Kapitel 6
Perspektive von Brielle
Ich stand vor der Schule, nachdem meine Großeltern mich abgesetzt hatten. Blue Ridge High School. Sie wollten beide mitkommen, damit ich mich nicht allein fühle. Mir gefiel die Idee, also hatte ich nichts dagegen. Es machte diesen ganzen Übergang ein wenig weniger einsam. Jetzt, da sie weg waren, fühlte ich mich fehl am Platz. Ich überlegte, ob ich hineingehen oder weglaufen sollte. Ich beobachtete, wie Schüler plaudernd und lachend ins Gebäude gingen.
Na ja, das war nichts Neues. Außer Tony hatte ich keine Freunde. Ich seufzte und ging hinein. Die Flure waren voller Schüler, die das neue Mädchen in der Stadt … oder in der Schule … zu bemerken schienen.
Komm schon, Brie. Sei nicht nervös. Es gibt nichts, wovor du Angst haben musst. Schau niemandem in die Augen. Geh einfach durch. Ich zog den Riemen meiner Tasche fester und bahnte mir meinen Weg durch die Menge, die sich teilte wie das Meer für Moses. Getuschel und Spekulationen über meine Identität waren zu hören, aber ich machte es mir zur Aufgabe, zum Büro des Direktors zu gelangen. Gott sei Dank trug ich nichts Unbequemes. Ich hatte ein übergroßes Netz-T-Shirt mit einem BH darunter, eine gerade geschnittene Jeans und Nike-Sneaker an.
Das Outfit hatte ich erst am Morgen herausgesucht, weil ich es gestern Abend vergessen hatte. Ich war zu sehr in das Tagebuch meiner Mutter vertieft gewesen. Ich konnte das erste einfach nicht aus der Hand legen. Am Ende las ich sie alle durch. Alles, was ich danach sagen kann, ist, dass Liebe sich verändert. Ein „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ gibt es nicht für jeden. Sie waren eben doch nicht füreinander geschaffen.
Irgendwie fand ich mich vor dem Büro des Direktors wieder. Ich holte tief Luft und klopfte an die Tür. Ich hörte eine undeutliche Stimme, die mich aufforderte, hereinzukommen.
Ich öffnete die Tür und betrat das Büro. Mir gegenüber saß eine Frau mittleren Alters in einem zweiteiligen, formellen Hosenanzug, mit einem strengen Pferdeschwanz und einer randlosen Brille auf dem Steg einer sehr geraden Nase. Der finstere Blick in ihrem Gesicht schien permanent zu sein. Ich schluckte meine Nervosität hinunter.
„Wer wären Sie denn?“, fragte sie ohne Umschweife.
„Mein Name ist Brielle Johnson und ich bin für mein letztes Schuljahr hierher gewechselt.“
Sie drückte die Sprechanlage. „Priscilla. Sorgen Sie dafür, dass jemand in mein Büro kommt“, bellte sie und erschreckte mich. Ich hatte noch nie eine Frau so rau klingen hören.
Priscilla hingegen stimmte gelassen zu und klang, als sei sie an den Tonfall der Direktorin nur allzu gewöhnt. Ich könnte mich niemals daran gewöhnen, ohne Ohrenbluten zu bekommen. Ich stand unbeholfen da, spielte mit meinen Fingern und verlagerte mein Gewicht von einem Bein auf das andere. Wegen der kompromisslosen Art dieser Frau traute ich mich nicht, mich hinzusetzen und zu warten. Sie würde mich zur Schnecke machen, also blieb ich stehen, während sie weiter irgendwelche Papiere vor sich durchging, als wäre ich gar nicht im Raum.
Ein paar Minuten später öffnete sich die Tür hinter mir und ich drehte mich um, um zu sehen, wer es war. Ein Junge, etwa 1,80 Meter groß, stand mit einem albernen Lächeln vor mir.
„Du! Was machst du hier? Dich habe ich nicht gerufen“, ermahnte ihn die Direktorin mit finsterer Miene.
