Erstes Kapitel
Lauras Finger zitterten, als sie den silbernen Verschluss an ihrer Kehle schloss; das kleine Ding wehrte sich gegen ihre sonst so ruhigen Hände. Im prunkvollen Spiegel vor ihr starrte ihr eine Frau entgegen, stolz und doch unsicher. Ihr Spiegelbild wirkte inzwischen beinahe wie eine Fremde, die sie mit jenen blauen Augen musterte, die einst vor ungebändigtem Geist geleuchtet hatten und nun Schatten der Sorge trugen.
„Nur Nervosität“, flüsterte sie sich zu, strich ihr Kleid glatt – jenes, das sie so sorgfältig für das heutige Beisammensein ausgesucht hatte.
Kierans Beisammensein. Der Gedanke drehte sich in ihrem Herzen wie ein Messer. Ihr Gefährte war in den letzten Monaten kalt geworden, zog sich mit jedem Tag ein wenig weiter zurück. Laura hatte sich eingeredet, es sei bloß die Last der Führung, die auf ihm lag, dass es Dinge gab, die der Alpha des Silver-Moon-Rudels von ihm verlangte und die selbst sie nicht begreifen konnte.
Sie legte eine Hand auf ihren flachen Bauch und spürte, wie derselbe alte Schmerz in ihr aufblühte. Wo ein Baby hätte heranwachsen sollen, war nur Leere. Drei Jahre als Kierans Luna, und noch immer kein Kind. Auch wenn er die Worte nie laut aussprach – sie spürte die Schuldzuweisung in der Stille zwischen ihren Gesprächen, in der Kälte ihres Bettes.
„Meine Lady.“ Ein leises Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. „Sie warten.“
Laura holte tief Luft und sammelte ihre brüchige Ruhe ein. „Danke, Mara. Ich komme.“
Die Schritte der Dienerin verklangen im Flur, während Laura die Hand noch einmal auf ihren Bauch presste. Sie hatte alles für Kieran aufgegeben – ihren Platz als stärkste Kämpferin des Rudels, ihre Träume davon, ihren eigenen Weg zu gehen. Alles freiwillig hingegeben für ihre Verbindung.
Liebe verlangt, dass man Dinge aufgibt, hatte ihre Mutter ihr einmal gesagt. Aber wie viel war zu viel?
Sie richtete sich auf und hob das Kinn. Was auch immer hinter diesen Türen auf sie wartete – sie würde ihm mit dem Stolz einer Luna begegnen.
Der lange Flur zog sich vor ihr hin, als führte er sie ihrem Untergang entgegen. In dem Moment, in dem sie hinaustrat, begannen unter den versammelten Wölfen die Flüstereien. Krieger, die einst stolz an ihrer Seite gestanden hatten, wandten nun den Blick ab. Omegas senkten die Köpfe tiefer, als es nötig gewesen wäre. Selbst die Ältesten, deren Weisheit sie geschätzt hatte, fanden plötzlich den Steinboden überaus interessant.
Ein Schauder lief Laura über den Rücken. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
Trotzdem zwang sie ihre Lippen zu einem falschen Lächeln und ging mit Anmut weiter. Als sie näherkam, schwangen die gewaltigen Eichentüren der Großen Halle auf und gaben den Blick frei auf das Herz des Rudelhauses. Drinnen standen Mitglieder jedes Rangs steif an ihrem Platz. Der Geruch von Kiefer und Holzrauch hing schwer in der Luft und mischte sich mit dem Duft des Festmahls, das auf langen Tafeln aufgetragen war – unberührt, wie sie bemerkte. Niemand aß. Niemand trank.
Alle Augen folgten ihr, als sie eintrat, und senkten sich dann hastig.
Und dann sah sie ihn.
Kieran stand auf dem erhöhten Podest, wirkte machtvoll in seiner besonderen Lederkleidung, silberne Rangabzeichen glänzten auf dem Schwarz. Sein Anblick raubte ihr noch immer den Atem, selbst jetzt. Doch er war nicht allein.
