Kapitel 5 - Dante
Die VIP-Lounge über dem Obsidian Veil blickte durch Glas auf die Hauptfläche hinab, so dunkel, dass es mehr spiegelte, als es preisgab. Unten pulsierte der Club in Licht und Bass – ein lebendiges, atmendes Wesen, das sich von Geheimnissen und teurem Whiskey nährte.
Lucian lümmelte mir gegenüber auf einer der Samtsofas, durch und durch lässige Arroganz und dieser Charme, der nach Gewitter roch. Neben ihm saß Adrian Kaelis, der sogenannte König des Wassers – kühl, ruhig und berechnend, seine blassblauen Augen stets unlesbar. Wo Lucians Energie knisterte, war Adrians fließend und kalt. Zusammen ließen sie den Raum wirken wie ein Sturm, der sich über stillem Wasser zusammenbraut.
Wir sollten eigentlich über Geschäfte reden.
Baupläne für ein neues Projekt – unseren neuen Club – lagen auf dem niedrigen Glastisch ausgebreitet. Der Name war schon in die Runde geworfen worden: Inferno. Die Ironie entging mir nicht.
Lucian beugte sich vor und fuhr mit dem Finger die Kontur eines Grundrisses nach. „Wir setzen ihn in der Innenstadt auf, am Rand von neutralem Boden. Nah genug an der Pulsader der Stadt, um relevant zu bleiben, weit genug von Kaels Grenzen weg, damit wir glaubhaft abstreiten können.“
Adrian nippte ungerührt an seinem Gin. „Neutrales Gebiet ist trotzdem Kaels Baustelle. Er wird Gewinn sehen, der nicht seiner ist, und er wird herkommen und schnüffeln.“
Lucian verzog den Mund zu einem Grinsen. „Er kann schnüffeln, so viel er will. Er findet keine Spur, die zu uns zurückführt. Die Unterlagen werden sagen, es ist eine menschliche Investition. Der eingetragene Besitzer wird ein Strohmann sein – irgendein Influencer oder ein Trustfund-Gör, das ‚Kultur‘ in die Stadt bringen will.“
Ich kippte mein Glas, ließ den Whiskey mir brennend die Kehle hinunterlaufen. „Eine menschliche Bar“, sagte ich. „Das ist es, was du vorschlägst?“
Lucians Augen glänzten. „Ganz genau. Eine menschliche Bar. Keine Drachen-Familiennamen, keine Zeichen, kein Geruch von Feuer oder Donner. Ein neutraler Ort, an dem das Geld leise fließt.“
Adrian runzelte die Stirn. „Du glaubst, Menschen merken nicht, wenn die Hälfte der Gäste die Stadt zweimal kaufen könnte?“
Lucian lachte leise. „Menschen stellen keine Fragen, wenn sie betrunken und beeindruckt sind.“
Ich hörte ihnen beim Streiten zu – über Genehmigungen, Eigentumsanteile, Revierlinien –, doch ihre Worte begannen unter dem Brummen des Clubs unter uns zu verblassen. Meine Aufmerksamkeit glitt zur Glaswand, zu den Schatten, die sich auf der Tanzfläche bewegten.
Und dann sah ich sie.
Ein roter Blitz.
Er schnitt durch die Dunkelheit wie ein Funke durch Rauch. Mir stockte der Atem, noch bevor ich begriff, warum. Zwischen der Menge erschien sie – eine Frau mit Haaren in der Farbe von Feuerlicht, Haut, die unter dem gedämpften Gold des Clubs leuchtete, und einer Selbstsicherheit, die die Luft um sie herum verschob.
In mir wurde alles still.
Das Whiskeyglas blieb auf halbem Weg zu meinen Lippen stehen, als meine Drachensinne sich schärften, Hitze in meiner Brust aufflammte. Jedes Geräusch – der Bass, das Stimmengewirr, Lucians Stimme – wurde dumpf, bis nichts mehr übrig blieb. Da war nur sie.
Sie war nicht nur schön; sie war magnetisch. Die Art Frau, um die sich ein Raum neu ordnete, ohne es zu wollen. Männer wichen für sie zur Seite. Köpfe drehten sich. Selbst von hier oben konnte ich es spüren – den Sog, die Wärme, den Anspruch.
Der Anzug hatte einen tiefen Ausschnitt, der ihr üppiges Dekolleté zeigte, und eine hoch geschnittene Hose, die ihren runden Hintern und ihre langen, straffen Beine betonte.
