Kapitel 6

Perspektive von Cassandra

Es tut weh.

Doch der Schmerz in meiner Brust ist viel schlimmer.

Ich biss die Zähne zusammen und hob den Kopf, während mir vor Qual die Sicht verschwamm.

Ein paar Schritte vor mir hatte Alexander Serena bereits fest in die Arme gezogen. Seine hoch aufragende Gestalt stand da wie ein unbeweglicher Berg und schirmte sie vollständig unter seinen schützenden Schwingen ab.

„Alles ist gut, Serena. Ich bin hier.“ Seine Stimme war tief und heiser und trug eine beruhigende Zärtlichkeit in sich, wie ich sie noch nie von ihm gehört hatte.

„Alexander … ich hatte solche Angst. Ich habe gerade beinahe jemanden umgebracht … ich wollte das nicht, ich war nur so durstig …“ Serena vergrub das Gesicht an seiner Brust und schluchzte hemmungslos. Ihre weichen Arme klammerten sich fest um seine Taille, ihr ganzer Körper zitterte wie ein verängstigter Vogel.

„Ich weiß. Der Blutdurst eines Neugeborenen ist schwer zu ertragen. Das ist nicht deine Schuld.“ Alexanders große, kalte Hand strich ihr sanft über das goldene Haar und zog sie noch näher an sich.

Die Zofe Martha, die dem Tod nur knapp entkommen war, robbte auf Händen und Knien aus dem Zimmer. Das Geräusch ihrer Schritte verlor sich im Flur.

In diesem ganzen Raum schien es, als gäbe es nur die beiden.

Sie waren Blutsverwandte, Schöpfer und Geschöpf, aneinander gebunden in gegenseitiger Abhängigkeit.

Und ich saß dort wie eine lächerliche Närrin, zerzaust und zusammengebrochen in einer dunklen Ecke.

Niemanden kümmerte es, ob ich lebte oder starb.

Alexanders Blick blieb auf Serenas Gesicht geheftet, ohne mir auch nur einen Millimeter Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Vampirohren von ihm, die das leiseste Geräusch wahrnehmen konnten, konnten unmöglich den Krach überhört haben, als ich stürzte, und ebenso wenig konnte ihm der Geruch des Blutes entgangen sein, das aus meinem Ellbogen floss.

Aber er drehte sich nicht um.

Denn in Gegenwart dieser „zerbrechlichen“ neugeborenen Vampirschwester bedeutete der Schmerz seiner menschlichen Ehefrau absolut nichts.

Langsam löste ich meine Hand von meinem Ellbogen und starrte auf das Blut, das meine Handfläche bedeckte. Es fühlte sich an, als würde mein Herz von einer unsichtbaren Hand zusammengedrückt und dann erbarmungslos zerquetscht.

Fahr zur Hölle, Cassandra.

Ich verspottete meine eigene Dummheit. Wie hatte ich mir einreden können, er würde sich meine Erklärung anhören, es würde ihn kümmern, ob ich verletzt war oder nicht?

Mit der unverletzten Hand stützte ich mich auf den Boden und zog mich, den stechenden Schmerz ertragend, langsam und lautlos vom Boden hoch.

Ich machte kein Geräusch und schenkte den umschlungenen Gestalten keinen weiteren Blick. Den verletzten Arm nachziehend, ging ich Schritt für Schritt aus diesem erstickenden Zimmer hinaus.

Die Luft im Korridor war kalt wie in einem Eiskeller.

Ich lehnte mich gegen die frostige Marmorwand, die rechte Hand verzweifelt auf meinen verletzten linken Ellbogen gepresst. Blut sickerte durch die Zwischenräume meiner Finger, das klebrige Gefühl war zum Würgen. Doch ich ging nicht sofort in mein Zimmer zurück, um es zu verbinden. Meine Beine fühlten sich schwer wie Blei an, unfähig, noch einen Schritt zu tun.

Die Geräusche aus Serenas Zimmer wurden nach und nach leiser. Diese schwere Eichentür war nicht ganz geschlossen, sondern einen Spalt breit angelehnt, sodass eine Öffnung von ein paar Zentimetern blieb.

Feuerschein vom Kamin drang durch den Spalt und legte ein mattes gelbes Band Licht über den schattigen Korridorboden.

Wie eine Masochistin konnte ich mich nicht davon abhalten, mich diesem Licht langsam zu nähern, Zentimeter um Zentimeter.

Sieh nicht hin, Cassandra. Geh zurück. Eine Stimme in meinem Kopf schrie verzweifelt.

Aber ich blieb trotzdem vor der Tür stehen. Durch den halb offenen Spalt konnte ich klar erkennen, was drinnen geschah.

