Kapitel 5 5
Sie lächelt. „Ist das wieder deine geheimnisvolle Art?“
„Vielleicht solltest du eine andere Frage stellen.“
Sie spitzt die Lippen. „Na schön. Was machst du?“
„Viel“, antworte ich ausweichend. „Ich besitze viele verschiedene Unternehmen.“
„Bitte sag nicht, du seist ein ‚Selfmademan‘“, sagt sie. „Reggie hat das heute Abend bestimmt dreißigmal gesagt, und allein dieser Ausdruck lässt mich kotzen.“
Ich grinse. „In mancher Hinsicht ja; in anderer nein“, sage ich. „Aber ich habe hart gearbeitet, um sie aufzubauen und zu vergrößern. Also solltest du nicht denken, ich sei ein—“
„Ein Trustfonds-Kid?“
Ich schmunzle. „Ich bin schon lange kein Kid mehr.“
Ihr Lächeln verblasst langsam. „Das glaube ich.“
Als wir in Schweigen verfallen, bekommt der Blickkontakt zwischen uns einen anderen Rhythmus. Die Spannung in der Luft ist geladen wie nie.
Ich habe schon grüne Augen gesehen. Aber nicht wie ihre. Die Farbe ist weich, mild. So ein Grün, das man in den Falten des Ozeans erblickt, kräuselnd zwischen tiefem Blau und trübem Grau.
Sie reißt den Blick von meinem los und bricht den Augenkontakt. „Das Restaurant ist leer geworden“, merkt sie an.
Ich sehe mich um und merke, dass sie recht hat. Wir sind die einzigen zwei, die noch an einem Tisch sitzen, obwohl das Personal noch herumläuft und aufräumt.
Auch die Straßen haben sich geleert. Bis auf meinen gepanzerten G-Wagen, der gegenüber geparkt ist, direkt vor dem SUV, in dem mein persönliches Sicherheitsteam sitzt.
Während ich aus dem Fenster sehe, fängt etwas meinen Blick. Ein Mann, der fast außer Sicht steht. Durchschnittlich groß, oben am Kopf lichtes Haar, und Klamotten, als hätte er sie aus einer Obdachlosenunterkunft geklaut.
Aber die Richtung seines Blicks lässt mich aufhorchen.
Denn er schaut nicht mich an.
Er schaut Cami an.
Und es ist nicht dieses beiläufige Glotzen eines Creep, der eine schöne Frau im kleinen Schwarzen abcheckt. Es ist mehr als das. In seinem Blick liegt Absicht.
Das gefällt mir verdammt noch mal nicht.
Doch ich schiebe den Gedanken beiseite, und in dem Moment richtet der Mann sich auf und verschwindet in der Nacht. Ich bin ohne Grund paranoid. Das Treffen steckt mir noch in den Knochen.
„Isaak?“
Wie mein Name von ihrer Zunge rutscht, fühlt sich auf seltsam verdammte Weise erotisch an. Mein Schwanz ist seit einer vollen Stunde hart, und es fängt an, wehzutun.
„Ist alles okay?“
„Wieso fragst du?“
„Du siehst gerade aus, als würdest du dich wahnsinnig konzentrieren.“
Ich lächle. „Nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst. Nur Geschäft.“
„Du hast mir immer noch nicht gesagt, was diese Unternehmen von dir machen“, gibt sie zu bedenken.
„Weil es nicht wichtig ist.“
Sie zuckt mit den Schultern. „Ich schätze, dafür haben wir ohnehin keine Zeit“, sagt sie. „Es ist spät. Sie werden schließen wollen.“
„Sie bleiben offen, solange ich sie brauche.“
Sie denkt einen Moment darüber nach. „Ist das deine Art, mir zu sagen, dass du wichtig bist?“
„Schließ daraus, was du willst.“
Sie mustert mich aufmerksam, nimmt meinen Dolce-Anzug und die Hublot an meinem Handgelenk in sich auf. „Du bist wichtig“, vermutet sie. „Und gefährlich.“
Ich lehne mich vor. „Nicht für dich“, sage ich zu ihr. „Nicht jetzt.“
Sie stößt einen kleinen Atemzug aus und lehnt sich mit einem kaum unterdrückten Schauer von mir weg. „Ich … ich sollte nach Hause.“ Sie fährt aus dem Stuhl hoch auf die Füße.
„Wenn du musst“, sage ich und erhebe mich ebenfalls. „Aber willst du das wirklich?“
„Es ist spät“, sagt sie. „Was ich jetzt will, ist nach Hause zu gehen.“
Ich nicke und schnipse mit den Fingern. Der Maître d’ eilt herbei und hält Camis Mantel bereit. Ich nehme ihn ihm ab und halte ihn ihr hin. Sie zögert lange, doch schließlich dreht sie sich und lässt mich ihn ihr über die Arme gleiten.
Ich bekomme den Anblick ihres rückenfreien Kleides serviert. Die geschwungene Linie ihrer Wirbelsäule. All diese schöne Haut, gebräunt und glatt. Meine Finger kribbeln vor dem Bedürfnis, jeden Zentimeter davon zu berühren.
Als der Mantel auf ihren Schultern sitzt, lasse ich meine Hände dort und halte sie fest. Ich spüre, wie sie erstarrt.
Ich beuge mich zu ihr hinab, streife mit meinen Lippen ihr Ohrläppchen und flüstere: „Tja, kiska, was ich jetzt will, ist dich ins Bad zu nehmen und dich auf dem Waschtisch zu ficken, bis du mir ins Ohr schreist, wenn du kommst.“
Sie reißt sich von mir los und wirbelt herum, kaum dass die Worte meinen Mund verlassen haben. Ihre Augen sind weit aufgerissen, ihre Wangen gerötet. Sie bemüht sich, beleidigt zu wirken.
