Kapitel 1 Der Besuch

Als Melissa zum ersten Mal spürte, wie das Baby trat, starrte sie auf einen Riss in der Gefängnisdecke. Es war klein und zerbrechlich, wie ein Flüstern in ihr.

Vor neun Monaten war Melissa in Handschellen ins Gefängnis geführt worden. Man hatte sie verraten, und doch glaubte sie noch an die Liebe.

Sie legte eine schützende Handfläche auf ihren wachsenden Bauch und lächelte durch die grauen Wände der Frauenhaftanstalt in New York City hindurch.

Ben würde kommen, ihr Verlobter, der Vater ihres Kindes, der Mann, der ihr versprochen hatte, das hier sei nur vorübergehend.

Nimm die Schuld auf dich, Melissa. Ich werde das in Ordnung bringen, ich hole dich da raus, ich werde dich heiraten, und wir fangen neu an. Sie hatte diese Worte jede Nacht wie ein Gebet wiederholt.

„Melissa Carter. Besuch.“

Ihr Herz machte einen Sprung.

Sie stand langsam auf, jede Bewegung bedacht. Eine Schwangerschaft im Gefängnis war nichts, worauf man dich vorbereitete.

Die Blicke, das Tuscheln und die Einsamkeit – aber heute zählte das nicht.

Heute würde ihr Baby seinen Vater „kennenlernen“.

Der Besuchsraum roch nach Desinfektionsmittel und nach dem hartnäckigen Hauch alten Bedauerns. Die Luft fühlte sich an, als ginge sie aus.

Der Gefängniswärter stand nur ein paar Schritte hinter Melissa, die Arme verschränkt.

Sie setzte sich auf einen kalten Metallhocker, der am Boden verschraubt war, die Hände auf einer verkratzten, kunststoffbeschichteten Tischplatte.

Und dann sah sie ihn.

Ben Harrison. Groß, gefasst, in einem makellosen Leinenanzug.

In seinem Lächeln lag derselbe mühelose Charme, der sie einst hatte glauben lassen, sie sei die glücklichste Frau der Welt.

Aber er kam nicht allein.

Linda Cross glitt an seiner Seite herein, das Haar perfekt frisiert, Stöckelschuhe von einem Designer, und an ihrem Finger funkelte ein Diamantring.

Melissa blinzelte zweimal. Sie konnte nicht glauben, was sie sah.

Linda war immer Teil ihres Kreises gewesen – schön, ehrgeizig, berechnend. Doch wie sie sich an Bens Arm klammerte, war nicht freundschaftlich; es war besitzergreifend.

Ben setzte sich Melissa gegenüber, getrennt durch eine verkratzte Glasscheibe.

Linda setzte sich nicht. Sie blieb neben ihm stehen und nahm ihn für sich in Anspruch. Melissa schluckte, das Unbehagen stieg ihr in den Hals.

„Du bist gekommen“, flüsterte sie, ihre Fingerspitzen strichen über das Glas. „Ich hatte solche Angst. Das Baby wächst so schnell. Ich kann es kaum erwarten, dass du es spürst.“

Ben lächelte nicht; er sah nicht einmal auf ihren Bauch. Sein Gesichtsausdruck war fern und abgekoppelt.

„Melissa“, sagte er tonlos, „wir müssen reden.“

Ihr Lächeln geriet ins Wanken.

„Natürlich. Hat der Anwalt die Unterlagen eingereicht? Du hast gesagt, ich wäre noch vor dem zweiten Trimester draußen, wir können die Hochzeit immer noch feiern, bevor das Baby kommt.“

Linda lachte leise. Ben lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Es wird keine Hochzeit geben.“

Die Worte drangen zuerst nicht zu ihr durch.

„Was?“ Plötzlich bekam Melissa keine Luft mehr.

„Ich bin nicht der Vater dieses Kindes.“

Eine tote, schwere Stille krachte in den Raum zwischen ihnen. Melissas Hand erstarrte am Glas.

