Kapitel 5 Phoenix Rising
Das hatte sie zwar gesagt, doch Yvette beschwerte sich immer noch mit einem Anflug von Vorwurf: „Nolan, Anastasia ist stur. Du musst ihr entgegenkommen. Wenn sie ihren Fehler einsieht und zurückkommt, musst du ändern, wie du sie behandelst, sonst treibst du sie nur noch weiter weg.“
So sehr sie ihn mit Worten tadelte, spürte Yvette doch, wie in ihr eine unerklärliche Wut brannte.
Fünfzehn Jahre lang hatten sie Anastasia großgezogen, und jetzt wagte sie es, ihnen zu widersprechen!
Nolan war so wütend, dass er redete, ohne nachzudenken. „Ein Parasit, der von unserer Familie lebt – verdient die das überhaupt?“
Als sie merkte, wie die Stimmung sich zuspitzte, meldete Renee sich leise zu Wort: „Nolan, ich muss nächste Woche mein Abschlussprojekt abgeben. Mit den Entwürfen, die ich vorher gemacht habe, bin ich nicht zufrieden, und jetzt, wo ich krank bin, habe ich überhaupt keine Inspiration. Was, wenn ich nicht abschließen kann?“
Als er das hörte, zog Nolan die Stirn in Falten.
Dann, als fiele ihm etwas ein, hellten sich seine Augen auf.
„Worüber machst du dir denn Sorgen?“, sagte Nolan abfällig. „Ich habe Anastasia neulich eine ganze Menge Entwurfsskizzen zeichnen sehen – alles so auffällig und so, aber sie sahen ziemlich gut aus. Die Familie Stafford hat sie all die Jahre großgezogen, also ist es doch nur angemessen, wenn du ihre Sachen benutzt, oder?“
Yvettes Blick flackerte.
Sie wusste von Anastasias Talent fürs Design.
Wenn sie es damals nicht unterbunden hätte, hätte Anastasia allein aufgrund ihres Talents längst ein Stipendium gewonnen, um im Ausland zu studieren.
Yvette räusperte sich und tat, als wäre sie hin- und hergerissen: „Das wirkt doch nicht richtig, oder? Anastasia ist immer noch wütend. Was, wenn sie sich weigert –“
„Wagt sie das?“, schnaubte Nolan kalt und fiel ihr gereizt ins Wort. „Sie will sich jetzt von unserer Familie losreißen, aber wir haben noch nicht mal die Rechnung dafür beglichen, dass wir sie großgezogen haben! Ihre Entwurfsskizzen zu benutzen, ist ein Gefallen für sie! Wenn sie nicht weiß, was gut für sie ist, habe ich genug Möglichkeiten, sie dazu zu bringen, sie brav herauszurücken!“
„Nolan, sei nicht unüberlegt!“, sagte Renee hastig.
Ihre Augen röteten sich, und schon stiegen ihr wieder Tränen auf. „Anastasia ist gerade wütend. Wenn du ihre Entwurfsskizzen nimmst, wird sie mich bis aufs Blut hassen. Das ist alles meine Schuld – ich hätte das Abschlussprojekt nicht erwähnen sollen.“
Während sie sprach, sah sie Caspian scheu an. „Caspian, kannst du mir helfen und Nolan davon abbringen?“
Als Caspian Renées hilflosen Ausdruck sah, zog sich ihm sofort das Herz zusammen.
Ursprünglich hatte er gedacht, die Arbeit eines anderen zu nehmen, sei nicht ehrenhaft.
Doch als er Renées blasses Gesicht sah, geriet seine Entschlossenheit ins Wanken.
Früher hatte Anastasia ihn stets mit Bewunderung und Vorsicht angesehen, doch heute war da nur Kälte.
Nur weil er Renee einen rosafarbenen Diamanten geschenkt hatte?
Warum sollte das eine Rolle spielen?
Fünfzehn Jahre lang hatte die Familie Stafford sie unterstützt. Was war schon dabei, wenn sie Renee etwas Blut gab?
Und als ihr Verlobter hatte er sie auch nie schlecht behandelt. Mit welchem Recht machte sie so ein Theater?
Mit welchem Recht tat sie, als hätte die ganze Welt sie verraten?
Bei diesem Gedanken verflog das leichte Unbehagen in Caspians Brust augenblicklich.
Anastasia schuldete Renee etwas. Jetzt, wo Renee sich nicht gut fühlte, sollte Anastasia ihr diese Designentwürfe geben!
Er klopfte Renee sanft beruhigend auf den Rücken und unterdrückte dieses unerklärliche Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. „Renee, konzentrier dich einfach darauf, wieder gesund zu werden.“
Als Nolan sah, dass Caspian auf Renées Seite stand, wurde sein Gesichtsausdruck ein wenig weicher.
Er fand nichts Verwerfliches daran, dass Caspian als Anastasias Verlobter Renee unterstützte.
In seinen Augen sollte jeder Renee bedingungslos unterstützen.
„Und wenn Anastasia zurückstürmt und sich die Entwurfsskizzen zuerst schnappt? Was soll Renee dann machen?“, fragte Nolan.
