Kapitel 3 Kapitel Drei Das Geheimnis, das sie nie gesprochen hat
Victoria redete, die Hände flogen durch die Luft, Theorien ergossen sich aus ihr wie ein unaufhaltsamer Wasserfall, aber Meadow hörte ihr kaum noch zu.
Da war eine Erinnerung, die an den Rändern ihres Bewusstseins zog. Eine warme. Eine gefährliche. Eine, die sie in Stille gehütet, vor der Welt beschützt, sogar vor Victoria versteckt hatte.
Eine Erinnerung an ihn.
Victoria hatte keine Ahnung, dass Meadow – die stumme, unsichtbare, übersehene Meadow – seit Jahren heimlich in Alpha Joseph McCloud verknallt war. Eine Schwärmerei, von der sie wusste, dass sie lächerlich war. Unerreichbar. Ein Traum, den sie wegsperrte, weil nach ihm zu greifen sich anfühlte, als würde sie nach dem Mond greifen.
Und doch hatte der Mond ihr Leben einmal berührt.
Es war vor Monaten passiert.
Meadow war in den kleinen Laden an der Ecke gegangen, um Brot und eine Packung Honigkekse zu holen. Es hätte ereignislos sein sollen. Doch drei angehende Krieger aus dem Rudel hatten sie zwischen staubigen Regalen in der hintersten Reihe in die Enge getrieben – dort, wo nie jemand hinging, wo alte Schreibwaren unberührt lagen.
Sie versperrten ihr den Weg.
Sie grinsten über ihre Angst.
Sie verspotteten ihre Stille.
Sie wollten sehen, ob ein stummer Mensch schreien konnte.
Einer packte ihren Arm. Ein anderer stieß sie an der Schulter. Der dritte tippte ihr höhnisch gegen die Wange und flüsterte: „Mach ein Geräusch. Los.“
Meadows Wolf wimmerte in ihr, gefangen hinter derselben stummen Wand.
Sie versuchte auszuweichen. Sie blockierten sie.
Sie versuchte, ein Zeichen der Not zu geben. Sie ignorierten sie.
Und dann schnitt eine tiefe, befehlende Stimme durch den Gang wie eine Klinge.
„Genug.“
Die Jungs erstarrten.
Joseph stand da, als wäre er aus dem Nichts materialisiert, groß, breitschultrig, die Augen scharf vor dem Zorn eines Alphas, der kaum noch im Zaum zu halten war. Das Neonlicht über ihm flackerte, doch selbst in diesem schwachen Schein wirkte er unantastbar.
Die Krieger wichen hastig zurück, murmelten Ausreden und flohen.
Joseph schrie nicht. Er schimpfte nicht. Er trat einfach auf Meadow zu, langsam, respektvoll, als würde er sich etwas Zerbrechlichem nähern.
„Eine schöne Frau wie du sollte nicht in Ecken stehen, in denen man sie nicht sehen oder beschützen kann“, sagte er leise.
Diese Worte entwaffneten sie vollkommen.
Er hob die Hand und strich mit dem Daumen sanft über ihre Wange, wischte den Dreck fort, den die Jungs dort hinterlassen hatten. Die Berührung war federleicht … und doch donnerte ihr Herz wie ein Sturm, eingeschlossen hinter ihren Rippen.
Ihr Atem stockte.
Ihre Wangen wurden heiß.
Ihr Wolf regte sich.
Als wahrer Alpha blieb er nur lange genug, um sicherzugehen, dass sie nicht verletzt war. Dann nickte er, vergewisserte sich, dass sie gefahrlos gehen konnte, und ging davon.
Meadow stand noch lange dort, nachdem er verschwunden war, wie festgewachsen, ihr Puls flatterte wie Flügel in ihrer Brust. Zum ersten Mal in ihrem Leben begriff sie, wie sehr ihre Stille sie verdammte.
Wie sollte sie ihn je zurückrufen?
Wie sollte sie ihm je antworten?
Wie sollte sie je jemanden wie ihn verdienen?
Sie hatte in diesem Gang gestanden, bis die Welt sich wieder daran erinnerte, weiterzugehen.
Sie vergaß es nie.
