Kapitel 7
Perspektive von Christina
Ich konnte unmöglich ihre Tochter sein.
Wie sonst konnten meine eigenen Eltern mich wie einen entbehrlichen Omega behandeln, wo ich doch dasselbe Crescent-Blut in mir trug wie Beatrice?
Akira, meine Wölfin, knurrte in meinem Kopf. „Sie haben uns nicht verdient, Chrissy.“
In dem Moment, als ich in meine Wohnung zurückkehrte, ließ ich mich aufs Bett fallen. Ich bewegte mich nicht, bis mein Handy zu klingeln begann.
Es war Ysolde.
„Du hast dich vor dem Familienessen gedrückt?“, fragte sie, bevor ich überhaupt Hallo sagen konnte. „Dein Vater hat gerade meinen Dad angerufen und fast jedes Rudelmitglied im gesamten Carlisle-Rudel ausgefragt. Er wollte unbedingt wissen, ob du dich bei mir versteckst.“
„Tja, hallo auch“, stöhnte ich. „Und nein, ich verstecke mich nicht. Ich trete einen taktischen Rückzug an, nachdem ich meine Unabhängigkeit erklärt habe.“
„Was ist passiert? Warte, sag nichts. Niall hat wieder etwas unfassbar Dummes getan?“
Ich wartete nicht darauf, dass sie weiter spekulierte, sondern platzte einfach mit allem heraus. Der endgültige Streit mit Niall. Meine Eltern, die mich dazu zwangen, öffentlich „Betrug“ zu gestehen.
Und, ja ... ich erzählte ihr auch von dem One-Night-Stand.
Den Heiratsantrag ließ ich weg.
Ysolde stieß ein Heulen aus, das so laut war, dass ich das Handy vom Ohr nehmen musste.
„Du hattest einen One-Night-Stand mit deinem Nachbarn?! Der, der aussieht, als wäre er direkt von einem Calvin-Klein-Plakat gestiegen? Und du hast mir nicht ein einziges Bild geschickt?“
Ich schaltete das Handy auf Lautsprecher und warf es auf die Couch.
„Er ist nicht nur heiß, Ysolde. Er ist ein Alpha.“
„Ein Alpha?!“ Ihre Stimme erreichte eine Tonlage, die nur Hunde oder Werwölfe hören konnten. „Aus welchem Rudel?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe ihn nicht gerade nach seinen Rudel-Referenzen gefragt, während er mir mein ...“
„Untersteh dich, an dieser Stelle aufzuhören, Christina Vance! Details. Sofort.“
Ich zog mir ein Kissen übers Gesicht. „Du bist die schlechteste beste Freundin in der Geschichte der Werwolf-Freundschaften.“
„Und du weichst aus“, schoss sie zurück.
Ja, das tat ich.
Ich verheimlichte Ysolde nie etwas. Nicht einmal, als Niall letztes Jahr sein wahres Gesicht zeigte. Nicht einmal, als Beatrice vor dem Designwettbewerb „versehentlich“ mein Portfolio ruinierte.
Aber letzte Nacht ...
Ich hatte mit einem Mann geschlafen, dessen Rudel ich nicht kannte. Nur um die Erinnerung an Niall von meiner Haut zu waschen – für eine Minute, eine Stunde, eine Nacht. Was auch immer nötig war, um mich wieder frei zu fühlen.
„Sag mir wenigstens das“, drängte Ysolde. „Haben eure Wölfe einander erkannt? Irgendeine ... Gefährten-Anziehung?“
Meine Hand wanderte unbewusst zu meinem Hals, wo seine Zähne meine Haut gestreift hatten.
„Ich weiß nicht“, murmelte ich. „Akira war ... ungewöhnlich still.“
„Heilige Mondgöttin“, hauchte Ysolde. „Du musst herausfinden, wer er ist.“
„Was ich muss, ist herauszufinden, wie ich mit meinen Eltern umgehen soll, die versuchen, mich an den nächstbesten Alpha zu versteigern, jetzt, wo Niall mich verstoßen hat.“
Ysolde schwieg einen Moment. „Du weißt, dass du immer einen Platz in unserem Rudel hast, falls die Dinge hässlich werden.“
Ich schluckte schwer.
„Danke“, brachte ich heraus. „Vielleicht brauche ich ihn früher, als du denkst.“
Ich warf einen Blick auf die Uhrzeit und fluchte.
