Kapitel 4 Vorzeitiger Tod

Harper trat mit gemessenen Schritten vor, ihr Blick glitt zu dem Bett in der Mitte der Aufbahrungshalle. Ein Hauch von Bedauern huschte über ihr Gesicht – sorgfältig berechnet, perfekt getimt.

„Wie schade, dass Oma ausgerechnet jetzt sterben musste.“ Sie seufzte, ihre Stimme sanft und doch mühelos tragend in der gedämpften Stille. „Nächsten Monat habe ich Geburtstag. Ich hatte gehofft, sie wäre dann da, um mit mir anzustoßen.“

In der Stille erreichte ihr zarter Ton jeden Winkel des Raumes.

Sie wandte sich an Jeremy, in ihrer Miene lag die absichtlich zur Schau gestellte Bekümmernis. „Onkel, lassen wir die Beerdigung vorerst. Wir sollten Omas Körper irgendwo sicher kühl lagern. Wenn mein Geburtstag vorbei ist, können wir mit allem weitermachen.“

Sogar die Verwandten, die Jessica eben noch verurteilt hatten, erstarrten.

„Harper, das ist …“ Ein älteres Familienmitglied zögerte. „Das ist nicht angemessen. Ein Verstorbener sollte so bald wie möglich zur Ruhe gebettet werden …“

„Angemessen?“ Harpers Augenbraue hob sich, ein Lächeln spielte um ihre Lippen. „Mr. Jones hat mich gewarnt, dass es im Nordbezirk gerade instabil ist. Er will, dass ich meine öffentlichen Auftritte einschränke. Omas Beisetzung wird Menschenmengen anziehen – was, wenn etwas passiert? Was, wenn die falschen Leute auftauchen und ich ins Kreuzfeuer gerate?“

Sie betonte „Mr. Jones“ mit Absicht, während ihr Blick zu Jeremys Gesicht glitt, das sich verhärtete.

„Also bleibt Oma eben einen Monat in der Kühlung.“ Ihr Tonfall war beiläufig, als spräche sie über eine Kleinigkeit. „Wenn meine Geburtstagsfeier vorbei ist und es mir besser geht, lassen wir sie einäschern und richten eine ordentliche Beisetzung aus. Onkel, was meinst du?“

Jeremys Lippen zitterten. Er sah Harpers junges, schönes Gesicht – unter der Oberfläche kalt wie Marmor – und dachte an Benjamins Einfluss, an seine Methoden. Am Ende brachte er kein einziges Wort heraus. Er nickte nur steif.

„Perfekt.“ Harper lächelte zufrieden, ihr Blick triefte vor Hohn, als er auf Jessica fiel, die auf dem Boden kniete. „Jessica, siehst du? Sogar im Tod muss Oma für mich zur Seite treten. Wie fühlt sich das an?“

Jessica hob langsam den Kopf.

Sie sah Harper an – diese Frau, die den Körper ihrer Großmutter so mühelos in eine Gefrierkammer verbannen konnte, nur um ihre Geburtstagsparty nicht zu beeinträchtigen.

Diesen Dämon, der das Herz ihres Kindes verschlungen und die Knochen des Säuglings benutzt hatte, um ihren Garten zu düngen.

Diese Feindin, die alles zerstört hatte, was Jessica besessen hatte, und dennoch hier stand, strahlend und befehlsgewohnt, und in ihrem Familienhaus Anweisungen erteilte.

Harper spürte bei dem Blick in Jessicas Augen, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief, doch sie fasste sich schnell wieder und zog eine Augenbraue hoch. „Was? Jessica, hast du etwas zu sagen? Pech gehabt – du hast hier keine Stimme mehr.“

Die Worte erstickten ihr im Hals.

Jessica schoss vom Boden hoch, mit einer Kraft, die aus dem Nichts zu kommen schien, und warf sich mit der Wucht einer Frau, die nichts mehr zu verlieren hatte, auf Harper.

Sie bewegte sich zu schnell, zu brutal, mit der Endgültigkeit von jemandem, der den gemeinsamen Untergang wählt.

Harper schrie auf, völlig überrumpelt, als Jessicas Gewicht sie nach hinten riss. Ihr Schädel krachte auf die kalten Fliesen.

Jessica rittlings auf ihr, beide Hände schlossen sich um ihren Hals.

Diese blutverschmierten Hände, die Sehnen wie Kabel hervortretend, drückten mit einer Kraft zu, die Harpers Luftröhre vollständig zerquetschen konnte.

„Stirb! Geh und leiste meinem Baby in der Hölle Gesellschaft! Kriech zu meiner Großmutter und fleh sie um Vergebung an!“ Jessicas Stimme riss aus ihrer Kehle, ihre Augen glühten wahnsinnig blutrot. „Gib mir mein Kind zurück! Gib mir meine Großmutter zurück!“

Harperns Gesicht wechselte rasend schnell von Rot zu Violett. Ihre Augen traten hervor. Ihre Hände krallten sich nutzlos in Jessicas Griff, unfähig, sich zu befreien.

