Kapitel 2

Am Morgen sah die Stadt wieder ganz gewöhnlich aus.

Das fühlte sich beinahe wie eine Beleidigung an.

Autos rollten durch Kreuzungen. Büroangestellte kauften Kaffee. Eine Frau in einem roten Mantel lachte in ihr Telefon, als wäre die Welt in der Nacht zuvor nicht auseinandergebrochen.

Eira saß auf der Rückbank eines Taxis, die schwarze Mappe auf den Knien, und sah zu, wie das Sonnenlicht über die Glaswände des Hale Tower glitt.

Das Gebäude stand noch. Der Himmel war nicht aufgerissen. Alpha Sebastian Hale war nicht vom Blitz getroffen worden, weil er seine Frau ein Werkzeug genannt hatte.

Offenbar brachte Verrat die öffentliche Infrastruktur nicht ins Wanken.

Punkt acht traf Susans E-Mail ein. Die Betreffzeile war schlicht: Formelle Partnertrennungsvereinbarung — Vertraulicher Entwurf.

Eira öffnete sie auf ihrem Handy und las die erste Seite, ohne zu blinzeln.

Die Sprache war klar, unblutig und in ihrer Grausamkeit fast elegant.

Beendigung ehelicher Verpflichtungen.

Entzug des Luna-Status aus den Akten des Hale-Rudels. Aufteilung des Vermögens. Entzug häuslicher Autorität. Keine künftige Fürsorgepflicht.

Vier Jahre Ehe, übersetzt in Klauseln und Unterschriftszeilen.

Gut, dachte Eira.

Gefühle hatten sie schwach gemacht. Papier würde sie frei machen.

Sie bat im Labor um einen freien Tag und ging dann zurück in die Wohnung, die sie vier Jahre lang mit Alpha Sebastian geteilt hatte.

Sie plötzlich „Zuhause“ zu nennen, fühlte sich an wie eine Lüge.

Als sie eintrat, war es still, jene Art von Stille, die teure Gebäude als Luxus verkaufen.

Der Kühlschrank brummte. Sonnenlicht lag quer über dem Boden des Wohnzimmers. Ein Paar von Alpha Sebastians Schuhen stand am Eingang, geschniegelt und arrogant.

Eira sah sie eine Sekunde zu lange an, dann ging sie daran vorbei.

Das Packen dauerte weniger, als es hätte dauern sollen.

Ihre Kleidung füllte nicht einmal die Hälfte eines Schranks. Der Rest gehörte Alpha Sebastian: Anzüge nach Farben sortiert, Hemden mit militärischer Präzision gefaltet, Uhren in Samtschachteln, Krawatten, die er bei Abendessen getragen hatte, bei denen sie neben ihm gesessen und so getan hatte, als hörte sie nicht, wie seine Verwandten flüsterten.

Eira nahm ihre eigenen Kleider heraus, Jeans, Laborkittel, und die wenigen Pullover, die sie von ihrem eigenen Gehalt gekauft hatte. Sie faltete jedes Stück sorgfältig und legte es in Kartons.

Im Bad waren ihre Gesichtscreme und ihre Zahnbürste in eine Ecke gedrängt. Alpha Sebastians teure Pflegeflaschen nahmen den Großteil der Ablage ein. Sie packte ihre kleinen Sachen in einen Kulturbeutel und musste beinahe lachen.

Vier Jahre, und ihr Leben passte in zwei Kartons und einen Koffer.

Der Lieferdienst bestätigte die Abholung für den Nachmittag. Die Kisten würden in ihre kleine Wohnung auf der anderen Seite der Stadt gehen, die, die sie sich von ihrem Gehalt aus dem ersten Jahr am Forschungsinstitut gekauft hatte, bevor sie Alpha Sebastian heiratete. Fünfunddreißig Quadratmeter. Alte Heizung. Schlechte Aussicht. Ihre.

Das Wort fühlte sich seltsam an.

Ihre.

Sie duschte, nachdem die Möbelpacker gegangen waren. Heißes Wasser prasselte ihr in den Nacken, bis ihre Haut rosa wurde, doch es konnte die Erinnerung an Zedernholz, vermischt mit Blumen, nicht fortwaschen. Als sie aus der Dusche stieg, zog sie ein dünnes Unterkleid an, weil die meisten ihrer Sachen bereits weg waren. Ihr Haar tropfte über ihre Schultern, während sie den Föhn einsteckte.

Die Wohnungstür ging auf.

Eira sah Alpha Sebastian im Spiegel, noch bevor sie sich umdrehte. Er blieb im Eingang des Schlafzimmers stehen, eine Hand noch am Türrahmen. Er trug einen dunklen Anzug, die Krawatte gelockert, der Ausdruck in seinem Gesicht nicht zu lesen. Sein Blick glitt über den Koffer nahe der Wand, dann über ihr nasses Haar, ihre nackten Schultern und den Saum ihres Kleides.

