Kapitel 3 3
Clara nickt. „Ein absoluter Einschlafknüller. Hübsches Gesicht, aber da oben ist nicht viel los.“
„Da unten allerdings auch nicht“, bemerke ich. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Schlampe nur wegen seiner bewundernswerten Fähigkeit, fast unmittelbar nach dem Abspritzen einzuschlafen, mit ihm zusammen war.“
Sie kichert. „So ist’s richtig!“
„Ugh. Warum war ich überhaupt mit ihm zusammen?“ Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht. „Ich glaube, irgendwo tief drin habe ich immer gewusst, dass ich mich mit weniger zufriedengebe. Es nervt mich einfach, dass es erst so weit kommen musste, damit ich’s kapiere.“
Zugegeben, ich war immer neugierig auf dieses Konzept, dass es in einer Beziehung „funkt“. Das war etwas, das Grant und ich meiner Meinung nach nie hatten. Ich habe angenommen, dass das, was wir hatten – Geborgenheit und Sicherheit –, besser war. Stärker. Stabiler.
Offenbar fand Grant das nicht. Und jetzt, wo ich die Scheuklappen abgenommen habe, begreife ich, dass ich es auch nicht hätte glauben sollen.
„Dein Dad mag ihn“, gibt Clara zu bedenken. „Ich glaube, du bist schon immer ein bisschen blind gewesen, wenn’s um deinen Dad geht.“
„Dad mag ihn nur, weil er auch Anwalt ist“, entgegne ich. „Er findet es einfach toll, jemanden um sich zu haben, mit dem er über Deliktsrecht reden kann.“
Ich habe meinem Dad die Neuigkeiten noch nicht einmal erzählt. Eigentlich habe ich in letzter Zeit kaum mit ihm gesprochen. Er war damit beschäftigt, die Unschuldigen zu verteidigen, und ich damit, neue Wege zu finden, Hunde-Outfits zu beschreiben. Ich habe immer Angst, dass mein Dad mich dafür verurteilt, dass ich mein Potenzial nicht ausschöpfe. Der Gedanke, ihn zu enttäuschen, ist mir verhasst.
Clara schießt auf die Füße und geht zur Kücheninsel, greift nach den Tüten, die sie mitgebracht hat, und stellt sie auf dem Couchtisch ab. „Wir machen jetzt was Schönes. Du erinnerst dich an schön, oder?“
„Ich weiß einfach nicht, ob mir danach ist, Clara …“ Ich mustere die Tüten misstrauisch. „Und meinst du nicht, dass ein Club für dich nur ein Hort der Versuchung wäre?“
Sie winkt ab. „Bitte. Ich bin mittlerweile so Zen, dass mich der Gedanke an Alkohol nicht mal mehr berührt. Ich will einfach mit meiner besten Freundin tanzen und ihr helfen, aus der Elendsspirale rauszukommen, in die sie gerade versinkt.“
„Wer redet denn von einer Elendsspirale?“
„Ich sehe doch, wie du zum Gefrierfach rüberschielst.“ Sie presst die Lippen aufeinander. „Wenn ich dich hier nicht rauskriege, endest du damit, furchtbare Rom-Coms zu schauen, bis du in einer Pfütze geschmolzenen Eises einschläfst.“
Es ärgert mich, dass sie meine Abendpläne so treffsicher vorausgesehen hat.
„Schon gut“, seufze ich. „Lass uns tanzen gehen.“
Sie quietscht vor Freude und hockt sich auf den Couchtisch, während sie Dinge aus den Tüten zieht. Sie hat ihren kompletten Schminkkoffer mitgebracht, dazu genug Haarstyling-Geräte, um eine Misswahl auszustatten.
„Was soll das alles?“ frage ich misstrauisch.
„Das ist deine Zukunft.“ Mit einer theatralischen Bewegung zieht sie ein glitzerndes Kleid aus einer der Tüten. „Erblicke es voller Wonne, denn ich werde dir ein Makeover verpassen.“
Ich betrachte das Kleid. „Das passt mir niemals.“
Clara ist zierlich, alles an ihr ist trainiert, und ihr Hintern trotzt der Schwerkraft. Ich bin eher die Kurvige – flacher Bauch, aber breite Hüften, kräftige Oberschenkel und ein üppiges Dekolleté. Ich habe die Art Körper, die in Bleistiftröcken und eng anliegenden Jeans großartig aussieht, aber bei dem schlüpfrigen Teil, das Clara für mich ausgesucht hat, bin ich skeptisch.
„Doch, das passt dir ganz sicher“, sagt sie. „Du kannst mir vertrauen. Ich bin erleuchtet.“
„Du bist lächerlich.“
„Lächerlich weise.“ Sie fächert eine Auswahl an Schminkpinseln auf. „Also … Wo fangen wir an?“
Clara stochert und zupft die nächste Stunde an mir herum. Am Ende ist mein Gesicht so zugespachtelt und meine Haare sind so voll mit Spray, dass ich mich frage, ob ich den Kopf überhaupt aufrecht halten kann. Clara verkündet singend, sie sei fertig, und schafft es irgendwie, mich in das glitzernde Kleid zu bugsieren. Dann führt sie mich zum Spiegel, und das Erste, was ich sehe, ist ihr hoffnungsvoller Gesichtsausdruck.
