Kapitel 5

Perspektive von Eve

Die nächsten Tage im Haus sind so spannungsgeladen, dass es sich anfühlt, als würde man durch ein Gewitter laufen und sich nur auf den lauten Knall gefasst machen, der die Stille zerreißt. Ich habe angefangen, in der Tierklinik Überstunden zu machen, nur um nicht im Haus sein zu müssen – was die Mädchen natürlich sofort bemerkt haben.

Als ich nach einer langen Schicht nach Hause komme, erwartet mich Kimberly bereits auf der Treppe. Sie rennt sofort auf mich zu, springt mir in die Arme und fängt hysterisch an zu schluchzen.

Ich tue mein Bestes, um sie zu trösten. „Was ist los, Kimmy?“

„Bist du wütend auf uns? Kommst du deshalb nicht mehr nach Hause? Es tut uns leid, dass dieser Typ an unserem Mädelsabend aufgetaucht ist. Du musst mit uns darüber reden. Wir wollen nicht, dass du einfach verschwindest.“ Sie schluchzt noch heftiger auf und vergräbt ihr Gesicht an meiner Schulter.

Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich darf nicht zulassen, dass die Jäger oder Werwölfe es auf meine Freundinnen absehen. Sie könnten ins Kreuzfeuer geraten. Was, wenn ich sie nicht beschützen kann? Was, wenn man sie für Feinde hält? Ich darf dieses Risiko nicht eingehen.

Kimberlys Weinen hat meine anderen beiden Freundinnen herbeigerufen, die sich der Umarmung anschließen. Wir gehen alle ins Wohnzimmer und quetschen uns zusammen auf die Couch, während Kimberly sich weigert, mich loszulassen.

Willow, ganz pragmatisch, beginnt sofort zu planen. „Wir brauchen eine Lösung. Keine von uns will ihre beste Freundin seit über fünf Jahren verlieren, also haust du nicht ab. Du hast hier ein Leben und solltest dich nicht daraus vertreiben lassen.“

„Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr da verlangt.“ Ich schaue nur zu Boden. Sie werden es nie verstehen.

„Dann sag es uns. Ich kenne dich am längsten und weiß absolut nichts über dein Leben vor dem Tag, an dem wir uns kennengelernt haben. Warum vertraust du uns nicht?“, erklärt Michelle sehr bestimmt. Sie ist sichtlich frustriert darüber, dass sie noch immer aus meinem Leben ausgeschlossen ist.

Ich beginne, sie anzuflehen. „Es liegt nicht daran, dass ich euch nicht vertraue. Ihr wärt in Gefahr, wenn ich euch einweihe. Alles, was ich tue, dient nur eurem Schutz, also lasst das Thema bitte einfach ruhen und lasst mich eine Lösung finden.“

Willow seufzt. „Tja, du wirst wohl damit anfangen müssen, uns etwas zu erzählen, denn seit Connor aufgetaucht ist, hängen wir da mit drin. Wenn wir einen Sicherheitsplan entwickeln und strategisch vorgehen wollen, müssen wir etwas wissen – und sei es nur, in wie großer Gefahr wir uns befinden.“ Sie drückt die Dinge immer so nüchtern aus, was furchtbar nervig ist, weil ich genau weiß, dass sie recht hat.

Wenn ich es ihnen sage, fällt es ihnen vielleicht leichter, mich gehen zu lassen.

„Ich bin nicht gerade ein Mensch.“

Alle drei Mädchen setzen sich schlagartig kerzengerade auf. Sogar Kimberly hört sofort auf zu weinen und starrt mich mit aufgerissenen Augen an.

„Von all den Dingen, die du hättest sagen können, habe ich das am wenigsten erwartet“, stellt Willow mit schockiertem Gesichtsausdruck fest.

Michelle fängt an zu lachen. „Ich hatte ja einen Haufen Theorien über Regierungsverschwörungen, aber das stand definitiv nicht auf meiner Liste.“

Kimberly sieht verängstigt aus. Sie sieht mich an und fragt mit zitternder Stimme: „Was bist du?“

Ich versuche, es zu erklären. „Ehrlich gesagt ist das nicht wichtig. Ich habe dieses Leben hinter mir gelassen, um als Mensch zu leben, und das tue ich, seit ich dreizehn bin. Für sie gelte ich als Deserteurin.“

Kimberly beginnt zu zittern. „Werden sie uns etwas antun?“

„Ich weiß es nicht. Deshalb muss ich verschwinden. Um euch zu beschützen.“

Willow stellt wieder ganz sachlich fest: „Wissen wir denn, was sie wollen? Connor hat nur gesagt, dass Mr. Strongheart mit dir reden will. Vielleicht will er dir gar nichts Böses und es geht um etwas ganz anderes.“

Michelle stimmt zu. „Ich hatte bei Connor auch kein ungutes Gefühl. Er wirkte fast sanft, als er mit dir gesprochen hat, und meinte, er würde dir sowieso folgen, falls du dich weigerst, mit Mr. Strongheart zu reden. Moment mal, ist er etwa auch kein Mensch?“

Ich seufze. „Connor? Nein, er schon. Er ist nur … ein Begabter. Mr. Strongheart hingegen ist so wie ich.“

Ich kann förmlich sehen, wie es in Willows Kopf rattert. „Tja, das Logischste wäre, mit Mr. Strongheart zu reden, herauszufinden, was er will, und dann weiterzusehen. Es hat keinen Sinn, in der Zwischenzeit wegzulaufen, wenn er sowieso vorhat, dich aufzuspüren.“

„Er hat mir bereits gesagt, was er will. Er will, dass ich in dieses Leben zurückkehre.“ Das war schon immer meine größte Angst, und die Mädchen merken es daran, wie meine Stimme zittert.

Mit wilder Entschlossenheit in den Augen verkündet Michelle: „Dann werden wir alle Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit du hierbleibst.“

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