Kapitel 1 1. Anne - Du wirst heiraten
Bevor du mit dem Lesen beginnst, möchte ich dich warnen, dass dieses Buch sehr düster wird. Wenn du die vorherigen Bücher dieser Reihe gelesen hast, wirst du verstehen, was ich damit meine. Dieses Buch enthält viele Trigger – Missbrauch (eine Menge davon), Menschenhandel, Kindesmissbrauch, sexuellen Missbrauch (ausführlich dargestellt), Bodyshaming, Gaslighting, Kindheitstraumata, nicht einvernehmlichen Sex, fragwürdige Einvernehmlichkeit, Drogen, manipulierte Getränke und vieles mehr.
Bitte nimm diese Warnungen sehr ernst.
Mein Vater schlägt die Faust auf den Tisch, Zorn lodert in seinen Augen.
Ich wage nur einen kurzen Blick auf ihn, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder auf meinen Teller richte. Ich sehe ihn nicht direkt an, weil ihn mein vernarbtes Gesicht anwidert. Alles an mir widert ihn an. Es war mein ganzes Leben lang so.
Wein schwappt auf die weiße Tischdecke, ein roter Fleck breitet sich darauf aus.
Innerlich zucke ich zusammen, weil ich weiß, dass ich dafür büßen werde. Obwohl ich mein Bestes versuche, um zu tun, was man mir sagt, scheint immer ich das Schlimmste in ihm hervorzurufen.
„Hast du gerade ‚nein‘ zu mir gesagt?“, fragt mein Vater in einem halbwegs ruhigen Ton, doch ich kenne die Wut nur zu gut, die dahinter lauert.
Ohne mir Zeit zu geben zu antworten, packt er meinen Oberarm, seine Finger graben sich schmerzhaft in mein Fleisch.
„Willst du noch eine Woche im Keller verbringen?“, knurrt er.
Eine Welle purer Angst trifft mich. Ich hasse den Keller – dort ist es nicht nur kalt, dort gibt es auch Insekten.
Bei dem Gedanken daran, dass eines von ihnen über mich krabbeln könnte, läuft mir ein Schauer über den Rücken.
Reagiere nicht.
Ich hätte schweigen sollen. Ich hätte ihm zustimmen sollen. Dann wäre er nicht so wütend auf mich, und wir könnten alle ein friedliches Abendessen genießen.
Seine Finger graben sich tiefer hinein. Tun mir weh. Hinterlassen blaue Flecken. Es tut weh, aber ich wage keinen Laut.
Ich lege meine zitternden Hände in meinen Schoß, bevor ich anfange zu sprechen. Oder es zumindest versuche. Ich bin so erschüttert, dass ich zu stottern beginne. „Ich … ich …“
Ich hole tief Luft und versuche, mich auf jedes einzelne Wort zu konzentrieren.
„Ich, ich, ich, ich“, äfft mein Vater mich nach. „Isla hätte nie so gestottert wie du. Ihre Aussprache war makellos. Alles an ihr war makellos.“
Isla.
Meine jüngere Schwester.
Die Perfekte. Die Geliebte. Diejenige, die am Leben sein sollte.
Er redet weiter. „Sie hätte niemals ‚nein‘ zu mir gesagt.“
Nein, das hätte sie nicht. Isla war die Gehorsame, während ich die Schwierige war.
„Du hättest an diesem Tag ertrinken sollen, nicht sie“, höhnt er, bevor er meinen Arm loslässt und seine Hände an einer Serviette abwischt, als hätte er etwas Widerliches berührt. „Die Entscheidung ist bereits gefallen. Du wirst in zwei Tagen heiraten.“ Das Wort meines Vaters ist endgültig.
Ich protestiere nicht mehr. Nicht, wenn ich ihn nicht wirklich wütend machen will.
Tränen brennen in meinen Augen, aber ich dränge sie zurück. Weinen macht alles nur noch schlimmer.
Ich werde heiraten. Aber ich will nicht. Ich habe dabei kein Mitspracherecht.
Mein Puls beschleunigt sich, dunkle Flecken flackern an den Rändern meines Blickfelds.
Atme.
Ein und aus. Ein und aus. Langsam kehrt mein Herzschlag zur Normalität zurück.
Genau so.
Mir gegenüber runzelt meine Stiefmutter Narcissa die Stirn. „Zwei Tage reichen nicht aus, um alles zu kaufen, was sie braucht“, wendet sie ein.
Mein Vater schnaubt verächtlich. „Sie arbeitet. Sie kann ihr eigenes Geld benutzen, um zu kaufen, was sie braucht.“
Ich arbeite in Teilzeit in einem Tierheim. Ich verdiene nicht viel, aber ich liebe, was ich tue. Außerdem verurteilen mich die Tiere nicht wegen meines Aussehens.
Mein Stiefbruder Rayan mischt sich in das Gespräch ein. „Sie heiratet in die Bratva ein. Ihr neuer reicher Ehemann wird ihr sicher alles kaufen, was sie braucht. Nicht wahr, kleine Schwester?“
Seine Frage erwischt mich unvorbereitet, sodass ich von meinem Teller aufblicke. Er ist der Einzige, der mich nicht sofort wegsehen lässt, der nicht behauptet, meine Narben würden ihn krank machen. Na ja, nicht immer. Es gibt Momente, in denen er es nicht erträgt, die Spuren in meinem Gesicht zu sehen. Dann zwingt er mich, wegzuschauen.
