Kapitel 1 Der Moment, in dem alles auseinanderfiel

„Raus! Du und diese Bastardkinder – raus aus meinem Haus!“

Walter Mays Stimme donnerte wie ein Gewitter durch das prunkvolle Treppenhaus. Molly saß wie erstarrt auf dem Marmorboden, die Hände zitternd, während ein paar teure Schuhe auf die Tür wiesen.

Sie begriff nicht, wie alles so schnell so furchtbar hatte schiefgehen können.

Vor sechs Monaten hatte man Molly in die Villa der Familie May gebracht. Ihr ganzes Leben davor war einfach gewesen – sie war in einem kleinen Dorf aufgewachsen und hatte ihrer Mutti bei der Arbeit auf dem Hof geholfen. Dann war eines Tages ein Mann im Anzug aufgetaucht. Er hatte ihr gesagt, sie sei nicht, wer sie zu sein glaubte. Dass sie eine May sei. Dass man sie bei der Geburt im Krankenhaus mit einem anderen Baby vertauscht habe.

Die echte Familie May wollte sie zurück.

Molly war nervös gewesen, aber hoffnungsvoll. Sie hatte sich so angestrengt, die perfekte Tochter zu sein. Sie lernte, welche Gabel man beim Abendessen benutzte. Sie übte das Gehen in Stöckelschuhen, bis ihre Füße bluteten. Sie las Bücher über Kunst und Mode und all die Dinge, die Reiche interessierten. Sie akzeptierte sogar eine arrangierte Ehe mit einem Mann namens Adam Herring, weil ihr Vater es so wollte.

Sie hatte alles richtig gemacht.

Aber heute hatte der Arzt ihr gesagt, sie sei schwanger.

Und der Vater war nicht Adam.

Für Molly ergab das keinen Sinn. Sie war nie mit irgendeinem Mann zusammen gewesen außer Adam, und selbst das hatte nur aus unbeholfenen Küssen bestanden, die fünf Sekunden dauerten. Sie hatte dem Arzt gesagt, er müsse sich irren. Doch die Tests waren eindeutig. Die Blutwerte waren eindeutig. Sie würde ein Kind bekommen, und es war nicht Adams Kind.

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Feuer in einem dürren Wald. Am Abend wusste es jeder in der Stadt. Die Zeitungen nannten sie eine Hure. Reiche Leute tuschelten über sie in Klubs und Restaurants. Adam löste die Verlobung und nannte sie eine Lügnerin. Ihr Vater sah sie an, als wäre sie Dreck.

Und jetzt warf er sie hinaus.

„Aber Vater, ich weiß nicht einmal, wie das passiert ist“, versuchte Molly zu sagen, ihre Stimme klein und zerbrochen. „Ich schwöre, ich –“

Walter sah sie nicht einmal an. Er drehte sich nur um und ging zurück in sein Arbeitszimmer, die Tür knallte mit einem lauten Schlag ins Schloss.

Molly saß allein auf dem kalten Boden. Um sie herum lagen all ihre Sachen – die billigen Kleider, die sie aus dem Dorf mitgebracht hatte. Die Familie May hatte ihr nie neue gekauft. Sie sagten, sie schämten sich ohnehin schon für sie, und sie wollten nicht noch mehr Geld für sie zum Fenster hinauswerfen.

Sie griff nach ihrer alten Ledertasche und begann, ihre Sachen hineinzulegen. Ihre Hände bewegten sich langsam, als gehörten sie jemand anderem.

Als sie zum zweiten Stock hinaufsah, stand ihre Schwester Diana am Fenster. Diana lächelte. Ein echtes, glückliches Lächeln.

Da begriff Molly, dass Diana genau das gewollt hatte. Diana, die adoptierte Tochter, die man als echte May großgezogen hatte, hatte sie nie gemocht. Molly war Konkurrenz – um den Familiennamen und um das Familiengeld. Und nun war Molly weg.

Diana hob die Hand und winkte zum Abschied. Das Lächeln in ihrem Gesicht war gemein und kalt.

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Sieben Monate später lag Molly in einem Krankenhausbett in Fomanesia, einer Stadt, die weit weg war von allem, was sie je gekannt hatte. Der Schmerz war heftig, grausam. Doch als die Babys kamen – zwei Jungen und ein Mädchen –, war der ganze Schmerz fort.