„Ich muss zur Arbeit.“
Jetzt, wo meine Eltern klargemacht hatten, dass ich bei einer Jagd so nützlich war wie eine Katze ohne Krallen, war mein Job die einzige Sache, die ich nicht vermasseln durfte.
Natürlich glaubten sie, ich würde als Barista im Ground & Pound arbeiten.
In ihrer Vorstellung sollte ich, sobald ich mit Niall verpaart war, in Vollzeit zu Hause sein – eine perfekte kleine Luna ohne Ambitionen jenseits von Rudelpolitik und dem zukünftigen Gebären von Welpen.
Sie hatten keine Ahnung, dass ich in Wirklichkeit die aufstrebende Schmuckdesignerin des Nyx Collective war.
Das Café war nur meine Tarnung – mein Weg, um zu erklären, wohin ich jeden Tag verschwand, ohne preiszugeben, dass ich etwas tat, das meine kontrollierenden Eltern als unter ihrer Würde betrachten würden.
Ich schleppte meinen erschöpften Körper zum Ground & Pound und plante bereits meine anschließende Fluchtroute zu meinem Studio.
„Chrissy.“
Mein Chef, Benny, begrüßte mich, als wäre ich eine Steuerfahnderin mit einem Durchsuchungsbeschluss – nervös, schwitzend, geradezu wimmernd.
„Du musst heute nicht hier sein. Ich wollte dich gerade anrufen ...“ Er starrte auf den Boden, als könnte dieser sich öffnen und ihn verschlucken. „Du stehst nicht mehr auf dem Dienstplan.“
Meine Wölfin sträubte das Fell. „Wie bitte?“
„Du bist ... gefeuert. Es tut mir wirklich leid. Ich wollte das nicht, aber ...“ Er sah endlich auf, seine Augen aufgerissen vor echter Angst. „Dein Vater war hier.“
Mein Magen rutschte schneller in die Tiefe als ein Stein in einem See.
„Er sagte, er würde jeden Werwolf in Highrise dazu bringen, uns zu boykottieren, wenn ich dich weiter beschäftige.“ Bennys Nase konnte keine Rudelpolitik wittern, aber selbst er wusste, dass man sich mit Alpha Franklin besser nicht anlegte. „Es tut mir leid. Ich konnte nichts tun.“
„Er ist nur ein Alpha, Benny. Nicht der Alpha-König aller Rudel.“
„Vielleicht nicht, aber er hat das Crescent-Rudel um den Finger gewickelt. Und die machen die Hälfte unserer Kundschaft aus.“
Ich atmete tief durch. Benny anzuschreien würde nichts bringen. Es war nicht seine Schuld.
Bevor Akira mich dazu drängen konnte, etwas Dummes zu tun, wie mich auf der Stelle zu verwandeln und die Espressomaschine in Stücke zu reißen, stürmte ich hinaus.
Ich hasste diesen Job nicht. Barista zu sein war nur mein Alibi.
Was wirklich meine Rechnungen bezahlte und wovon niemand in meinem Rudel außer Ysolde wusste, war meine Arbeit als Schmuckdesignerin.
Schon als ich noch ein Welpe war, hatte mein Vater mir eingeredet, ich sei durchschnittlich. Gewöhnlich. Nichts Besonderes. Jedes Mal, wenn ich versuchte zu glänzen, zerrte er mich zurück in Beatrices Schatten.
Irgendwann lernte ich, mich zu verstecken. Ich begrub meinen Ehrgeiz und machte mich zur grauen Maus.
Also nein, es war mir egal, dass ich den Job im Café verloren hatte.
Was mich wütend machte, war, dass dies ganz klar eine Machtdemonstration war. Die Handschrift meines Vaters war unverkennbar.
Es war seine Strafe. Seine Antwort darauf, dass ich Niall zurückgewiesen hatte. Dass ich die Vereinbarung abgelehnt hatte, die unsere Rudel aneinandergebunden hätte. Aber Beatrice hatte doch bereits meinen Platz in dieser lächerlichen Ehe eingenommen. Warum konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen?
Er schickte mir eine Botschaft: „Du kannst dich den Plänen des Rudels nicht einfach entziehen. Ich kann jede Unabhängigkeit, die du dir erarbeitet zu haben glaubst, mit nur einem Wort zerstören.“
Wenn er dachte, ich würde angekrochen kommen, den Bauch nach oben gekehrt wie früher, und um die Anerkennung des Rudels betteln ...
