Kapitel 1 Kapitel Eins Der Besuch

Das Haus wirkte für einen Morgen wie diesen viel zu reglos.

Meadow saß halbwegs unten auf der breiten Eichentreppe, den Rücken gegen das Geländer gepresst, und lauschte dem leisen Gemurmel, das aus dem Salon herübertrieb. Die Stimmen ihrer Eltern – gedämpft, angespannt, erwartungsvoll. Und noch eine Stimme … voller, kräftiger, unverkennbar von Autorität.

Die Luna.

Die Luna des Whitewood-Rudels saß im Salon ihrer Familie und besprach etwas, das Meadow leider betraf.

Natürlich wussten sie, dass sie auf der Treppe war. Meadow saß immer dort. Immer still. Immer unsichtbar. Niemand machte sich mehr die Mühe, so zu tun, als würde sie nicht zuhören; sie sprachen einfach um sie herum, durch sie hindurch, an ihr vorbei. Sie stellte keine Bedrohung dar, äußerte keine Meinung und besaß keine Stimme.

Im wörtlichen Sinn.

Sie war das einzige Kind von Tamar und Blake Clearwater: eine hübsche Brünette mit sanften, rehblauen Augen und porzellanheller Haut. Nach allen natürlichen Maßstäben hätte sie Köpfe drehen, Interesse wecken, Bewunderung auslösen müssen. Aber Schönheit bedeutete nichts, wenn man dir die Stimme genommen hatte, bevor du sie verteidigen konntest.

Genommen. Verloren. Zum Schweigen gebracht.

Wie sie es auch nennen wollten – keiner von ihnen wusste, warum ihre Stimme verschwunden war, nur, dass sie nie zurückkam.

Ihre Eltern gaben Vermögen aus: Heiler, Seelenärzte, Schamanen, Hexen, Wurzeln, Zauber, Rituale. Meadow ertrug mehr Untersuchungen, als irgendein Kind ertragen sollte; jede versprach Antworten, jede endete damit, dass ihre Mutter in das Hemd ihres Vaters schluchzte, während Meadow still dasaß, zu taub, um überhaupt noch zu weinen.

Irgendwann gaben sie auf.

Irgendwann tat es jeder.

Ihre Tränen, die ihre Peiniger einst amüsiert hatten, hörten auf, sie zu unterhalten. Ihr Schweigen wurde berechenbar. Und ihr Verstummen, das man früher für willentlich gehalten hatte, sank herab zu Getuschel über einen biologischen Defekt, einen Makel, den die Mondgöttin ihr in die Knochen geschnitten habe.

Jetzt, mit zwanzig, war sie der Geist des Rudels.

Nicht gehasst. Nicht schikaniert.

Nur … vergessen.

Die Leute gingen an ihr vorbei, als bestünde sie aus Nebel. Kein Gedankenband. Keine Antwort. Meadow konnte Verbindungen empfangen, aber niemals senden. Sie war ein Loch im Gewebe des Rudelbewusstseins – da, aber unerreichbar.

Ein Wolf ohne Stimme.

Ein Rudelmitglied ohne Wert.

Ihre Altersgenossen waren längst verpaart, knüpften Bindungen, bauten Häuser, bereiteten sich auf die Zukunft vor. Meadow blieb genau dort, wo sie immer gewesen war: allein in der stillen Ecke ihres Daseins, und sah zu, wie das Leben ohne sie weiterging.

Sie hatte sich mit diesem Schicksal abgefunden. Friedlich sogar. Sie erwartete weder Freude noch Liebe noch Partnerschaft. Sie erwartete nichts – und nichts enttäuschte selten.

Aber es quälte ihre Mutter.

Tamar Clearwater hatte Jahre damit verbracht, Meadow mit allen Mitteln wieder zum Sprechen zu zwingen. Eisbäder. Plötzliche Geräusche. Emotionale Versuche. Selbst in dem Moment, als Meadow ihren Wolf bekam, hatten ihre Eltern sich an die Hoffnung geklammert, dass die Stimme über das Gedankenband vielleicht durchbrechen würde, was immer sie zurückhielt.

Aber der Versuch scheiterte.

Jeder Versuch scheiterte.

