Kapitel 3

Sarah war verwirrt, sie hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Sie hatte Veronica nichts angetan. War ihr etwas zugestoßen?

„Kennen Sie diese Frau, Mrs. Maxwell?“, fragte er in seinem gebieterischen Ton.

Estelle nickte hastig, während sie sich die Tränen abwischte. „Ja. Sie ist meine Stieftochter. Ihre Mutter war die Geliebte meines Mannes.“

Sarah senkte gedemütigt den Kopf.

Edwards Miene verfinsterte sich. „Warum wurde mir die uneheliche Tochter geschickt, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte und nach der ich nie verlangt habe?“, bellte er und sah von Sarah zu Estelle. Er fühlte sich beleidigt.

Estelle fürchtete sich vor der Wut und der Autorität, die er ausstrahlte. Sie musste dafür sorgen, dass Sarah die Schuld bekam.

„Veronica sollte gestern eigentlich aufbrechen, um Sie zu treffen, aber sie wurde letzte Nacht eilig ins Krankenhaus gebracht. Sie wurde von Sarah vergiftet, weil diese selbst einen wohlhabenden Mann heiraten wollte.“

Sarah riss abrupt den Kopf hoch, ihre Augen waren tellergroß.

„Was? Was … wovon redest du da?“ Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. Sie verbreitete Lügen über sie.

Sie hatte nie davon geträumt, einen wohlhabenden Mann zu heiraten oder Veronicas Platz einzunehmen. Sie hatten ihr befohlen, es zu tun.

Edward sah rot. Er liebte Veronica nicht, aber er hasste niederträchtige und abscheuliche Frauen, die für Geld alles tun würden.

„Wie kannst du es wagen?“, knurrte er Sarah an, die kopfschüttelnd kleine Schritte zurückwich.

„Es ist nicht wahr“, rief sie und fuchtelte mit den Händen vor sich herum, um ihn auf Abstand zu halten.

Edward war noch wütender und aufgebrachter darüber, dass er fast von Sarah ausgespielt worden wäre. Er hätte ihr die Rolle des schüchternen grauen Mäuschens fast abgekauft, wo sie in Wirklichkeit eine Giftschlange war, eine abscheuliche Frau.

Er packte ihre Handgelenke schmerzhaft fest. Seine Augen loderten vor Wut und Abscheu vor Sarah.

„Wie kannst du es wagen, mich zum Narren zu halten. Veronica zu verletzen und an ihrer Stelle hier aufzutauchen. Und wenn ich bedenke, dass du dich auch noch in mein Bett geschlichen hast. Du bist wirklich erbärmlich, niederträchtig und widerlich“, spie er ihr ins Gesicht.

Die Tränen, die in ihren Augen gestanden hatten, flossen schließlich über. Sarah war von seinen Worten zutiefst verletzt und gebrochen. Sie hatte nicht die Absicht gehabt oder es darauf angelegt, mit ihm zu schlafen, es war einfach passiert.

„Bitte, das ist nicht wahr. Ich habe nicht …“

Aus Angst, sie könnte etwas verraten, unterbrach Estelle sie schnell.

„Veronica liegt gerade im Krankenhaus und kämpft um ihr Leben. Was hat sie dir jemals angetan? Sie hat dich immer geliebt“, fügte sie unter Tränen hinzu.

Edward verstärkte den Griff um ihre Handgelenke, und die winzigen Sternanhänger des Armbands, das Sarah trug, gruben sich tiefer in ihr Fleisch und rissen die Haut blutig. Sie zuckte zusammen, doch er bemerkte es nicht. Seine Wut und Verachtung hatten ihn blind gemacht.

„Frauen wie dich verabscheue ich am meisten. Du verletzt und betrügst Menschen, nur um zu bekommen, was du willst. Dein Anblick widert mich an“, knurrte er und sah in ihr tränenfleckiges Gesicht.

Er war wütend und enttäuscht von sich selbst, weil er auf ihre hinterhältigen Pläne hereingefallen war und mit ihr geschlafen hatte. Er war stolz auf seine unerschütterliche Selbstbeherrschung, aber die letzte Nacht hatte ihm das Gegenteil bewiesen.

Sarah wimmerte unablässig vor Schmerz und versuchte, ihre Handgelenke zu befreien; sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie so viel Schmerz oder Schande empfunden.

„Ich habe nichts falsch gemacht. Ich habe Veronica nicht verletzt. Bitte … bitte glaub mir“, flehte sie. Sie wünschte, sie hätte nie seinen Weg gekreuzt.

„Ich sollte dich ins Gefängnis werfen lassen“, höhnte Edward.

Estelles Augen funkelten vor Aufregung, doch Sarah schüttelte den Kopf, mit blankem Entsetzen in den Augen. Sie wollte nicht ins Gefängnis, vor allem, da sie nichts falsch gemacht hatte.

