Kapitel 3
Perspektive von Cassandra
Ich hob den Kopf. Alexander kam die geschwungene Treppe herab, deren Stufen mit tiefrotem Teppich ausgelegt waren.
Heute trug er unter einem makellos geschneiderten, anthrazitfarbenen Kaschmirmantel einen schwarzen Rollkragenpullover, der seine Gestalt noch einschüchternder wirken ließ. Seine tiefen, eisblauen Augen trugen eine angeborene Schwere in sich, als sie über die Halle glitten.
Als sein Blick auf Serena fiel, taute diese erstickende Kälte ein wenig auf.
„Alexander!“ Serenas Gesichtsausdruck verwandelte sich augenblicklich. Die Frau, die mich eben noch so aggressiv angegangen war, hatte nun Tränen in den Augen, raffte ihren Rock wie ein aufgescheuchtes Reh und stürzte auf ihn zu, um sich in seine Umarmung zu vergraben.
Mein Magen krampfte sich heftig zusammen, doch ich konnte nur wie eine Statue dastehen, wie festgewurzelt.
„Du bist ganz durchnässt.“ Alexander runzelte die Stirn, seine langen, blassen Finger strichen sanft die feuchten Haarsträhnen beiseite, die an ihrer Wange klebten. Er stieß sie nicht von sich.
„Cassandra hat darauf bestanden, das Autofenster ein Stück zu öffnen. Sie meinte, drinnen wäre es zu stickig.“ Serena presste das Gesicht an seine Brust, ihre Stimme bebte vor gekränkter Klage. „Mir ist jetzt kalt, Alexander. Ich habe ihr vorhin gesagt, dass ich in der Suite im Ostflügel wohnen möchte, näher bei dir. Ich habe Angst, dass diese blutdürstige Unruhe nachts wieder zuschlägt … aber meine Schwester wollte nicht zustimmen.“
Sie log. Sie war es gewesen, die das Fenster geöffnet hatte.
Ich riss den Blick zu Alexander, verzweifelt darauf bedacht, es zu erklären. „Alexander, so war das nicht. Sie—“
„Ilias.“ Alexander sah mich nicht an. Stattdessen blickte er an mir vorbei und sprach den alten Butler an. „Bereiten Sie die Suite im Ostflügel für Serena vor. Lassen Sie jemanden im Kamin Feuer machen.“
„Ja, Meister.“ Ilias zog sich respektvoll zurück.
„Alexander!“ Ich rief seinen Namen, fassungslos.
Der Ostflügel war unser privater Bereich. Wie konnte er einer anderen Frau—selbst meiner Schwester—erlauben, sich so dreist in sein Refugium zu setzen?
Alexander wandte den Blick endlich zu mir. In diesen eisblauen Augen regte sich nicht die kleinste Emotion, so kalt, dass in mir jede Hoffnung erstarb.
„Es ist nur ein Zimmer, Cassandra. Sie braucht jemanden, der auf sie achtet.“ Sein Ton war so ruhig, als spräche er über das Wetter. „Mach jetzt keinen von deinen ermüdenden Revieranfällen. Du solltest dich umziehen. Dieser feuchte Regengeruch an dir ist ziemlich penetrant.“
Damit legte er den Arm um Serenas Schultern und ging geradewegs in den Salon im Erdgeschoss.
Ich blieb allein in der weiten Halle stehen, während Regenwasser von meinem Mantel auf den teuren Damastteppich darunter tropfte und sich zu dunklen, nassen Flecken ausbreitete.
Verdammt.
Mein Revieranfall? Wer drang hier eigentlich in wessen Revier ein?
In diesem Haus wogen meine Worte weniger als die einer frisch verwandelten Vampirin.
Es wurde Zeit fürs Abendessen.
Das Speisezimmer in Alexanders Anwesen war absurd groß. Der lange Tisch aus schwarzem Nussbaumholz war mit einer makellos weißen Tischdecke bedeckt, silberne Kandelaber trugen dicke schwarze Kerzen, die mit einem schwachen Ambra-Duft brannten.
Alexander saß am Kopfende des langen Tisches. Normalerweise saß ich zu seiner Rechten. Doch heute hatte Serena diesen Platz für sich beansprucht. Sie zog den hochlehnigen Stuhl heran und setzte sich, als stünde er ihr von Geburt an zu, sodass mir nichts anderes blieb, als den Platz ihr gegenüber zu nehmen.
Ein Dienstmädchen schob den Servierwagen herein.
Vor Alexander und Serena stellte man zwei kunstvoll geschliffene Kristallkelche ab, gefüllt mit einer zähflüssigen, tief karmesinroten Flüssigkeit, die im Kerzenlicht unheimlich, beinahe hypnotisch schimmerte. Es war erstklassiges O-negatives Blut, gewöhnlich von Menschen bezogen, die freiwillig gegen Geld spendeten.
Vor mir stand ein elegant angerichtetes Beef Wellington, dazu Kartoffelpüree mit schwarzem Trüffel.
Früher hätte ich ein derart üppiges Abendessen ohne Zögern gelobt. Doch jetzt, mit diesen beiden Kelchen Blut mir gegenüber, stieg eine überwältigende Welle von Übelkeit in mir auf.
