Kapitel 3
Schmerz.
Das war das Erste, was ich spürte. Ein stechender, sengender Schmerz in meinen Rippen, als mir etwas – nein, jemand – heftig in die Seite trat. Mein Körper schreckte hoch, und meine Augen rissen gerade rechtzeitig auf, um zu sehen, wie sich ein schwerer Stiefel zurückzog.
„Steh auf“, befahl eine tiefe, barsche Stimme.
Bevor ich reagieren konnte, packten raue Hände meinen Arm und rissen mich auf die Beine. Ein scharfes Keuchen entwich meinen Lippen, als der Schmerz durch meinen Körper flammte. Mein Blick verschwamm, doch mir blieb keine Zeit, mich zu sammeln.
Der Mann, der mich festhielt, war ein Hüne; sein Griff war wie aus Eisen, als er mich ohne einen Funken Rücksicht vorwärtszerrte. Meine nackten Füße schabten über den kalten Steinboden der großen Halle, und ich stolperte, während ich versuchte, Schritt zu halten.
Dann hörte ich es – Geflüster, gemurmelte Worte voller Verachtung.
„Der Göttin sei Dank, dass sie diese Schande fortschaffen.“
„Sie gehört nicht hierher.“
„Eine Omega als Gefährtin des Königs? Ein Witz.“
Ihre Worte stachen wie Messer auf mich ein, eines tiefer als das andere. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als die Erkenntnis einsickerte. Ich verließ diesen Ort nicht einfach nur – ich wurde weggeworfen.
Und derjenige, zu dem ich gebracht wurde, war ein Mann, der mich verabscheute.
Panik schoss wie Feuer durch meine Adern. Ich wehrte mich, wand mich im Griff des Grobians und versuchte, mich loszureißen.
„Lass mich los!“, schrie ich, doch meine Stimme klang heiser, schwach.
Der Mann zuckte nicht einmal mit der Wimper. Sein Griff wurde nur noch fester, seine Finger gruben sich grausam in meine Haut, als er mich gnadenlos weiterzerrte.
„Wehren ist zwecklos“, murmelte er und stieß mich in Richtung Ausgang.
Die riesigen Flügeltüren ragten vor uns auf, weit geöffnet, und gaben den Blick auf die kalte Nacht frei. Ein eleganter schwarzer Wagen parkte draußen, seine polierte Oberfläche glänzte im Mondlicht. In dem Moment, als ich ihn sah, traf mich eine schreckliche Gewissheit.
Ich würde nicht frei sein.
Ich wurde zu ihm gebracht.
Xander.
Die Panik, die mir die Kehle zuschnürte, schlug in pures Entsetzen um. Ich stemmte die Fersen in den Boden, trat um mich, zappelte – tat alles, um freizukommen.
„Ich gehe nicht mit ihm!“, schrie ich verzweifelt. „Lieber sterbe ich!“
Der Mann, der mich schleifte, schnaubte nur verächtlich. „Das ist nicht deine Entscheidung.“
Die kalte Luft biss in meine Haut, als wir ins Freie traten. Die hintere Wagentür schwang auf, und im Inneren saß, mit derselben eisigen Autorität, die ihn stets umgab, der Alpha-König höchstpersönlich.
Seine silbernen Augen glitten zu mir, sein Ausdruck vollkommen emotionslos. Kalt. Berechnend. Seine bloße Anwesenheit saugte mir die Luft aus den Lungen.
Der Krieger, der mich hielt, verneigte sich leicht. „Eure Majestät.“
Xander würdigte ihn kaum eines Blickes. Sein Blick blieb auf mir haften, unlesbar, bevor sich seine Lippen vor Ekel kräuselten.
„Ich werde nicht im selben Raum wie sie sitzen.“ Seine Stimme war wie Eis, scharf und unbarmherzig. „Pack sie in den Kofferraum.“
Mein Blut gefror in den Adern.
Nein.
Eine neue Welle der Panik überrollte mich. Ich schüttelte heftig den Kopf und wehrte mich noch stärker. „Nein! Das kannst du nicht tun! Ich –“
Der Krieger zögerte nicht. Er riss mich von der Wagentür weg und zerrte mich zum Heck des Wagens. Ich kämpfte mit allem, was ich hatte, doch gegen seine Kraft kam ich nicht an.
„Nicht!“, kreischte ich und krallte meine Nägel in seinen Arm. „Bitte, tu das nicht!“
Eine scharfe Ohrfeige traf meine Wange und ließ mich verstummen.
„Genug“, blaffte der Krieger.
Der Kofferraum sprang auf. Kalte, leere Dunkelheit gähnte mir entgegen.