Dann konnte er den Mond anheulen.
Ich war nicht mehr sein gehorsamer Welpe.
Ich war es leid, die gute kleine Tochter zu spielen.
Dreißig Minuten später stieß ich die Haustür des Rudelhauses auf.
Kein Anklopfen. Keine Ankündigung über die Gedankenverbindung des Rudels. Es war mir egal.
Ich war bereit für die zweite Runde unseres Familienstreits.
Was ich stattdessen vorfand, war etwas weitaus Schlimmeres.
Meine Eltern saßen auf der Couch, nippten an blutrotem Wein, der mehr wert war als meine Miete, und lachten – sie lachten tatsächlich – mit einem Mann, den ich nicht kannte.
Die Szene war malerisch. Als wären sie direkt einem Ratgeber für das perfekte Alpha-Möchtegern-Dinner entsprungen.
Er war eine schmierige, billige Kopie eines Rudelbosses der alten Schule. Maßanzug, das Hemd zu weit aufgeknöpft – was ein wie aufgeklebt wirkendes Dickicht an Brusthaaren offenbarte, wie missglückte Weihnachtsdeko. Alles an ihm war übertrieben: die strahlend weißen Zähne, das aufgesetzte, nichtssagende Lächeln.
„Liebling“, gurrte meine Mutter, „komm und lerne Mr. Leonard Shaw kennen, den Alpha des Silver-Heights-Rudels. Ein wahrer Selfmade-Wolf. Du könntest so viel von ihm darüber lernen, wie man wölfisches Talent in echten Rudelerfolg verwandelt.“
Das traf mich wie eine Silberkugel ins Gesicht.
Leonard grinste von einem Ohr zum anderen. Sein Blick wanderte direkt zu meinem Hals, auf der Suche nach Paarungsbissspuren.
„Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Miss Vance“, sagte er. „Ich hoffe sehr, dass wir bald zusammen laufen werden. Ich genieße es immer, junge Wölfinnen unter meine Fittiche zu nehmen. Besonders ungepaarte, wunderschöne wie Sie.“
Ich machte mir nicht die Mühe, meinen Gesichtsausdruck zu verbergen.
Es war kein Ekel. Es war der Blick, den ein Wolf zuwirft, kurz bevor er einem die Kehle herausreißt.
Er sabberte förmlich.
Ich konnte hören, wie sein Wolf in seinem Kopf Paarungsrufe heulte.
„Christina“, warnte mein Vater in diesem drohenden Tonfall, „sei nicht unhöflich. Erweise Mr. Shaw den angemessenen Respekt als Alpha.“
Ich rührte mich nicht. Ich blinzelte nicht einmal.
Das Lachen meiner Mutter erklang, hoch und brüchig, wie ein Fuchs, der in einer Falle gefangen war.
„Junge Wölfinnen sind heutzutage so temperamentvoll, nicht wahr?“, sagte sie zu Leonard im geübten Tonfall einer Luna, die einen Alpha beschwichtigt.
Leonard winkte nur ab. „Ich mag Weibchen mit Temperament. Das macht die Jagd interessanter.“
Ja, und ich mag Jäger, die keine Silberkugeln verwenden. Wir können nicht alle bekommen, was wir wollen.
Und mein Vater, derselbe Mann, der mir noch vor wenigen Tagen gesagt hatte, „wir kümmern uns um alles“, nickte Leonard nun zu wie ein Hotelportier, der auf ein gutes Trinkgeld hofft.
Da begriff ich es.
Das hier war keine Vorstellungsrunde.
Es war eine Opfergabe.
Ich war das Opfer, das heute Abend zur Schau gestellt wurde.
Hier ging es nicht darum, einen ‚vielversprechenden Alpha-Rüden‘ kennenzulernen, sondern um die Verhandlung eines Rudelbündnisses. Ich wurde vermarktet wie ein Zuchtweibchen mit einer Bonus-Mitgift.
Als Leonard endlich gegangen war, wandte ich mich ihnen zu.
„Was zur Hölle war das?“
Meine Mutter hob ihr Weinglas und nahm einen triumphierenden Schluck.
„Das“, sagte sie, „war dein zukünftiger Gefährte.“