„Eira.“

Er sagte ihren Namen leise, fast vorsichtig.

Sie nahm den Föhn hoch und schaltete ihn ein. Warme Luft dröhnte zwischen ihnen. Das Geräusch füllte den Raum, schlicht und mechanisch. Sicher.

Er mochte es nicht, ignoriert zu werden. Das sah sie im Spiegel. Zuerst spannte sich sein Kiefer an, dann wurden seine Augen kalt. Trotzdem kam er näher. Der Duft von Zedernholz folgte ihm, und darunter glaubte sie die schwächste Spur blumiger Süße zu erhaschen. Vielleicht war sie echt. Vielleicht war ihr Kopf grausam genug, sie zu erfinden.

Seine Hand legte sich um ihre Taille.

Der Föhn verstummte. Er hatte den Stecker aus der Steckdose gezogen.

Eira wurde ganz still.

Alpha Sebastian beugte sich hinunter, als wolle er sie küssen. Im letzten Moment drehte sie den Kopf weg, und sein Mund landete neben ihrem Ohr statt auf ihren Lippen.

Stille fiel schwer in den Raum.

„Du gehst mir aus dem Weg?“, fragte er.

Sie traf seinen Blick im Spiegel. „Ja.“

Einen Moment lang wirkte er aufrichtig verwirrt. In vier Jahren hatte sie dieses Wort nie in diesem Ton zu ihm gesagt. Sie hatte sich angepasst. Geglättet. Ausreden gefunden. Still genug geliebt, um ihn nicht zu stören.

Seine Finger schlossen sich um ihr Kinn und drehten ihr Gesicht zu ihm. „Vorher wolltest du doch, dass ich dich anfasse.“

Ihre Fingerspitzen krümmten sich gegen die Ablage. „Vorher war vorher.“

„Und jetzt?“ Seine Stimme wurde schärfer. „Jetzt berühre ich dich einmal, und du weichst aus?“

Sie sagte nichts.

Sein Ausdruck veränderte sich. Misstrauen trat in seine Augen, hässlich und schnell. „Gibt es jemand anderen?“

Eira starrte ihn an.

Er war in ihre Ehe zurückgekehrt und trug den Duft einer anderen Frau an sich. Er hatte sie als harmlos bezeichnet, als nützlich, als Werkzeug. Er hatte Serena seinen Erben versprochen. Und doch war sein erster Gedanke gewesen, Eira habe ihn verraten.

Die Ungerechtigkeit war so vollkommen, dass sie fast schon komisch wurde.

„Diese Frage“, sagte sie, „steht dir nicht zu.“

Der letzte Rest Geduld verschwand aus dem Gesicht von Alpha Sebastian. Sein Alpha-Duft schwoll an, Zedernholz, das scharf und schwer wurde. Er füllte den Raum wie ein unsichtbares Netz, drückte gegen ihre Lungen, verlangte Gehorsam von Instinkten, die sie nicht besaß. Ein wolfloser Körper konnte den Druck eines Alphas noch spüren, aber er beugte sich nicht auf dieselbe Weise. In ihr war kein Wolf, der sich unterwerfen konnte.

Also sah Eira ihn nur an.

Das schien ihn mehr zu reizen, als Schreien es je vermocht hätte.

„Wag es nicht, so mit mir zu reden.“

Bevor sie zurückweichen konnte, packte er ihr Handgelenk und zerrte sie Richtung Schlafzimmer.

„Sebastian—“

Die Tür schlug mit einem dumpfen Knacken gegen die Wand. Er stieß sie aufs Bett und beugte sich über sie. Das war keine Liebe. Keine Reue. Kein Ehemann, der nach Jahren der Zurückhaltung endlich nach seiner Frau griff.

Das war Besitz, der beweisen wollte, dass er noch immer gehörte, was im Begriff war, wegzugehen.

Panik blitzte weiß hinter Eiras Augen auf, doch die Wut war schneller. Sie zog das Knie an und trat mit aller Kraft nach oben. Alpha Sebastian stieß einen Laut aus, sein Griff lockerte sich für einen halben Atemzug. Sie wand sich frei, stemmte sich hoch und schlug ihm ins Gesicht.

Klatsch.

Das Geräusch war hell und klar.

Sein Kopf ruckte von der Wucht zur Seite.

Einen Herzschlag lang bewegte sich keiner von ihnen.

Dann holte seine Hand aus.

Schmerz explodierte über ihrer Wange. Ihr Kopf schnappte zur Seite, und Eisen füllte ihren Mund. Der Raum kippte. Sie schrie nicht auf, aber Tränen liefen trotzdem, heiß und demütigend.