„Ich lasse dich nur wegen der Dienste gehen, die du letzte Nacht geleistet hast“, höhnte er absichtlich, um sie zu verletzen und zu demütigen.

Sarah war verletzt, gedemütigt und voller Schmerz. Er behandelte sie wie eine Hure.

„Wenn du glaubst, dass dir dieser rote Fleck auf meinem Bett Pluspunkte eingebracht hat, dann täuschst du dich. Ich mag der erste Mann gewesen sein, der dich ins Bett bekommen hat, aber so niederträchtig, wie du bist, werden mit Sicherheit bald viele weitere leichtgläubige Männer folgen.“

Er war nie gewalttätig und wurde Frauen gegenüber auch nicht handgreiflich, aber er hasste es, dass er derart hintergangen worden war. Da sah er das Blut, das aus dem Schnitt an ihrem Handgelenk tropfte.

„Verdammt!“

„Glaub mir, ich bin unschuldig. Ich bin keine Hure“, rief Sarah kläglich.

Plötzlich stieß er sie von sich. Sarah taumelte rückwärts und schlug hart auf dem Boden auf. Sie richtete ihre tränennassen, schmerzerfüllten Augen auf den Mann, der ihr in so kurzer Zeit mehr Leid und Demütigung zugefügt hatte, als sie in ihrem gesamten bisherigen Leben hatte ertragen müssen.

Estelle beobachtete mit einem zufriedenen und triumphierenden Lächeln, wie Sarah unter dem Schmerz und der Demütigung litt. Es war gar nicht so schwer gewesen, ihn zu überzeugen.

Edward hatte keine Ahnung, warum dieses Mädchen eine solche Wirkung auf ihn hatte, aber sie musste sofort aus seinen Augen verschwinden.

„Verschwinde auf der Stelle aus meinem Haus!“, brüllte Edward.

„Ich will dich nie wieder zu Gesicht bekommen.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und stürmte davon.

„Und du bist weder in meinem Haus noch in meiner Familie länger willkommen“, fügte Estelle hinzu, und Sarah rannte in Tränen aufgelöst aus dem Zimmer.

„Wie sieht mein Terminplan für den Rest des Tages aus?“, fragte Sarah ihre Assistentin, während sie zügig auf ihr Büro zuschritt.

Irene war ihrer Chefin dicht auf den Fersen. „Sie haben um 9 Uhr ein Meeting mit Mr. Burner von Zen Airlines –“

Sarah stieß die Tür zu ihrem Büro auf und trat ein.

„Sagen Sie es ab.“

Irene nickte und tat, was ihr aufgetragen wurde.

Sarah setzte sich und begann, ihre E-Mails am Computer durchzugehen.

„Um halb elf haben Sie eine Besprechung mit Mr. Reeve von Skyrise und nach der Mittagspause um 14 Uhr ein Meeting mit der Marketingabteilung.“

Sarah richtete ihren Blick auf Irene. „Wann wurden diese Termine angesetzt?“

„Die Besprechung mit Mr. Reeve wurde bereits vor zwei Monaten angesetzt, und das Meeting mit der Marketingabteilung haben Sie vor zwei Wochen genehmigt“, antwortete Irene. „Gibt es ein Problem, Ma’am?“

Sarah hätte bei dem Schnitzer ihrer Assistentin fast mit den Augen gerollt.

„Welches Datum haben wir heute, Irene?“

Irene runzelte verwirrt die Stirn. Sie sah auf dem Kalender ihres digitalen Terminplaners nach und erblasste vor Schreck.

„Es tut mir so leid, Ma’am. Ich hatte ganz vergessen, dass Sie mich gebeten hatten, Ihren Terminplan heute Vormittag freizuhalten.“ Beschämt ließ sie den Kopf hängen.

Sarah wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Bildschirm zu.

„Rufen Sie die Assistenz von Mr. Reeve an und verschieben Sie den Termin auf nächste Woche. Sorgen Sie dafür, dass der Konferenzraum in zwanzig Minuten für die Präsentation mit dem Marketingteam bereit ist.“

Irene nickte eifrig und machte sich Notizen in ihrem Planer. „Sonst noch etwas, Ma’am?“

„Nein.“

Irene nickte und ging auf die Tür zu.

„Und Irene –“, rief Sarah, und Irene drehte sich zu ihrer Chefin um.

„Vermasseln Sie es dieses Mal nicht“, sagte Sarah streng.

Irene schämte sich für den Schnitzer, den sie sich geleistet hatte. Aber sie war dankbar, dass ihre Chefin nicht so furchtbar war wie die anderen Führungskräfte.

„Ja, Ma’am. Es tut mir leid, Ma’am.“

Sarah nickte. „Sie können gehen.“

Kaum dass Sarah aus dem Konferenzraum trat, klingelte ihr Telefon. Sie nahm den Anruf entgegen, und Benicios voller Bariton erklang in der Leitung.

„Ich hoffe, du bist schon auf dem Weg zur Schule, Mommy?“

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