Eine Frau stand an seiner Seite, klein und kurvig, wo Laura groß und kräftig war. Dunkle Locken fielen über nackte Schultern, und ihr Kleid – wenn man so ein winziges Ding überhaupt Kleid nennen konnte – schmiegte sich an ihren Körper wie eine zweite Haut. Ihre kleine Hand ruhte auf Kierans Arm, die Fingernägel in grellem Rot lackiert, das Laura an frisches Blut erinnerte.
Eine Omega. Jung und schön. Und mit einem Duft, der Lauras Wölfin mit dunklem, uraltem Wissen aufheulen ließ.
Fruchtbar.
„Kieran?“ Sein Name glitt über ihre Lippen, weich und fragend.
Er würdigte sie keines Blickes. Stattdessen hallte seine Stimme durch den stillen Raum, klar und kalt wie Winter. „Heute Abend habe ich allen etwas mitzuteilen.“
Laura trat noch einen Schritt vor, ihr Herz schlug so heftig, dass sie sicher war, jeder musste es hören. Das Gemurmel um sie herum wurde lauter, schwoll an zu einem Geräusch, das sie nicht ganz greifen konnte.
„Das“, fuhr Kieran fort, und sein Mund verzog sich zu etwas, das nicht ganz ein Lächeln war, „ist Elise. Sie wird meine neue Konkubine sein.“
Die Worte trafen Laura wie ein körperlicher Schlag. Um sie herum schnappten die Leute nach Luft, dann wurde es hastig wieder still.
Einen Moment lang kippte die Welt unter ihren Füßen. Sie bohrte die Nägel in ihre Handflächen, der scharfe Schmerz hielt sie in der Wirklichkeit, als alles andere drohte auseinanderzubrechen.
„Eine Konkubine?“, brachte sie schließlich hervor, ihre Stimme seltsam ruhig trotz des Bebens in ihrer Seele. „Ich wusste nicht, dass unsere Gesetze so etwas erlauben, solange noch eine Gefährtenbindung besteht.“
Elise schmiegte sich näher an Kieran, ihre Augen glänzten vor kaum verhohlenem Triumph. „Wie schade“, schnurrte sie, jedes Wort triefend vor gespieltem Mitleid. „Eine Luna, die ihrem Alpha nicht einmal ein Baby schenken kann.“
Das Rudel sah zu in bleiernem Schweigen. Keine einzige Stimme erhob sich für sie. Kein einziger Verteidiger trat vor.
Endlich wandte Kieran sich ihr zu, seine bernsteinfarbenen Augen – Augen, in denen sie sich einst verloren hatte – nun kalt und richtend. „Du warst nie stark genug“, sagte er, jedes Wort ein Messer, das ihr zwischen die Rippen glitt. „Nie würdig genug. Und jetzt bist du unfruchtbar.“
In der Halle wurde es tödlich still.
Laura spürte, wie etwas in ihrer Brust riss – nicht ihr Herz, sondern etwas Tieferes, Ursprünglicheres. Die Gefährtenbindung, seit Monaten ausgedünnt vom Ignoriertwerden, zitterte nun am Rand des Zerbrechens.
Sie hatte diesem Mann alles gegeben. Ihre Stärke. Ihre Freiheit und ihre Zukunft.
Und so zahlte er ihre Hingabe zurück.
Die Wahrheit traf sie mit plötzlicher Klarheit: Kieran war es egal.
Das war es ihm nie gewesen.
Und als Laura allein vor dem Rudel stand, das einmal ihre Familie gewesen war, umgeben von gesenkten Blicken und feigem Schweigen, begriff sie mit jäher, blendender Deutlichkeit:
Er wird es auch nie sein.
Aber vielleicht, dachte sie, während etwas Wildes und Gefährliches in ihr erwachte,
sollte es mir das auch nicht sein.
