Kapitel 6 6
Alexis
Ich stelle das Glas zurück auf den Tresen und schiebe es von mir weg.
Die Barkeeperin blickt von der Kasse auf. „Das macht zwölf Dollar.“
Ich räuspere mich. „Also, folgendes.“ Ich verziehe das Gesicht. „Mir ist gerade wieder eingefallen, dass meine Freundin mein Portemonnaie hat, und sie ist schon weg. Es tut mir wirklich leid, dass ich so schwierig bin, aber wäre es okay, wenn ich Ihnen den Drink einfach wieder zurückgebe?“
Ihre kohlschwarz umrandeten Augen huschen von dem Glas, das jetzt noch etwa zu drei Vierteln voll ist, zu mir. Sie verengt den Blick. „Das macht zwölf Dollar.“
„Wie gesagt – und noch mal, es tut mir wirklich leid –, aber ich kann diesen Drink nicht bezahlen.“
„Und du erwartest jetzt, dass ich ihn dir schenke?“ Sie schnaubt.
„Nein. Ich gebe ihn ja zurück.“
„Du hast schon davon getrunken“, sagt sie tonlos. „Ich kann ihn jetzt wohl kaum jemand anderem geben.“
Ich könnte heulen. Warum habe ich nicht daran gedacht, mein Portemonnaie zu schnappen, bevor Clara gegangen ist? Oder besser noch: Warum bin ich nicht einfach auch gegangen, als sie es tat?
Ich kenne die Antwort längst. Zu Hause warten zwar eine Tüte Doritos und eine Flasche Wein auf mich, aber sonst nichts. Nur eine große, leere Wohnung, in die ich eigentlich nicht mehr gehöre – falls ich je wirklich dazugehört habe. Je länger ich hierbleibe, eingekeilt zwischen Menschen auf allen Seiten, desto weniger Zeit muss ich damit verbringen, dem Echo in dem kahlen Raum zuzuhören, in dem mein Leben früher gewesen ist.
„Hören Sie, ich verstehe total, wo Sie herkommen“, sage ich. „Ich wünschte, ich müsste nicht diese Person sein, aber ich kann diesen Drink nicht bezahlen. Es ist ein blöder Fehler – aber trotzdem ein Fehler.“
Die Barkeeperin stemmt eine Hand in die Hüfte und tippt auf die Tresenplatte. „Das mag in anderen Clubs funktionieren, aber nicht hier. Und ehrlich gesagt ist es ein bisschen erbärmlich.“
In meinem Bauch rollt sich der Ärger aus. Ich hole tief Luft und versuche mich daran zu erinnern, dass sie nur ihren Job macht. Sie könnte ein bisschen weniger gemein sein, aber ich sollte es nicht persönlich nehmen.
„Das ist kein Trick“, sage ich und werfe frustriert die Hände hoch. „Bitte glauben Sie mir.“
„Sicher.“ Sie verdreht die Augen, schiebt dann die Unterlippe vor und klimpert mit den Wimpern. „Bitte, Frau Barkeeperin“, fährt sie in Babysprache fort. „Meine Freundin hat mein Portemonnaie mitgenommen, und jetzt kann ich meinen Drink nicht bezahlen. Was soll ich nur tun?“
Ich funkle sie an, die Hände ballen sich. Aus irgendeinem Grund sehe ich plötzlich Grants blonde Schlampe auf der anderen Seite des Tresens vor mir. Wie sie mich anätzt. Wie sie mich verhöhnt.
„Du wirst ganz schön zickig wegen eines Drinks, der in der Herstellung wahrscheinlich nicht mal einen Dollar gekostet hat“, schnappe ich.
Ich denke nicht mehr klar. Grant hat mich verraten, Clara hat mich sitzen lassen, und jetzt weigert sich diese Barkeeperin, mir auch nur einen winzigen Spielraum zu lassen, obwohl ich ihn verzweifelt brauche. Die Welt versucht, nach mir zu treten. Ich habe es satt, immer nur die andere Wange hinzuhalten. Zeit, zurückzuschlagen.
„Zickig?“ faucht sie. „Schlampe, hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geguckt?“
Okay. Jetzt ist es definitiv persönlich.
„Nehmen Sie den Drink einfach zurück“, stöhne ich. „Warum müssen Sie so schwierig sein?“
„Ich hab die Schnauze voll davon, mich mit Schlampen wie dir rumzuschlagen. Kram ein paar zerknitterte Dollar zwischen diesen falschen Titten hervor und verpiss dich aus meiner Bar.“
„Die sind nicht falsch!“, brülle ich. „Also werte ich das jetzt wirklich als Kompliment, ha!“
Eine Hand gleitet über meinen unteren Rücken, und ich erstarrte, als der große Mann, den ich vorhin gesehen habe, neben mir auftaucht. Er schiebt mir einen Zwanziger direkt vor die Nase.
„Hör auf, die Barkeeperin anzuschreien“, befiehlt er. Er steht so dicht, dass sein erdiger Geruch meine Sinne überfällt – genau wie er meinen Raum überfällt.
Ich schlage den Schein weg. „Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß.“
Die Barkeeperin ist verstummt, jede Spur von Aggression ist mit dem Auftauchen des Mannes weggespült. Typisch. Ich wette, er ist die Sorte Arschloch, die in Läden wie diesem herumhängt, nur um bei jeder Gelegenheit mit Gewicht und Geld herumzuwedeln. Nicht heute.
