Kapitel 1 1

Camila

Ich bin mir zu neunundneunzig Prozent sicher, dass das hier das schlimmste Date der Geschichte ist.

„Du hast gesagt, du hast Literatur studiert?“, fragt Reggie in dem Tonfall eines Mannes, der nicht wusste, dass Frauen tatsächlich lesen können. „Ist das nicht ziemlich nutzlos? Hast du einfach davon geträumt, bei McDonald’s an der Kasse zu sitzen, oder was?“

Mach daraus hundert Prozent.

Seit wir sitzen, haben Reggies Augen ungefähr gleich viel Zeit damit verbracht, zwischen meinem Ausschnitt und dem Hintern des Mädchens hin und her zu wechseln, das unsere Wassergläser auffüllt. Ich stoße einen bitteren Seufzer aus. Ich hätte nicht auf Brianna hören sollen, als sie mir das kleine Schwarze eingeredet hat.

Und ich hätte auch nicht auf sie hören sollen, was die Location angeht. Dieses Restaurant ist schick, was heißt, dass der Service langsam ist, was heißt, dass ich viel länger als mir lieb ist hier feststecke – mit Prinz Nicht-so-charmant. Zweiter Fehlerpunkt für meine liebste Schwester.

„Es gibt jede Menge gute Jobs“, sage ich zu Reggie. „Unterrichten zum Beispiel –“

„Ja, aber wer bei klarem Verstand will schon Lehrer sein?“

Ich sträube mich sofort. „Also ich.“

Er lacht laut los. Immerhin hat er den Anstand, zu begreifen – ein paar Sekunden zu spät, aber besser spät als nie –, dass ich das tatsächlich ernst meine. Und dass jemandem ins Gesicht zu lachen, der von seinen Hoffnungen und Träumen spricht, ziemlich arschig ist.

Ich schaue auf meine Fingernägel und seufze noch einmal. Fünfunddreißig Dollar plus Trinkgeld für eine Maniküre verschwendet – für einen Typen, der „Françoise“ so ausspricht, wie man „Boise, Idaho“ sagt. Mein Leben ist ein kosmischer Witz.

„Du siehst heute Abend wirklich sexy aus“, sagt Reggie und wechselt abrupt das Thema. Er grinst und zeigt weinverfärbte Zähne. „Nein, echt. Dieses Kleid ist, weißt du … verfickt noch mal, Gott verdammt!“

Die ältere Frau mit der Perlenkette am Nebentisch wirft uns einen missbilligenden Blick zu. Ich weiche ihrem Blick aus – und dabei fällt mir über ihrer Schulter jemand auf, der sich in der Ecknische zurücklehnt.

Sofort ist es, als würde mich ein Blitz treffen. Ein Ruck, der mich von Kopf bis Fuß mit knisternder Hitze durchzuckt.

Obwohl der Mann sitzt, ist er offensichtlich groß. Und dieses Gesicht – kantig und grausam, mit scharfen Wangenknochen wie ein Model, dazu ein Kinn wie Superman. Sein Anzug bewegt sich geschmeidig mit seinen trägen Bewegungen. Man sieht sofort, dass der Stoff absurd teuer ist. Und er trägt eine glänzende Uhr, die dazu passt.

Ich kann nicht wegsehen. Bis er zu mir herüberschaut und mich dabei erwischt, wie ich glotze.

Scheiße, scheiße, scheiße! Ich wende mich ein bisschen zu hastig ab und komme mir komplett idiotisch vor. Ich kann nur hoffen, dass das Erröten auf meinen Wangen nicht zu offensichtlich ist.

„Alles okay?“, fragt Reggie.

„Mir geht’s gut!“, kreische ich, viel lauter, als ich will. Zum Glück werde ich gerettet, als der Kellner mit unseren Gerichten an den Tisch kommt.

Er stellt die Teller vor uns ab. Ich starre ohne Appetit auf meine Tintenfischravioli und habe dieses seltsame Gefühl, dass mich jemand beobachtet.

„Riecht gut, was?“, fragt Reggie und stürzt sich sofort auf sein Steak. Er sägt ein großes Stück ab und verschlingt es, noch bevor ich überhaupt meine Gabel in die Hand nehme, und redet dann weiter, mit vollem Mund.

Ich nutze den Moment, um durch das Restaurant zu schauen. Teils, weil ich Reggies mahlende Backenzähne nicht sehen muss, und teils, weil ich mir noch einen verstohlenen Blick zu dem Mann in der Nische stehlen will.

Aber so verstohlen ist es dann doch nicht. Ein Riss aus Elektrizität schießt mir die Wirbelsäule hinauf, als ich merke, dass er immer noch hierher sieht – zu mir.

Sein Blick ist direkt. Unentschuldigt. Unerbittlich.