Und dann sah ich, mit wem sie zusammen war.
Mein Kiefer verkrampfte sich.
Renee.
Kaels Gefährtin.
Mein Puls schoss in die Höhe, der Whiskey war auf der Stelle vergessen. Renee war selbst unter ihrer Verkleidung unverkennbar – eine kurze platinblonde Perücke, anderes Make-up, aber dieselbe kalte Fassung, dieselbe Art, sich zu bewegen wie eine Schlange in Seide.
Was zum Teufel machte sie hier?
Und warum war sie bei dieser Frau?
Die Rothaarige beugte sich vor, um etwas zu sagen, und lächelte nur flüchtig. Ihre Lippen zeichneten sich zu einer Kurve – weich, selbstsicher, ohne Furcht. Der Anblick verdrehte etwas tief in meiner Brust, für das ich keinen Namen hatte.
Lucian folgte meinem Blick, Neugier leuchtete in seinem Gesicht auf. Er stieß einen tiefen Pfiff aus. „Also das“, murmelte er, „ist ein Anblick, für den es sich zu leben lohnt.“
Ehe ich mich versah, stand ich. Meine Hand schoss vor, packte ihn am Hemdkragen und knallte ihn so hart gegen die Wand, dass das Glas klirrte.
„Was zum Teufel macht sie hier?“, knurrte ich.
Lucian blinzelte, wie vor den Kopf gestoßen. „Was – was ist denn –“
Ich stieß ihn noch härter, zeigte die Zähne. „Tu nicht so bescheuert. Du hast mich in deinen verdammten Club eingeladen, und Kaels Gefährtin ist unten.“
Adrian erhob sich langsam, Spannung lief durch die Luft wie Druck vor einem Sturm. „Ganz ruhig, Vescari. Du machst eine Szene.“
„Das ist mir scheißegal.“ Ich wandte mich wieder Lucian zu, die Wut kochte unter meiner Haut. „Wusstest du, dass sie hier ist?“
„Natürlich nicht!“ Lucian fuhr mich an und schob meine Hand von seinem Kragen. „Kael würde es nicht wagen, seine Frau in einen meiner Clubs zu schicken. Dafür ist ihm sein Stolz zu viel wert.“
„Dann erklär mir das.“ Ich deutete durch die Scheibe. Die Rothaarige stand noch immer an der Bar, Renee neben ihr, flüsterte ihr etwas ins Ohr, bevor sie dem Barkeeper ein Zeichen gab.
Lucian kniff die Augen zusammen. „Das ist Renee?“
„Ja“, sagte ich, die Stimme tief und tödlich. „Sie trägt eine Perücke, aber das ist sie. Dieses Gesicht würde ich überall erkennen.“
Er runzelte die Stirn. „Und die Rothaarige?“
Mein Blick verhakte sich wieder an ihr. Wie das Licht die Rundung ihrer Schulter einfing. Die stille Macht, mit der sie dastand – unapologetisch, strahlend. Etwas an ihrer Präsenz brannte heißer als alles, was ich seit Jahren gespürt hatte.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich, fast zu mir selbst. „Aber sie sollte nicht hier sein.“
Adrians Stimme schnitt durch die Spannung, ruhig, aber kühl wie Eis. „Dann ist die Frage vielleicht nicht, was sie hier tut, sondern für wen sie hier ist.“
Ich drehte das Glas in meiner Hand, die Augen noch immer auf sie gerichtet.
Wer auch immer sie war – sie war nicht einfach nur eine weitere Frau in einem Club. Sie gehörte nicht zu Kael – oder zu irgendeinem von uns –, aber sie trug sich, als hätte sie unsere Welt längst betreten und nicht vor, sie wieder zu verlassen.
Etwas in mir regte sich – Instinkt, Feuer, Gefahr.
Lucian richtete seinen Kragen, murmelte: „Du musst dich entspannen, Bruder. Sie ist nur eine Frau.“
„Nein“, sagte ich leise, das Feuer ringelte sich unter meiner Haut. „Sie ist etwas anderes.“
Und als sie den Blick hob, nur für einen Sekundenbruchteil – trafen sich unsere Augen durch die Menge.
In mir wurde wieder alles still.
Die Welt verengte sich auf diesen Blick, dieses Aufflackern von Wiedererkennen, das keinen Sinn ergab.
Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich etwas anderes als Kontrolle.
Ich spürte, wie der Drache in mir erwachte.
