Kapitel 7 Lavinia betritt das Haus
Um 20:30 Uhr war von unten das Geräusch eines Automotors zu hören. Schon kurz darauf kamen Harold und Jessica die Treppe herauf. Eleanor war gerade mit Duschen fertig, als sie die Stimmen der beiden hörte.
„Daddy, kommt Lavinia wirklich morgen zu uns nach Hause, um mir Geige beizubringen?“ Jessica blinzelte mit ihren großen Augen, das kleine Gesicht voller Aufregung und Freude.
„Natürlich.“ Harold tätschelte ihr den Kopf.
„Du musst heute Abend früh schlafen gehen, damit du morgen gut Geige üben kannst.“
„Ich weiß, Daddy. Ich werde ganz bestimmt fleißig üben!“
„Ich freue mich so sehr—“
Im nächsten Moment erlosch Jessicas Lächeln.
„Es ist nur so schade, dass Daddy morgen zur Arbeit muss, sonst könnten wir drei zusammen sein … Moment mal, diese blöde Mommy ist ja auch zu Hause.“
Eleanor hörte Jessica verärgert murmeln.
„Ich wünschte, diese blöde Mommy wäre nicht zu Hause.“
„Jessica, so darfst du nicht reden.“ Harolds Worte waren vielschichtig vorwurfsvoll, doch er schien nicht wütend zu sein. Es war eher ein mildes Tadeln.
Jessica schmollte. „Daddy, das liegt daran, dass Mommy so gemein ist. Sie behandelt Lavinia die ganze Zeit schlecht. Ich hasse die blöde Mommy wirklich.“
Harold redete Jessica gut zu und brachte sie zurück in ihr Zimmer.
Als er die Tür zum Hauptschlafzimmer aufstieß, traf er auf Eleanors ruhigen, ausdruckslosen Blick.
Harold presste die Lippen zusammen. „Du …“
Eleanor wandte sich von ihm ab, ihr Wesen kalt wie Eis.
Harold runzelte die Stirn.
„Hast du unserem Gespräch zugehört?“
Eleanor gab ihm keine Antwort.
Harolds Gesichtsausdruck wurde plötzlich wütend. „Was soll das heißen? Jessica mag dich nicht—warum denkst du nicht mal über dein Verhalten nach und überlegst, wo das Problem liegt?“
Als sie das hörte, hätte Eleanor vor Frust beinahe laut aufgelacht.
In Harolds und Jessicas Augen konnte ich, egal ob ich wirklich etwas falsch gemacht hatte oder nicht, Lavinia nie das Wasser reichen.
Eleanor hob den Blick, musterte Harolds beschämten und wütenden Ausdruck und sprach mit einer Stimme, so ruhig, dass sie fast gleichgültig klang.
„Hast du mich gerade irgendetwas sagen hören?“
„Wem ziehst du hier so eine Miene?“ Harold starrte sie an. „Ich habe dir gesagt, du sollst über das nachdenken, was du zu Hause getan hast. Hast du überhaupt nachgedacht?“
„Krank bin nicht ich—krank seid ihr beide. Ihr seid es, die nachdenken sollten.“
Eleanor drehte sich zurück zum Bett und zog die Decke über sich, damit sie endlich schlafen konnte.
Harold stürmte verärgert vor und packte sie am Arm.
„Das reicht, Eleanor! Wie lange willst du das noch durchziehen? Kannst du nicht vernünftig sein? Wirst du erst zufrieden sein, wenn Jessica und ich dich am Ende wirklich hassen?“
Eleanor schüttelte seine Hand ab.
„Du mochtest mich von Anfang an nicht. Egal, was ich tue, du wirst mich nur noch mehr hassen.“
Ich war früher zu töricht, habe mein ganzes Herz in diese ohnehin schon zerfallende Ehe geworfen, mein gebrochenes Herz gezwungen, sich trotzdem festzuklammern, ich wollte nur diese Familie zusammenhalten.
Ich hatte keine Ahnung, dass Harold und Jessica nie den Wunsch gehabt hatten, mit mir eine Familie aufzubauen.
„Du bist diejenige, die unvernünftig ist!“ Harold drehte sich wütend um und ging.
Mit einem lauten Knall schlug er die Tür zu.
Doch Eleanor ließ sich von dem Drama nicht beeindrucken.
Im Gegenteil, sie schlief die ganze Nacht gut.
