Kapitel 4

ZURI

In einem Wimpernschlag hatte er mich. Er hob mich vom Boden, als wöge ich nichts, und schleuderte mich aufs Bett.

Mir blieb die Luft weg, als ich auf die Matratze krachte, benommen von der schieren Wucht. Ich war die Schnellste in meinem Rudel – niemand überraschte mich je so.

Aber Torin war nicht irgendwer. Er war ein skrupelloser Alpha-Anführer, der keine Loyalität einflößte, sondern sie einforderte. Die Sorte Anführer, die ohne Gnade tötete. Keine Milde. Nur Dominanz. Und jetzt lastete diese Dominanz auf mir. Was soll ich tun?

Ich hatte keine Zeit nachzudenken, als er schon wieder auf mich losging, aber diesmal war ich bereit. Ich drehte mich zur Seite, mein Bein schwang in einem bösartigen Bogen hoch. Meine Ferse traf seinen Kiefer. Sein Kopf ruckte zur Seite, und ich rappelte mich auf der anderen Seite meines Bettes auf die Füße. Ich fluchte, als ich begriff, dass er immer noch die Tür blockierte. Meine Flucht.

„Du kleine Schlampe“, knurrte er, rieb sich mit der Hand den Kiefer, während er sich wieder zu mir umdrehte. „Du willst hart spielen?“

Ich will gar nichts spielen, dachte ich und hielt Abstand zwischen uns.

„Ich bin nicht dein Spielzeug“, fauchte ich und ging tief in die Hocke. Mein Wolf heulte in mir, hungrig nach Blut.

„Das werden wir ja sehen.“

Er stürmte vor. Ich tauchte unter seinem Schlag durch und rammte ihm die Schulter in die Rippen. Er grunzte, aber er bewegte sich kaum. Ich drehte mich, zielte mit einem Schlag auf seinen Bauch, setzte nach mit einem schnellen Stoß an seine Kehle. Er taumelte einen Schritt zurück.

„Du hast Kampfgeist“, sagte er mit einem Grinsen, Blut im Mundwinkel. „Das gefällt mir.“

Ich wartete nicht. Ich griff wieder an, die Kraft von Fallon hinter jedem Schlag und jeder Kralle. Ich bewegte mich schnell, brutal, mein Training führte mich wie ein Instinkt. Für einen Moment glaubte ich, ich hätte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich landete einen satten Treffer über seine Wange, das Knacken hallte im Zimmer wider. Sein Kopf schnappte nach hinten. Sein Lächeln verschwand.

Dann änderte sich alles. Sogar der Raum schien dunkler als zuvor. In einem Wimpernschlag war er hinter mir. Sein Arm schlang sich um meine Taille, riss mich von den Füßen, als wäre ich nichts. Er warf mich hart hin. Ich krachte erneut aufs Bett, diesmal ohne Eleganz, ohne die Chance, mich abzurollen. Bevor ich nach dem Dolch greifen konnte, der unter meinem Kissen verborgen lag, war er über mir, ein Arm presste mich auf die Matratze.

„Fertig?“, höhnte er, schwer atmend. „Ich hab dich spielen lassen, Zuri. Ich wollte sehen, was das kleine Wunderkind des Moonshine-Rudels so draufhat.“

Sein Gewicht, seine Aura – sie drückten gegen jeden Instinkt, den ich hatte, verlangten Unterwerfung. Mein Wolf bäumte sich dagegen auf, doch ich zwang sie zur Ruhe.

„Ehrlich“, sagte er, die Stimme tief und selbstgefällig, „das hier zum Schlafen? Hast du gehofft, ich würde vorbeikommen, Zuri?“

Seine andere Hand glitt unter mein Negligé und packte meine Brust, grob und besitzergreifend. Ich wimmerte. Halb vor Wut, halb vor Übelkeit.

„Mmm“, hauchte er an meinem Ohr. „Nicht so voll, wie ich’s gewohnt bin, aber ein paar Welpen können das ändern. Sobald du ausgereift bist, natürlich.“ Er drückte seine Hüften gegen meine, rieb sich an mir, ließ mich jeden widerlichen Zentimeter von ihm spüren. „So weich. Rein. Unberührt.“

Ich zappelte, Wut in jeder Bewegung, doch er lächelte nur – unbeeindruckt. Sein Griff zog sich mit einer Kraft zu, die blaue Flecken versprach. Also hielt ich still.

„Du solltest wissen“, sagte er dicht an meinem Ohr, „eine Luna sollte immer bereit sein, ihrem Alpha zu gefallen. Vor allem, wenn sie an einem Ort wie meinem überleben will.“

Mein Magen verkrampfte sich, aber ich machte keinen Laut.

„Ah“, sagte er, seine Lippen streiften meinen Kiefer. „Nichts zu sagen jetzt? Gibst du mir die Schweigebehandlung?“

Seine Hand wanderte tiefer, bis er meinen Schoß in einer besitzergreifenden Geste umfasste, als gehörte er ihm – doch ich hielt mein Gesicht ausdruckslos, selbst als jeder Zentimeter von mir vor Zorn brannte.

