Kapitel 3 Kapitel Drei
Isla spürte, wie die Magie durch ihre Haut brannte. Sie japste, als sie ihr die Nervenenden versengte und sie zurückdrängen wollte. Sie ignorierte den Instinkt ihres Körpers und ging weiter, bis die Wirkung der Bannung nachließ. Dann brach sie zusammen. Ihre Finger gruben sich in die Erde, während sie wieder zu Atem kam. Als ihr einfiel, wo sie war, hob sie den Kopf und ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Von außerhalb der Bannung hatte sie das Lager nicht sehen können. Jetzt, da sie drinnen war, erkannte sie Dutzende von Zelten. Sie fuhr hoch und wirbelte herum.
Noah blieb außerhalb der Bannung. Er sah sich um, seine Anspannung war selbst durch die Bannung spürbar, die sie nun voneinander trennte. Obwohl sie ihn nicht hören konnte, las sie von seinen Lippen, wie er formte: „Ich warte auf dich.“
Sie sah zu, wie er rückwärts in die Dunkelheit des Waldes verschwand, vermutlich um einen Platz zu finden, an dem er die Pferde verstecken und auf ihre Rückkehr warten konnte. Isla zog einen Dolch aus ihrem Kleid und musterte erneut die Umgebung. Sie hatte keine Zeit zu verlieren. Die Hexe, die die Bannung gewirkt hatte, musste gespürt haben, dass sie hindurchgekommen war. Isla hoffte, die Hexe war arrogant genug, keinen Alarm auszulösen und nicht selbst nach ihr zu suchen.
Isla hielt sich dicht an die Zeltplanen. Sie hörte das dröhnende Gelächter von Männern, die tief ins Getränk geschaut hatten. Als sie sich von einem Zelt zum nächsten duckte, bemerkte sie eine Reihe von Feuern, die am Rand der Zelte brannten, wo übergroße Männer Fleisch aßen, direkt von den Knochen der Tiere, die sie gejagt hatten. Einer der Männer stand auf und streckte den Rücken. Dann drehte er sich zu dem Zelt, vor dem Isla stand. Isla schnappte nach Luft und wich am Zelt entlang zurück, herum zur Seite. Ein heißer Windstoß fuhr ihr in die Röcke, und sie blickte zur Quelle.
Sie presste sich eine Hand auf den Mund, um nicht zu schreien, als sie den großen schwarzen Drachen erblickte, der nur ein paar Schritte von ihr entfernt ganz lässig dalag. Das mächtige Tier hob den Kopf und legte ihn neugierig schräg. Ihr Herz hämmerte, als wolle es ihr aus der Brust springen, als der Drache den Kopf vorstreckte und sie leicht mit der Schnauze anstieß. Ein tiefes Schnurren vibrierte aus seiner Brust. Vom Instinkt geleitet nahm Isla die Hand vom Mund und streckte zögernd ihre zitternden Finger nach dem gewaltigen Maul des Tieres aus. Es hob das Kinn, sodass seine Nase in ihrer Handfläche ruhen konnte, und das Schnurren wurde lauter. Plötzlich riss es den Kopf nach rechts, und aus dem Schnurren wurde ein leises Knurren. Seine roten Augen zuckten zurück zu ihr, eine Warnung.
Isla dachte nicht darüber nach, wie lächerlich es war, dass sie seinen Ausdruck lesen konnte. Stattdessen rannte sie über die Lichtung zur nächsten Reihe von Zelten.
„Bessimor, worüber zum Teufel knurrst du denn, hm?“, hallte eine tiefe Männerstimme über die Lichtung. „Lass das. Ich habe dir das Abendessen gebracht. Hör auf, so muffelig zu sein. Alle machen sich für die Nacht fertig, und dann kannst du deine Flügel ausbreiten.“
Genau in dem Moment, als der Mann diese Worte sagte, bemerkte sie, wie die Soldaten an den Feuern sie verließen und sich über die Lichtung verteilten, hinüber zu ihren Zelten. Isla wich langsam zurück und hielt den Blick auf die verschiedenen Grüppchen von Männern gerichtet, die gemächlich davonschlenderten, um Pritschen zu suchen, auf die sie sich fallen lassen konnten. Hinter ihrem Rücken spürte sie lockeren Stoff, und als ein Trupp von einem halben Dutzend Soldaten näher kam, machte sie noch einen Schritt. Ihre Ferse blieb an einer kleinen Unebenheit im Boden hängen, und sie kippte nach hinten … direkt durch die Zeltklappe.