Am nächsten Tag, als sie die Treppe hinunterkam, hörte sie Lavinia und Jessica im Musikzimmer fröhlich plaudern.
Den ganzen Tag über erklang immer wieder das Geigenspiel, mal hier, mal dort.
Am Abend begann plötzlich ein heftiges Unwetter.
„Jessica, ich sollte jetzt nach Hause gehen. Morgen komme ich wieder und unterrichte dich.“
„Lavinia, es schüttet wie aus Eimern—geh nicht nach Hause. Bleib einfach hier. Ich will direkt neben dir schlafen.“ Jessica flehte.
Lavinia biss sich auf die Unterlippe. „Jessica, das gehört sich nicht. Deine Mom wird nicht glücklich darüber sein.“
„Vergiss sie!“ Jessica blähte vor Wut ihre kleinen Wangen auf.
Jessica klammerte sich an Lavinias Bein. „Ich will, dass Lavinia bleibt.“ Dann sah sie zu Harold, der ganz in der Nähe stand. „Daddy, sag Lavinia, dass sie bleiben soll!“
Harold sah Lavinia an. „Lavinia, es regnet gerade in Strömen. Bleib einfach über Nacht hier.“
Lavinia wirkte zögerlich.
„Harold, das ist nicht angemessen. Eleanor …“
Harold schnaubte kalt. „Das ist mein Haus. Sie hat hier nichts zu sagen.“
„Juhu! Lavinia und ich können endlich nebeneinander schlafen.“ Jessica tanzte vor Freude. „Daddy, kann Lavinia für immer hier wohnen? Ich will jeden Tag bei Lavinia sein.“
„Das hängt davon ab, was Lavinia entscheidet.“
Harolds und Jessicas Worte drangen an Eleanors Ohren.
Eleanors Nägel bohrten sich tief in ihre Handflächen.
Die Realität war zu grausam.
Zum Glück hatte sie alles durchschaut.
Eleanor drehte sich um und ging die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Sie war von Harold und Jessica in diesem Moment restlos enttäuscht und wollte nichts lieber, als diesen kalten, lieblosen Ort so schnell wie möglich zu verlassen.
Der Regen wurde stärker, begleitet von Blitz und Donner.
Jeder Blitz sah aus, als könnte er den Himmel tatsächlich aufreißen.
In den frühen Morgenstunden hörte Eleanor, wie Harolds Handy zweimal vibrierte, dann das Geräusch, wie Harold aus dem Bett stieg und das Zimmer verließ.
In der Dunkelheit schlug sie die Augen auf.
Eleanor stand auf, stieg aus dem Bett und folgte ihm leise hinaus.
Die Tür zum Gästezimmer stand einen Spalt offen, und Harolds sanfte Stimme drang von drinnen nach draußen.
„Lavinia, hab keine Angst. Ich bleibe hier bei dir.“
Wie zärtlich und ergeben er war.
Wenn sie es nicht ausgerechnet mit ihrem Ehemann und seiner ersten, unvergesslichen Liebe zu tun gehabt hätte …
Eleanor hätte ihnen vielleicht applaudiert und ihnen ihren Segen gegeben.
In diesem Moment zuckte ein Blitz.
Lavinia schrie auf und warf die Arme um Harold.
Harolds Körper erstarrte. Als er spürte, wie Lavinia am ganzen Leib zitterte, hob er die Hand und klopfte ihr in beruhigendem Rhythmus über den Rücken. „Hab keine Angst. Ich bin hier.“
Im Türrahmen stand Eleanor und sah zu, wie sich die Szene vor ihr entfaltete.
Plötzlich traf Lavinia ihren Blick und stieß einen bewusst panischen Schrei aus, ließ hastig Harolds Taille los.
„Es tut mir leid, Eleanor. Bitte missversteh das nicht …“
Harold fuhr herum und begegnete Eleanors Blick; ein Anflug von Panik huschte über sein schönes Gesicht. „Es ist nicht, wonach es aussieht. Lavinia hat Angst vor Donner. Ich bin gekommen, um ihr Gesellschaft zu leisten. Du musst da nicht so viel hineininterpretieren.“
Eleanor drehte sich um und ging wortlos davon.
„Eleanor!“
Harold setzte ihr sofort nach.
