Kapitel 3 3
Er richtet sich auf. Als er das feuerhydrantenrote Erröten auf meinen Wangen sieht, fange ich den winzigsten Schimmer eines Grinsens am Mundwinkel auf. Es ist verschwunden, kaum dass es da war.
Der Mann im Anzug gleitet geschmeidig auf Reggies frei gewordenen Platz. Mein Magen schlägt einen Salto, als sein Blick über mich hinwegstreicht.
Es ist so seltsam – als Reggie auf meinen Ausschnitt geschielt hat, habe ich mich angeekelt gefühlt. Aber als dieser Mann exakt dasselbe tut, verkrampfe ich mich von Kopf bis Fuß, als hätte ich gerade eine Gabel in eine Steckdose gerammt.
„Er ist weg“, seufze ich. „Danke dafür.“
„Mit Vergnügen.“
Ich schiebe unter dem Tisch die Füße hin und her und fühle mich furchtbar befangen. Alles an ihm schreit „Sex-Appeal“. Selbst die Art, wie seine Lippen das Wort „Vergnügen“ formen, fühlt sich an wie ein Vorspiel.
„Hast du mich belauscht?“, frage ich. Die Stille ist nicht auszuhalten.
Er nickt feierlich. „Natürlich.“
„Warum?“
„Weil du meine Aufmerksamkeit erregt hast, kiska.“
„Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum.“
Er nickt, sein Ausdruck wird nachdenklich. „Dann sind wir schon zwei.“
Nach etwa fünf Sekunden einer weiteren hochschwangeren Stille räuspere ich mich. „Na gut, danke noch mal, dass du mich gerettet hast. Aber ich sollte, na ja, jetzt wieder zurück …“
Natürlich ist es genau dieser Moment, in dem die Kellnerin mit den Getränken auftaucht, die Reggie für uns bestellt hatte. „Entschuldigung für die Verzögerung, Ma’am“, sagt sie und stellt die Drinks auf den Tisch.
„Zurück? Es wäre schade, einen guten Drink zu verschwenden“, bemerkt der Mann im Anzug.
Briannas Worte blitzen mir wieder durch den Kopf. Du gibst ihm nicht mal eine Chance. Wann warst du das letzte Mal von irgendeinem Mann angezogen?
Eines ist ziemlich offensichtlich: Dieser Mann wirkt auf mich. Und sie hat recht – ich habe mich jahrelang vor allem versteckt, was ein Y-Chromosom hat.
Dieser Typ ist hier. Er ist heiß. Und er sieht mich an, als wollte er mich am liebsten am Stück verschlingen.
„Okay“, gebe ich schuldbewusst nach. „Ein Drink. Aber vorher sagst du mir deinen Namen.“
Er grinst und beugt sich vor. „Mein Name ist Isaak“, sagt er. „Isaak Vorobev.“
2
Perspektive von Isaak
„Du bist dran“, sage ich.
„Hä?“ Sie kräuselt verwirrt die Nase. Es ist eine entzückende Marotte, und so vollkommen ungewohnt für mich, dass ich fast laut loslache.
Die Frauen, die ich normalerweise ficke, kräuseln nicht die Nase. Sie schnurren, sie lächeln, sie streichen dir verführerisch über den Arm. Sie kennen ihre Macht und wissen, wie sie sie einsetzt.
Dieses Mädchen? Sie hat keinen verdammten Schimmer.
Aber vielleicht ist es genau deshalb, dass ich hier bei ihr sitze, statt mit einem der anderen Dutzenden Spielzeuge, die mir zur Verfügung stehen, im Bett zu liegen.
„Sag mir deinen Namen“, erkläre ich. „Ich habe ‚Cami‘ gehört. Ich will alles wissen.“
„Oh.“ Sie errötet. Schon wieder, verdammt noch mal entzückend. „Stimmt. Cami. Kurz für Camila. Camila Ferrara.“
„Du bevorzugst Camila?“
Das Kleid, das sie trägt, ist schlicht, doch es schmiegt sich köstlich an ihre Figur. Ihr Dekolleté ist dezent, beinahe neckisch. Während meiner Geschäftsbesprechung hatte ich mir schon unzählige Male ausgemalt, den Ausschnitt einfach herunterzureißen. Die Besprechung, die ich platzen ließ, um herzukommen und sie von ihrem Idioten-Date zu retten.
