Kapitel 4 Von den Elite Vipers in die Enge getrieben

Die Luft verwandelte sich in dickes, erstickendes Glas. Ich krallte mir an die Brust, meine Finger streiften die verborgene Kette. Meine Beine zitterten, drohten unter mir nachzugeben.

Schweigen ist eine Entscheidung. Er entschied sich für die Fusion. Er entschied sich für den Aktienkurs. Er entschied sich für das Whitmore-Kapital. Er entschied sich für das Vermächtnis seiner Familie statt für die Gelübde, die wir in diesem stillen Gerichtsgebäude abgelegt hatten. Ich war nichts weiter als ein Geheimnis, das er in einem Penthouse versteckt hielt, während er seine wahre Zukunft vor den Kameras zur Schau stellte.

Auf der Bühne schlang Celeste Tristan die Arme um den Hals. Sie drückte ihm die Lippen auf die Wange, ein bildschöner Beweis von Hingabe für die aufblitzenden Kameras. Tristan stand starr da, die Hände nur leicht auf ihre Taille gelegt. Er nahm die Umarmung an. Er nahm seine Rolle an.

„Ein brillanter Schachzug von Richard Whitmore“, murmelte links von mir eine tiefe Stimme.

Ich drehte den Kopf, meine Sicht verschwamm. Ein paar Schritte entfernt standen zwei Männer und schwangen bernsteinfarbene Flüssigkeit in schweren Kristallgläsern. Ich erkannte Sebastian Blackwood, einen berüchtigten Risikokapitalgeber, und Julian Whitmore, Celestes älteren Bruder.

„Celeste hält ihn seit ihren Universitätstagen an der kurzen Leine“, höhnte Julian, und sein Ton troff vor Arroganz. „Tristan hat sich natürlich gegen die Abmachung gewehrt. Wollte beweisen, dass er die europäischen Verträge auch ohne unser Geld sichern kann. Aber der Vorstand hat ihn in die Enge getrieben. Er braucht uns. Der Ehevertrag war nicht verhandelbar.“

„Und die Gerüchte über eine Frau in der Stadt?“, fragte Sebastian und hob eine Augenbraue. „Ich habe gehört, Tristan hielt sich ein Streunerchen.“

Julian lachte. Das Geräusch kratzte über meine bloßliegenden Nerven. „Ein Streuner bleibt ein Streuner, Sebastian. Einen Streuner bringt man nicht mit an den Esstisch. Tristan kennt seine Pflicht. Er wird jede Ablenkung beseitigen, die er sich angelacht hat. Er gehört jetzt Celeste.“

Ein Streuner.

Eine Ablenkung.

Die Worte trafen mich wie körperliche Schläge. Ich wich zurück und stieß gegen einen Kellner. Ein silbernes Tablett geriet ins Wanken, und ein Champagnerglas kippte um, verschüttete hellen Wein über meine Schuhe. Der Kellner murmelte eine Entschuldigung, aber ich hörte ihn nicht. Der Lärm des Ballsaals verwandelte sich in einen grauenhaften, verzerrten Jahrmarkt aus Gelächter und klirrendem Glas.

Ich musste hier raus. Ich musste fliehen, bevor die Tränen fielen, bevor die Panikattacke meine Brust endgültig sprengte.

Doch meine Füße bewegten sich in die entgegengesetzte Richtung.

Ich schob mich von der Samtkordel weg. Ich ging auf die Bühne zu.

Ich hatte keinen Plan. Es war mir gleichgültig, wie die Gründer der Technologieunternehmen mich anstarrten oder die Erbinnen der Bankendynastien tuschelten, als ich mich an ihnen vorbeidrängte. Ich musste ihn aus der Nähe sehen. Ich musste den Mann ansehen, den ich geheiratet hatte, und den Verrat auf seiner Haut erkennen. Ich brauchte ihn dazu, mir ins Gesicht zu sagen, dass ich fortgeworfen worden war.

Tristan und Celeste stiegen die Treppe hinab und wurden sofort von einem engen Kreis aus Führungskräften und deren Ehefrauen umringt. Celeste strahlte, hielt die linke Hand hoch, um die überschwänglichen Komplimente über den Diamanten entgegenzunehmen.

Ich erreichte den Rand des Kreises. Ich stand hinter einem hochgewachsenen Immobilienmagnaten, mein Atem ging flach, meine Hände zitterten unkontrolliert.

