Kapitel 7
Die Stimmung im Raum wurde schlagartig extrem angespannt.
Elisa griff nach einem Taschentuch, um Elaines Tränen abzuwischen, doch Adeline schlug ihre Hand weg.
Sie klopfte Elaine tröstend auf den Rücken und warf Elisa dann einen finsteren Blick zu. „Jedes Mal, wenn du zurückkommst, bringst du nur Mama und Papa durcheinander.“
Elisas Miene verfinsterte sich und sie murmelte: „Glaubst du, ich will überhaupt zurückkommen?“
Es fühlte sich an, als hätte es in dieser Familie nie einen Platz für sie gegeben.
Schon seit ihrer Kindheit hatte Adeline in allem mit Elisa konkurriert.
Immer wenn sie stritten, stellten sich Walter und Elaine auf Adelines Seite, und Elisa fragte sich, wo ihr Platz in dieser Familie eigentlich war.
Nachdem Elaine sich beruhigt hatte, hatte niemand mehr wirklich Appetit.
Nach ein paar Bissen nahm Elisa das schwere Schachbrett an sich und wollte gerade gehen.
Als sie die Tür erreichte, rief Elaine sie zurück. Sie kam mit einem roten Schal heraus und legte ihn Elisa um den Hals.
Elisa war wie erstarrt und starrte Elaine benommen an.
Elaine seufzte und ihre Stimme wurde weicher: „Ich habe diesen Schal gestern beim Einkaufen gesehen und dachte, er würde dir gut stehen, also habe ich ihn gekauft. Ich war vorhin nur so aufgewühlt. Nimm dir die Worte nicht zu Herzen. Ich will doch nur, dass es dieser Familie besser geht.“
Da war es wieder.
Von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter zeigte Elaine immer ein kleines bisschen Fürsorge, nachdem Elisa eine große Kränkung erlitten hatte. Das machte es ihr unmöglich, die Verbindung zu dieser Familie vollständig zu kappen.
Elisa umklammerte den weichen Schal und spürte plötzlich einen Anflug von Rührung.
Tatsächlich zögerte sie einen Moment, ob sie ihnen von ihrer Krebserkrankung erzählen sollte.
Wenn sie gewusst hätten, dass sie krank war, hätten sie sie dann besser behandelt?
„Mama, eigentlich ich …“, hatte Elisa gerade angesetzt, als Adeline sie unterbrach: „Mama, ich kann mein schwarzes Kleid nicht finden. Hilfst du mir suchen? Ich brauche es morgen für die Firmenfeier.“
Elaines Aufmerksamkeit wurde sofort von Adeline in Beschlag genommen. Sie tätschelte Elisas Hand. „Geh erst mal nach Hause. Wenn was ist, schreib mir eine Nachricht. Ich helfe Adeline, ihr Kleid zu finden.“
Elaine ging zu Adeline und sah sie mit einer Mischung aus Nachsicht und Hilflosigkeit an. „Immer verlierst du deine Sachen. Was soll nur aus dir werden, wenn du mal heiratest?“
Adeline umarmte Elaine und schmeichelte sich bei ihr ein. „Ich heirate doch nicht. Ich will für immer bei dir bleiben.“
Sie streckte spielerisch die Zunge heraus, doch ihre Augen waren fest auf Elisa gerichtet, voller Provokation.
In diesem Moment fühlte Elisa einen Stich ins Herz und verwarf ihren Gedanken sofort wieder.
Sie war fast schon froh, ihre Krankheit nicht erwähnt zu haben. Sonst hätten ihre Eltern nur gedacht, sie würde mit Adeline um Aufmerksamkeit konkurrieren.
Schließlich hatte sie als Kind oft vorgetäuscht, krank zu sein, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, und war jedes Mal aufgeflogen.
Adeline trat auf Elisa zu, musterte sie von oben bis unten und spottete: „Jetzt bist du schon so lange mit Howard verheiratet und hast sein Herz immer noch nicht erobert. Was für eine Versagerin.“
Tatsächlich schien Elisas ganzes Leben ein einziger Fehlschlag zu sein, aber das würde sie vor Adeline niemals zugeben.
Mit dem schweren Schachbrett in der einen Hand, strich sich Elisa mit der anderen ihr langes Haar aus dem Gesicht, lächelte leicht und sagte: „Immerhin habe ich Howard geheiratet. Dich hingegen schaut er nicht einmal an!“
Adelines Gesichtszüge entgleisten, und sie wollte gerade die Beherrschung verlieren, als das Taxi, das Elisa gerufen hatte, vorfuhr. Sie stieg ein, schlug die Tür zu und fuhr davon.