Ein sanftes Tippen auf ihre Schulter riss Meadow aus der Erinnerung.
Victorias Gesicht schwebte ganz nah vor ihr, Sorge zog kleine Fältchen über ihre Stirn. „Du bist schon wieder weggetreten. Deine Wangen sind ganz rosa. Was geht da in deinem Kopf vor?“
Meadow schüttelte hastig den Kopf und gebärdete: Es ist nichts.
Victoria runzelte die Stirn. „Meadow, ich meine es ernst. Alpha Joseph ist vollkommen fähig, seine eigene Luna zu wählen. Es ergibt keinen Sinn, dass seine Mutter dich für ihn aussucht, außer sie will die Kontrolle.“
Sie seufzte und sah ihre Freundin traurig an.
„Nicht böse gemeint, aber du kannst … na ja … nichts tun. Und die Luna weiß das.“
Meadow zuckte zusammen – nicht, weil sie widersprach, sondern weil es die Wahrheit war, die alle anderen vermieden, laut auszusprechen.
Sie wollte Victoria unbedingt von diesem Tag im Laden erzählen. Davon, wie Joseph sie angesehen hatte. Von der Zärtlichkeit in seiner Stimme. Von der Möglichkeit, so klein sie auch war, dass vielleicht … vielleicht auch er etwas gespürt hatte.
Vielleicht hatte er seine Mutter gebeten, sie in Betracht zu ziehen.
Vielleicht erinnerte er sich an sie.
Aber der Gedanke fühlte sich zu zerbrechlich an, um ihn ans Licht zu zerren.
Zu heilig.
Zu leicht zu zerstören.
Also behielt Meadow es für sich.
Der Rest des Abends glitt in ruhiger Unterhaltung dahin – na ja, Victorias Stimme und Meadows Hände. Irgendwann hörten sie ganz auf, über die Verlobung zu sprechen. Sie würden warten. Sie würden beobachten. Sie würden hoffen.
Aus Tagen wurden Wochen, und die Hochzeitspläne gingen wie ein aufkommender Wind durch das Rudel.
Als die Unterlagen eintrafen – dicke Umschläge, umschlossen von offiziellen Siegeln –, zitterten Meadows Hände, als ihre Mutter sie vor ihr auf den Tisch legte.
„Das ist normal“, sagte Tamar, und Aufregung schimmerte in ihren Augen. „Jede Luna unterschreibt das vor der Zeremonie. Das heißt, sie ziehen es wirklich durch.“
Ihr Vater stand hinter ihr, die Arme stolz verschränkt.
Meadow öffnete die Unterlagen und überflog die juristischen Details mit rasendem Herzen: Eheverträge, Eigentumsübertragungen, zeremonielle Rechte, Pflichten der Luna, Erwartungen an den Haushalt des zukünftigen Alphas.
Ihr Name, ihr stummer, übersehener Name, stand immer wieder neben Alpha McCloud. Josephs Name stand nicht als Joseph McCloud in dem Dokument, aber das war in Ordnung, schließlich war er jetzt der Alpha.
Ihre Mutter schwebte förmlich neben ihr, unfähig, ihre Freude zurückzuhalten.
„Beeil dich, Meadow. Unterschreib.“
Also unterschrieb Meadow.
Mit zitternden Fingern.
Mit einem Herzen, zu voll und zu verängstigt.
Tamar versiegelte die Unterlagen sofort und gab sie mit leuchtenden Augen dem Kurier zurück.
In dem Moment, als die Tür ins Schloss fiel, zog Tamar Meadow in eine seltene, feste Umarmung.
„Du wirst bald verheiratet sein“, flüsterte sie. „Du wirst endlich dein eigenes Leben haben. Eine Zukunft. Oh, Meadow … vielleicht bekomme ich am Ende doch noch Enkelkinder.“
Meadow umarmte ihre Mutter zurück, Wärme schwoll in ihrer Brust an.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war ihre Mutter wirklich, sichtbar stolz auf sie.
Und das allein reichte aus, damit Meadow glaubte – töricht oder nicht –, dass dieses Schicksal vielleicht doch ein Segen sein könnte.