Isla stieß ein Grunzen aus, als ihr Hintern auf weichem Material landete. Ihre Finger spreizten sich und strichen über den pelzgefütterten Boden. Auf wackligen Beinen kam sie hoch und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Drinnen war es warm, viel wärmer als die kalte Brise, die sie gewohnt war, unablässig vom Meer herüberwehen zu spüren. Ein provisorischer Schreibtisch – ein Brett, das auf zwei Baumstümpfen auflag – war übersät mit Pergament, Tinte, Karten, Büchern und einer Laterne, deren flackerndes Licht das Zelt erhellte. Sie folgte dem Licht zur gegenüberliegenden Seite. Ihr Atem stockte. Versteckt unter mehreren Lagen Fell … lag ein sehr großer Mann.
Sie wich ein paar Schritte zurück, doch das Lachen der Männer ließ sie an der Zeltplane zögern. Ihre Augen zuckten durch das Zelt, und da bemerkte sie das Banner, das an der Wand hing. Darauf prangte das Wappen der Familie Vaelryn, der königlichen Familie von Eredhal. Sie sah wieder zum Tisch und begriff, dass die Karten und Pergamente militärische Pläne waren. Isla trat weiter in den Raum und betrachtete den Mann genauer.
Sein Haar war dunkel und fiel ihm in weichen Wellen ein wenig ins Gesicht und den Nacken hinab. Den Kopf hatte er auf seinen Sattel gebettet. Ein Arm stützte seinen Hinterkopf, während der andere auf seiner Brust lag … auf seiner nackten Brust. Sie schluckte hart, als ihr Blick über die harten Ebenen der Muskeln glitt, über die Art, wie sich die Sehnen seiner Arme im Traum spannten, und über das gleichmäßige Heben und Senken seines Brustkorbs. Der Rest seines Körpers war unter den Fellen verborgen, doch sie konnte sich nur vorstellen, dass alles an ihm ebenso kraftvoll war wie das, was sie sah. Wenn sie doch nur seine Augen sehen könnte. Von all den körperlichen Merkmalen, mit denen man den Kriegerprinzen von Eredhal beschrieb, waren seine Augen das Einzige, das sich nie änderte. Angeblich hatten sie die Farbe von geschmolzenem Silber, wie es aus einem Schmelztiegel gegossen wird, in eine Form, wo es abkühlen und hart werden kann.
Auch wenn seine Augen hinter geschlossenen Lidern und dichten, bebenden Wimpern verborgen waren, war sie sicher: Das war Sylvan, der Zweite in der Thronfolge von Eredhal, der Gefährtentöter. Isla wischte ihre schwitzigen Handflächen an ihrem Kleid ab und holte einen ruhigen Atemzug, um Mut zu fassen. Sie umklammerte den schlanken Dolch fester. Das Geräusch ihrer leisen Schritte wurde vom dick ausgelegten Boden verschluckt, über den sie sich vorwärtsstahl. Isla trat an die Seite seiner Pritsche und ließ sich vorsichtig auf den Boden hinab. Noch einen Moment lang studierte sie seine schlafende Gestalt und fragte sich, wie viele Menschen je das Privileg gehabt hatten, den mächtigen Krieger in seiner verletzlichsten Stunde zu sehen. Sie konnte es nicht wissen. Aber eines wusste sie: Sie würde die Letzte sein.
Mit einem scharfen Einatmen hob Isla den Dolch über den Kopf. Sie hielt den Blick auf die linke Seite seiner Brust geheftet, wo sein Herz in langsamem Rhythmus gegen die Rippen schlug. Ohne der Sünde, die sie gleich begehen würde, Zeit zu lassen, ihr Urteil zu trüben, stieß sie den Dolch hinab.