Ich wende mich mit einem Schaudern ab und versuche, mich auf meine Pasta zu konzentrieren. Reggie plappert ununterbrochen über den Baumarkt, den er zusammen mit seinen zwei älteren Brüdern besitzt. Ich nicke und lächle, in der Hoffnung, dass er nicht merkt, dass ich nicht die geringste Aufmerksamkeit schenke.

Du benimmst dich wie ein liebeskrankes Teenagermädchen, schimpfe ich mich. Reiß dich zusammen. Der Geist von Susan B. Anthony wird mich vermutlich bis ans Ende meiner Tage heimsuchen, weil ich all meine feministischen Neigungen in dem Moment über Bord werfe, in dem ein hübscher Kerl sich herablässt, in meine Richtung zu schauen.

Aber was er mit mir macht, ist nicht ideologisch – es ist biologisch. Es umgeht jeden Teil meines Gehirns, der weiß, wie man denkt. Spricht direkt zu der Hitze tief in meinem Bauch.

Es ist seltsam aufregend. Merkwürdig verstörend.

Und sehr, sehr unerquicklich.

„Cami?“

Ich drehe mich zu Reggie. Ich mag es nicht, dass er den Kosenamen benutzt, mit dem meine Schwester und ihre Familie mich rufen. Von ihm klingt es viel zu intim und vertraut. Aber ich bin zu sehr darauf konzentriert, dieses Abendessen so schnell wie möglich hinter mich zu bringen, um mir die Mühe zu machen, ihn zu korrigieren.

„Sorry. Was war das noch mal?“

Er legt die Gabel mit einem verärgerten Klirren hin. „Lenkt dich irgendwas ab?“, fragt er. „Es ist ziemlich unhöflich, sein Date zu ignorieren, weißt du.“

„Nein, sorry, nichts“, antworte ich hastig. „Ich bin nur … müde.“

„Oh?“

„Ich hatte ein paar Vorstellungsgespräche, auf die ich mich vorbereitet habe.“ Was nicht ganz gelogen ist. „Und ich war gestern Nacht lange auf.“ Auch nicht ganz gelogen. Wobei „lange“ in diesem Fall nur „lange für mich“ bedeutet, also 9:05 statt punktgenau 9:00.

„Vorstellungsgespräche, hm?“, sagt er. „Cool. Jedenfalls, wie ich schon sagte, ich …“

Ich ziehe mich unter die Oberfläche eines dauerhaften Lächeln-und-Nicken zurück. „Meinen Bildschirmschoner anschalten“, wie Brianna das nennt. So ist es leichter, und Reggie braucht nicht viel Input von mir, um weiter zu schwadronieren.

„Weißt du, ich hab dich schon immer verdammt heiß gefunden“, sagt er und unterstreicht seinen Komplimentversuch mit einem Rülpser. „Eine richtige verfickte Granate. Ein Mädel wie du braucht ’nen Typen wie mich. Selfmade-Geschäftsmann, weißt du? Einer, der anpackt. Und im Bett bin ich auch ziemlich gut.“

Ich unterdrücke den Drang, die Augen zu verdrehen. Es ist heute Abend bestimmt schon das zwölfte Mal, dass er erwähnt, wie „selfmade“ er ist. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass er den Baumarkt von seinem Dad geerbt hat.

Bevor ich herausfinden kann, wie ich mich aus dieser speziellen Gesprächssackgasse herauswinden soll, schaut Reggie auf und schnalzt mit den Fingern nach dem Kellner. Als ihn in den null Komma zwei Sekunden, die er zu warten bereit ist, niemand bemerkt, führt er die Hand an die Lippen und pfeift.

„Hey!“, zische ich, peinlich berührt von seinem Benehmen. „Du kannst doch nicht pfeifen.“

Er wirkt vollkommen fassungslos, dass ich damit offenbar ein Problem habe. „Warum?“

„Das ist unhöflich!“

„Unhöflich?“ Reggie wiederholt es, als spräche ich eine Fremdsprache. „Nee, Babe, das ist freundlich. Du bist bloß nicht gewohnt, dass Typen dich an so schöne Orte wie hier ausführen.“

Ich rutsche tiefer in meinen Stuhl, die Wangen glühen vor Scham. Vielleicht werde ich unsichtbar, wenn ich die Augen ganz fest zusammenkneife. Einen Versuch ist’s wert.

„Sie können unsere Teller abräumen, Schätzchen“, befiehlt Reggie der Kellnerin, als sie an unseren Tisch tritt. „Und bringen Sie uns die Dessertkarten.“

„Eigentlich ist das nicht nötig“, sage ich schnell und schenke der Kellnerin ein entschuldigendes Lächeln. Bitte hass mich nicht, sage ich ihr mit den Augen. Ich will, dass das vorbei ist, mindestens genauso sehr wie du. „Nur die Rechnung, bitte.“

„Was?“, fragt Reggie. „Komm schon, die Party fängt doch gerade erst an!“

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