Kapitel 4 Kapitel Vier, Die Hochzeit ohne Bräutigam

Der Morgen der Hochzeit dämmerte hell und silbern; Sonnenlicht floss durch Meadows Fenster, als würde es ihren Tag segnen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wachte sie mit Hoffnung auf, die sanft in ihrer Brust glomm. Eine zerbrechliche, zitternde Hoffnung – aber Hoffnung dennoch.

Heute würde sie ihren Ehemann am Altar treffen.

Heute würde sie Meadow McCloud werden.

Gefährtin des Alphas.

Das stumme Mädchen, das endlich erwählt worden war.

Auch wenn sie ihre Gelübde nicht laut würde sprechen können, hatte sie sie stundenlang in Gedanken geübt. Ihr Herz sollte laut sein, selbst wenn ihre Stimme es niemals sein konnte.

Seit der Verlobung war Joseph freundlich gewesen, wann immer sich ihre Wege kreuzten. Mehr als einmal hatte er sogar für sie Partei ergriffen, sie vor Getuschel abgeschirmt, Schikanen unterbunden und ihr ein warmes, beinahe zärtliches Lächeln geschenkt.

Vielleicht war es töricht. Aber sie erlaubte sich zu glauben, dass er die Verbindung vielleicht, nur vielleicht, langsam akzeptierte.

Vielleicht war das Schicksal doch nicht grausam.

Die Zeremonie war prunkvoll. Zu prunkvoll.

Blumen hingen von den Bögen. Lichter funkelten wie Sterne. Gemurmel erfüllte den Saal, als die Rudelmitglieder ihre Plätze einnahmen, begierig darauf, der Verbindung des Alpha-Erben beizuwohnen.

Als Meadow im elfenbeinfarbenen Kleid den Mittelgang betrat, stockte ihr der Atem. Die Welt verschwamm an den Rändern. Der Weg wirkte unmöglich lang.

Ihr Vater hielt ihre Hand fest und führte sie nach vorn.

Sie hob den Blick zum Altar,

und erstarrte.

Da war kein Bräutigam.

Der Platz neben dem Zeremonienmeister war leer.

Meadows Schritte gerieten ins Stocken. Ihr Magen verkrampfte sich. Einen Moment lang glaubte sie, ihre Beine würden unter ihr nachgeben. Ihre Finger krallten sich um den Brautstrauß, bis sich Blütenblätter zitternd lösten.

Ihr Vater drückte ihre Hand hart, seine Stimme spannte sich über die Gedankenverbindung:

Geh weiter.

Ihre Sicht schwamm.

Ihr Herz bekam leise einen Riss in der Brust.

Kaltes Grauen schlang sich um ihre Wirbelsäule.

Warum war Joseph nicht da?

Verweigerte er die Ehe? Setzte er vor dem ganzen Rudel ein Zeichen, um ihnen allen zu zeigen, dass er sie nicht wollte?

Ihre Atemzüge wurden flacher. Ihre Kehle brannte von unvergossenen Tränen.

Ihr Vater führte sie weiter den Gang hinunter, ignorierte die aufbrandenden, keuchenden Laute und das Flüstern aus der Menge – manches schockiert, manches belustigt, manches mitleidig.

Meadow suchte die Reihen verzweifelt ab. Ihr Blick verhakte sich an Victoria.

Victorias Gesicht war von Tränen verschmiert, ihre Hände zitterten. Stumm formte sie ein einziges Wort:

Warum?

Meadow wusste es nicht.

Sie verstand es nicht.

Sie fühlte sich wie ein Kind, das in einen Albtraum trat, den es als Traum verkleidet hatte.

Trotzdem vertraute sie ihren Eltern. Sie vertraute der Luna. Sie vertraute darauf, dass das nicht ohne Grund geschehen konnte.

Aber jede Faser ihres Seins schrie, dass etwas furchtbar, furchtbar falsch war.

Ihre Knie gaben nach, doch ihr Vater stützte sie und schob sie weiter, bis sie den Altar erreichten.

Der Zeremonienmeister nannte keine Namen.

Er fragte nicht nach Gelübden.

Er rief den Bräutigam nicht nach vorn.

Er sprach lediglich einen Segen, allgemein, kalt, hastig, als wolle er eine Aufgabe hinter sich bringen, die er weder ganz verstand noch wirklich unterstützte.

Eine Hochzeit ohne Bräutigam.

Eine Luna ohne ihren Alpha.

Eine Zeremonie vorgetragen wie eine Entschuldigung.

Meadow zwang sich, nicht zu weinen. Sie zwang sich zu atmen. Sie zwang sich zu glauben, vielleicht habe die Luna es absichtlich so arrangiert, um ihr die Blamage zu ersparen, dass sie ihre Gelübde nicht laut aussprechen konnte.

Vielleicht verspätete Joseph sich.

Vielleicht hatte er Alpha-Pflichten.

Vielleicht,

Sie klammerte sich an die Verleugnung wie an einen Rettungsring, weil die Wahrheit zu verheerend war, um sie festzuhalten.

Als ihr Vater am Altar einen Schritt von ihr zurücktrat, spürte sie die Leere durch ihre Knochen laufen.

Sie hatte sich noch nie so allein gefühlt.

Die Zeremonie endete.

Es gab Applaus, unbeholfen, erzwungen.

Ein Empfang war vorbereitet worden, doch in dem Moment, als Meadow darauf zuging, versperrte ihr einer der Bediensteten den Weg.

„Die Luna hat angewiesen, dass die Braut sofort zur ehelichen Residenz gebracht wird“, sagte er höflich. „Der Alpha erwartet sie zu Hause.“

Ihr Herz sackte ab.

Joseph war nicht zur Hochzeit erschienen …

… aber erwartete sie nun im Privaten?

Ihre Hände zitterten, als sie auf die Rückbank der Limousine des Rudels stieg. Der Strauß lag schlaff in ihrem Schoß. Die Stille im Wagen fühlte sich erstickend an, drückte gegen ihre Lungen, bis Atmen sich anfühlte, als schluckte sie Steine.

Meadow hatte keine Erfahrung mit Männern. Keine. Sie wusste nicht, was eine Hochzeitsnacht bedeutete, abgesehen von vagen Geschichten und den geflüsterten Ängsten anderer Mädchen.

Jetzt wurde sie einem Ehemann ausgeliefert, der nicht zur Zeremonie gekommen war …

… der kein einziges Gelübde gesprochen hatte …

… der nicht neben ihr vor dem Rudel gestanden hatte.

Sie presste ihre zitternden Handflächen auf die Knie und versuchte, sich zu beruhigen.

Mit jeder Minute, die die Limousine weiterrollte, wurde die Angst in ihr dunkler.

Was erwartete sie hinter der Tür des Alphas?

Warum war Joseph nicht gekommen?

Und am schlimmsten von allem,

Warum hatte Luna Amber ihr das angetan?

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