Sie hatte drei wunderschöne Kinder. Drei vollkommene Babys, die nichts falsch gemacht hatten.

Molly nannte sie Alex, Ben und Claudia.

Sie arbeitete in drei Jobs, um sie am Leben zu halten. Tagsüber putzte sie Häuser, nachts arbeitete sie in einem Restaurant, und an den Wochenenden wusch sie Wäsche. Ihre Füße taten ihr ständig weh. Ihr Rücken tat ihr ständig weh. Aber sie beklagte sich nie, weil sie ihre drei Babys hatte.

Sie waren ihre ganze Welt.

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Fünf Jahre später saß Molly in einem Flugzeug auf dem Weg zurück in das Land, in dem sie geboren worden war. Northfolk war die Hauptstadt, und sie hatte dort eine Stelle als Hausputzkraft gefunden. Sie wurde besser bezahlt als bei ihren Jobs in Fomanesia. Vielleicht konnte sie endlich genug Geld sparen, um für ihre Kinder ein kleines Haus zu kaufen.

Molly schlief im Flugzeug ein, erschöpft von den Doppelschichten vor dem Flug.

Dann kam der Traum.

Im Traum war überall um sie herum dichter Nebel. Sie konnte nichts klar erkennen. Aber irgendwo in diesem Nebel war ein Mann. Sie konnte ihn spüren. Sie konnte seine Stimme hören — tief und weich wie Honig. Er sagte etwas zu ihr, aber sie konnte die Worte nicht verstehen.

Sie versuchte, ihn wegzustoßen. Ihre Finger berührten etwas Warmes und Raues an seinem Rücken. Eine Narbe, vielleicht.

Dann zog der Mann sie näher an sich, und seine Stimme wurde lauter, wirklicher, lebendiger.

„Ahhh!“ Molly schnappte nach Luft, und ihre Augen flogen auf.

Ihr Herz schlug so schnell, dass sie dachte, es könnte ihr aus der Brust springen.

„Mutti! Mutti, was ist los?“

„Geht es dir gut, Mutti? Du hast uns erschreckt!“

„Wein nicht, Mutti. Wir sind hier!“

Molly drehte den Kopf und sah drei Paare besorgter Augen, die sie anblickten. Alex, Ben und Claudia hielten ihre Hände, ihre kleinen Gesichter voller Sorge.

Sie zog sie an sich und umarmte sie fest. „Mir geht es gut, Babys. Nur ein böser Traum.“

Doch während sie ihre Kinder festhielt, konnte Molly nicht aufhören, an den Mann im Nebel zu denken. Der Traum hatte sich echt angefühlt. Zu echt. Wie eine Erinnerung.

Wie etwas, das wirklich passiert war.

Fünf Jahre lang hatte sie versucht, nicht darüber nachzudenken, wie ihre Babys überhaupt entstanden waren. Sie hatte es verdrängt, hatte sich gesagt, dass es keine Rolle spielte. Die Babys waren da. Sie gehörten zu ihr. Das war alles, was zählte.

Aber jetzt, mit dem Traum noch frisch in ihrem Kopf, kamen die Fragen mit voller Wucht zurück.

Wer war dieser Mann?

Warum konnte sie sich an nichts von jener Nacht erinnern?

Und warum hatte sie das Gefühl, dass etwas kurz davorstand, alles zu verändern?

„Mutti, bist du sicher, dass es dir gut geht?“, fragte Claudia und streckte die Hand aus, um das Gesicht ihrer Mutter zu berühren.

Molly lächelte und küsste ihrer Tochter die Stirn. „Ja, mein Schatz. Alles ist in Ordnung.“

Doch als die Kinder schließlich wieder einschliefen und Molly aus dem Flugzeugfenster in den dunklen Himmel hinaussah, flüsterte sie zu sich selbst: „Wer bist du?“

Und irgendwo in Northfolk, in einem hohen Gebäude aus Glas und Stahl, war ein Mann im Begriff zu entdecken, dass sein Leben von drei Kindern, die etwas wussten, das er nicht wusste, auf den Kopf gestellt werden würde.

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