Zum ersten Mal spürte sie echte Angst – diese scheinbar gebrochene, sterbende Frau hatte noch so viel Kraft in sich.

„Zieht sie weg! Sofort!“ Jeremy riss sich endlich aus seiner Starre und brüllte die Diener und Sicherheitsleute panisch an.

Mehrere Männer stürzten nach vorn und packten Jessica von allen Seiten.

Doch ihre Hände waren um Harpers Hals verriegelt wie ein Schraubstock, die Fingernägel bohrten sich ins Fleisch. Egal, wie sehr sie auf sie einschlugen, an ihr zerrten – sie ließ nicht los.

Nur ein Gedanke füllte ihren Kopf: Töte sie. Töte diesen Dämon.

Plötzlich flogen die Türen der Trauerhalle nach innen, von außen aufgetreten, krachten mit einem Knall gegen die Wände, der durch den Raum hallte.

Benjamins hochgewachsene Gestalt füllte den Eingang aus, und von ihm ging eine kalte, tödliche Wut aus.

Er war eindeutig in Eile gekommen – sein Sakko saß leicht verschoben.

Als er erfasste, was sich vor ihm abspielte, erstarrte sein schönes Gesicht zu Stein, so furchteinflößend in seiner Reglosigkeit.

„Aufhören!“

Seine Stimme fuhr wie Donner durch die Halle und fror alle an Ort und Stelle fest.

Benjamin schritt vor und packte Jessica am Handgelenk, riss es erbarmungslos nach hinten.

Das Knacken brechenden Knochens hallte scharf und deutlich.

Jessicas erstickter Schrei blieb ihr im Hals stecken, als ihre Finger mit Gewalt auseinandergezwungen wurden.

Benjamin riss ihren Körper von Harper weg und schleuderte sie beiseite wie Müll.

Jessica schlug hart auf den kalten Fliesen auf. Schmerz schoss durch ihr zertrümmertes Handgelenk. Sie rollte sich zusammen und hustete blutig-rosigen Schaum.

Benjamin würdigte sie keines Blickes. Er sank auf die Knie und zog Harpers violett angelaufenes Gesicht in seine Arme.

„Harper! Geht es dir gut?“ In seiner Stimme lag eine Panik und Zärtlichkeit, wie sie sie noch nie gehört hatte. Er klopfte ihr sanft den Rücken, musterte die wütenden Blutergüsse an ihrem Hals und die blutenden Nagelspuren, die Augen voller Sorge, die fast körperlich wirkte.

„Benjamin …“ Harper sackte schwach an ihn, Tränen liefen ihr über die Wangen, das Bild zerbrechlicher Unschuld. „Lass Jessica mich einfach töten … Das ist meine Schuld. Ich konnte diese Videos nicht schützen. Wenn Oma sie nicht gesehen hätte …“

„Das ist nicht deine Schuld.“ Benjamins Stimme wurde weich, beruhigend, als er sie fester an sich zog. Als er wieder zu Jessica auf dem Boden blickte, hatte sich sein Ausdruck in etwas Wildes, Blutdürstiges verwandelt. „Jessica! Du wahnsinnige Schlampe! Ich habe dich am Leben gelassen, und du wagst es, Harper wehzutun?!“

Jessica zwang den Kopf hoch und sah die Szene: Benjamins schützende Umarmung, die Art, wie er Harper hütete, der Hass, der sich ihm gegen sie bis in die Knochen gefressen hatte. Der Schmerz in ihrem gebrochenen Handgelenk war nichts gegen die Qual, die ihr die Brust aufriss.

„Benjamin … bist du blind?“ Ihre Stimme kam rau und wund heraus. „Die Frau in deinen Armen … sie ist das wahre Monster …“

„Halt den Mund!“ Benjamin schnitt ihr mit eisiger Härte das Wort ab, die Augen scharf wie Klingen. „Du versuchst immer noch, Harper etwas anzuhängen? Jessica, ich habe unterschätzt, wie bösartig du wirklich bist!“

Er hob Harper in die Arme und wandte sich zum Gehen, als würde ihn schon eine Sekunde länger, sie anzusehen, beschmutzen.

„Benjamin!“ Jessica schrie seinen Namen mit allem, was ihr noch geblieben war, heiser, aber klar. „Hast du dich nie gefragt, wie das sein kann? Die Überwachungsaufnahmen, diese Videos, dieser Vaterschaftstest … jedes einzelne Beweisstück gegen mich ist so perfekt aufgetaucht … Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass mich jemand hineinlegt?“

Benjamins Schritte erstarrten.

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