„Ich wollte auch nicht kommen, aber ich habe gehört, dass es ein neues Mädchen an der Schule gibt, also dachte ich, ich komme mal vorbei und sehe sie mir an“, erwiderte er mit einem Grinsen, sein eigensinniger Blick auf mich gerichtet.
Ich nutzte die Gelegenheit, ihn zu mustern. Er war ein großer, schlanker Kerl. Seine Haare waren kurz. Seine braunen Augen starrten mich schamlos an, was mir unangenehm war, aber das ließ ich ihn nicht spüren. Er trug ein schwarzes, ärmelloses Shirt, braune Cargoshorts und Jordans.
„Mach ein Foto, Babe. Hält länger“, neckte er mich.
„Ich habe nicht gestarrt“, sagte ich abwehrend.
„Sicher, sicher. Wie auch immer, warum haben Sie mich hergerufen?“, sagte er und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Direktorin zu.
„Führen Sie das Mädchen herum, und benehmen Sie sich gefälligst, sonst verlängere ich Ihre Strafe um einen Monat.“
„Ja, Ma’am. Es wird mir ein Vergnügen sein.“ Eifrig öffnete er die Tür und bedeutete mir, zuerst hinauszugehen. Wir gingen den Flur entlang, er neben mir. Er überrumpelte mich, als er seinen Arm um mich legte.
„Also, ich habe schon sehr lange kein neues Gesicht mehr gesehen. Hat das Gesicht auch einen Namen?“, fragte er. Ich schlug seinen Arm grob weg und entfernte mich von ihm.
„Mein Name ist Brielle Johnson und ich würde es begrüßen, wenn du dich auf die anstehende Aufgabe konzentrieren würdest.“
Er lächelte spitzbübisch. „Mmh, wir kommen also direkt zur Sache? Na gut, ich werde tun, was du wünschst.“
Danach zeigte er mir die Schule, ohne sich dabei in irgendeiner Weise unangemessen zu verhalten. Das überraschte mich. Er wirkte auf mich wie jemand, der nicht so leicht auf andere hört. Ich hatte schon gedacht, ich müsste ihm gegen das Schienbein treten oder ihm ein paar Mal eine klatschen, aber anscheinend lief es doch ganz gut. Die letzte Station war mein Klassenzimmer, wo ich Englischunterricht hatte.
„Da wären wir“, sagte er. „Ich hoffe, ich konnte dir eine Hilfe sein. Ich gehe dann mal.“ Und damit ließ er mich einfach so an der Tür stehen. Keine komischen Bemerkungen oder irgendein Unfug. Er benahm sich völlig anders als die Person, die ich beim ersten Mal getroffen hatte. Wie gesagt, er machte auf mich nicht gerade den Eindruck, gehorsam zu sein. Ich schüttelte die Gedanken ab. Was auch immer es war, es hatte nichts mit mir zu tun.
Ich betrat das Klassenzimmer und wie erwartet starrten mich alle an, als wäre ich eine andere Spezies. Ich ging zur Lehrerin und teilte ihr mit, dass ich die neue Schülerin sei.
„Klasse, bitte heißt Miss Brielle Johnson willkommen. Sie ist eine Austauschschülerin.“
Die Klasse verstummte und tat nichts anderes, als zu starren. Ich war ohnehin schon nervös, also ergriff ich die Initiative und stellte mich vor. Ich konnte ja nicht einfach wie ein aufgescheuchtes Huhn dastehen bleiben.
„Äh … Hallo zusammen. Mein Name ist Brielle Johnson und ich bin gerade aus Clairefield hierhergezogen. Ich hoffe, ich bin an dieser Schule willkommen und wir kommen alle gut miteinander aus. Danke.“
Kurz und einfach. Ich wollte es nicht mit Hobbys und was weiß ich noch in die Länge ziehen.
Niemand sagte etwas und alle starrten mich nur weiter an, während andere untereinander über mich flüsterten. Daran war ich gewöhnt, also störte es mich überhaupt nicht.