„Es ist ein erlesenes Stück, Celeste“, säuselte eine Frau.

„Tristan hat einen so wunderbaren Geschmack“, strahlte Celeste und lehnte den Kopf an seine Schulter. „Er weiß genau, was ich verdiene.“

Tristan starrte ausdruckslos in die Menge. Er sah erschöpft aus, die Haut um seine Augen gespannt und überanstrengt. Er nickte zu den Komplimenten, gab leere, einsilbige Antworten.

Ich trat hinter dem Magnaten hervor. Ich ging direkt in die freie Fläche.

Tristan sah mich.

Sein Körper versteifte sich vollkommen. Die Farbe wich aus seinem Gesicht, seine scharfen Züge wirkten, als wären sie aus Stein gemeißelt. Der hohle Blick in seinen Augen verschwand und wurde von blanker, unverhüllter Panik ersetzt. Er hörte auf zu atmen.

Wir standen drei Meter voneinander entfernt. Die Milliardäre, die Reporter, die Musik – alles verblasste zu nichts. Da war nur das unerträgliche Gewicht der Wahrheit, das zwischen uns in der Luft hing.

Sag es ihnen, flehte ich ihn mit den Augen an. Sag ihnen, wer ich bin.

Tristan öffnete den Mund. Seine Hand glitt von Celestes Taille. Für einen zersplitterten Augenblick glaubte ich, er würde einen Schritt nach vorn machen. Ich dachte, er würde das Gewebe dieser Lüge zerreißen und mich zu sich bekennen.

„Tristan?“, fragte Celeste, ihr Lächeln geriet ins Wanken, als sie seine plötzliche Starre bemerkte. Sie folgte seinem Blick.

Ihre blauen Augen fielen auf mich. Die geschniegelt strahlende Braut in spe schmolz dahin. An ihre Stelle trat ein kaltes, berechnendes Grauen, das über ihr Gesicht zuckte. Sie musterte mein schlichtes smaragdgrünes Kleid, mein unfrisiertes Haar und den verzweifelten, zerbrochenen Ausdruck in meinem Gesicht. Sie wusste ganz genau, wer ich war.

Celeste bewegte sich schnell. Sie ließ ihre Hand an Tristans Arm hinabgleiten und verschränkte ihre Finger mit seinen. Sie drückte seine Hand – eine stumme, bösartige Erinnerung an die Macht, die ihre Familie wie eine Schlinge um seinen Hals gelegt hatte.

Tristan sah auf unsere ineinander verschränkten Hände. Dann sah er wieder zu mir.

Die Panik in seinen Augen erlosch. Der Stahl kehrte zurück. Die kalte, undurchdringliche Eisdecke legte sich wieder über seine Züge. Er schloss den Mund.

Er traf seine Wahl. Wieder.

Tristan wandte den Kopf ab. Er legte seine Hand über Celestes, verstärkte den Griff und führte sie nach vorn. Er ging geradewegs auf mich zu, das Gesicht eine Maske absoluter Teilnahmslosigkeit.

Ich stand wie erstarrt auf seinem Weg. Er wurde nicht langsamer. Er bot kein Wort der Entschuldigung oder Erklärung an. Als er an mir vorbeiging, streifte der Ärmel seines teuren Smokings meinen nackten Arm. Die Reibung brannte wie ein Streichholz, das an meiner Haut entzündet wurde.

Er ging weiter und ließ mich mitten in der Menge stehen, umringt vom Feind.

Ich starrte auf seinen sich entfernenden Rücken, der körperliche Schmerz in meiner Brust strahlte bis in meine Fingerspitzen. Die Tränen brachen mir endlich in die Sicht und verwischten das helle Licht der Kronleuchter zu gezackten Sternen. Ich war nichts. Ich war ausgelöscht.

„Na, na, na.“

Die Stimme durchschnitt das Summen der Menge, scharf und triefend vor Gift.

Ich drehte den Kopf.

Charlotte Bennett trat aus dem Kreis der Schaulustigen, ein Martiniglas in der Hand. Ihr karmesinrotes Kleid wallte um ihre Knöchel. Hinter ihr sammelte sich eine kleine Gruppe von Töchtern der feinen Gesellschaft; ihre Blicke glitten mit räuberischer Genugtuung über mich hinweg.

Charlotte legte den Kopf schief, ein boshaftes Lächeln zog sich über ihre geschminkten Lippen. „Sieh an, wer beschlossen hat, die Feier zu sprengen.“

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