Ich spüre den wütenden Blick meines Vaters auf mir. Er hasst es, wenn andere meine Narben sehen. Er behauptet immer, man mache sich über ihn lustig, weil er eine entstellte Tochter habe, mit dem Gesicht eines Monsters. Deshalb lässt er mich nur selten aus dem Haus.
Halt den Blick unten.
Ich sage nichts, als mein Blick wieder zu meinem Essen zurückkehrt. Dass ich einen Mann heiraten soll, den ich nie getroffen habe, hat mir den Appetit genommen.
Mein Vater hat mich an die Bratwa verkauft. Ich weiß nicht, warum es sich so anfühlt, als hätte er mir etwas herausgerissen. Vielleicht, weil ich gehofft hatte, er würde mir erlauben, weiter hier zu leben. Trotz allem, was ich in diesem Haus ertragen habe, ist es mein Zuhause.
„Ich brauche kein Brautkleid“, murmele ich. Was ich brauche, ist ein schwarzes Kleid, denn einen Bratwa-Mann zu heiraten bedeutet nichts Gutes. Nur eine Tragödie, die darauf wartet, sich zu entfalten. „Darf ich gehen?“, frage ich.
„Verschwinde aus meinen Augen, bevor ich dich verprügle, weil du mich dazu gebracht hast, Wein über den Tisch zu verschütten“, faucht mein Vater mich an. „Der einzige Grund, warum ich es nicht tue, ist, dass ich dir so kurz vor deiner Hochzeit keine blauen Flecken verpassen will.“
Ich stehe hastig vom Tisch auf und eile in mein Zimmer. Sobald die Tür abgeschlossen ist, krieche ich ins Bett, ziehe mir die Decke über den Kopf und drücke meinen Teddybären an mich – den, den ich habe, seit ich ein kleines Kind war. Er ist das Einzige, das mir das Gefühl gibt, sicher zu sein. In ihm, vor allen verborgen, ist ein kleiner Sprachrekorder versteckt. Er hat nur drei Worte gespeichert, aber sie bedeuten mir alles, weil sie von meiner Mutter sind. Sie starb an einer seltenen Krankheit, als ich klein war. Ich erinnere mich nicht einmal an sie, aber trotzdem liebe ich sie so sehr und vermisse sie jede einzelne Sekunde des Tages.
Nachdem meine Mutter gestorben war, war mein Vater jahrelang allein. Dann traf er Narcissa.
Ich war fünfzehn, als mein Vater Narcissa und ihren Sohn nach Hause brachte, der damals siebzehn war. Sie ist nie grausam zu mir gewesen, aber freundlich auch nicht. Meistens tut sie so, als gäbe es mich nicht. Mir ist es so lieber.
In zwei Tagen werde ich einen Mann heiraten, der in der Bratwa ist.
Bratwa.
Mein Körper fährt plötzlich hoch.
Das bedeutet, dass ich nach Russland gehen werde.
Mein Atem beschleunigt sich. Ich will nicht dorthin. Überallhin, nur nicht dorthin. Denn dort ist Isla gestorben … Und … dort leben sie.
Ich will hierbleiben, in diesem Haus, so leben, wie ich es bis jetzt getan habe.
Das ist eine Strafe. Mein Vater schickt mich dorthin, damit ich nie vergesse, was ich getan habe.
Ich ringe nach Luft. Nicht genug Sauerstoff erreicht meine Lungen.
Wie groß ist die Chance, dass mein Ehemann tatsächlich in den USA lebt? Ist er wenigstens ein Lord? Ich kenne nicht einmal seinen Namen oder sein Alter. Ich frage mich, ob meine Narben ihn anwidern werden. Wird er gut zu mir sein?
So viele Gedanken rasen mir durch den Kopf.
Ich beginne zu hyperventilieren.
Atmen.
Aber ich kann nicht. Ich versuche es, doch meine Lungen weigern sich, mitzuspielen.
Drei Dinge, die du sehen kannst.
Ich konzentriere mich auf Gegenstände in meinem Zimmer, während ich versuche, Luft in mich aufzunehmen.
Der Schreibtisch.
Das Fenster.
Das Bett.
Zwei Dinge, die du berühren kannst.
Mein Teddybär.
Die Decke.
Ein Ding, das du hören kannst.
Der Wind, der durch die Blätter fährt.
Die Panikattacke ebbt ab. Ich fange an, wieder normal zu atmen.
Das hast du so gut gemacht.
Ich drücke Arthur – so habe ich meinen Teddybären genannt – an meine Brust, bevor ich mich wieder ins Bett sinken lasse. Ich ziehe die Decke über meinen Kopf und drücke auf den Sprachrekorder, der in Arthur versteckt ist.
„Ich liebe dich“, flüstert die Stimme meiner Mutter mir zu.
Tränen füllen meine Augen, und diesmal lasse ich sie fallen.