„Sie können sich einen Platz suchen, Miss Johnson. Sie sind herzlich willkommen“, sagte die Lehrerin, der das Verhalten ihrer Schüler sichtlich peinlich war. Die hinteren Plätze im Klassenzimmer waren frei, also ging ich dorthin und setzte mich. Der Rest der Stunde war wie im Nebel. Ich begann, mich fehl am Platz zu fühlen. Die anderen Schüler sahen mich an und tuschelten miteinander. Ich hatte zwar gesagt, dass es mich nicht störte, aber trotzdem hasste ich es, das Thema von Gesprächen zu sein. Wenn jemand etwas über mich zu sagen hat, dann sollte er es mir gefälligst auch ins Gesicht sagen.
Die Glocke läutete und kündigte die Mittagspause an. Ich folgte den anderen Schülern in die überfüllte Cafeteria. Wie man es sich in jeder Schule vorstellen kann, gibt es hier hierarchische Gruppen. Die beliebte Clique, bestehend aus wahnsinnig gut aussehenden Jungs und Barbie-Mädchen in aufreizender Kleidung. Die Nerds, die Bücher mit an den Tisch bringen, und die Sonderlinge, die aussehen, als würden sie eine Menge durchmachen. Die Sportler-Crew, die grölt und johlt. Und dann Einzelgänger wie ich, die sich wünschen, überall zu sein, nur nicht hier. Ich bahnte mir meinen Weg zur Theke und holte mir einen Cheeseburger, eine Cola und einen kleinen Obstsalat.
Ich nahm mein Tablett und ging zu einem leeren Tisch, wobei ich mein Bestes tat, den Blicken auszuweichen, die mir beinahe Löcher in den Leib brannten. In diesem Moment wünschte ich, ich wäre unsichtbar. Ich beschloss, abzuschalten und einfach mein Essen zu genießen. Alles lief gut und jeder kümmerte sich endlich um seine eigenen Angelegenheiten. Bis ich einen Schatten vor mir sah und meine Ruhe gestört wurde. Langsam hob ich den Kopf, um zu sehen, wer vor mir stand.
Mein Blick wanderte die Gestalt hinauf, von den schwarzen Jeans bis zu einem T-Shirt mit Aufdruck. Schließlich trafen meine Augen auf goldbraune Augen. Ich lehnte mich zurück, um eine bessere Sicht zu bekommen. Unwillkürlich klappte mir vor Schock der Mund auf. Seine vollen, rosigen Lippen schrien förmlich nach Aufmerksamkeit. Sein Kiefer war scharf wie ein Messer. Vor mir stand der bestaussehende Junge, den ich gesehen hatte, seit ich einen Fuß in diese Stadt gesetzt hatte. Es war offensichtlich, dass ich wie verzaubert war, aber ich konnte einfach nichts dagegen tun. Als ob meine Reaktion unwillkürlich wäre.
„Gefährtin!“, knurrte er mir entgegen. Was zum Teufel? Hatte er gerade geknurrt? Ich konnte dem Kerl nichts erwidern. Ich sah wahrscheinlich aus wie ein Fisch auf dem Trockenen. Was ist nur los mit mir? Ich bin noch nie so lüstern wegen eines Jungen gewesen, egal wie gut er aussieht. Warum verhalte ich mich also so? Aus den Augenwinkeln sah ich, dass diese Szene die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen hatte. Etwas, das ich an meinem verfluchten ersten Schultag absolut nicht wollte. Oh, großartig. Genau das hatte mir noch gefehlt.
Ich schüttelte den Kopf und riss mich zusammen. Ich wollte dem Jungen gerade die Meinung sagen, aber dann passierte wieder etwas Seltsames. Ein wunderschönes Mädchen kam zu meinem Tisch, stellte sich neben den unbekannten Jungen und funkelte mich bösartig an. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt nicht mehr am Leben. Was war eigentlich mit ihr los? Was war mit beiden los?
„Wir müssen reden“, sagte sie bestimmt zu dem Kerl vor mir, ohne Raum für Widerworte zu lassen, und zerrte ihn weg. Ich schaute ihnen nach, wie sie quer durch die Cafeteria gingen. Ich bin verwirrt und höllisch genervt. Was sollte das denn? Ich brauche dieses verdammte Drama nicht. Was auch immer das war.