In der Mitte des Zimmers, auf diesem riesigen Samtbett, saß Alexander auf der Kante. Serena kniete zitternd auf dem Teppich vor ihm, die Hände klammerten sich verzweifelt an seine Anzughose, wie ein Ertrinkender, der nach dem einzigen Stück Treibholz greift.

„Ich bin immer noch so durstig, Alexander …“ Serena blickte zu ihm auf; ihr einst schönes Gesicht war nun vom Blutrausch leicht entstellt, und in den karmesinroten Tiefen ihrer Augen flackerte im Feuerschein ein gefährliches Licht. „Gewöhnliches Blutplasma wirkt nicht … selbst der Geruch dieses Menschen eben konnte dieses brennende Gefühl in meinem Körper nicht stillen.“

Alexander senkte den Blick zu ihr. Dieses Gesicht, das mir gegenüber stets frostkalt gewesen war, trug nun einen Hauch nachsichtiger Ergebung.

„Ich weiß. Du hast deine Verwandlung gerade erst vollendet, und mein Blut der ersten Umarmung fließt durch deine Adern. Gewöhnliche Nahrung ist für dich zu fade.“

Während er sprach, hob er die rechte Hand.

Draußen vor der Tür, im Verborgenen, hielt ich den Atem an, ohne zu begreifen, was er vorhatte.

Im nächsten Augenblick streckte Alexander die linke Hand aus. Aus seinem langen, blassen Zeigefinger schob sich plötzlich ein scharzer schwarzer Nagel hervor, scharf wie eine Klinge. Ohne zu zögern, ritzte er damit die Innenseite seines rechten Handgelenks auf und schlug eine tiefe Wunde.

„Hss—“

Ich sog scharf die Luft ein und presste mir hastig die Hand auf den Mund, damit kein Laut entwich.

Dunkel karmesinrotes Blut, so konzentriert, dass es beinahe schwarz wirkte, schoss sofort hervor.

Damit kam ein Geruch, den ich noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Er war nicht wie menschliches Blut mit seiner süß-metallischen Note, sondern erfüllt von einem uralten, mächtigen, erschütternden Gefühl von Dominanz. In diesem Duft mischten sich kalte Zeder und eine Art tödlicher Verlockung, und selbst mir, einem bloßen Menschen, wurde schwindlig und benommen, sobald ich nur eine Spur davon auffing.

Das war das Ursprungsblut eines Reinblut-Lords.

„Trink.“ Alexander hielt Serena sein blutendes Handgelenk an die Lippen.

Aus Serenas Kehle drang ein Laut, fast wie ein gieriges Knurren. Ohne jedes Zögern öffnete sie den Mund und biss mit ihren zwei scharfen Fangzähnen in sein Handgelenk, trank tief, in großen, hastigen Schlucken.

„Mm …“ Sie schloss die Augen, und ein Ausdruck ekstatischer Befriedigung breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Ich stand wie erstarrt vor der Tür; in diesem Moment schien das Blut in meinem ganzen Körper zu gefrieren. Ein reißender Schmerz brach tief in meinem Herzen aus, hundertmal schlimmer als die Schramme an meinem Ellbogen, schlimmer sogar als damals, als er mir durch den Hals gebissen hatte.

Im ersten Jahr nach meiner Heirat in Alexanders Anwesen hatte ich, um meinen Mann besser zu verstehen, beinahe jeden alten Folianten über den Blutclan in der Bibliothek des Hauses durchforstet. Auch der alte Butler Ilias hatte mich in seinem typisch tonlosen Vortrag über die Regeln dieser dunklen Rasse aufgeklärt.

In dieser grausamen Welt der ewigen Nacht nannte man es „Füttern“, wenn Vampire sich von Menschenblut nährten. Wie Menschen ein Steak essen oder ein Glas Wasser trinken: Jagd und Verbrauch, ohne jede emotionale Bedeutung.

Doch wenn Vampire untereinander Blut teilten, war das etwas völlig anderes.

Es war ein intimer, heiliger Akt, einer, der sogar von intensiver erotischer Bedeutung durchdrungen war. Eine Vermischung von Seelen und Macht, die höchste Form von Vertrauen. Üblicherweise vollzogen so etwas nur ein Schöpfer und sein am meisten geliebter Sprössling oder … seelengebundene Gefährten.

Und jetzt nährte mein Mann eine andere Frau mit seinem eigenen Blut.

Ich sah, wie Serena sein Blut gierig hinunterschluckte, sah, wie Alexander mit der freien Hand sanft durch ihr goldenes Haar strich, ihre Unruhe besänftigte.

Der Feuerschein warf ihre Schatten an die Wand; sie verschlangen sich ineinander, vollkommen wie ein klassisches Ölgemälde.

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