Ihr Wolf war hinter derselben dumpfen Mauer gefangen geblieben.

Warum also saß ausgerechnet heute die Luna bei ihren Eltern?

Meadow beugte sich ein Stück vor und umklammerte die Kante der Treppe, als die Stimme der Luna deutlicher wurde.

„…und natürlich sind wir der Meinung, dass sie die richtige Wahl ist. Mein Sohn wird keine Einwände haben.“

Ihr Sohn?

Joseph?

Es musste Joseph sein!

Meadow stockte der Atem.

Joseph McCloud, der künftige Alpha von Whitewood.

Ihr Herz setzte schmerzhaft aus, um dann umso schneller zu rasen.

Nein. Das konnte nicht stimmen. Sie musste sich verhört haben. Warum sollte die Luna ausgerechnet hierherkommen – in ihr Haus, zu ihren Eltern, zu ihr –, um etwas zu besprechen, das Joseph betraf?

Jede unverpaarte Wölfin im Rudel hatte praktisch den Krieg erklärt, nur um eine Chance zu bekommen, Josephs Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mädchen schmiedeten Pläne, intrigierten und stellten sich zur Schau wie Opfergaben, in der Hoffnung, ausgewählt zu werden.

Er war gutaussehend, mächtig und dazu bestimmt, Whitewood mit der Stärke seiner Blutlinie zu führen.

Und Meadow?

Meadow war das stumme Mädchen.

Der leise Schatten des Rudels.

Ein Anhängsel des Mitleids.

Als der nächste Satz der Luna herübertrieb, gefror Meadow das Blut in den Adern.

„Mein Sohn wird Meadow heiraten.“

Heiraten.

Sie.

Ein leises Keuchen öffnete Meadows Lippen – lautlos natürlich, aber scharf genug, um in ihrem Kopf nachzuhallen.

Mit zitternder Hand presste sie sich an die Brust.

Zuerst fragte sie sich, ob das ein grausamer Scherz war. Ein verdrehter Streich. Vielleicht hatte eines der Mädchen das eingefädelt, nur um sie öffentlich zu demütigen. Aber nein, Tamars Stimme klang warm, dankbar, bebend vor Erleichterung.

„Oh, Luna. Ihr erweist uns eine Ehre. Wir sind zutiefst dankbar.“

Meadows Vater stimmte ein, stolz. „Unsere Tochter wird Joseph gut dienen. Sie ist gehorsam, diszipliniert und sanft.“

Gehorsam.

Diszipliniert.

Sanft.

Stumm.

Meadow zog sich der Magen zusammen.

Die Luna wollte ausgerechnet sie, sie, zur künftigen Luna von Whitewood machen?

Was für ein Wahnsinn war das?

Sie würde keine Krieger befehligen können. Sie würde nicht vor eine Menge treten, die Frauen anleiten, Anweisungen geben oder neben dem Alpha stehen können mit der Autorität, die man von einer Luna erwartete.

Sie konnte nicht sprechen.

Wie sollte sie jemals führen ohne eine Stimme?

Die Fragen überschlugen sich in ihr, prallten gegen die zerbrechliche Hoffnung, die langsam, gefährlich, in ihrer Brust zu blühen begann.

Denn während sie dort auf der Treppe saß, die Handflächen feucht, das Herz außer sich, die Sinne vibrierend, spürte sie etwas, das sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte:

Möglichkeit.

Vielleicht war ihr Leben nicht dazu verdammt, im Schatten zu vergehen.

Vielleicht hatte die Mondgöttin sie doch nicht verlassen.

Vielleicht, nur vielleicht, wurde ihr ein Weg angeboten, der niemals für die anderen bestimmt gewesen war.

Dort auf den Stufen, ungesehen wie immer, erlaubte Meadow sich zu atmen, zu zittern, zu wagen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben klammerte sie sich nicht an den Unglauben.

Sie nahm es an.

Sie nahm das Unmögliche an.

Sie nahm dieses Außergewöhnliche an, das das Leben ihr gerade in die stillen, bebenden Hände gelegt hatte.

Eine Zukunft.

Einen Gefährten.

Einen Platz.

Eine Hochzeit.

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