„Bitte …“ Meine Stimme brach. „Nicht.“

„Keine Sorge, kleine Gefährtin“, sagte er, und seine Lippen verzogen sich zu etwas Widerlichem. „Ich verspreche dir, ich werde ganz sanft sein. Vielleicht hilft es ja, deinen Zyklus in Gang zu bringen, meinst du nicht?“

Fallon knurrte, und ich biss mir auf die Lippe, um sie in mir zu halten.

„Aber“, fuhr er fort, während sich sein Griff verstärkte, „wenn du dich danebenbenimmst, sorge ich dafür, dass du es tagelang spürst.“

Die Galle stieg mir in die Kehle. Fallon tobte, fletschte in meinem Kopf die Zähne und knurrte. „Lass mich raus. Gib mir einfach die Kontrolle, dann zerreiße ich ihn!“

„Nein“, sagte ich zu ihr. „Genau das will er.“

Ich wurde ganz still – nicht aus Unterwerfung, sondern aus Kalkül.

Ich ließ meine Stimme gerade genug zittern. „Ist das also das, was starke Alphas tun?“, flüsterte ich. „Sich nachts ins Zimmer ihrer zukünftigen Luna schleichen? Ist das deine große Demonstration von Macht?“

Er hielt inne. Ich spürte, wie sich sein Atem veränderte, konnte die Zahnräder in diesem verrotteten Kopf beinahe rattern hören. Seine Hand glitt von meinem Körper und legte sich stattdessen um meinen Hals. Eine Warnung.

„Was weißt du schon über Macht?“, knurrte er. „Du bist kaum mehr als ein Mädchen.“

„Ein Mädchen, das schreien könnte“, brachte ich würgend hervor. „Das das ganze Haus aufwecken könnte. Damit alle sehen, was du wirklich bist – ein Mann, der nicht warten konnte, der die Dunkelheit brauchte, um etwas anzufassen, das ihm nicht gehört.“

Seine Finger drückten fester zu – nicht schmerzhaft, aber drohend. „Nur zu“, forderte er mich heraus. „Schrei.“

Für einen Moment dachte ich, er würde zuschnappen. Ich starrte ihm in die Augen und forderte ihn stumm heraus. Dann – ein Klopfen.

„Zuri? Bist du wach?“

Die Stimme meiner Mutter. Leise. Zögernd. Gedämpft durch die Tür. In seinen Augen glänzte etwas Wildes – mehr als bloße Belustigung. Er beugte sich dicht zu mir herab, seine Lippen streiften meine Wange.

„Sollen wir sie reinlassen?“, flüsterte er. „Vielleicht will sie mitmachen. Wette, so hält dein Vater sie in der Spur.“

Das Klopfen hallte erneut. „Zuri. Öffne diese Tür. Sofort.“

Mein Atem stockte. Zum ersten Mal konnte ich es nicht verbergen. Echte Angst.

Er sah es. Ich wusste, dass er es sah, als er lachte. Ein leises, höhnisches Geräusch, das mir den Magen umdrehte.

„Diesen Blick mag ich“, murmelte er. „Viel hübscher als all dieses Geknurre.“

Dann ließ er mich ebenso plötzlich los. Strich die Vorderseite seines Mantels glatt, als hätte er mich nicht eben noch unter seiner Hand zerdrückt. Ganz beiläufig schlenderte er zum Fenster.

„Ich lasse dich jetzt ausruhen, kleine Gefährtin“, sagte er und blickte mit einem Lächeln über die Schulter zurück, das mir das Mark in den Knochen gefrieren ließ. „Ich kann die Ware nicht beschädigen. Noch nicht.“

Er öffnete das Fenster. Glitt in die Nacht hinaus wie ein Geist, lautlos und selbstgefällig.

Noch ein Klopfen. Diesmal härter.

„Zuri, mach diese Tür auf, oder ich lasse sie aufbrechen!“

Meine Glieder bewegten sich, bevor ich nachdenken konnte. Ich stolperte über den Teppich, fummlte am Schloss. In dem Moment, als die Tür aufging, stürmte meine Mutter herein, und ihr Blick fuhr durch den Raum, als erwarte sie Blut.

Ein einziger Blick auf mich – zerzaustes Haar, geröteter Hals, viel zu weit aufgerissene Augen – und ihre Haltung veränderte sich. Der Stahl schmolz dahin und machte etwas Weichem, Panischem Platz.

„Zuri …“, flüsterte sie.

Und plötzlich war ich wieder sechs. Weinend im Garten nach einem Sturz, die Arme aufgeschürft, die Knie blau und wund. Damals hatte sie mich auf den Arm genommen, jede Wunde geküsst.

Und jetzt?

Jetzt wollte ich mich nur noch sauber fühlen. Mich wund scheuern. Irgendetwas, das den geisterhaften Druck von Torins Händen auf meiner Haut auslöschte.

Ich sagte nichts. Ich sank einfach in ihre Arme, mein Körper zitterte bis ins Innerste.

Sie hielt mich fest, ihre Hände an meinem Hinterkopf, als könnte sie mich vor der Welt beschützen.

Aber das konnte sie nicht.

Niemand konnte das.

Nicht vor ihm.

Ich klammerte mich an meine Mutter wie an einen Rettungsring, mein Körper zitterte noch immer, doch meine Stimme war fest.

„Ich muss dieses Bündnis beenden“, flüsterte ich. „Bevor er versucht, mich zu brechen.“

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