Und dann – ohne das geringste Zögern – warf er mich hinein.
Mein Körper prallte gegen das Metall, mein Kopf schlug hart gegen die Seitenwand, und Schmerz explodierte in mir. Ich hatte kaum Zeit, mich umzudrehen, da fiel der Kofferraumdeckel auch schon ins Schloss und sperrte mich in erstickende Dunkelheit ein.
Ich schrie.
Ich hämmerte gegen die Innenwand, meine Fingernägel kratzten hilflos über das unnachgiebige Metall.
„LASST MICH RAUS!“
Der Wagen machte einen Satz nach vorn.
Der Motor heulte auf und übertönte meine Schreie, während wir von dem einzigen Zuhause davonrasten, das ich je gekannt hatte.
Ich saß in der Falle.
Eingesperrt wie ein Tier.
Und man brachte mich geradewegs in die Höhle des Löwen.
Die Fahrt fühlte sich endlos an. Das kalte Metall unter mir schnitt in meine Haut, und die Dunkelheit lastete auf mir wie ein erstickendes Gewicht. Mein Atem ging stoßweise, mein ganzer Körper zitterte noch immer unter dem Schock.
Ich hatte gewusst, dass Xander mich verachtete. Aber das hier?
Das hier war schlimmer als bloße Zurückweisung.
Als der Wagen schließlich langsamer wurde und zum Stehen kam, war mein Körper steif, und meine Muskeln schrien vor Protest. Der Kofferraumdeckel schwang knarrend auf, und noch ehe ich reagieren konnte, packten mich Hände und zerrten mich hinaus.
Die kalte Nachtluft brannte in meinem Gesicht, als man mich grob auf die Beine riss. Meine Beine gaben unter mir nach, doch die Krieger ließen mir keine Zeit, mein Gleichgewicht wiederzufinden.
Vor uns ragte eine gewaltige steinerne Festung auf – dunkel und unheilvoll.
Xanders Reich.
Panische Angst schnürte mir die Kehle zu.
Ein riesiges Eisentor schwang knarrend auf und gab den Blick auf einen spärlich beleuchteten Korridor frei. Ich wurde vorwärts gezerrt, und meine Gedanken überschlugen sich, als mich die Erkenntnis traf.
Das war nicht der Palast.
Das war der Kerker.
„Nein …“ Meine Stimme war nur ein Flüstern. „Bitte, nein –“
Sie hörten nicht auf mich.
Sie schleiften mich durch feuchte, enge Gänge; der Geruch von Blut und modrigem Stein lag schwer in der Luft. Mein Herz hämmerte wild gegen meine Rippen, mein Atem ging unregelmäßig.
Ich wandt mich und versuchte, mich loszureißen. „Das könnt ihr nicht tun! Ich –“
Der Krieger, der mich hielt, ließ mich gerade lange genug los, um mich nach vorn zu stoßen.
Ich schlug hart auf dem kalten Boden auf, meine Hände schrammten über den Stein. Schmerz schoss durch meine Knie, doch bevor ich mich rühren konnte, klirrte Metall.
Ketten.
Kalte, schwere Fesseln schlossen sich um meine Handgelenke, brannten auf meiner Haut und ketteten mich fest.
Ich war gefangen.
Panik flutete meinen Körper, meine Brust schnürte sich zu, während ich an den Ketten zerrte und mein Atem in kurzen, rauen Stößen ging.
Schritte hallten wider.
Langsam. Zielstrebig.
Xander.
Seine hoch aufragende Gestalt trat in die Zelle, seine silbernen Augen blitzten im Dämmerlicht auf.
Er ging vor mir in die Hocke, sein Blick glitt über meinen zitternden Körper. Dann streckte er die Hand aus – seine Finger hoben mein Kinn an, bis ich gezwungen war, ihm in die Augen zu sehen.
Ein grausames Lächeln umspielte seine Lippen.
„Hier gehörst du hin, kleine Omega“, murmelte er, und seine Stimme war voller dunkler Belustigung.
Ich schluckte schwer, meine Kehle war staubtrocken. „Warum tust du das?“ Meine Stimme brach.
Sein Griff wurde ein wenig fester. „Weil ich es kann.“
In seinen Augen blitzte etwas Unergründliches auf, bevor er mich losließ und sich wieder zu seiner vollen Größe aufrichtete.
„Ruh dich gut aus“, sagte er kalt. „Du wirst deine Kräfte brauchen.“
Dann – ohne ein weiteres Wort – drehte er sich um und ging davon.
Die schwere Zellentür fiel hinter ihm ins Schloss und sperrte mich in die Dunkelheit.
Und ich wusste, dass dies erst der Anfang meines Albtraums war.