Lavinia packte ihn, die Stimme zitternd. „Harold, geh nicht. Ich habe Angst.“
Kurz darauf kam Eleanor zurück, eine Decke im Arm. Sie ging an den beiden vorbei und warf die Decke auf das Bett im Gästezimmer.
„Seid heute Nacht leise. Stört meinen Schlaf nicht.“ Dann wandte sie sich zum Gehen.
Einen Moment lang war die Luft wie erstarrt.
Harolds Gesicht verfärbte sich vor Wut. Er stürmte hinaus, packte Eleanors Handgelenk und presste zwischen den Zähnen hervor: „Was sollte das eben heißen?“
Eleanors Gesicht blieb kalt.
„Ich hab euch nur gebeten, leise zu sein, damit ich schlafen kann.“
Harold drückte sie gegen die Wand, sein Blick verdunkelte sich. „Wie lange willst du das noch durchziehen? Ich hab dir doch schon erklärt …“
„Du musst mir gar nichts erklären.“ Eleanor schnitt ihm kühl das Wort ab.
Harolds Miene wurde finsterer denn je.
Lavinia kam hinter ihnen her und versuchte, die Spannung zu entschärfen. „Harold, sei nicht böse. Das ist alles meine Schuld. Ich erkläre es Eleanor …“
„Halt den Mund.“ Eleanor drehte sich zu ihr um und starrte sie eisig an.
Harold kochte vor Wut und zog den Griff um Eleanors Handgelenk fester.
Eleanors Gesicht wurde bleich, als sie ihn mit zusammengebissenen Zähnen anfunkelte. „Lass mich los. Sofort!“
Harold dachte daran, wie Eleanor seine Decke auf Lavinias Bett geworfen hatte, und ihm kochte das Blut.
„Harold, tu Eleanor nicht weh —“
Lavinia versuchte, sie auseinanderzubringen.
„Fass mich nicht an!“ Eleanor sagte es voller Abscheu.
Im Gerangel stieß Lavinia Eleanor absichtlich an, dann schrie sie, als hätte sie sich verletzt, und fiel zu Boden.
„Lavinia!“ Harold fing sie hastig auf.
Eleanor hingegen geriet durch Lavinias Stoß aus dem Gleichgewicht, taumelte ein paar Schritte zur Seite. Plötzlich trat sie ins Leere und stürzte die Treppe hinunter.
Dumpf, dumpf hallten die Schläge, als Eleanor die Stufen hinabfiel.
Der ganze Körper schmerzte, als würde er auseinanderbrechen, und ihre Stirn war irgendwo aufgeschlagen. Etwas Warmes lief ihr über die Wange. Sie hob die Hand, wischte darüber, und ihre Handfläche war von leuchtendem Rot verschmiert.
Grelles Karmin.
Als Harold sah, wie Eleanor hinunterrollte, verengten sich seine Pupillen schlagartig, und er rannte sofort die Treppe hinunter, um nach ihr zu sehen.
„Es tut weh.“ Lavinia umklammerte ihren Bauch, der Schmerz stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
Harolds Aufmerksamkeit wurde augenblicklich von Eleanor weggerissen; sein schönes Gesicht war voller Sorge und Angst. „Was ist los, Lavinia? Wo tut es dir weh? Lass mich sehen.“
„Mein Bauch. Harold, mein Bauch tut so weh.“ Lavinia klammerte sich fest an seinen Arm. „Mein Baby …“
„Was für ein Baby?“ Harolds Körper erstarrte, sein Blick fiel auf sie.
Lavinias weißes Nachthemd war rot vom Blut.
Lavinia weinte und flehte: „Harold, rette das Baby.“
„Ich bringe dich sofort ins Krankenhaus!“ Harold hatte keine Zeit, es wirklich zu begreifen — er konnte sie nur hastig hochheben und sie eilig die Treppe hinuntertragen.
Unten hatte Eleanor es gerade mit Mühe geschafft, sich aufzurichten, an das Treppengeländer gelehnt. Als sie plötzlich Lavinia „Baby“ sagen hörte, erstarrte ihr Körper, ihre Augen voller Entsetzen.
Sie hatten schon ein Kind?
Als Harold Lavinia an ihr vorbeitrug, ertrug Eleanor den Schmerz und streckte die Hand aus, um Harolds Hosenbein zu packen. Ihre Augen waren rot, ihr Gesicht störrisch, als sie verlangte: „Harold! Das Baby, von dem sie gerade gesprochen hat — ist es deins?“