„Auf mein neues Leben. Prost.“ Serena hob ihr Glas mit einem süßen Lächeln Alexander entgegen, und zwischen ihren roten Lippen blitzten ihre zwei spitzen Eckzähne hervor.
Alexander hob sein Glas als Antwort nur ein wenig, dann nahm er einen Schluck von dem Blut. Sein Adamsapfel hob und senkte sich beim Schlucken – eine sinnliche Bewegung, die mich in unserem Bett unzählige Male gefangen genommen hatte, die sich jetzt jedoch wie ein Messer in meiner Brust anfühlte.
Serena trank einen großzügigen Schluck Blut, elegant und mühelos. Sie schloss die Augen und stieß einen übertriebenen Seufzer aus, der beinahe orgastisch klang. Ein Tropfen Blut rann aus ihrem Mundwinkel, und sie streckte die Zunge heraus, um ihn wieder aufzulecken – auf eine unverhohlen sexuelle Art.
„Gott, dieser Geschmack ist einfach göttlich.“ Sie öffnete die Augen; in ihren grauen Iris flackerte ein fast gieriges rotes Licht. Dann glitt ihr Blick über den Tisch und blieb an meinem Teller hängen.
Sie rümpfte angewidert die Nase und wedelte abweisend mit der Hand davor.
„Cassandra, wie um alles in der Welt schaffst du es, diese leblosen Fleischbrocken hinunterzuwürgen?“ Serena starrte mein Beef Wellington an, und in ihrer Stimme lag unverhülltes Mitleid, vermischt mit Spott. „Der Geruch von diesem verkohlten Fleisch und dem groben Fett bringt mich zum Würgen. Das menschliche Verdauungssystem ist wirklich erschreckend primitiv.“
Meine Finger erstarrten um die silberne Gabel, deren Zinken mit einem schrillen, durchdringenden Kreischen über den Porzellanteller schabten.
„Halt den Mund, Serena.“ Ich senkte warnend die Stimme. „Hast du vergessen, dass du vor sieben Monaten diese ‚primitiven‘ Dinge selbst noch gegessen hast?“
„Aber ich habe mich weiterentwickelt, nicht wahr?“ Sie lachte leise, die Augen herausfordernd auf mich gerichtet. „Ich bin jetzt von derselben Art wie Alexander. Wir teilen dieselben Gelüste, dieselbe Lebenskraft. Und du …“
Sie zog das Wort absichtlich in die Länge, während sie mich von oben bis unten musterte. „Du wirst bald alt. Deine Haut wird Falten bekommen, dein Körper wird schlaff werden. Und dann – wozu wirst du Alexander noch nützen, außer dass du ihm frisches Blut lieferst?“
„Serena!“ Ich fuhr hoch, der Stuhl scharrte laut über den Holzboden. Meine Brust hob und senkte sich heftig, während hinter meinen Augen die Wut brannte.
„Genug.“
Alexander sprach endlich vom Kopfende des Tisches. Er stellte seinen Kelch ab; der Kristallfuß klopfte dumpf gegen das Holz.
Er sah mich nicht an, sondern wandte sich Serena zu, und in seiner Stimme lag ein Hauch von Missbilligung – jedoch gewiss kein strenger Verweis.
„Serena, sei nicht so hart zu deiner Schwester. Sie ist schließlich ein Mensch.“ Sein Ton war beiläufig.
Sie ist schließlich ein Mensch.
Diese Worte trafen mich wie eine schallende Ohrfeige.
Er verteidigte mich nicht. Er stimmte Serena stillschweigend zu – dass ich nur ein zerbrechlicher, unweigerlich alternder Mensch war. An diesem Tisch, in diesem Herrenhaus, war ich die Außenseiterin.
Ich starrte auf Alexanders makelloses, und doch vollkommen kaltes Profil. Er hob nicht einmal den Blick zu mir; seine Aufmerksamkeit blieb auf Serenas halb geleertem Kelch.
„Trink aus, Serena. Dein Puls ist noch schwach. Du brauchst viel Energie, um deine Verwandlung zu stabilisieren.“ Er sprach leise zu ihr.
Erstickend.
Ein überwältigendes Gefühl von Beklemmung brach über mich herein wie eine Flutwelle und schnürte mir die Kehle zu. Plötzlich kam ich mir vor wie eine komplette Närrin. Ich hatte geglaubt, zwei Jahre Ehe und unzählige Nächte der Hingabe könnten mir auch nur einen Hauch seines Respekts oder seiner Gunst einbringen.
Aber ich hatte mich geirrt. Vampire haben keine Herzen.
„Ich bin satt.“ Ich ließ die Serviette fallen, meine Stimme zitterte leicht.
„Cassandra, du hast kaum etwas angerührt.“ Alexander drehte sich endlich zu mir um, die Stirn zog sich ein wenig zusammen.
„Weil mir die Luft hier drin übel macht.“ Ich erwiderte seinen Blick kühl, zum ersten Mal ohne mir die Mühe zu machen, meinen Ekel zu verbergen.
Ohne seine Reaktion abzuwarten, wandte ich mich ab und schritt aus dem Speisezimmer. Hinter mir hörte ich schwach Serenas leises, triumphierendes Lachen.