Und dann … Wow.
Clara hat mein sonst so lockiges Haar zu seidigen Wellen gezähmt, die mir über die Brüste fallen. Meine blauen Augen leuchten unter dichten, schwarzen falschen Wimpern, mit gold- und lilafarbenem Lidschatten und dickem schwarzem Lidstrich auf den oberen Lidern. Meine Lippen sind hellrosa und glänzend, und meine Haut ist makellos, wie cremiger Marmor.
Und das Kleid … Verdammt, dieses Kleid. Es schmiegt sich an den richtigen Stellen an mich, mit einem tiefen V-Ausschnitt, der mein Dekolleté betont, und Fransen am Saum, die mir beim Bewegen die Oberschenkeloberseiten kitzeln.
„Ich sehe nicht mal mehr aus wie ich“, bemerke ich und drehe mein Gesicht von einer Seite zur anderen, gebannt von meinem eigenen Spiegelbild.
„So schlimm ist das doch nicht, oder?“ Clara nimmt ihr Make-up zum Spiegel und schubst mich aus dem Weg, während sie an ihrem eigenen Gesicht anfängt. „Heute Nacht kannst du sein, wer immer du sein willst.“
Sie hat recht, wird mir klar. Ich bin verwandelt.
Vielleicht ist Ausgehen doch eine gute Idee.
Clara und ich klappern ein paar Bars auf der Lower East Side ab, bevor wir uns auf den Weg zu dem machen, was sie den besten Club in ganz New York City nennt – Fiamma. Kaum sind wir drin, ist es ein wahres Buffet aus Eindrücken. Laute Tanzmusik pulsiert aus den Boxen, und ultrahochglamouröse Feiernde drängen sich auf der Tanzfläche, schwenken die Arme über den Köpfen, während Neonlichter wie Klingen durch die Menge schneiden.
In den Bars vorher hatte ich ein paar Drinks, aber wenn ich mit Clara unterwegs bin, trinke ich nie zu viel. Sie sagt, es mache ihr nichts aus, doch es fühlt sich nicht fair an. Ich habe dieses leichte Summen im Kopf, also lassen Clara und ich die Bar links liegen und gehen direkt auf die Tanzfläche.
Ich kenne den Song nicht, aber ich lasse den Beat durch mich fließen, fange an zu tanzen, schraube die Hände zur Decke und kreise die Hüften. Tanzen fühlt sich gut an. Ich verliere mich darin, wiege mich, drehe mich, werfe die Haare. Clara und ich fangen uns mit den Blicken und prusten los. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass ich mich wirklich lebendig fühle.
Ich blicke über die Schulter, um zu sehen, wie voll es an der Bar ist, und mein Blick bleibt an einem Mann hängen, der ein paar Meter hinter mir durch die Menge schneidet. Mir stockt der Atem.
Ich bin gerade genug angetrunken, um in all dem Chaos einen kristallklaren Gedanken zu haben: Was für ein verdammt gutes Exemplar.
Er muss etwa eins fünfundneunzig sein, so sehr ragt er über die Menge der hochhackigen Glam-Amazonen hinaus. Sein dunkles Haar fällt federleicht um sein Gesicht und in den Nacken. So eine Art Haar, das sich seidig anfühlen muss, und allein bei dem Gedanken, meine Finger hindurchgleiten zu lassen, zucken sie mir. Seine vollen Lippen sind zu einer harten Linie gepresst, als wäre er genervt, durch dieses Meer aus Körpern schwimmen zu müssen. Er blickt herüber, und für einen Sekundenbruchteil treffen sich unsere Augen.
Mein Herz setzt einen Schlag aus, und ich werde ganz still, wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Seine Augen sind dunkle Becken, die mich hineinziehen, bis es sich anfühlt, als würde ich ertrinken. Er sieht weg, und ich schnappse zurück in die Gegenwart und begreife, dass ich seit ein paar Sekunden vergessen habe zu atmen.
Der Mann verschwindet, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Vielleicht hat er mich überhaupt nicht angesehen.
Clara stupst mir gegen die Schulter. „Alles okay?“
Ich nicke und tanze weiter. „Sorry. War abgelenkt.“
„Von diesem Stück Mann?“, fragt sie und leckt sich über die Lippen. „Kann ich dir nicht verdenken.“
Ich tanze, bis mir die Füße wehtun und Schweiß auf meiner Brust schimmert. Ich lasse mich sogar auf ein bisschen Reiben und Schubsen mit ein paar Typen ein, die mir unterkommen, aber in dem Moment, in dem einer von ihnen anfängt, zu viele Fragen zu stellen, packe ich Clara, und wir schieben uns in einen anderen Teil der Menge. Ich will einfach Spaß haben, und gerade ist die Vorstellung, mit irgendeinem Kerl zu plaudern, das genaue Gegenteil davon.