„Das ist nicht lustig, Ben.“

Ihr Puls hämmerte ihr in den Ohren. „Du warst dort. In jener Nacht.“

„In jener Nacht“, fiel Linda ihr mit geschmeidiger Stimme ins Wort, „ging es nicht nur um dich.“

Melissa drehte sich zu ihr um, völlig verwirrt.

Ben stieß ungeduldig die Luft aus. „Der Mann, mit dem du diesen One-Night-Stand hattest? Der, an den du dich praktischerweise nicht mehr erinnerst? Er hat verdammt gut bezahlt.“

Der Raum kippte. „Wovon redest du?“

Bens Blick wurde hart. „Ich habe dich unter Drogen gesetzt und an den Meistbietenden verkauft, Melissa.“

Die Worte waren ruhig und klinisch, als spräche er über ein Geschäft.

„Jemand Mächtiges brauchte eine Sündenböckin für einen Finanzskandal. Du warst perfekt: keine Vorstrafen, emotional und leicht zu lenken.“

Ihr Atem wurde flach und abgehackt, ein verzweifeltes, rhythmisches Hecheln, das ihren Kipppunkt verriet.

„Du hast gesagt, wenn ich gestehe, holst du mich da raus.“

„Ja“, erwiderte er. „Und du hast mir geglaubt.“

Linda ließ sich endlich auf den Stuhl neben ihm gleiten und hielt ihren Ring unter dem grellen Neonlicht so, dass er aufblitzte.

„Ben hat nie dir gehört; er hat dich nur benutzt, damit du den Kopf hinhältst, und übrigens: Wir sind verlobt“, sagte sie süß. „Das ist alles schon vor Monaten eingefädelt worden.“

Melissas Welt zerbrach.

„Ihr … ihr habt das geplant?“ Ihre Stimme brach.

Ben zuckte die Schultern. „Der Meistbietende wollte dich zum Schweigen bringen. Ob schwanger oder nicht, war egal. Du warst entbehrlich.“

Ihre Hände zitterten jetzt heftig, und instinktiv bewegten sie sich, um ihren Bauch zu schützen.

„Du hast gesagt, du liebst mich.“

Lindas Lächeln wurde breiter. „Liebe baut keine Imperien. Strategie schon.“

Melissa starrte Ben an, suchte verzweifelt nach dem Mann, den sie einmal gekannt hatte.

Er war weg, oder vielleicht hatte es ihn nie gegeben.

„Also das Baby …“, flüsterte sie.

„Nicht von mir“, erwiderte er kalt. „Und ehrlich? Es ist mir egal, von wem es ist.“

Etwas in ihr bekam einen Riss, aber es war keine Schwäche.

Es war eine Illusion.

„Du hast versprochen, mich aus dem Gefängnis zu holen, sobald ich gestanden habe.“

Ben stand auf. „Es gibt keine Kaution und keine Berufung. Du wirst deine Strafe absitzen, Melissa.“

Linda erhob sich neben ihm und hakte sich bei ihm unter.

„Du solltest dankbar sein“, fügte Linda leise hinzu. „Das Gefängnis hält dich weit weg von Dingen, die du da draußen nicht überleben würdest.“

Die Wachen gaben ein Zeichen, dass der Besuch vorbei war.

Melissa saß da, in Gedanken verloren.

Sie schrie nicht; sie saß einfach nur da, eine Hand über dem Bauch, und sah zu, wie die zwei Menschen, denen sie am meisten vertraut hatte, weggingen, ohne sich umzudrehen.

Plötzlich platzte bei Melissa die Fruchtblase. Die Wehen hatten eingesetzt.

Endlich liefen ihr Tränen über die Wangen, nicht wegen Ben, nicht wegen des Verrats, sondern wegen des Lebens, das kommen würde.

Zwei Polizistinnen rannten herbei, stützten sie, und sie wurde hastig ins Gesundheitszentrum der Einrichtung gebracht.

Melissa wurde sofort in den Kreißsaal gebracht.

Und irgendwo jenseits dieser Mauern hatte der mächtige Mann, der für jene eine leichtsinnige Nacht verantwortlich war, keine Ahnung, dass die Frau, die sein Kind trug, gerade alles verloren hatte.

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