„Meine Familie und Freunde nennen mich Cami“, murmelt sie.
„Dann eben Cami. Schließlich sind wir ja nebeneinander aufgewachsen.“
Sie lächelt. Da fällt mir das Grübchen in ihrer rechten Wange auf. So ein unschuldiges kleines kiska, denke ich. Kiska – Russisch für Kätzchen. Ein winziges, hilfloses Geschöpf, das darum bettelt, verschlungen zu werden. Der Name passt zu ihr.
Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und richte meine Hose – vor allem, weil meine pochende Erektion langsam ablenkend wird.
„Du hättest das wirklich nicht tun müssen“, sagt sie. „Mich retten, meine ich.“
„Wie ich schon sagte: Es war mir ein Vergnügen.“
Sie legt den Kopf schräg. Eine glänzende Strähne ihres blonden Haars fällt über eine Schulter. „Machst du es dir zur Gewohnheit, jeden Fremden zu retten, der aussieht, als hätte er eine elende Zeit?“
„Nur die Schönen.“
Sie errötet und blickt nervös in ihren Schoß.
„Du musst doch in dem Moment gewusst haben, worauf du dich einlässt, als er dich gefragt hat“, kichere ich. „So, wie er sich zum Ausgang geschlichen hat, wundert es mich, dass er überhaupt die Eier hatte, dich zu fragen.“
„Er hat nicht gefragt“, sagt sie. „Nicht direkt.“
Ich hebe eine Augenbraue. „Erklär.“
„Also, was ich meine: Er ist schon eine Weile interessiert, und er hat meinen Schwager immer wieder gefragt, ob ich mit ihm ausgehen würde –“
„Er hat einen Botenjungen geschickt, um dich um ein Date zu bitten?“
Ich kann meinen Ekel nicht verbergen.
„Er wollte es nicht unangenehm machen, falls ich Nein sage.“
„Das ist der feige Ausweg.“
„Ich fand es rücksichtsvoll.“
„Dann musst du deine Ansprüche höher schrauben.“
Sie zuckt zurück. „Dir ist klar, dass wir uns erst vor fünf Minuten kennengelernt haben, oder?“
Ich zucke die Schultern, ungerührt. „Guter Rat bleibt guter Rat.“
„Was für ein Gentleman du bist“, höhnt sie.
Ich kichere und nehme einen Schluck von dem Wein, den ihr Date bestellt hat. Alles in allem ist es nicht die schlechteste Wahl der Welt. „Man hat mich vielerlei genannt, kiska. Aber das noch nie.“
Ihr Lachen klingt nervös. „Ich habe das Gefühl, du machst keine Witze.“
„Du verdienst einen Mann. Nicht so einen verdammten Trottel, der nicht mal die Rechnung bezahlen kann.“
Das fährt ihr in die Glieder. „Ich kann meinen Teil ganz wunderbar selbst bezahlen. Nicht jede Jungfrau ist in Not, weißt du.“
„Nein“, murmle ich mit einem Grinsen. „Manche verleugnen es.“
Ihre Lippen bewegen sich einen Moment stumm, als fiele ihr keine Erwiderung ein. Doch die Röte auf ihren Wangen bleibt.
Genau wie mein pochender Schwanz.
„Wenn ich dich beleidigt habe, kann ich Reggie jederzeit wieder herbringen lassen“, schlage ich vor, nachdem ein Moment verstrichen ist. „Dann kannst du deinen Drink stattdessen mit ihm zu Ende trinken. Vielleicht sogar Nachtisch bestellen. Ich habe gehört, die Crème brûlée ist zum Sterben gut.“
„Das würdest du dich nicht trauen.“
