Kapitel 7
Kitty
Ich halte vor dem großen Diner, das eher wie eine Blockhütte aussieht. Die Motorräder, hauptsächlich Harleys, stehen alle draußen aufgereiht. Großartig, das bedeutet, ich bin die Letzte. Kein gutes Zeichen. Trotzdem ziehe ich meinen Helm ab, hänge ihn an den Lenker des Motorrads, hebe dann mein linkes Bein und schwinge es hoch und über den Sitz.
Im Inneren der Hütte ist es nicht so schäbig, wie ich gedacht hätte. Ich bin beeindruckt von der Menge an Licht, die durch die Fenster an allen Seiten und die Doppeltüren auf der Rückseite fällt. Soweit ich vom Eingang aus sehen kann, führen sie zu einer Art Terrassenbereich mit Tischen und großen Sonnenschirmen.
Die Gang sitzt um zwei große, zusammengeschobene Tische. Wolfgang dreht sich als Erster um und mustert mich mit einem eisigen Blick aus seinen kalten Augen, die mich an die Farbe eines stürmischen Meeres erinnern. „Du hast es also geschafft, wurde auch Zeit, Throttle.“ Er nennt mich so, weil mein Bikername Throttle Kitty ist.
Ich zucke mit den Schultern, während ich auf den Tisch zugehe. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich lasse mich davon nicht einschüchtern, da meine Bodyguards zu Hause und einige der Kerle, mit denen mein Vater mich trainieren ließ, um einiges breiter gebaut sind. Sie alle haben Tattoos, und ich kann auf ihrem linken Unterarm das Logo der Gang erkennen. Ich bin mir sicher, dass auch von mir erwartet wird, mir eines stechen zu lassen. Nur wird das nicht passieren.
Ich werde das Abzeichen auf meiner Jacke tragen, wo auch immer sie es verdammt noch mal haben wollen, aber ich bin nicht die Art von Mädchen, das sich brandmarken lässt. Klar, ich habe Tattoos. Eine ganze Menge sogar. Eine Rose, die sich an meinem rechten Oberschenkel hochrankt, mit der Initiale meiner Mutter darunter. Meine Mutter hat eine Vorliebe für Rosen und besitzt einen beeindruckenden Rosengarten am Haus. Genau wie den, den sie hatte, als sie noch mit meinem Vater und mir zusammenlebte. In meiner Erinnerung sind gute Momente gespeichert, als ich als kleines Mädchen im Garten spielte, während sie sich um die Rosen kümmerte.
Dann ist da noch der Adler auf meiner linken Schulter, ein Symbol für Stärke und Freiheit. Etwas, das ich anstrebe zu sein, was ziemlich schwierig ist, wenn dein Vater der ist, der er ist.
„Ich bin hier, oder nicht?“, sage ich, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob sie mich für eine Göre halten oder nicht. Was ich nicht tun werde, ist, mich vor ihnen zu verbeugen, als wären sie Götter oder sonst was.
„Setz dich“, sagt Wolfgang. „Ich übernehme die Vorstellungsrunde.“
Einer der Kerle mit einem langen Zopf und breiten Schultern nickt in Richtung des Stuhls neben ihm. Ich ziehe ihn heraus und setze mich hin. Der Typ auf der anderen Seite reicht mir seine Hand. Mir fallen die Buchstaben auf jedem Finger direkt über den Knöcheln auf. Sie ergeben das Wort Sarah. Wahrscheinlich seine Frau, Ex oder seine Tochter. Er trägt einen Ring, der ein Totenkopf ist. Ziemlich typisch, oder?
„Leute, das ist Throttle Kitty. Aus Russland. Seid anständig und keine Dummheiten.“ Was? Sagt das heute überhaupt noch jemand? Das ist so altmodisch. Sie nicken und murmeln „Hallo“, „Freut mich, dich kennenzulernen“. Der übliche Blödsinn, der niemanden wirklich interessiert, aber es ist uns anerzogen, immer mit Höflichkeiten zu beginnen.
Ich bin nicht für Höflichkeiten hier, ich bin hier, um ihnen zu helfen, das Revier zu gewinnen, das sie so dringend brauchen, und natürlich, um meinen Vater anzupissen. Meine Mutter allerdings nicht so sehr. Wenn sie jemals herausfindet, mit wem ich fahre, wird sie verletzt und verärgert sein. Das werde ich wohl einstecken müssen. Hoffen wir mal, dass Jett es noch nicht wirklich weiß.