In diesem Moment meldete sich der sonst so stille Caleb zu Wort: „Sie kann nicht weglaufen.“
Damit zog er erfolgreich die Aufmerksamkeit aller im Krankenzimmer auf sich.
Calebs Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. „Sie hat weder Familie noch Freunde in Harmony City. Wohin soll sie sonst gehen? Wechsel die Schlösser am Haus, und wenn sie ihre Sachen will, wird sie uns anflehen müssen!“
Nolans Augen leuchteten auf.
Richtig!
Wie hatte er das nur vergessen können?
Endlich zeigte sich auf Nolans Gesicht ein Lächeln. „Caleb hat die richtige Idee. Ich fahre sofort zurück und lasse die Schlösser an der Villa austauschen. Sie ist doch so stolz, oder? Ich will sehen, wie sie an ihre kostbaren Skizzen kommt, wenn sie nicht mal durch die Tür kann!“
„Dann lassen wir sie uns anflehen!“
Renee meldete sich im richtigen Moment zu Wort: „Ist das nicht ein bisschen zu viel? Immerhin, Anastasia—“
„Renee, du bist einfach zu gutherzig“, unterbrach Nolan sie. „Bei undankbaren Menschen wie ihr darf man nicht weich werden. Das hat sie sich selbst eingebrockt.“
Als sie das hörte, senkte Renee den Kopf; ein Lächeln zog an ihrem Mundwinkel, das niemand bemerkte.
Anastasia, und was, wenn du die Stafford-Familie verlässt? Ich kann dir trotzdem alles nehmen, was dir gehört!, dachte sie bei sich.
Anastasia kehrte erst am Abend zur Stafford-Familie zurück.
Sie ging direkt nach oben in ihr Zimmer.
Früher hatte sie verzweifelt versucht, in diese Familie hineinzupassen, doch jetzt begriff sie, dass die Stafford-Familie nichts weiter war als ein Käfig, der sie gefangen hielt.
Als sie alles überblickte, merkte Anastasia, dass sie nicht viel einzupacken hatte.
Das ganze Zimmer enthielt nur ein paar Kleidungsstücke und teure, aber lieblose Geschenke, die Caspian ihr beiläufig gegeben hatte.
Am wichtigsten war jedoch die Schachtel, die sie unter ihrem Bett versteckt hatte.
Darin lagen die Modeentwurfs-Skizzen, die die Stafford-Familie auf keinen Fall entdecken durfte.
Wenn sie sich richtig erinnerte, war das Abschlussprojekt in ein paar Tagen fällig.
In ihrem früheren Leben hatte die Stafford-Familie sie mit moralischem Druck dazu gebracht, all diese Arbeiten an Renee abzugeben, und sie waren zu Renées Sprungbrett in die Designwelt geworden.
In diesem Leben würde sie niemals wieder zulassen, dass irgendjemand diese Arbeiten anfasste!
Sie zog die Schachtel hervor und wollte sie gerade in ihren Koffer packen, als ihr Handy plötzlich vibrierte.
Eine Nachricht von ihrer besten Freundin Saskia Green—mehr als ein Dutzend Sprachnachrichten hintereinander.
Anastasia tippte die erste an.
„Anastasia, ich habe dich heute Nachmittag angerufen—warum war dein Handy aus? Hast du mit diesem Mistkerl Caspian endlich Schluss gemacht?“
„Ich sag dir was: Werd nicht weich bei ihm! Wegen dieser doppelzüngigen Renee hat er dir schon mehr als einmal die kalte Schulter gezeigt, und jetzt schenkt er Renee auch noch einen Diamantring. Mach sofort Schluss mit ihm!“
„Egal, reden wir über das Wichtige! Schau dir den Link an, den ich dir geschickt habe! Die Anmeldung für den Celestial Loop hat begonnen! Das Motto dieses Jahr ist ‚Phoenix Rising‘, und die Veranstalter schwimmen im Geld—sogar der dritte Platz bekommt eine Million Dollar Preisgeld! Meld dich sofort an. Mit deinen Fähigkeiten kannst du dir den Sieg holen!“
Phoenix Rising.
Als Anastasia diese Worte sah, wurden ihre Augen ein wenig feucht.
Saskia hatte recht. Was sie jetzt am dringendsten brauchte, war Geld.
Mit der gesammelten Erfahrung aus zwei Leben hatte sie absolutes Vertrauen in ihre Entwürfe. Mindestens der dritte Platz war drin.
Anastasia klickte auf den Anmeldelink und trug ohne Zögern ihre Daten ein.
Gerade als sie die Anmeldung abschickte, klingelte ihr Handy abrupt.
Auf dem Display blinkte Nolans Name.
Sie wollte nicht rangehen, doch sie kannte Nolans Art: Wenn sie nicht abhob, würde er immer weiter anrufen. Also strich sie widerwillig über den Bildschirm und nahm ab.
Noch bevor sie etwas sagen konnte, kam Nolans befehlender Ton aus dem Hörer, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
„Anastasia, mir ist egal, wo du gerade bist. Bring all diese Entwurfs-Skizzen, die du neulich gezeichnet hast, ins Krankenhaus. Renee braucht sie für ihr Abschlussprojekt!“