Der Mann ignoriert mich und schiebt das Geld über die Theke. Die Barkeeperin schnappt es sich, bevor ich auch nur die Chance habe, ein Wort zu sagen.
„Stimmt so“, sagt er zu ihr.
Sie nickt und wendet sich dem nächsten Gast zu, und damit endet unsere Interaktion so unerquicklich wie unspektakulär.
Ich drehe mich um und blicke zu ihm auf. Selbst in meinen Absätzen ist er deutlich größer als ich, also richte ich den Rücken durch, um die maximale Höhe herauszuholen.
„Ich hätte das geregelt“, stelle ich klar.
Seine Lippe zuckt am Mundwinkel, kaum mehr als ein Andeutung von Lächeln. „Hättest du?“
Hätte ich nicht, kein bisschen, aber da ich nicht zu Ende bringen durfte, was ich mit der Barkeeperin angefangen hatte, muss mein Restärger irgendwohin. Dieser reiche Arsch passt perfekt. Ich wette, er hat im Leben alles auf dem Silbertablett serviert bekommen, und er erwartet, dass Frauen ihm zu Füßen fallen, sobald er den Geldbeutel aufmacht.
„Ja.“ Ich verschränke die Arme. „Es war ein simples Missverständnis, und ich war kurz davor, sie das auch einsehen zu lassen.“
„Was für ein Missverständnis?“
Ich fahre mir durch die Haare und seufze. „Meine Freundin ist mit irgendeinem Typen abgehauen und hat mein Portemonnaie mitgenommen. Ich hab’s erst gemerkt, als ich den Drink schon bestellt hatte.“
„Deine Freundin hat dich einfach sitzen lassen?“ erkundigt er sich.
„Ja.“
„Gut.“ Er setzt sich in Bewegung und lotst mich vom Tresen weg. „Dann hast du keine Ausrede mehr, nicht mit mir einen Drink zu nehmen.“
„Außer der Tatsache, dass ich vielleicht nicht will.“
Er wirft einen Blick nach unten. „Blöd. Denn so, wie ich das sehe, schuldest du mir was.“
Mein Herz hämmert gegen die Rippen. Wie schafft er es, das so verführerisch klingen zu lassen? Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn, wie er mich auszieht, mich auf ein Bett aus schwarzer Seide bettet. Ich blinzele, um die Gedanken zu vertreiben.
„Einen Drink“, präzisiere ich.
Er nickt. „Einen Drink.“
Kerle, die so heiß sind, bringen Ärger, und nach der Woche, die ich hinter mir habe, weiß ich, dass ich klügere Entscheidungen treffen sollte als diese. Und doch bin ich hier, gehe mit ihm. Tue genau das, was man mir sagt. Ich schaue zu ihm auf, während wir uns durch die Menge schieben, folge der langen Linie seines Kiefers und seinen vollen, strengen Lippen. Der einzige Makel ist ein kleiner Knick in seiner ansonsten geraden Nase, als wäre sie früher mal gebrochen. Es macht mich neugierig.
Vielleicht ist das, wenn man die Nacht betrachtet, die ich hinter mir habe, sogar die kluge Wahl. Ich muss nichts tun. Ich kann einfach mit diesem umwerfend heißen Fremden einen Drink nehmen und nach Hause gehen. Wäre das so schlimm? Er fasziniert mich, und wenn ich ehrlich bin, schmeichelt mir seine Aufmerksamkeit. Er ist ein Gott, und habe ich als bloße Sterbliche nicht die Pflicht, ihm entgegenzukommen?
Der Mann führt mich zu einer Sitzecke im VIP-Bereich. Auf beiden Seiten des Tisches zieht sich eine lange gepolsterte Bank entlang, und am hinteren Ende befindet sich ein Balkon, der auf den Club unter uns hinabblickt. Tiefes Aquamarinlicht säumt das Dach der Nische und taucht den Innenraum in ein unwirkliches Leuchten. Die Wände links und rechts schlucken einen Teil des Lärms, doch als ich mich setze, vibriert der Bass mir die Oberschenkel hinauf.
Der Mann rutscht dicht neben mich. Dort, wo seine Seite meine nur streift, zischt elektrische Spannung an meinem Körper entlang.
„Wie heißt du?“ fragt er. Jetzt, wo ich ihn besser hören kann, fällt mir auf, wie tief und rau seine Stimme ist, fast wie das Schnurren eines Löwen.
„Alexis.“ Ich nehme einen Schluck von meinem Drink. „Und du?“
„Gabe.“
Gabe. So ein gewöhnlicher, beinah biederer Name. Er passt nicht wirklich zu ihm. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Ist irgendwas komisch?“ fragt er und hebt eine Braue.
Irgendwie glaube ich nicht, dass es ihm gefallen würde, wenn er herausfände, dass ich über seinen Namen lache. Ich blicke an ihm vorbei und deute hinunter auf die Tanzfläche, wo ein schwer muskulöser Typ in einem weißen Tanktop und passenden weißen Trainingshosen versucht, sich an einer Frau zu reiben, die offensichtlich null Interesse hat. Seine blondierten Spitzen leuchten im Schwarzlicht.
