Kapitel 1 Ein Käfig, den ich mein Zuhause nenne

GENESIS

„Wach auf, du kleiner Freak.“

Ein Eimer eiskaltes Wasser traf mein Gesicht, durchnässte die dünne Decke und biss sich in meine Haut. Ich schnappte nach Luft, die Zähne klapperten, während ich mich an die Laken klammerte und der Schatten meines Stiefbruders über mir aufragte.

Mark grinste höhnisch. „Glaubst du, du bist eine Prinzessin, während wir dich bedienen?“

Bevor ich blinzeln konnte, trat er gegen den Bettrahmen. Ein Schmerz explodierte, als ich auf den Boden aufschlug und mein Kiefer gegen die Holzdielen krachte. Zitternd rappelte ich mich auf, aber ich blieb nicht liegen. Liegen bleiben bedeutete Schlimmeres.

Als Nächstes kam Jimmys Stimme – ruhig, gefährlich. „Mutter will dich sehen.“

Er trat näher und strich mir nasse Haarsträhnen aus dem Gesicht. Seine Berührung ließ meinen Magen verkrampfen. Ich hielt still, den Blick gesenkt, und kämpfte gegen den Drang an, zusammenzuzucken.

„Und lass sie nicht warten“, murmelte er, seine Stimme wurde zur Drohung.

Ich huschte davon und wischte mir schnell die Tränen weg, bevor sie sie sehen konnten. Weinen machte alles nur noch schlimmer.

Unten wartete Monica, ein Glas in der Hand, ihre stechenden Augen blutunterlaufen und kalt. Schon von der Tür aus roch ich den Alkohol.

„Was stehst du da rum?“, fauchte sie. „Komm her.“

Ich gehorchte und hielt meinen Blick auf den Boden gerichtet.

Sie musterte mich, ihre Lippen kräuselten sich. „Erbärmlich. Dein Vater muss blind gewesen sein, jemanden wie dich in meiner Obhut zu lassen.“

Meine Brust zog sich zusammen. Er war nicht freiwillig gegangen.

Monica stand auf und umkreiste mich wie ein Falke. „Du bist nichts als eine Last. Ein dreckiger kleiner Freak. Wenn es nach mir ginge, würdest du auf der Straße verrotten.“

Ich biss mir auf die Zunge, schwieg. Sie stieß mich zum Spülbecken. „Schrubb diese Küche blitzblank. Und blamier mich nicht, wenn du heute Abend das Essen servierst.“

Ihre Hand krachte gegen meinen Rücken. Schmerz durchzuckte meine Rippen, aber ich fing mich auf. Ihr Lachen folgte mir, als ich nach dem Lappen griff. „Sei dankbar, dass du überhaupt ein Dach über dem Kopf hast.“

Ich umklammerte die Arbeitsplatte, bis meine Knöchel weiß wurden. Ich würde nicht weinen. Nicht hier. Nicht, wo sie es sehen konnten.

Nur noch ein Jahr. Dann bin ich weg.

Als die Nacht hereinbrach, schmerzte mein ganzer Körper. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde ich auf blauen Flecken laufen. Aber wenigstens hatte ich gegessen – Monica hatte mich heute in meinem Zimmer essen lassen. Das war Gnade in ihrer Welt.

Ich saß auf meiner Bettkante, ein geliehenes Buch aus der Bibliothek auf meinen Knien aufgeschlagen. Die Worte boten mir eine kleine Flucht, selbst wenn ich über die schwierigen stolperte.

So vertieft in die Geschichte, hörte ich nicht, wie die Tür aufging.

Spürte ihn nicht, bis sich die Luft veränderte.

Jimmy lehnte im Türrahmen, seine Augen schimmerten dunkel. „Noch wach?“, fragte er und trat ein.

Mein Puls raste. Ich schüttelte schnell den Kopf und stand auf, deutete auf die Türklingel, die gerade unten geläutet hatte.

Er lächelte – ein langsames, wissendes Lächeln. „Du gehst nirgendwohin.“

Er griff nach mir, seine Finger schlossen sich um mein Handgelenk. Ich zog zurück, mein Herz hämmerte, aber er packte fester zu, seine Stimme wurde leise und spöttisch.

Dann …

„GENESIS!“, donnerte Monicas wütende Stimme von unten.

Jimmy erstarrte. Sein Griff lockerte sich. Nach Luft ringend, stolperte ich zurück.

„Keine Bewegung“, zischte er, bevor er hinausstürmte.

Zitternd sank ich zu Boden, mein Herzschlag hallte in meinen Ohren wider.

Es war nicht vorbei.

Es war nie vorbei.

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