Die Jungs stellen sich einer nach dem anderen vor. Ich glaube nicht, dass ich mir all die Namen auf einmal merken kann. Ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter und Orte, aber nicht so sehr für Namen. Die scheinen mir immer zu entgleiten.
Der Typ neben Sarah heißt Mike „der Schraubenschlüssel“. Ich schätze, er kann gut mit Schraubenschlüsseln umgehen. Der andere Kerl wird Garrett „die Klinge“ genannt. Man muss nicht raten, woher er diesen Spitznamen hat. Nicht besonders originell.
„Die Versammlung beginnt“, verkündet Wolfgang. Alle werden still, um ihrem Anführer zuzuhören.
Eine junge Frau bringt mir eine Cola Light. Komisch, die habe ich gar nicht bestellt. Ehrlich gesagt wäre mir ein Kaffee lieber. Sie lächelt zuckersüß. „Können Sie die bitte zurücknehmen? Ich trinke keine Cola. Ich nehme einen schwarzen Kaffee. Danke.“
Wolfgang verengt die Augen und sieht mich an. „Was? Ich trinke den Scheiß nicht“, sage ich ihm.
„Wie ich schon sagte, wir haben einiges an Scheiß zu erledigen. Zuerst die Kleinigkeiten. An der Hütte müssen Arbeiten erledigt werden. Ich brauche ein paar Freiwillige, die das Dach in Ordnung bringen, bevor die nächsten Stürme kommen. Du“, sagt er und zeigt auf einen Kerl mit langem Bart und langen Haaren, der ein Spinnennetz-Tattoo am Hals trägt. „Kannst ein paar Jungs zusammentrommeln und das erledigen. Der Club erstattet die Kosten.“
Er nimmt einen Schluck von seinem Coors Zero und stellt es dann ab. „Wir brauchen ein paar Leute, die zum Hyenas Club rüberfahren und nachsehen, was da los ist. Ein paar ihrer Fahrer haben in der Stadt um unsere Ladies herumgeschnüffelt. Ich will, dass dem ein Ende gesetzt wird. Wenn jemand unsere Ladies anmacht, sollen sie das zu spüren bekommen.“
„Ich fahre mit Sniper rüber“, sagt Garrett.
„Ich bin auch dabei“, sage ich zu Wolfgang. Scheiß drauf, wenn irgendjemand einer Frau Ärger macht, will ich dabei sein, um den Wichsern eine Lektion zu erteilen.
„Nein, du sollst dich aus Ärger raushalten, Throttle Kitty. Wir haben im Moment Wichtigeres zu tun. Wie zum Beispiel die Gang deines Bruders.“
Verdammt noch mal, ich habe ihm schon gesagt, dass Jett nicht mein Bruder ist. Ich lasse es für dieses Mal gut sein und bedanke mich bei der jungen Frau, als sie mir einen Kaffee in einer weißen Tasse auf einer schlichten weißen Untertasse bringt.
„Na schön“, sage ich und zucke mit den Schultern.
„Wir müssen uns alle um Mitternacht treffen, um eine Runde durch das Lexington-Viertel zu drehen. Da gibt es ein paar Arschlöcher, die in die örtlichen Läden gehen, die Besitzer bedrohen und Geld fordern. Und das, Brüder, ist unser Geld dafür, dass wir sie beschützen. Throttle Kitty, du wirst heute Nacht mit mir und ein paar Jungs ausrücken und dich auf diese Weise nützlich machen.“
Die Jukebox muss angegangen sein, denn jetzt höre ich Musik von AC/DC. Mein Fuß wippt automatisch im Takt mit.
„Und was genau soll ich tun, wenn ich einen dieser Bastarde erwische?“
„Du tust, was du willst, aber stell sicher, dass sie die Botschaft verstehen, unser Geld nicht noch einmal zu stehlen. Verstanden?“
Ich nicke.
Er fährt mit der Versammlung fort, aber das meiste davon weckt mein Interesse nicht. Stattdessen schweifen meine Gedanken zurück zu Jett. Die Art, wie seine Augen mich förmlich aufgesogen haben, als wir in der Küche waren, genügt, um meinen Kern zum Glühen zu bringen. Ich presse meine Schenkel zusammen. Meine Güte, von meinem Arschloch-Stiefbruder heiß zu werden, ist nicht Teil meiner Lebensplanung.
Warum zum Teufel muss er nur so verdammt gut aussehen? Und das Schlimmste ist, dass er es weiß. Arroganter Mistkerl