Aber ich sehe es ihr an: Sie will denselben verdammten Scheiß.
3
Camila
Er macht keine Witze.
Augen wie seine machen keine Witze.
Stahlkantig, unheimlich blau, ruhen sie gelassen auf mir, vollkommen unbereut, nachdem er mir das ins Ohr geflüstert hat.
Glühende Hitze schießt durch meinen Körper, während ich versuche, meine wirren Gedanken zu ordnen.
Ich sollte ihm eine Ohrfeige geben, oder? Ihm einen Drink ins Gesicht kippen und hinausrauschen? Sollte ich nicht mehr für mich verlangen?
Warum fühlt es sich dann an, als hätte Isaak mir all diese Möglichkeiten aus der Hand gerissen?
Und warum kann ich ihn dafür nicht hassen?
„Hör auf“, sagt er und mustert mich kühl.
„Womit aufhören?“
„Mit dem Grübeln“, erwidert er. „Das Leben ist kein Buch. Es passiert hier. Jetzt. In einem Wimpernschlag.“
„Danke für die Philosophiestunde“, fauche ich. Doch mein Witz verpufft, schal und leblos, in der knisternden Luft zwischen uns.
Isaak kommt einen Schritt näher, wie ein Jäger. „Es ist eine einfache Frage, kiska. Was. Willst. Du?“ Er spricht jedes Wort langsam und deutlich aus. Ich beobachte, wie sich seine Lippen bewegen. Fasziniert, hypnotisiert, völlig und vollkommen außerhalb meines Elements.
Was auch immer „das“ ist, es kann nicht passieren. Dass ich überhaupt in Erwägung ziehe, der Hitze nachzugeben, die sich tief in meinem Bauch aufbaut, ist wahnsinnig. Das bin nicht ich.
Ich bin eine stille Leseratte. Ich habe Little Women so oft gelesen, dass ich es auswendig aufsagen könnte. Ich besitze nicht ein einziges Set zusammenpassender Unterwäsche. Ich mache so etwas nicht … das hier.
Aber vielleicht könnte ich?
Isaak legt den Kopf zur Seite und grinst schief. Verdammt, es ist ein Ausdruck, der berauscht. Arrogant genug, um mein Blut zum Kochen zu bringen. Sexy genug, dass es in meiner Mitte pocht.
Er überbrückt die letzte Distanz zwischen uns. Mir bleibt kein Raum mehr, um auszuweichen. Ich stoße gegen eine Wand und japse, doch der Laut erstirbt mir schnell auf den Lippen.
Seine Hand findet meine Hüfte. Diese simple, kleine Berührung reicht, um mich noch mehr aus der Fassung zu bringen. Mein Blick huscht an Isaaks Schulter vorbei durch das leere Restaurant. Doch alle Kellner und Barkeeper scheinen verschwunden zu sein.
„Wir … ich kann nicht“, murmele ich. „Da sind Leute.“
Isaak lacht hart. „Du weißt genauso gut wie ich, dass sie weg sind.“
„Trotzdem können wir nicht. Es gibt … es gibt Regeln.“
„Regeln?“ wiederholt er, als verstünde er das Wort nicht.
Seine Hand gleitet in meinen Mantel. Findet den Saum meines Kleides. Langsam, langsam, langsam schiebt er ihn hoch. Fingerspitzen, die winzige Spiralen an meinem Oberschenkel nach oben zeichnen.
„Wir können nicht“, sage ich und versuche, meinen Rock herunterzuziehen. Ich hasse, wie meine Stimme klingt: Ich sage nicht Nein, ich flehe ihn nur um Gnade an. Wirf mir einen Vorwand hin, irgendeinen, und ich packe ihn und renne hier raus.
Aber er schluckt den Köder nicht. Er gibt mir keinen Ausweg.
Diese funkelnden blauen Augen sind alles, was ich sehe, als er seine Masse gegen mich drückt. Dieses kühle, würzige Kölnischwasser ist alles, was ich rieche, wie ein alpiner Wald. Er nagelt mich an die Wand. Verschlingt mich schon.
Seine Fingerspitze wandert weiter unter meinem Kleid hinauf. Meine Hände rühren sich nicht von meinen Seiten.
Sag Nein, flehe ich mich stumm an. So selbstsicher und direkt Isaak ist – ich habe das Gefühl, dass er nachgeben würde, wenn ich nur diese eine kleine Silbe zustande brächte.
Aber sie steckt mir im Hals. Rührt sich nicht. Bewegt sich nicht.
Ich versuche es immer wieder, es auszusprechen, und einen Moment lang fühlt es sich an, als wäre es fast da, direkt auf der Zungenspitze …
Und dann streicht Isaak über meine Klitoris, über den dünnen Stoff meiner Victoria’s-Secret-Höschen, und das Wort Nein verflüchtigt sich wie ein Hauch Rauch.
Ich keuche, zittere, klammere mich an Isaaks Schultern, damit ich nicht auf die Knie sacke. Es ist lange her, dass mich ein Mann berührt hat.
Und selbst damals war es nie so gewesen.
„Du bist nass“, grollt er mir ins Ohr.
Ich bebe. Aber ich bin längst über den Punkt der Scham hinaus. Das Einzige, worauf ich mich konzentrieren kann, ist das Gefühl seiner Finger, die gegen meine Lippen tippen, wie beim Stepptanz.
Ich schüttle den Kopf, aber ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll. Ein anderer Mann hätte sich eine Ohrfeige verdient.5