Alpha Sebastian erstarrte, als hätte der Anblick ihrer Tränen endlich einen Teil in ihm erreicht, den seine eigene Gewalt nicht berührt hatte.

„Eira, ich—“

Sie ließ ihn nicht ausreden.

Sie riss die Decke vom Fußende des Bettes, wickelte sie um sich, schnappte sich ihr Handy und ihren Ausweis und ging barfuß hinaus. Seine Stimme folgte ihr ein einziges Mal, dann verstummte sie. Vielleicht hielt ihn sein Stolz zurück. Vielleicht Schuld. Vielleicht konnte er sich einfach nicht vorstellen, dass sie wirklich gehen würde.

Die Aufzugtüren schlossen sich, bevor er sich entschied.

Eira ging zehn Minuten durch die kalten Abendstraßen. Ihre Füße brannten auf dem Asphalt. Ein Mann vor einem Spätkauf starrte auf die Decke um ihre Schultern und auf die rote Spur in ihrem Gesicht. Sie ging weiter. Wenn sie den Kopf senkte, würde sie nur noch heftiger weinen, und sie weigerte sich, Fremden so viel von sich zu geben.

An der Ecke tauchte ein Hotel auf, silbergrau und hell vor der dunklen Straße.

Sterling Hotel.

Sie kannte den Namen. Jeder kannte ihn. Die Sterling Group besaß Hotels, Resorts und die Hälfte der Luxusimmobilien, die mächtige Rudel nutzten, wenn sie so tun wollten, als wären Geschäftsbesprechungen Urlaub.

Eira trat in die Lobby.

Der Angestellte an der Rezeption blickte auf. Sein Blick glitt über ihr nasses Haar, die Decke, ihre nackten Füße und die geschwollene Wange. Zu seiner Ehre stellte er nicht die falschen Fragen.

„Ein Zimmer“, sagte Eira. Ihre Stimme klang rau. „Für eine Nacht.“

Er meldete sie schnell an. „Zimmer 1806. Der Aufzug ist rechts. Wenn Sie medizinische Hilfe oder Sicherheit brauchen, wählen Sie die Null.“

„Danke.“

Sie nahm die Schlüsselkarte und ging zum Aufzug. Die Türen waren fast geschlossen, als eine Hand sie aufhielt.

Sie öffneten sich wieder.

Draußen stand ein Mann.

Groß. Dunkles Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Schwarzes Haar, ruhige Haltung, und Augen in der Farbe eines zugefrorenen Sees. Sein Blick streifte ihr Gesicht, ihre Handgelenke, ihre nackten Füße. Er sah alles. Er starrte nicht lange genug, um es schlimmer zu machen.

Er trat ein und stellte sich neben sie, ließ mehr Abstand, als der Aufzug verlangte.

Sein Geruch war beherrscht, doch der enge Raum trug trotzdem eine Spur davon zu ihr. Minze. Kalt. Sauber. Wie Blätter, die in Eis zerdrückt werden.

Der Aufzug fuhr nicht los. Eira begriff, dass sie keine Etage gedrückt hatte.

„Welche Etage?“, fragte er.

„Achtzehnte.“

Er zog eine schwarze Karte durch, dann drückte er den Knopf. Der Aufzug glitt sanft nach oben.

Eira hielt ihre Schlüsselkarte fest umklammert. Ihre Wange pochte. Der Fremde fragte nicht, wer sie geschlagen hatte. Er bot kein Mitleid an. Er bedrängte sie nicht mit seinem Körper oder seinem Geruch. Er stand einfach da, reglos wie Stein, und irgendwie fühlte sich die Stille weniger gefährlich an als jeder Trost, den Alpha Sebastian ihr je gegeben hatte.

Ding.

Der achtzehnte Stock öffnete sich. Eira trat hinaus. „Danke.“

„Gern.“

Sie blickte nicht zurück.

In Zimmer 1806 schloss sie die Tür ab, legte die Kette vor und blieb dort stehen, bis ihr Atem ruhiger ging. Das Zimmer war sauber und anonym: weißes Bett, graue Vorhänge, Schreibtisch, Lampe, abgefülltes Wasser, das sie noch nicht bezahlt hatte. Keine Zeder. Kein Blumenduft. Keine Schuhe neben der Tür.

Sie setzte sich auf die Bettkante und presste die Handfläche gegen ihre geprellte Wange.

Dann klingelte es.

Eira erstarrte.

Wenn Alpha Sebastian sie gefunden hatte, würde sie dieses Mal nicht weglaufen.

Ihr Blick glitt zu der Glaswasserflasche auf dem Schreibtisch. Langsam nahm sie sie am Hals und ging zur Tür.

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