Nachdem Elisa das Schachbrett zurückgeschleppt hatte, war sie so erschöpft, dass sie kaum noch Luft bekam.
Flora reichte ihr ein Glas Wasser und neckte sie: „Hast du einen Felsbrocken mitgebracht oder was?“
Während sie mit den Fingern über die Muster des Schachbretts strich, konnte Flora nicht anders, als zu fragen: „Willst du es ihm wirklich geben? Ich dachte, du wolltest nicht mit Howard in die Villa der Browns zurück. Was ist, wenn Herr William Brown dir wieder eine Suppe kocht?“
Elisa seufzte, sichtlich bekümmert. „Ich muss. Mein Vater hat sich sehr bemüht, dieses hochwertige Marmor-Schachspiel zu bekommen. Er wird bestimmt nachprüfen, ob Opa William es erhalten hat, sonst könnten seine Geschäfte darunter leiden.“
Flora schnalzte mit der Zunge. „Dein Vater hängt sich seit ein paar Jahren an den Rockzipfel der Familie Brown, aber seine Firma geht trotzdem den Bach runter. Vielleicht ist er einfach nicht fürs Geschäftliche gemacht.“
Flora konnte endlos über Elisas Familie herziehen.
Elisa hörte schweigend zu, ohne zu widersprechen. Sie hatte ihrer Familie nichts von der Scheidung erzählt, weil sie befürchtete, Walter und Elaine würden aus Profitgier Ärger machen. Wahrscheinlich würden sie sie zwingen, die Hälfte des Vermögens zu fordern.
Mit diesem Geld müsste die Familie Garcia nicht mehr bei den Browns zu Kreuze kriechen.
Also behielt Elisa es für sich. Sie dachte, es wäre nicht zu spät, es ihnen zu sagen, nachdem die Scheidung vollzogen war.
Aber das größte Problem war jetzt das Schachbrett. Elisa beschloss, es William morgen Nachmittag zu bringen, um Howard nicht über den Weg zu laufen.
Morgen war ein Arbeitstag, also nahm sie an, dass Howard nicht in der Villa der Browns sein würde.
Sie hatten sich heute so heftig gestritten, dass sie nicht mehr so tun konnte, als wären sie ein verliebtes Paar.
Wie geplant lieferte Elisa das Schachbrett am nächsten Nachmittag in der Villa der Browns ab.
William machte gerade seine Übungen im Garten. Als er Elisa sah, war er überglücklich und bestand darauf, dass sie mitmachte. „Halt mit mir mit und öffne die Arme ein bisschen weiter!“
Elisa hatte schon früher mit William trainiert, also war sie inzwischen ziemlich gut darin.
Nach einer Stunde Training war Elisa schweißgebadet und ließ sich auf das Sofa fallen.
William, immer noch voller Energie, nahm seine Teetasse und nippte langsam daran. „Ihr jungen Leute müsst euch mehr bewegen. Elisa, komm öfter vorbei und trainiere mit mir.“
Elisa winkte ab und lehnte schnell ab: „Nein, danke, Opa. Allein dieses Schachbrett hierherzubringen war schon anstrengend genug.“
William berührte das Schachbrett und die Figuren, seine scharfen Augen verengten sich. „Dieses edle Stück ist sicher von deinem Vater, oder?“
Nichts entging seinem Blick.
Elisa nickte. „Ja.“
Sie erwähnte das Projekt nicht, aber William verstand.
Er strich sich über den Bart und sagte bedeutungsvoll: „Die Firma wird jetzt von Howard geleitet. Da kann ich mich nicht einmischen.“
Elisa schenkte ihm Tee nach und sagte gelassen: „Schon gut. Solange du das Schachbrett annimmst, kann ich meinem Vater Bericht erstatten.“
William schüttelte nachsichtig den Kopf. „Na gut. Da du das Schachbrett schon mal mitgebracht hast, spiel ein paar Partien mit mir, bevor du gehst.“
Elisa dachte, dass dies vielleicht das letzte Mal sein würde, dass sie mit William Schach spielte, also lehnte sie nicht ab.
Nach ein paar Partien war es bereits dunkel, und William lud Elisa zum Abendessen ein.
Elisa half gerade dabei, das Geschirr aus der Küche zu tragen, als sie Howard sah, wie er im Anzug von draußen hereinkam.
Ihre Blicke trafen sich, und beide waren sichtlich verblüfft.
