische Türen säumten die Rückwand und gaben den Blick frei auf einen perfekt gestutzten Garten draußen.

Terrassendielen.

Stühle.

Sonnenlicht.

Es hätte friedlich wirken sollen.

Tat es aber nicht.

Es fühlte sich inszeniert an.

Falsch.

Doch dann – entdeckte ich den Kühlschrank.

Riesig.

Unnatürlich riesig.

Ich blieb davor stehen, mir plötzlich bewusst, wie trocken sich mein Hals anfühlte …

Wie durstig ich war …

Ich trat näher, riss ihn auf, und kalte Luft schlug mir entgegen …

Ich seufzte, als ich hineinblickte – Wasserflaschen!

Sogar etwas frisches Obst.

Ohne nachzudenken griff ich nach einer Flasche, drehte den Deckel hastig auf und setzte sie an die Lippen.

Ich trank.

Schnell.

Verzweifelt.

Als hätte ich seit Tagen kein Wasser gehabt.

Die kühle Flüssigkeit brannte mir die Kehle hinunter, aber es tat gut.

So gut.

Ich hörte erst auf, als die Flasche leer war, atmete zittrig aus und senkte sie.

Besser.

Ein bisschen …

Ich schloss den Kühlschrank und ging weiter.

Gleich neben dem Flur lag ein Schlafzimmer.

Schlicht.

Ein kleines Doppelbett.

Eine Kommode.

Zwei Nachttische mit Lampen.

Alles perfekt platziert.

Alles unberührt.

Ich überprüfte die Kommode.

Leer.

Natürlich war sie das.

Also wandte ich mich der Treppe zu.

Oben fühlte es sich … größer an.

Zuerst ein Badezimmer.

Strahlend weiß und makellos, mit einer begehbaren Dusche, und sogar einer Badewanne.

Eine Badewanne …

Dafür hätte ich im Gefängnis getötet.

Und jetzt?

Ich fühlte nicht einmal so etwas wie Vorfreude, als ich sie sah.

Nur … taub.

Noch zwei Zimmer.

Eines mit zwei Einzelbetten.

Einfach.

Leer.

Und dann –

Die letzte Tür.

Ich drückte sie langsam auf.

Und erstarrte.

Das Hauptschlafzimmer.

Es war riesig.

Lächerlich riesig.

Allein das Bett war gewaltig, viel größer als alles, worin ich je zuvor geschlafen hatte, bezogen mit makellos weißen Laken, die aussahen, als wären sie nie berührt worden.

In der Ecke stand ein Schminktisch mit einem polierten Spiegel. Perfekt.

Langsam ging ich darauf zu, meine Finger strichen leicht über die Oberfläche.

Dann zog ich die Schublade darunter auf … und hielt inne.

Make-up.

Dutzende Produkte.

Sorgfältig angeordnet.

Nagelneu …

Mir drehte sich der Magen um.

Warum nagelneu?

Warum war das hier?

Für mich?

Als sollte ich … was?

Familie spielen?

Verkleiden spielen?!

Ich knallte die Schublade zu.

Hart.

Genervt.

Verunsichert.

Als Nächstes wandte ich mich dem Kleiderschrank zu, und als ich ihn öffnete, stockte mir der Atem …

Kleidung.

Reihen davon.

Perfekt aufgehängt.

Aber krankhaft geschniegelt …

Meist Kleider, sommerliche, verschiedene Schnitte, darunter makellose Schuhe ordentlich aufgereiht …

Was zum Teufel ging hier vor sich?!

Alles … war vorbereitet.

Für mich?!

Meine Brust zog sich zusammen.

Das war nicht einfach nur eine Unterkunft.

Das erforderte Vorbereitung.

Planung.

Sie hatten uns nicht einfach nur hierhergebracht …

Sie hatten uns eingerichtet …

Wie Puppen.

In ein Leben gesetzt, das wir uns nicht ausgesucht hatten.

Meine Finger krümmten sich leicht an den Seiten.

Und zum ersten Mal, seit ich dieses Haus betreten hatte, spürte ich, wie sich etwas verschob.

Etwas Dunkleres.

Das war nicht nur ein vorübergehender Zwischenstopp.

Das war etwas viel Größeres.

Und ich hatte so ein Gefühl …

Dass wir da so schnell nicht wieder rauskommen würden …

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